E-Interview mit Iris H√∂lling, Wildwasser e.V. - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Public Affairs
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

Finanzkontor
AVIVA-Berlin > Public Affairs AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Politik + Wirtschaft
   Diskriminierung
   Veranstaltungen in Berlin
   Kultur
   J√ľdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.10.2003

E-Interview mit Iris Hölling, Wildwasser e.V.
Ilka Fleischer

Anl√§sslich des 20-j√§hrigen Wildwasser-Jubil√§ums befragten wir die Berliner Gesch√§ftsf√ľhrerin Iris H√∂lling zur Zwischenbilanz des Politikums "sexueller Missbrauch"




1983 entstand Wildwasser als erstes bundesdeutsches Projekt zum Thema "sexueller Missbrauch". Vor einigen Tagen ging der Jubil√§umskongress zu Ende, der unter dem Titel "Parteiliche Arbeit gegen sexuelle Gewalt - Herausforderungen f√ľr die Zukunft" stand.


Der Kongress wurde mit dem Thema "√Ėffentlicher Blick auf das Thema sexueller Missbrauch in seiner Entwicklung von 1983 - 2003" eingeleitet. Welchen Wandel hat es aus Ihrer Sicht in Deutschland gegeben?
Es ist ein gewisses √∂ffentliches Bewusstsein √ľber sexuelle Gewalt entstanden, es gibt Unterst√ľtzungsangebote f√ľr Frauen und M√§dchen, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Die Thematisierung in der √Ėffentlichkeit verl√§uft aber in Wellen. Im Moment gibt es nicht besonders viel Aufmerksamkeit f√ľr das Thema, es sei denn in skandalisierter Form. Sexuelle Gewalt findet den Weg in die √Ėffentlichkeit immer noch viel zu stark in Form der Verteufelung des "b√∂sen Fremdt√§ters" und immer noch viel zu wenig in ihrer allt√§glichen Form im (famili√§ren) sozialen Nahraum durch T√§ter und T√§terinnen, die das Kind gut kennt. Von einer fl√§chendeckenden gesellschaftlichen √Ąchtung sexueller Gewalt sind wir immer noch weit entfernt.

Inwiefern hat sich die Arbeit von Wildwasser im Verlauf der beiden Jahrzehnte verändert?
Wildwasser Berlin ist von den Angeboten her gr√∂√üer geworden. Mit √úbernahme des M√§dchennotdienstes 2001 hat sich die Zielgruppe auf M√§dchen in Krisensituationen erweitert. In den Beratungsstellen sind die Hauptzielgruppe neben unterst√ľtzenden Personen und Professionellen nach wie vor M√§dchen und Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Leider und gl√ľcklicherweise hat die jahrelange Arbeit und Auseinandersetzung mit dem Thema die pers√∂nliche und fachliche Kompetenz gest√§rkt und eine Vielfalt an Beratungsangeboten in Berlin geschaffen. Auch die Vernetzung mit verschiedenen AkteurInnen hat sich deutlich verbessert und intensiviert. In den ersten Jahren kamen vor allem M√§dchen und Frauen zu Wildwasser, die sexuelle Gewalt innerhalb der Familie erlebt haben durch Vater, Stiefvater, Onkel usw. In den letzten Jahren wenden sich vermehrt M√§dchen und Frauen an Wildwasser, die sexuelle Gewalt in Form von ritueller Gewalt oder Kinderpornographie oder Prostitution erlebt haben.

Welche Neuerungen bringt Gendermainstreaming f√ľr die Arbeit von Wildwasser und die Auseinandersetzung mit "sexueller Gewalt" im allgemeinen mit sich?
Wenn Gendermainstreaming ernsthaft umgesetzt w√ľrde, k√∂nnte es eine weitere Strategie sein, die Situation von M√§dchen und Frauen in unserer Gesellschaft zu ver√§ndern. Momentan nehmen wir die Bem√ľhungen um Gendermainstreaming noch nicht als besonders engagiert wahr. Au√üerdem dienen Gendermainstreaming Prozesse in ihrer politischen Umsetzung z.Zt. oft dazu, m√§dchen- und frauenspezifische Angebote in Frage zu stellen, was ich eher f√ľr einen Missbrauch der Strategie halte. Solange Unterschiede in den Chancen von M√§nnern und Frauen bzw. M√§dchen und Jungen bestehen - wie es zum Beispiel bei dem Vorkommen sexueller Gewalt ist - , muss es geschlechtsspezifische Angebote geben.

Wo liegen die gravierendsten Unterschiede in Umgang und Unterst√ľtzung bei sexueller Gewalt im internationalen Vergleich? Welche Konsequenzen sollten daraus hierzulande gezogen werden?
In England gibt es positive Erfahrungen mit einer Meldepflicht bei sexueller Gewalt. Die professionellen Netze sind dort allerdings auch daf√ľr ausgebildet. Im osteurop√§ischen Raum gibt es viele (m√§nnliche) Nutznie√üer von Zwangsprostitution und - Migration. Au√üerdem erschwert die juristische Situation in einigen L√§ndern die Organisation von Angeboten f√ľr Frauen und M√§dchen, die sexuelle Gewalt erleben. Das Ausma√ü von "Sextourismus" auch durch deutsche Touristen in L√§ndern des S√ľdens ist enorm, dabei werden sehr viele Kinder und Jugendliche sexuell ausgebeutet. Das Schutzalter sollte √ľberall entsprechend der UN Kinderrechtskonvention bei 18 Jahren liegen und auch bei uns im Ausl√§ndergesetz Beachtung finden. Z. T. gibt es in anderen L√§ndern vergleichbare Prozesse beim Aufbau von Selbsthilfe und Unterst√ľtzungsorganisationen wie in Deutschland.

Worin sehen Sie die wichtigste gesellschaftspolitische Herausforderung im Kontext von "sexualisierter Gewalt" gegen Kinder f√ľr die Zukunft?
Nach wie vor bleibt das Ziel, sexuelle Gewalt abzuschaffen, eine wirkliche gesellschaftliche √Ąchtung zu erreichen, ein gesellschaftliches Klima, in dem sexuelle Gewalt nicht mehr m√∂glich ist. Solange sie stattfindet, ist es wichtig, Unterst√ľtzungsangebote f√ľr M√§dchen und Jungen, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben, zur Verf√ľgung zu stellen und weiterhin √Ėffentlichkeitsarbeit zu initiieren, damit eine gesellschaftliche √Ąchtung perspektivisch m√∂glich wird.

Was waren f√ľr Sie insgesamt die wichtigsten Erfahrungen und Ergebnisse des Kongresses? Was ist Ihre bedeutendste take-home-message?
Das Thema sexuelle Gewalt ist u.a. durch zunehmende Institutionalisierung entpolitisiert worden. Eine Vernetzung mit JournalistInnen ist f√ľr Vereine wie Wildwasser notwendig, um das Thema wieder in die √Ėffentlichkeit zu bringen in einer Weise, die die Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, nicht unsichtbar macht oder skandalisiert. Atmosph√§risch war die Offenheit der TeilnehmerInnen f√ľr uns ein wichtiges Erlebnis, ebenso wie der Austausch und die Vernetzung.

Was sind Ihre zentralen Ziele f√ľr die n√§chsten 20 Jahre Wildwasser e.V.?
Sexuelle Gewalt verhindern. Eine dem Thema angemessenere Form von √Ėffentlichkeit herstellen. Unterst√ľtzungsangebote f√ľr Frauen und M√§dchen erhalten und in ihrer Qualit√§t sichern, kontinuierlich weiterentwickeln. Arbeit zu kommerzieller sexueller Ausbeutung in Forschung und Praxis vorantreiben. Den Diversity Ansatz in der Unterst√ľtzungsarbeit st√§rken. Den Schutz von OpferzeugInnen in Strafverfahren verbessern. Vernetzung lokal, national und international verbessern.

Daf√ľr w√ľnschen wir Ihnen viel Erfolg! Vielen Dank, Frau H√∂lling.



Lesen Sie auch "20 Jahre Wildwasser - Jubiläumskongress"



Public Affairs Beitrag vom 03.10.2003 Ilka Fleischer 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken