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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 07.03.2005

8. MĂ€rz - Grund zum Feiern? - Antworten von Renate Schmidt
Ilka Fleischer

Im E-Interview stellte sich auch Renate Schmidt, Bundesministerin fĂŒr Familie, Senioren, Frauen und Jugend, unseren 8 Fragen zum 8. MĂ€rz.




Ilka Fleischer: Seit dem ersten Internationalen Frauentag 1911 gab es im vergangenen Jahrhundert fĂŒr deutsche Frauen nicht nur Anlass zu Kritik, sondern auch gute GrĂŒnde zum Feiern, allen voran die Durchsetzung des Frauenwahlrechts 1918. Was waren aus Ihrer Sicht bislang die grĂ¶ĂŸten Erfolge oder Fortschritte fĂŒr Frauen im dritten Jahrtausend - nicht nur, aber auch in Ihrem Ministerium?
Renate Schmidt: Die gleiche Rechte von Frauen und MĂ€nnern haben wir im zweiten Jahrtausend weitestgehend verwirklicht. Im neuen Jahrtausend geht es darum, dass aus Chancengleichheit tatsĂ€chliche Gleichstellung wird. DafĂŒr brauchen wir nicht mehr Gesetze, sondern ein Umdenken in der Gesellschaft. Frauen sie sind gut gerĂŒstet, sie mĂŒssen nicht besonders gefördert werden. Sie mĂŒssen aber ihr Können und ihre WĂŒnsche verwirklichen können, d.h. ihre gute Qualifikation und ihren Wunsch nach Familie und Beruf umsetzen können. Da sind vor allem Unternehmen gefragt. In der "Allianz fĂŒr die Familie" setze ich mich gemeinsam mit den Spitzen von Wirtschaft und Gewerkschaften fĂŒr familienfreundliche Arbeitszeiten ein.

Ilka Fleischer: "Brot und Rosen!" - Brot zum Leben und Rosen, damit sich das Leben lohnt - forderten Textilarbeiterinnen 1912 im Streik gegen Hungerlöhne in den USA noch recht bescheiden. Inzwischen wollen viele Frauen wesentlich mehr: Nach Gittes Song "Ich will alles" Anfang der 80er Jahre titelte die Bestsellerautorin Maeve Haran kĂŒrzlich "Alles ist nicht genug". Werden Frauen allmĂ€hlich maßlos in ihren Forderungen?
Renate Schmidt: Nein. Aber Frauen sind selbstbewusster, denn sie haben viel erkĂ€mpft. Wir haben die bestausgebildetste Frauengeneration aller Zeiten, es machen mehr MĂ€dchen Abitur als Jungen, die meisten StudienanfĂ€ngern sind weiblich. Sie können mehr, und deshalb wollen sie mehr. Den fĂŒr MĂ€nner selbstverstĂ€ndlichen Satz "Ich will alles" - Beruf und Familie verbinden - machen Frauen nun auch fĂŒr sich geltend. Auch sie wollen sich nicht entscheiden mĂŒssen zwischen Karriere oder Kind. Aufgabe von Politik und Wirtschaft ist es, ihre LebenswĂŒnsche zu ermöglichen.

Ilka Fleischer: Valerie Solanas, behauptete 1968 in ihrem Manifest "Society for Cutting up Men", MĂ€nner wĂ€ren aufgrund der Chromosomstruktur unvollstĂ€ndige Frauen und versuchten daher ihr Leben lang, sich zu vervollkommnen. Gibt es zwischen Mann und Frau Unterschiede, die Sie fĂŒr "naturbedingt" halten?
Renate Schmidt: Nein. Aber soziale Rollen können sehr bestĂ€ndig sein, und erklĂ€ren sich die allermeisten Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Frauen fĂŒhren ein vielseitigeres, bunteres Leben. Meistens können sie flexibler mit den WechselfĂ€llen des Lebens umgehen als MĂ€nner, weil sie ein breiteres Kreuz und ein breiteres soziales Netz haben.

Ilka Fleischer: Norbert BlĂŒm hat sich einmal neidisch auf "die Firma Mutter und Kind, die sich in den neun Monaten der Schwangerschaft bildet" geĂ€ußert und bedauerte, dass MĂ€nner dagegen nie "ankommen". Worauf sind Sie bei MĂ€nnern "neidisch"? Was wĂŒrde Ihnen bei einem Rollentausch besonders gut gefallen?
Renate Schmidt: Ich bin gerne eine Frau, ich neide den MĂ€nnern nichts. Viele MĂ€nner sind zu sehr auf den beruflichen Erfolg fixiert und verpassen spannende Zeiten mit Kind und Familie. Immer mehr MĂ€nner erkennen, dass ein solches Lebensmodell einseitig ist und wollen in ihrem "kleinen Familienbetrieb" zu Hause aktiv sein.

Ilka Fleischer: "Frau allein ist noch kein Argument, es muss auch noch was zwischen den Ohren sitzen", behauptet Heide Simonis. Aber auch: "Politik ist der Sieg des Hinterns ĂŒber das Gehirn". Welche Voraussetzungen mĂŒssen Frauen in der Politik also mitbringen?
Renate Schmidt: Eine hohe Sachkompetenz und politische Leidenschaft sind die wichtigsten Voraussetzungen in der Politik. Frauen wird aber ein dreifacher Balanceakt abverlangt: Sie mĂŒssen hartnĂ€ckig sein, ohne verbiestert zu wirken, sie mĂŒssen vernetzt sein, ohne die KaffeekrĂ€nzchendame abzugeben, und sie mĂŒssen souverĂ€n wirken, ohne ihre Weiblichkeit aufzugeben. Oft wird ihnen dennoch das Gegenteil nachgesagt. Viele MĂ€nner in der Politik haben Frauen eines voraus: Sie haben mehr "Sitzfleisch" - weil sie sich um Haushalt und Kinder weniger kĂŒmmern mĂŒssen und daher mehr Zeit haben fĂŒr nĂ€chtliche Kneipensitzungen. Viele Frauen haben MĂ€nnern umgekehrt voraus, dass sie oft mehrgleisig verfahren können und mehr Dinge gleichzeitig angehen können.

Ilka Fleischer: WĂ€hrend Gerhard Schröder laut Infratest bei Frauen populĂ€rer ist als bei MĂ€nnern, schneidet Edmund Stoiber bei MĂ€nnern besser ab. Was mĂŒsste Herr Stoiber verĂ€ndern, um bei Frauen einen höheren Beliebtheitsgrad zu erlangen? Oder allgemeiner: Was schĂ€tzen Frauen an PolitikerInnen?
Renate Schmidt: Herrn Stoiber und Erfolg bei Frauen - da kann ich wirklich keinen Rat geben. Im Allgemeinen achten Frauen mehr als MĂ€nner auf GlaubwĂŒrdigkeit und AuthentizitĂ€t. Frauen sind als Politikerinnen und als WĂ€hlerinnen mehr an guten Lösungen als an Status oder Prestige interessiert. Sie schauen mehr darauf, was politische Entscheidungen fĂŒr den Lebensalltag der Menschen bedeuten und sind weniger an Macht- oder Strukturfragen interessiert.

Ilka Fleischer: Nach einer Studie zum Verhalten der BundesbĂŒrgerInnen im Haushalt werden 80 % der Hausarbeit immer noch von Frauen bewĂ€ltigt. Nur 1,2 % der MĂ€nner putzen das Klo selbst. 73,3 % der MĂ€nner sind allerdings der Meinung, dass die Arbeit im Haushalt gerecht verteilt sei. Was bleibt - neben Gendermainstreaming - auf der politischen Ebene zu tun, und worin bestehen Ihres Erachtens die grĂ¶ĂŸten Fallstricke?
Renate Schmidt: Politik kann - und das ist mein Anliegen - auf ein Umdenken hinwirken. Und zwar nicht nur bei der SelbsteinschĂ€tzung, sondern vor allem bei der faktisch gleichen Teilhabe - auf beiden Seiten. Denn viele MĂ€nner werden noch immer hĂ€ufig vom Umfeld belĂ€chelt und im Beruf ausgebootet, wenn sie sich maßgeblich an der Familien- und Erziehungsarbeit beteiligten und z.B. Elternzeit nehmen. Frauen wiederum können nicht alles alleine schultern und die 100-prozentige Karrierefrau, die 100-prozentige Ehefrau und die 100-prozentige Mutter sein, da wĂ€ren sie rasch ein 300-prozentiges Wrack. Das zu Ă€ndern ist Sache von MĂ€nnern und Frauen. MĂ€nner sollten im privaten Umfeld aktiver sein, und Frauen mĂŒssen dann mal fĂŒnf gerade sein lassen, wenn er Streifen an die Fenster wischt.

Ilka Fleischer: Die Frau der Zukunft stellte sich August Bebel als "Herrin ihrer Geschicke" vor, die "sozial und ökonomisch vollkommen unabhĂ€ngig" sei. Wer verkörpert fĂŒr Sie warum heutzutage die "Frau der Zukunft"? NatĂŒrlich können Sie uns auch gerne verraten, wen sie fĂŒr altmodisch halten...
Renate Schmidt: Bebel war ein vorausschauender Mensch. So ist es gekommen. Auf eigenen Beinen stehen zu können, ist Frauen heute wichtig. FĂŒr mich gibt nicht die eine Frau der Zukunft, Frauen reprĂ€sentieren in ihrer Vielfalt die Zukunft.


Neben Renate Schmidt nahmen 11 weitere PolitikerInnen an der elektronischen Befragung teil. Mit kleineren Abweichungen erhielten alle Interview-PartnerInnen den gleichen Fragenkatalog - und beantworteten unsere 8 Fragen zum 8. MĂ€rz in großer Vielfalt. Um die kompletten BeitrĂ€ge zu lesen, klicken Sie bitte auf die Namen der einzelnen Interview-PartnerInnen:


  • Evrim Baba, frauenpolitische Sprecherin der PDS-Fraktion im AGH von Berlin

  • Edelgard Bulmahn , Bundesministerin fĂŒr Bildung und Forschung

  • Maria Eichhorn, MdB, Vorsitzende der Arbeitsgruppe Familie, Senioren, Frauen und Jugend der CDU/CSU-Fraktion

  • Dagmar Enkelmann, stellvertretende Vorsitzende der PDS

  • Ingrid Hofmann, PrĂ€sidiums-Mitglied in der Bundesvereinigung Deutscher ArbeitgeberverbĂ€nde (BDA)

  • Christel Humme, MdB, Familien-, senioren-, frauen- und jugendpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion

  • Ina Lenke, MdB, Familien-, frauen- und zivildienstpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Bundesvorsitzende der Liberalen Frauen

  • Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, MdB, Bundesministerin a.D., Europapolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion

  • Irmingard Schewe-Gerigk, MdB, Frauen- und familienpolitische Sprecherin der Fraktion BĂŒndnis 90 / DIE GRÜNEN

  • Klaus Wowereit , Regierender BĂŒrgermeister von Berlin

  • Brigitte Zypries, Bundesministerin der Justiz


Public Affairs Beitrag vom 07.03.2005 Ilka Fleischer 





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