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AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 10.10.2003


Frauen erkunden die Welt. Entdecken. Forschen. Berichten.
Ilka Fleischer

Der faszinierende Bildband von Mary Tiegreen und Milbry Polk ermöglicht tiefe Einblicke in die Welten herausragender Globetrotterinnen und Forscherinnen...





In den letzten Tagen kursierte die Meldung von der jungen Französin, Maud Fontenoy, die als erste Frau den Nord-Atlantik im Ruderboot überquerte. Knapp drei Jahrhunderte zuvor machte eine andere Frau in ähnlicher Weise von sich reden: Jeanne Baret umrundete als Jean Baré und erste Frau die Welt auf einem europäischen Schiff - als Mann verkleidet. Unter dem Kommando von Louis-Antoine de Bougainville hatte es die Botanikerin als wissenschaftlicher Assistent u.a. nach Tahiti verschlagen, wo sie angeblich binnen Minuten von EinwohnerInnen enttarnt wurde:

"Wir hatten ihn [Baré] seinen Herrn auf allen Expeditionen [...] begleiten sehen, wie er auf diesen anstrengenden Ausflügen Proviant, Arme und Mappen voller Pflanzen mit einem Mut und einer Kraft trug, die ihm den Spitznamen ´Commersons Lasttier´ einbrachte. [...] Wie war es möglich, in diesem unermüdlichen Baré, der bereits ein kundiger Botaniker war, die Frau zu entdecken?", so beschrieb ein damaliger Zeitgenosse die allseitige Überraschung.

Schwer zu unterscheiden, ob das Erstaunen stärker durch die körperlichen oder durch die geistigen Kräfte der Botanikerin hervorgerufen wurde... In jedem Fall war die Verblüffung von kurzer Dauer und hat keinesfalls dazu beigetragen, dass Jeanne Baret in die Annalen der Entdeckungsgeschichte eingegangen wäre. Mit wenigen Ausnahmen spiegelt sich hierin das Schicksal der meisten Entdeckerinnen und Forscherinnen wider, die Mary Tiegreen und Milbry Polk in ihrem in jeder Hinsicht bunten Bildband vorstellen.

Mit Original-Notizen, Fotos, Karten, Tagebucheinträgen, Grafiken und Kurz-Beschreibungen porträtieren sie so unterschiedliche Frauen wie die Primatenforscherinnen Dian Fossey und Jane Goodall, die Anthropologin Zora Neale Hurston oder die Antarktis-Forscherin Ann Bancroft, die Insektenforscherin Lucy Evelyn Cheesman und die Ethnobotanikerin Nicole Hughes Maxwell oder die ebenfalls als Mann verkleidete spanische Reisende Catalina de Erauso aus dem 16. Jahrhundert. Der Leserin wird somit Einblick in 84 Frauen-Leben gewährt, die von den frühen christlichen Pilgerinnen bis zur Astrophysikerin des dritten Jahrtausends reichen - in fünf mehr virtuosen als übersichtlichen Kapiteln:

  • Bilder in einem fernen Spiegel - Die Erzählungen der frühen Reisenden
  • Immer neue Horizonte - Kühne Entdeckerinnen
  • Eine Sternschnuppe fangen - Unterwegs mit Wissenschaftlerinnen
  • Überwinden von Zeit und Raum - Künstlerische Visionen
  • Lockungen des Unbekannten - Entdeckerinnen in Grenzbereichen

Trotz der Gefahr visueller Reizüberflutung durch die graphische Vielfalt und vitale Struktur der Darstellungen ist den Herausgeberinnen mit "Frauen erkunden die Welt" weit mehr als ein exotisches Coffeetablebook gelungen. Auch wenn die KollegInnen von ixlibris da anderer Meinung sind:

"Doch scheint der Text in seinem schwärmerischen Stil hauptsächlich gerade an jene weibliche Leserschaft gerichtet zu sein, deren Enge und Belächelt-Werden die Heldinnen - so kann man die beschriebenen Frauen durchaus nennen - entfliehen wollten: nämlich an feinsinnige, nichtsdestotrotz halbgebildete Frauen, die sich wohlwollend, aber distanziert die tollen Abenteuer ihrer exzentrischen Geschlechtsgenossinnen erzählen lassen."

Natürlich stehen in einem Bildband die wissenschaftlichen Ergebnisse nicht eben im Vordergrund, dennoch bieten ausgiebige Literaturlisten die Möglichkeit zu intensiveren Nachforschungen. Einen inhaltlichen Pluspunkt stellt außerdem die "ideologische Bandbreite" der vorgestellten "Heldinnen" dar. Entgegen der Deutung von Andrea Blome ( existenzielle) beweisen die Damen nämlich nicht allesamt, "dass Entdecken nicht gleich Erobern, Ausbeuten und In Besitz Nehmen ist." Stattdessen dokumentieren die ausgewählten Fotografien von Jagdszenen, dass auch Frauen keine "besseren Menschen" sind. Dennoch finden sich ebenso konträre Akzente, die das Lebensbejahende und -erhaltende als Reiz des Ent-deckens herausstreichen.

So beschreibt die iranische Journalistin Christiane Amanpour in ihrem Vorwort die skizzierten Heroinnen in ihrer Rolemodel-Funktion:

"´Weiße Flecken auf der Landkarte´, wie Freya Stark sie nannte, gibt es praktisch nicht mehr. Doch die Arbeit, die diese Frauen leisteten, und die Geschichten, die sie erzählten, motivieren mich noch immer. [...] Wenn ich über Ereignisse berichte, kann ich Millionen Menschen als Auge und Ohr dienen, und vielleicht hilft das, was ich zeige und sage, die Welt zu einem besseren Ort zu machen."

Auf diese Weise erschließt sich die im Untertitel angedeutete Trias "Entdecken. Forschen. Berichten" und lässt aus dem unmotivierten Durchblättern des Bildbandes eine wahre Entdeckungsreise werden.



Milbry Polk / Mary Tiegreen
Frauen erkunden die Welt. Entdecken. Forschen. Berichten

Frederking & Thaler, 2. Auflage, 2003
255 Seiten, 309 Fotos, davon 227 farb.rn
11 Euro
ISBN: 389405431X90008115&artiId=2700153" target="_blank">bestellen .





Public Affairs

Beitrag vom 10.10.2003

AVIVA-Redaktion 






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