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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 20.06.2003

Alice im Männerland - Avantgarde, Mainstream oder Relikt?
Ilka Fleischer

Die einen nennen sie "Vorreiterin", die anderen halten ihre Ansichten f√ľr "√ľberholt". Inwieweit steht Alice Schwarzer f√ľr einen "zeitgem√§√üen Feminismus"? Und was verbirgt sich dahinter?




Mit der Ver√∂ffentlichung von "Alice im M√§nnerland" Ende letzten Jahres wurde die j√ľngste Debatte um einen "zeitgem√§√üen Feminismus" entfacht. Eine Debatte, die mit der Verbreitung von Gender-Mainstreaming-Initiativen zunehmend in alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens Einzug h√§lt und vielfach durch das Gleichnis "Alice Schwarzer = (Alt-)Feminismus" erschwert wird.

Die Grenzen zwischen Selbst- und Fremdinszenierung im Leben der streitbaren EMMA-Herausgeberin sind flie√üend. Zumindest was die Stilisierung zur Intellektuellen mit Bodenhaftung anbelangt, scheinen ihre Bestrebungen mit denen der Medien-√Ėffentlichkeit Hand in Hand zu gehen: geistreich und doch nicht abgehoben, provokant, aber doch gesellschaftsf√§hig - eine gute Mischung f√ľr Image und Talkshow.
Ein markanter Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung bleibt jedoch: Während ihr "von außen" vielfach unterstellt wird, ihre feministischen Positionen wären "nicht auf der Höhe der Zeit" - so z.B. Doris Schröder-Köpf im stern-Interview 1999 - betont Frau Schwarzer selbst die avantgardistischen Akzente ihrer politischen Vita:

"Beim Blick zur√ľck [..] haben mich zwei Aspekte selber √ľberrascht: Erstens, wie fr√ľh ich manche Themen behandelt habe, die oft noch Jahre oder Jahrzehnte tabu blieben. Zweitens, wie oft ich mit diesen Themen in der direkten Kontroverse mit anderen Feministinnen gestanden habe und stehe. Da ist es nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet ich zum Symbol f√ľr "die" deutsche Frauenbewegung stilisiert wurde..." (Vorwort in "Alice im M√§nnerland", S.24)

Tats√§chlich wird zwar ihr Vorreiterinnen-Verst√§ndnis, nicht aber ihre Sprecherinnen-Rolle f√ľr "die" Neue (West-)Deutsche Frauenbewegung (NFB) immer wieder in Zweifel gezogen - obwohl nicht nur Alice Schwarzer diese Zuschreibung des √∂fteren in Frage gestellt hat. Sp√§testens seit der Ver√∂ffentlichung von "Der kleine Unterschied und seine gro√üen Folgen" 1975 - f√ľr manche bereits seit der 1971 von ihr organisierten stern-Kampagne "Wir haben abgetrieben!" - wird die Journalistin zunehmend als "die Stimme der Frauenbewegung" zitiert.
In Konsequenz l√§uft das "Einmotten" der Schwarzer¬īschen Positionen nicht selten auf das Einl√§uten einer post-feministischen √Ąra hinaus. Es scheint nahe zu liegen, dass die verbreitete Historisierung der "EMMA"-Ans√§tze und die Generalisierung ihrer Anschauungen zu denen "der" Frauenbewegung keine zuf√§llige Koinzidenz darstellen.

Wer also könnte Interesse an der Diskreditierung "der" Feministinnen haben? Wer profitiert davon, "die" Frauenbewegung "alt aussehen" zu lassen? Eine naheliegende Antwort formulierte Werner Laibusch vom Hessischen Rundfunk anlässlich seiner Gratulation zum 60ten Geburtstag von Alice Schwarzer:

"...ein Wort zur medienwirksamen Häme: ‚...Junge Frauen wollten von einer Befreiung à la Schwarzer schon lange nichts mehr wissen. Stimmt nicht! Wie Vieles im Mediengeschäft! Ein durchsichtiger Manipulationsversuch alter und alt gebliebener Männer." (HR, "Frauenforum", 3.12.2002)

Nur Männer also? Das könnte stimmen, wenn der bissige Kommentar der Kanzler-Gattin eine Ausnahme wäre. Worin liegt allerdings das Interesse der nicht wenigen anderen Frauen, die sich öffentlich gegen den (EMMA-/Schwarzer-/Alt-)Feminismus abgrenzen?

Bei der R√ľckschau auf ihre dramatischen Fernseh-Duelle mit Esther Vilar (1975) und Verona Feldbusch (2001) erl√§utert Alice Schwarzer zwar, "die M√§nner" seien sich viel zu schade f√ľr grobe Attacken gegen Feministinnen und schickten daf√ľr lieber Frauen vor. Wenn man jenen aber nicht ihr Entscheidungsverm√∂gen absprechen will, setzt dieses Vorgehen ein gewisses Einverst√§ndnis der beteiligten Geschlechtsgenossinnen voraus.

In den letzten Jahren mehrt sich die Kritik an einem √ľberholten Auftreten "der" Frauenbewegung - nicht selten werden gar brisante Eskalationen zwischen "Jung und Alt" der politisch bewegten Frauen ausgemacht. Zwei Jahre nach dem offenen "Streitbrief an Alice Schwarzer" von rot-gr√ľnen Politikerinnen umrei√üt Waltraut Worthmann-von Rode die Forderungen der j√ľngeren Frauen in ihrem Essay "Der neue Grabenkrieg - Zwei Generationen von Politikerinnen streiten sich" folgenderma√üen:

"Diesmal sollen die Z√∂pfe des alten Feminismus abgeschnitten werden. Bitte, kein Schaum mehr vor dem Mund! Kein Krieg mehr gegen die M√§nner. Weg mit unn√∂tigen Schutzzonen f√ľr Frauen. Weg mit der planen Unterteilung der Welt in Frauen und M√§nner! [..] Ach, Alice Schwarzer, die Welt ist nicht mehr so √ľberschaubar, wie sie damals beim Weltkongress in Br√ľssel noch aussah!" (NDR Info / Das Forum / 20./24.11.2002)

Seit gut 30 Jahren mit oft schlechter Rhetorik wie "Schwanz-ab-Schwarzer" angefeindet, wei√ü sich der feministische Medienstar oft nicht anders zu helfen, als an die Solidarit√§t der Frauen zu appellieren. Die "Abtr√ľnnigen" oder "Nie-Bekehrten" erinnert sie daran, dass sie heute von den K√§mpfen der Schwestern von damals profitieren - was stimmt. Kritikfreudige Frauen im Rampenlicht (wie Kanzlergattin Doris) weist sie auf ihre Funktion als "role model" hin, das nicht zu leichtfertig mit anti-feministischen Vorw√ľrfen umgehen sollte - was auch stimmt. Nur stimmt beides nicht exklusiv.

Warum als Undankbarkeit, M√§nnerb√ľndelei, Verblendung oder Verantwortungslosigkeit deklarieren, was zu einer Belebung "der" Frauenbewegung f√ľhren k√∂nnte? Warum nicht der Frage nachgehen, welche Positionen, Visionen, Forderungen und Strategien warum als "√ľberholt" wahrgenommen werden? Warum nicht die eigenen Ans√§tze auf ihre Ausgewogenheit von geschichtlichem Fundament, zeitgem√§√üer Adaption und zukunftstr√§chtiger Vision √ľberpr√ľfen? Waltraut Worthmann-von Rode r√§t in diesem Kontext:

"Schauen wir doch mal genauer hin, was, wie und warum der Nachwuchs sich so verhält. Wir haben es von ihnen gelernt, einen Computer zu bedienen. Vielleicht ist dies ja nicht die einzig mögliche Lektion."

Mit der Schwarzer¬īschen Zwischenbilanz aus gut 30 Jahren frauenbewegter Geschichte verdeutlicht "Alice im Wunderland" vor allem, dass es DEN Feminismus nie gegeben hat.

In diesem Sinne und f√ľr eine Vielfalt zeitgem√§√üer Feminismen sollte die Aufforderung zum "Genauer-Hinschauen" allen Seiten gelten: Alt und Jung, M√§nnern und Frauen, Alices und Zoras, Putzfrauen und Kanzlergattinnen...




Alice Schwarzer
Alice im Männerland
Eine Zwischenbilanz

Kiepenheuer U. Witsch GmbH, 2002
ISBN 3-462-03143-0
22,00 EURO200933952375" .




Public Affairs Beitrag vom 20.06.2003 Ilka Fleischer 





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