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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 07.03.2005

8. MĂ€rz - Grund zum Feiern? - Antworten von Evrim Baba
Ilka Fleischer

Im E-Interview stellte sich auch Evrim Baba, frauenpolitische Sprecherin der PDS-Fraktion im AGH von Berlin, unseren 8 Fragen zum 8. MĂ€rz.




Ilka Fleischer: Seit dem ersten Internationalen Frauentag 1911 gab es im vergangenen Jahrhundert fĂŒr deutsche Frauen nicht nur Anlass zu Kritik, sondern auch gute GrĂŒnde zum Feiern, allen voran die Durchsetzung des Frauenwahlrechts 1918. Was waren aus Ihrer Sicht bislang die grĂ¶ĂŸten Erfolge oder Fortschritte fĂŒr Frauen im dritten Jahrtausend - nicht nur, aber auch in Ihrer Partei?
Evrim Baba: Zu nennen sind hier sicherlich solch wichtige Etappen wie das Jahr 1949, als im Grundgesetz die Gleichberechtigung von MĂ€nnern und Frauen verankert wurde sowie das Jahr 1994, als der Bundestag beschloss, dass der Staat verpflichtet ist, die tatsĂ€chliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und MĂ€nnern zu fördern und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinzuwirken. Ohne den jahrzehntelangen Kampf engagierter Frauen aus vielen Bereichen wie den Gewerkschaften, Vereinen, autonomen Initiativen und Kirchen wĂ€re dies wohl nicht möglich geworden. Der Internationale Frauentag ist fĂŒr uns Anlass, Bilanz zu ziehen und kritisch zu fragen, inwieweit juristisch verankerte Frauenrechte zu einer tatsĂ€chlichen Gleichberechtigung von MĂ€nnern und Frauen in unserer Gesellschaft gefĂŒhrt haben. Wir Sozialistinnen vertreten die Auffassung, dass die spezifische Form der Ausgrenzung an gesellschaftlicher Teilhabe z. B. bei der Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen, d. h. kapitalistischer VerhĂ€ltnisse, nicht aufzulösen ist.

Ilka Fleischer: "Brot und Rosen!" - Brot zum Leben und Rosen, damit sich das Leben lohnt - forderten Textilarbeiterinnen 1912 im Streik gegen Hungerlöhne in den USA noch recht bescheiden. Inzwischen wollen viele Frauen wesentlich mehr: Nach Gittes Song "Ich will alles" Anfang der 80er Jahre titelte die Bestsellerautorin Maeve Haran kĂŒrzlich "Alles ist nicht genug". Werden Frauen allmĂ€hlich maßlos in ihren Forderungen?
Evrim Baba: Wie kann es denn maßlos sein, gleiche Rechte nicht nur auf dem Papier zu erkĂ€mpfen sondern in der Wirklichkeit und das gilt nicht nur fĂŒr die Bundesrepublik sondern weltweit.

Ilka Fleischer: Valerie Solanas, behauptete 1968 in ihrem Manifest "Society for Cutting up Men", MĂ€nner wĂ€ren aufgrund der Chromosomstruktur unvollstĂ€ndige Frauen und versuchten daher ihr Leben lang, sich zu vervollkommnen. Gibt es zwischen Mann und Frau Unterschiede, die Sie fĂŒr "naturbedingt" halten?
Evrim Baba: FĂŒr mich stehen in den politischen Auseinandersetzungen biologische Unterschiede nicht im Vordergrund. Allerdings werden sie insbesondere von konservativer Seite zur strukturellen Diskriminierung von Frauen benutzt. Vor dem Hintergrund der Krise des Kapitalismus mit inzwischen ĂŒber 5 Millionen Arbeitslosen wird die Betonung biologischer Unterschiede dazu genutzt, Frauen aus dem Bereich der Produktion zu verdrĂ€ngen und Ihnen ausschließlich Aufgaben im Bereich der Reproduktion zuzuweisen. Das nenne ich reaktionĂ€r.

Ilka Fleischer: Norbert BlĂŒm hat sich einmal neidisch auf "die Firma Mutter und Kind, die sich in den neun Monaten der Schwangerschaft bildet" geĂ€ußert und bedauerte, dass MĂ€nner dagegen nie "ankommen". Worauf sind Sie bei MĂ€nnern "neidisch"? Was wĂŒrde Ihnen bei einem Rollentausch besonders gut gefallen?
Evrim Baba: Worauf sollte ich bei MĂ€nnern neidisch sein? Neid hat in unserem Kampf um eine solidarische gerechte Welt, in der MĂ€nner und Frauen gleichberechtigt und selbstbestimmt zusammenleben, keinen Platz.

Ilka Fleischer: "Frau allein ist noch kein Argument, es muss auch noch was zwischen den Ohren sitzen", behauptet Heide Simonis. Aber auch: "Politik ist der Sieg des Hinterns ĂŒber das Gehirn". Welche Voraussetzungen mĂŒssen Frauen in der Politik also mitbringen?
Evrim Baba: Nicht weniger aber auch nicht mehr als MĂ€nner. Es geht ja in erster Linie auch nicht darum, was sie mitbringen, sondern nach wie vor immer noch darum, dass Frauen die von MĂ€nnern dominierten Machtstrukturen aufbrechen und innerhalb und außerhalb von Parteien gleichberechtigt vertreten sind.

Ilka Fleischer: WĂ€hrend Gerhard Schröder laut Infratest bei Frauen populĂ€rer ist als bei MĂ€nnern, schneidet Edmund Stoiber bei MĂ€nnern besser ab. Was mĂŒsste Herr Stoiber verĂ€ndern, um bei Frauen einen höheren Beliebtheitsgrad zu erlangen? Oder allgemeiner: Was schĂ€tzen Frauen an PolitikerInnen?
Evrim Baba: In unserem Medienzeitalter werden solche Dinge wie das Aussehen und die Kleiderordnung von PolitikerInnen in den Vordergrund gestellt. Objektiv sind aber fĂŒr die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger politische Inhalte und politische Entscheidungen wichtig und interessanter. Es ist doch völlig egal, ob der Sozialabbau von einem vermeintlich charismatischen und gutaussehenden Politiker betrieben wird oder von einem, der Ă€ußerlich vermeintlich weniger ansprechend ist.

Ilka Fleischer: Nach einer Studie zum Verhalten der BundesbĂŒrgerInnen im Haushalt werden 80 % der Hausarbeit immer noch von Frauen bewĂ€ltigt. Nur 1,2 % der MĂ€nner putzen das Klo selbst. 73,3 % der MĂ€nner sind allerdings der Meinung, dass die Arbeit im Haushalt gerecht verteilt sei. Was bleibt - neben Gendermainstreaming - auf der politischen Ebene zu tun, und worin bestehen Ihres Erachtens die grĂ¶ĂŸten Fallstricke?
Evrim Baba: Wenn Frauen durch die gesellschaftliche Rollenzuteilung wieder an den Herd gedrĂ€ngt werden, bleibt die Hausarbeit natĂŒrlich bei ihnen hĂ€ngen. Es muss eine echte Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit, eine gerechtere Verteilung von Familien- und Erwerbsarbeit auf beide Geschlechter durch eine gerechte Entlohnung und eigenstĂ€ndige finanzielle Absicherung der Frauen geben. Weltweit gibt es eine Angleichung der Lebens- und Arbeitswelten, aber fĂŒr Frauen sieht sie so aus: mehr BeschĂ€ftigung, aber ĂŒberwiegend in niedrig entlohnten, ungesicherten ArbeitsverhĂ€ltnissen, Zuwachs sozialer Aufgaben, Zunahme von Konkurrenz und sexistischer Gewalt.

Ilka Fleischer: Die Frau der Zukunft stellte sich August Bebel als "Herrin ihrer Geschicke" vor, die "sozial und ökonomisch vollkommen unabhĂ€ngig" sei. Wer verkörpert fĂŒr Sie warum heutzutage die "Frau der Zukunft"? NatĂŒrlich können Sie uns auch gerne verraten, wen sie fĂŒr altmodisch halten...
Evrim Baba: Das 1879 erschienene Buch von August Bebel heißt ja nicht umsonst "Die Frau und der Sozialismus". Und vom Sozialismus sind wir ja nun weiter entfernt als gut ist fĂŒr die Frauen.


Neben Evrim Baba nahmen 11 weitere PolitikerInnen an der elektronischen Befragung teil. Mit kleineren Abweichungen erhielten alle Interview-PartnerInnen den gleichen Fragenkatalog - und beantworteten unsere 8 Fragen zum 8. MĂ€rz in großer Vielfalt. Um die kompletten BeitrĂ€ge zu lesen, klicken Sie bitte auf die Namen der einzelnen Interview-PartnerInnen:


  • Edelgard Bulmahn, Bundesministerin fĂŒr Bildung und Forschung

  • Maria Eichhorn, MdB, Vorsitzende der Arbeitsgruppe Familie, Senioren, Frauen und Jugend der CDU/CSU-Fraktion

  • Dagmar Enkelmann, stellvertretende Vorsitzende der PDS

  • Ingrid Hofmann, PrĂ€sidiums-Mitglied in der Bundesvereinigung Deutscher ArbeitgeberverbĂ€nde (BDA)

  • Christel Humme, MdB, Familien-, senioren-, frauen- und jugendpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion

  • Ina Lenke, MdB, Familien-, frauen- und zivildienstpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Bundesvorsitzende der Liberalen Frauen

  • Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, MdB, Bundesministerin a.D., Europapolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion

  • Irmingard Schewe-Gerigk, MdB, Frauen- und familienpolitische Sprecherin der Fraktion BĂŒndnis 90 / DIE GRÜNEN

  • Renate Schmidt, Bundesministerin fĂŒr Familie, Senioren, Frauen und Jugend

  • Klaus Wowereit , Regierender BĂŒrgermeister von Berlin

  • Brigitte Zypries, Bundesministerin der Justiz



Public Affairs Beitrag vom 07.03.2005 Ilka Fleischer 





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