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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 10.10.2003

Frauen erkunden die Welt. Entdecken. Forschen. Berichten.
Ilka Fleischer

Der faszinierende Bildband von Mary Tiegreen und Milbry Polk ermöglicht tiefe Einblicke in die Welten herausragender Globetrotterinnen und Forscherinnen...




In den letzten Tagen kursierte die Meldung von der jungen Franz√∂sin, Maud Fontenoy, die als erste Frau den Nord-Atlantik im Ruderboot √ľberquerte. Knapp drei Jahrhunderte zuvor machte eine andere Frau in √§hnlicher Weise von sich reden: Jeanne Baret umrundete als Jean Bar√© und erste Frau die Welt auf einem europ√§ischen Schiff - als Mann verkleidet. Unter dem Kommando von Louis-Antoine de Bougainville hatte es die Botanikerin als wissenschaftlicher Assistent u.a. nach Tahiti verschlagen, wo sie angeblich binnen Minuten von EinwohnerInnen enttarnt wurde:

"Wir hatten ihn [Bar√©] seinen Herrn auf allen Expeditionen [...] begleiten sehen, wie er auf diesen anstrengenden Ausfl√ľgen Proviant, Arme und Mappen voller Pflanzen mit einem Mut und einer Kraft trug, die ihm den Spitznamen ¬īCommersons Lasttier¬ī einbrachte. [...] Wie war es m√∂glich, in diesem unerm√ľdlichen Bar√©, der bereits ein kundiger Botaniker war, die Frau zu entdecken?", so beschrieb ein damaliger Zeitgenosse die allseitige √úberraschung.

Schwer zu unterscheiden, ob das Erstaunen st√§rker durch die k√∂rperlichen oder durch die geistigen Kr√§fte der Botanikerin hervorgerufen wurde... In jedem Fall war die Verbl√ľffung von kurzer Dauer und hat keinesfalls dazu beigetragen, dass Jeanne Baret in die Annalen der Entdeckungsgeschichte eingegangen w√§re. Mit wenigen Ausnahmen spiegelt sich hierin das Schicksal der meisten Entdeckerinnen und Forscherinnen wider, die Mary Tiegreen und Milbry Polk in ihrem in jeder Hinsicht bunten Bildband vorstellen.

Mit Original-Notizen, Fotos, Karten, Tagebucheintr√§gen, Grafiken und Kurz-Beschreibungen portr√§tieren sie so unterschiedliche Frauen wie die Primatenforscherinnen Dian Fossey und Jane Goodall, die Anthropologin Zora Neale Hurston oder die Antarktis-Forscherin Ann Bancroft, die Insektenforscherin Lucy Evelyn Cheesman und die Ethnobotanikerin Nicole Hughes Maxwell oder die ebenfalls als Mann verkleidete spanische Reisende Catalina de Erauso aus dem 16. Jahrhundert. Der Leserin wird somit Einblick in 84 Frauen-Leben gew√§hrt, die von den fr√ľhen christlichen Pilgerinnen bis zur Astrophysikerin des dritten Jahrtausends reichen - in f√ľnf mehr virtuosen als √ľbersichtlichen Kapiteln:

  • Bilder in einem fernen Spiegel - Die Erz√§hlungen der fr√ľhen Reisenden
  • Immer neue Horizonte - K√ľhne Entdeckerinnen
  • Eine Sternschnuppe fangen - Unterwegs mit Wissenschaftlerinnen
  • √úberwinden von Zeit und Raum - K√ľnstlerische Visionen
  • Lockungen des Unbekannten - Entdeckerinnen in Grenzbereichen

Trotz der Gefahr visueller Reiz√ľberflutung durch die graphische Vielfalt und vitale Struktur der Darstellungen ist den Herausgeberinnen mit "Frauen erkunden die Welt" weit mehr als ein exotisches Coffeetablebook gelungen. Auch wenn die KollegInnen von ixlibris da anderer Meinung sind:

"Doch scheint der Text in seinem schwärmerischen Stil hauptsächlich gerade an jene weibliche Leserschaft gerichtet zu sein, deren Enge und Belächelt-Werden die Heldinnen - so kann man die beschriebenen Frauen durchaus nennen - entfliehen wollten: nämlich an feinsinnige, nichtsdestotrotz halbgebildete Frauen, die sich wohlwollend, aber distanziert die tollen Abenteuer ihrer exzentrischen Geschlechtsgenossinnen erzählen lassen."

Nat√ľrlich stehen in einem Bildband die wissenschaftlichen Ergebnisse nicht eben im Vordergrund, dennoch bieten ausgiebige Literaturlisten die M√∂glichkeit zu intensiveren Nachforschungen. Einen inhaltlichen Pluspunkt stellt au√üerdem die "ideologische Bandbreite" der vorgestellten "Heldinnen" dar. Entgegen der Deutung von Andrea Blome ( existenzielle) beweisen die Damen n√§mlich nicht allesamt, "dass Entdecken nicht gleich Erobern, Ausbeuten und In Besitz Nehmen ist." Stattdessen dokumentieren die ausgew√§hlten Fotografien von Jagdszenen, dass auch Frauen keine "besseren Menschen" sind. Dennoch finden sich ebenso kontr√§re Akzente, die das Lebensbejahende und -erhaltende als Reiz des Ent-deckens herausstreichen.

So beschreibt die iranische Journalistin Christiane Amanpour in ihrem Vorwort die skizzierten Heroinnen in ihrer Rolemodel-Funktion:

"¬īWei√üe Flecken auf der Landkarte¬ī, wie Freya Stark sie nannte, gibt es praktisch nicht mehr. Doch die Arbeit, die diese Frauen leisteten, und die Geschichten, die sie erz√§hlten, motivieren mich noch immer. [...] Wenn ich √ľber Ereignisse berichte, kann ich Millionen Menschen als Auge und Ohr dienen, und vielleicht hilft das, was ich zeige und sage, die Welt zu einem besseren Ort zu machen."

Auf diese Weise erschließt sich die im Untertitel angedeutete Trias "Entdecken. Forschen. Berichten" und lässt aus dem unmotivierten Durchblättern des Bildbandes eine wahre Entdeckungsreise werden.



Milbry Polk / Mary Tiegreen
Frauen erkunden die Welt. Entdecken. Forschen. Berichten

Frederking & Thaler, 2. Auflage, 2003
255 Seiten, 309 Fotos, davon 227 farb.rn
11 Euro
ISBN: 389405431X90008115&artiId=2700153" target="_blank">bestellen .




Public Affairs Beitrag vom 10.10.2003 Ilka Fleischer 





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