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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 19.06.2003

Mein gelobtes Land
Ilka Fleischer

Im E-Interview mit AVIVA-Berlin erl├Ąutert die Regisseurin Teodora Ansaldo ihre Zielstellungen und Erfahrungen mit ihrem j├╝ngsten Dokumentarfilm ├╝ber Fl├╝chtlingsfrauen in Berlin




Die italienische Ex-Anw├Ąltin Teodora Ansaldo migrierte kurz nach dem Mauerfall nach Berlin, wo sie seitdem an unterschiedlichen Frauen-Film-Projekten mitwirkt und Video-Seminare im EWA Frauenzentrum leitet.
K├╝rzlich feierte ihr vom Kulturamt Pankow und dem Bundesprogramm CIVITAS gef├Ârderter Dokumentarfilm "Mein gelobtes Land" Premiere und hinterlie├č bei den Zuschauerinnen eine beklommene Nachdenklichkeit. Die einf├╝hlsamen Schilderungen des Alltags von Fl├╝chtlingsfrauen in Berlin vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Fluchtbedingungen einerseits und den Beheimatungs-Barrieren in Deutschland andererseits werden vom 03.-09. Juli in der Brotfabrik und vom 10.-16.2003 Juli im ACUD gezeigt.
In unserem E-Interview befragten wir die Regisseurin vor allem zu ihren Motiven und Intentionen bei der Themenwahl, aber auch zu den ersten Feedbacks...


Teodora, als in Berlin lebende Italienerin sind Sie zwar selbst Migrantin, aber keine Fl├╝chtlingsfrau. Wie kam es zu Ihrem j├╝ngsten thematischen Schwerpunkt?
Es geht um eine soziale Verantwortung, die wir alle tragen: diese Menschen leben mit uns, aber v├Âllig von uns getrennt, weil sie an unserem "normalen" Leben nicht teilnehmen d├╝rfen. Ich kann eine Welt nicht akzeptieren, in der Menschen, die einem tragischen Schicksal entkommen sind, als Menschen zweiter Kategorie behandelt werden.

Die Flucht- und Asyl-Erfahrungen im Film erscheinen - obwohl von Frauen durchlebt und berichtet - zu weiten Teilen "geschlechts-neutral". Warum haben Sie sich nicht auf "frauen-spezifische" Fl├╝chtlings-Schicksale konzentriert?
Die Frauen im Film kommen aus dem Iran und dem Afghanistan, wo sie als Frauen besonders unterdr├╝ckt und gef├Ąhrdet sind. Ein Hauptthema im Film ist diese Unterdr├╝ckung als Frau, die Zw├Ąnge im Alltag ("islamische Kleiderordnung" usw.), die Regelung des Sorgerechts, nach der Frauen fast keine M├Âglichkeit haben, Sorgerecht f├╝r ihre Kinder zu bekommen, die grausamen Gesetze, die noch die Steinigung f├╝r Frauen vorsehen (zum Beispiel wenn sie versuchen, sich vor Vergewaltigung zu wehren). Politisch aktive Frauen werden vor der Hinrichtung systematisch vergewaltigt (Jungfrauen kommen nach der islamischen Religion ins Paradies): das bedeutet eine Schande f├╝r die m├Ąnnlichen Familienmitglieder, die deswegen den Frauen jegliche politische Aktivit├Ąt verbieten. Fast alle Frauen im Film sind aus diesen Gr├╝nden gefl├╝chtet, eine ist gefl├╝chtet, weil ihre pubert├Ąren Kinder in Gefahr waren. Ich denke, das sind "frauenspezifische" Gr├╝nde.

Ein besonderes Augenmerk Ihres Filmes liegt auf der Darstellung der Integrations-Barrieren, die dem deutschen Asyl-Antragsverfahren innewohnen, auf dem weitgehenden Ausschluss von Fl├╝chtlingen aus dem ├Âffentlichen Leben, z.B. durch das Abschieben in Wohnheime, die Unterbindung von egalit├Ąren Besch├Ąftigungsverh├Ąltnissen oder durch den Ausschluss von Bildung. Inwieweit unterscheidet sich Deutschland hier von anderen europ├Ąischen L├Ąndern? Was macht Deutschland zum (un-)gelobten Land?
Andere europ├Ąischen L├Ąnder gew├Ąhren den Asylsuchenden - wenn sie aufgenommen werden - gleiche Rechte wie den anderen B├╝rgerInnen: in Schweden existiert f├╝r sie kein Zwang, in einem Heim zu leben, sie d├╝rfen studieren und arbeiten und k├Ânnen nach 5/6 Jahren die Einb├╝rgerung ohne Voraussetzungen bekommen. In England k├Ânnen die Kinder problemlos eingeb├╝rgert werden, w├Ąhrend in Deutschland nicht mal eine Geburtsurkunde f├╝r Asylkinder, die hier geboren sind, ausgestellt wird. In anderen L├Ąndern haben Asylbewerber Wahlrecht (mindestens f├╝r Kommunalwahlen), weil das in Deutschland nicht erlaubt ist, k├Ânnen sie ihre Anliegen nicht politisch durchsetzen und werden deshalb nicht zur Kenntnis genommen.

Ein zweiter Aspekt, den Sie stark in den Vordergrund r├╝cken, betrifft die deutsche Paragraphen-Liebe und B├╝rokratie, die f├╝r Fl├╝chtlinge nicht selten absurde Lebensbedingungen zur Folge hat. In welchem Verh├Ąltnis sehen Sie hier Legislative und Exekutive? Wo liegen die gr├Â├čeren Mankos und wo die Wurzeln?
Das Grundgesetz stellt einen gro├čen Schutz f├╝r Fl├╝chtlinge dar: dadurch k├Ânnen Abschiebungen nicht ohne weiteres vollzogen werden. Ein gro├čes Problem ist der ┬ž16a des Asylgesetzes, das 1993 eingef├╝hrt wurde. Danach k├Ânnen Asylsuchende zu einem dritten Land abgeschoben werden, wenn sie ├╝ber dieses Land nach Deutschland gekommen sind, auch wenn sie von dort wieder in ihre Heimat abgeschoben werden. Sie m├╝ssen beweisen, dass sie ├╝ber den Luftweg direkt nach Deutschland angereist sind, aber das ist sehr schwierig, weil die Kontrollen an den Flugh├Ąfen besonders scharf sind.
Was die Anerkennung betrifft, gibt es im Gesetz viele "Gummiparagraphen", die vom BAMF (dem Bundesamt, das daf├╝r zust├Ąndig ist) hart interpretiert werden.
Das Asylleistungsgesetz sieht vor, dass AsylbewerberInnen, wenn mittellos, nur 80% der Sozialhilfe bekommen. Dieses Gesetz l├Ąsst den Bundesl├Ąndern viel Freiheit in der Umsetzung. In Berlin hat sich diese Umsetzung, je nach der politischen Orientierung des jeweiligen Senats, mehrmals ge├Ąndert: mal war es m├Âglich, nur in zwei L├Ąden der Stadt einzukaufen, mal wurde Kosten├╝bernahme ausge├╝bt, mal bekamen AsylbewerberInnen Fresspakete, mal "Trockenpackungen", mal wurden Gutscheine oder Chipkarten ausgestellt. In anderen Bundesl├Ąndern wird den Asylbewerbern kein Bargeld, sondern nur Sachleistungen, ausgeh├Ąndigt.

Die betroffenen Frauen im Film sind durch ihre offenen Meinungs├Ąu├čerungen und ihre Kritik an den deutschen Verh├Ąltnissen f├╝r Fl├╝chtlinge ein relativ hohes Risiko eingegangen. Sie mussten mit Sanktionen und Repressalien der kritisierten ├Âffentlichen Einrichtungen und verantwortlicher Personen rechnen. Gibt es diesbez├╝gliche irgendwelche Reaktionen?
Im Gegensatz zu den Ursprungsl├Ąndern der Fl├╝chtlinge ist Deutschland ein Rechtsstaat, ein demokratischer Staat. Meinungsfreiheit ist hier auch f├╝r Fl├╝chtlinge garantiert. Durch Kritik k├Ânnen Verbesserungen erreicht werden: die gro├čen Aktionen gegen das Chipkartensystem haben in Berlin bewirkt, dass es abgeschafft wurde. Die Frauen erhalten keine Sanktionen wegen der ge├Ąu├čerten Meinungen.

Die "Darstellerinnen" und auch Sie selbst haben nach der Filmpremiere die Sorge ge├Ąu├čert, der Film k├Ânnte ein zu hoffnungsloses Bild von der Situation von Fl├╝chtlingsfrauen in Deutschland transportieren. Welche Feedbacks haben Sie mittlerweile bekommen? Haben sich diese Zweifel f├╝r Sie inzwischen relativiert?
Ja, meine Zweifel haben sich als unbegr├╝ndet erwiesen: die Kraft und der Mut der Frauen wurden in der ersten Linie wahrgenommen: das haben mir viele ZuschauerInnen best├Ątigt. Das Publikum hat mit Betroffenheit, aber vor allem mit Interesse, Bewunderung und Mitgef├╝hl reagiert, diese Wirkung wurde allerdings auch durch die Pr├Ąsenz der Protagonistinnen an der Vorstellung verst├Ąrkt. Die Protagonistinnen erleben es als St├Ąrkung, dass ihr Schicksal eine ├Âffentliche Dimension bekommt.

"Mein gelobtes Land" setzt st├Ąrker auf Impressionen als auf Er├Ârterung und Analyse. Haben Sie - nach den ersten R├╝ckmeldungen - den Eindruck, Sie k├Ânnen Ihre ZuschauerInnen in dieser Weise gut erreichen?
Ja, das war eine Hoffnung, die sich best├Ątigt hat: es gibt ├╝ber dieses Thema so viele Vorurteile und so wenige Informationen, dass es sehr schwierig ist, unvoreingenommen und ruhig eine rationale Diskussion durchzuf├╝hren. Aber menschliche Schicksale haben eine Wirkung, die Ideologien nicht zerst├Âren k├Ânnen und die Gef├╝hle setzen sich ├╝ber alle Barrieren durch. Durch das menschliche Mitgef├╝hl ist eine Solidarit├Ąt zwischen Publikum und Protagonistinnen entstanden.

In diesem Sinne w├╝nschen wir Ihnen viel Erfolg und "Wirkung" bei den kommenden Vorf├╝hrungen und bedanken uns f├╝r das E-Interview!



Im EWA Frauenzentrum wird demn├Ąchst auch einer der fr├╝heren Ansaldo-Filme gezeigt:
"F├╝r das Brot bekam ich den Kinderwagen - Frauenleben in einem Berliner Kiez, dem Prenzlauer Berg". Hierf├╝r besuchte Teodora ├Ąltere Frauen in deren Wohnungen und lie├č sich ihre Lebensgeschichte erz├Ąhlen.
30.06.03 - 20:00 Uhr
Prenzlauer Allee 6 - 10405 Berlin
Fon: 030 - 442 55 42




Public Affairs Beitrag vom 19.06.2003 Ilka Fleischer 





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