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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 08.06.2012

Alle müssen raus. Das endgültige Ende der Schlecker-Ära im Juni 2012
Dana Strohscheer

Monatelang hofften die Arbeitnehmerinnen der Drogeriekette Schlecker auf ihre Weiterbesch├Ąftigung bei dem insolventen Unternehmen, die Politik schaltete sich ein und versprach schnelle und...



...unkomplizierte Hilfe. Es hat alles nichts genutzt. Heute beginnt der Ausverkauf in den Filialen. Nun kommt doch kein Investor, der das Unternehmen neu strukturiert und den MitarbeiterInnen eine Perspektive aufzeigt.

Stattdessen stehen nach der ersten Entlassungswelle Ende M├Ąrz, der bereits 11.190 Besch├Ąftigte zum Opfer fielen, weitere 14.000 Mitarbeiterinnen vor der K├╝ndigung. Der Homepage des Unternehmens ist die d├╝rftige Meldung zu entnehmen, dass dem Ausverkauf die Schlie├čung der Schlecker M├Ąrkte "im Zuge der Betriebsstilllegung" folgt. Laut Informationen der Wirtschaftswoche fordern die Kinder des Firmenpatriarchen Anton Schlecker aus der Insolvenzmasse insgesamt 176 Millionen Euro. Wieviel sie erhalten werden ist unklar, doch ist diese Forderung durchaus grenzwertig. Statt die Mitarbeiterinnen zu unterst├╝tzen, geht es den beiden offenbar nur darum, eigene finanzielle Verluste zu minimieren. Auch der Verkauf der zum Unternehmen geh├Ârenden Kette IhrPlatz und der Schlecker-XL Filialen an die DUBAG (Deutsche Unternehmensbeteiligung AG) scheiterte ├╝berraschend, wodurch weitere 5.000 Arbeitspl├Ątze wegfallen.
Die Mitarbeiterinnen stehen vor dem Aus.

Frauen im Abseits

Es gibt weder die breit diskutierte und am Veto der FDP gescheiterte Transfergesellschaft, noch sind gen├╝gend freie Stellen auf dem Arbeitsmarkt vorhanden. Laut Auskunft der Dienstleistungsgesellschaft ver.di stehen den 25.000 Jobangeboten im Einzelhandel 360.000 Arbeitssuchende gegen├╝ber. Betroffen von den Entlassungen sind vor allem Frauen. Wie in der Branche ├╝blich, sind M├Ąnner nur auf den h├Âheren Positionen des Unternehmens zu finden. 70 % der Betroffenen sind Frauen zwischen 20 und 49 Jahren. Von den bereits im M├Ąrz entlassenen Frauen haben sich bisher lediglich 2.300 aus der Arbeitslosigkeit abgemeldet. Davon arbeite ein Teil erst einmal in unbezahlten Praktika oder als Urlaubsvertretung, wie ver.di Chef Frank Bsirske mitteilte. 2.600 Frauen werden laut Bundesministerium f├╝r Arbeit und Soziales in "Ma├čnahmen" betreut. Dazu z├Ąhlen etwa Coachings bei der Suche nach einem neuen Job oder Schulungen an anderen Kassensystemen.

Umschulung - und dann?

Die Bundesarbeitsministerin Ursula von Leyen machte am Donnerstag gemeinsam mit dem Chef der Bundesagentur f├╝r Arbeit Frank-J├╝rgen Weise und Bsirske den Vorschlag, den Frauen einen Umschulung zur Erzieherin oder Altenpflegerin zu erm├Âglichen. Finanziert werden soll diese Qualifizierungsma├čnahme durch die "Initiative zur Flankierung des Strukturwandels", die mit einem Budget von 400 Millionen Euro ausgestattet ist. Sie soll den Frauen helfen, die in strukturschwachen Regionen leben oder keine Berufsausbildung vorweisen k├Ânnen. Das betrifft immerhin ein Drittel der gek├╝ndigten Mitarbeiterinnen, also um die 8.300 Frauen. Bsirske sieht diese Umschulungen als Chance sowohl f├╝r die Betroffenen als auch "f├╝r die Gesellschaft insgesamt".
Doch ist es wirklich so simpel? Es h├Ârt sich einfach an, eine Berufsausbildung nachzuholen. Mit Anfang zwanzig mag das der Fall sein. Doch was machen die Frauen, die Ende vierzig sind und die letzten zehn Jahre als Verk├Ąuferin gearbeitet haben? Und was, wenn die ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen zwar kontaktfreudig und freundlich zu ihren KundInnen waren, aber nicht darauf erpicht sind, ├Ąltere Leute oder Kinder zu betreuen?

Die Politik, die sich die letzten drei Monate um ernsthafte L├Âsungsans├Ątze f├╝r die wirtschaftliche Situation des Unternehmens h├Ątte bem├╝hen k├Ânnen, hat versagt. Diese Ma├čnahmen sind nicht vielmehr als ein Feigenblatt. Die Zeit w├Ąre ausreichend gewesen, mit handfesten Konzepten aufzuwarten. Die Frauen, die oft auch in Teilzeit gearbeitet haben, da sie sich um ihre Kinder oder Angeh├Ârige k├╝mmern m├╝ssen, werden wieder einmal benachteiligt und allein gelassen. Die Folge davon sind niedrigere Rentenanteile, die in niedrigere Bez├╝ge im Alter und in die Falle der Altersarmut f├╝hren.

Die Mitarbeiterinnen werden zwar nicht aus dem Paradies vertrieben, denn die Arbeitsbedingungen bei Schlecker waren seit je schlecht. Es dauerte viele Jahre, bis es einen Tarifvertrag gab, sich Betriebsr├ĄtInnen in den Filialen gr├╝nden konnten. Die hauseigene Leiharbeitsfirma wurde nach langen K├Ąmpfen der Mitarbeiterinnen erst im vergangenen Jahr abgeschafft. Doch auch schon damals wurden die Frauen von der Politik nicht unterst├╝tzt.

O-Ton einer Schlecker-Mitarbeiterin am Freitag, 8. Juni 2012 gegen├╝ber AVIVA-Berlin: "Wo sollen wir denn hin? Sie glauben doch nicht, ich kann mich jetzt noch umschulen lassen, um auf kleine Kinder aufzupassen? Pl├Âtzlich sind alle f├╝r Schlecker, doch die, die das Unternehmen kaputtgekriegt haben waren doch die, die geklaut haben und dann hinterher behauptet haben, Schlecker sei schlecht. Ich sage: Schlecker hat uns immer gut bezahlt, wir hatten Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Es war wie eine Familie."

Was ist auf den Seiten des Ministeriums f├╝r Familie, Senioren, Frauen und Jugend zu den Problemen der Schlecker-Frauen zu erfahren? "Anzahl der Suchergebnisse: 0." Auch das macht deutlich, welchen gesellschaftlichen Stellenwert die Situation der Frauen hat. Bundesfamilienministerin Kristina Schr├Âder beeilte sich zwar, von der Leyens Vorschlag in der S├╝ddeutschen Zeitung zu begr├╝├čen, aber eigene Aussagen zu der Situation bzw. Hilfestellungen seitens des Ministeriums gab es in den letzten Monaten nicht. M├Âglichkeiten h├Ątte es gen├╝gend gegeben.


Weitere Informationen finden Sie unter:

Bundesministerium f├╝r Arbeit und Soziales:
www.bmas.de

Bundesministerium f├╝r Familie, Senioren, Frauen und Jugend:
www.bmfsfj.de
www.verdi.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin

Bildungskampagne - Meine Geschichte ist Gold f├╝r Berlin - Bildung und Chancengleichheit f├╝r Frauen

(Quellen: Bundesministerium f├╝r Arbeit und Soziales, Bundesministerium f├╝r Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Homepage des Unternehmens Schlecker, ver.di, S├╝ddeutsche Zeitung)

Public Affairs Beitrag vom 08.06.2012 Dana Strohscheer 





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