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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.08.2012

Den Frauen f├Ąllt ein elementares Recht der Selbstbestimmung weg - Interview mit der Vorsitzenden des Berliner Hebammenverbands
Britta Meyer

Sie sind hochqualifiziert, rund um die Uhr im Einsatz, tragen in ihrem Job Verantwortung f├╝r mehrere Menschenleben und k├Ânnen von ihrer Arbeit kaum leben. Seit Juli 2012 m├╝ssen freiberufliche...



... Hebammen in Deutschland ├╝ber 4.000 Euro Haftpflichtversicherung im Jahr zahlen ÔÇô bei einem Stundenlohn von 7,50 Euro.

Berliner Geburtsmediziner nennt au├čerklinische Entbindung "einen Luxus"

Aber ist die finanzielle Notlage der Frauen nur ein Problem weniger "freier Hebammen im Kapitalismus", die f├╝r ihre Risikobereitschaft selbst verantwortlich sind, wie es der Geburtsmediziner und Hebammenausbilder Klaus Vetter gegen├╝ber der TAZ in einem Mitte Juli 2012 erschienenen Interview behauptete?

Im Rahmen einer Reportage f├╝r die Ausgabe "Care-├ľkonomie - Wen k├╝mmert┬┤s, wer sich k├╝mmert?" des "FrauenRats" hatte AVIVA-Berlin im M├Ąrz 2012 Susanna Rinne-Wolf, die Vorsitzende des Berliner Hebammenverbands e.V., zur Situation ihres Berufsstandes interviewt.

Zum Hintergrund

Exorbitant steigende Versicherungskosten - ab Juli 2012 betr├Ągt die verpflichtende Haftpflichtpr├Ąmie 4.242,35 Euro im Jahr - zwingen viele freiberuflich t├Ątige Hebammen, die au├čerklinische Geburtshilfe niederzulegen und das wiederum hei├čt, dass junge M├╝tter immer weniger selbst entscheiden d├╝rfen, wo und wie sie ihr Kind zur Welt bringen m├Âchten: zu Hause, im Geburtshaus oder in der Klinik, mit einer Beleghebamme an ihrer Seite.

Trotz der im Jahr 2010 gestarteten Petition der Hebammen, der sich ├╝ber 186.000 Menschen anschlossen, hat die Politik nicht reagiert. Im Februar 2012 wandte sich der Deutsche Hebammenverband e.V. und seine Pr├Ąsidentin Martina Klenk mit einem Aufruf an die Tagespresse. Dennoch kamen die Verhandlungen um eine Finanzierung nicht voran ÔÇô die Hebammenverb├Ąnde haben Anfang Februar 2012 die Verhandlungen um die Betriebskosten f├╝r eine Geburt im Geburtshaus oder einer anderen von Hebammen geleiteten Einrichtung (HgE) f├╝r gescheitert erkl├Ąrt. Die Vertreter der Krankenkassen waren nicht bereit, den Hebammen ein akzeptables Angebot vorzulegen. Die KassenvertreterInnen blieben bei 550 Euro plus 1,98 Prozent, was einem Gesamtergebnis von 560,89 Euro entspricht.

Aufgrund dieser aktuellen Entwicklungen haben wir Rinne-Wolf jetzt erneut befragt.

AVIVA-Berlin: Frau Rinne-Wolf, der Chefarzt der Klinik f├╝r Geburtsmedizin am Vivantes Klinikum Neuk├Âlln, Klaus Vetter, sagt, die steigenden Haftpflichtpr├Ąmien w├╝rden nur die freiberuflich arbeitenden Hebammen treffen, welche Geburten au├čerhalb der Krankenh├Ąuser, also zu Hause oder in Geburtsh├Ąusern, betreuen. Diese seien in Deutschland also nur f├╝r 1,2 Prozent der Geburten zust├Ąndig, der Rest finde ohnehin in Kliniken statt. K├Ânnen Sie diese Zahlen best├Ątigen?

Susanna Rinne-Wolf: Nein! In Deutschland m├╝ssen nicht nur die Hebammen hohe Beitr├Ąge zur Haftpflichtversicherung bezahlen, die Hausgeburten begleiten, sondern auch alle Beleghebammen, die bei ca. 150.000 Geburten pro Jahr M├╝tter und Kinder in Kliniken in Zusammenarbeit mit ├ärzten betreuen. Einige dieser Kolleginnen haben selbst diese Art zu arbeiten gew├Ąhlt, weil so wenigstens eine Eins-zu-Eins-Betreuung der Geb├Ąrenden m├Âglich ist. Andere sind, besonders in S├╝ddeutschland, nicht nur freiwillig in die Freiberuflichkeit gegangen, sondern in gro├čem Ma├če von Krankenhaustr├Ągern durch Androhung der Schlie├čung der Krei├čs├Ąle und damit verbundener Arbeitslosigkeit dazu gedr├Ąngt worden. Die zunehmende Profitmaximierung in der Gesundheitswirtschaft f├╝hrt zu dieser Art der Personalkosteneinsparung. Hebammen-Kolleginnen, die sich darauf einlassen (m├╝ssen), erhalten so die Geburtshilfe auch in strukturschw├Ącheren Gebieten und bewahren ihren Arbeitsplatz. Diese Kolleginnen zahlen daf├╝r ebenso absurd hohe Haftpflichtbeitr├Ąge, bei gleichzeitig deutlich schlechterer Verg├╝tung durch die GKV.

AVIVA-Berlin: Haben Sie einen ├ťberblick dar├╝ber, wie das Verh├Ąltnis der Hebammen, die freiberuflich arbeiten und daher von den hohen Versicherungspr├Ąmien betroffen sind, im Vergleich zu Hebammen ist, die in Krankenh├Ąusern als Angestellte t├Ątig sind?

Susanna Rinne-Wolf: Von ca. 18.000 Hebammen in Deutschland arbeiten etwa 10.000 in Krankenh├Ąusern, angestellt oder als Beleghebammen. Allerdings ist nicht mal ein Viertel der Kolleginnen in Vollzeit angestellt, so dass ├╝ber 75 Prozent der angestellten Hebammen auch freiberuflich arbeiten und so auch von der Haftpflichterh├Âhung betroffen sind. Die Beleghebammen (etwa 2.000) m├╝ssen, in der Regel sogar die gesamte Summe der geburtshilflichen Haftpflichtpr├Ąmie allein tragen, um Beleggeburten durchf├╝hren zu k├Ânnen. Besonders in S├╝ddeutschland ist es ein beliebtes Mittel der Krankenh├Ąuser, um Personalkosten zu sparen, mit Beleghebammen zu arbeiten. Betroffen sind also fast alle!

AVIVA-Berlin: Vetter wirft den freiberuflichen Hebammen vor, das zus├Ątzliche Risiko, dass diese mit Hausgeburten eingehen, von den Sozialsystemen tragen lassen zu wollen. M├Âchten Sie sich hierzu positionieren?

Susanna Rinne-Wolf: Ich denke, dass das grunds├Ątzlich der falsche Blickwinkel ist! Was oder was nicht Hebammen anbieten, spiegelt doch vielmehr die W├╝nsche und Vorstellungen der werdenden Eltern wieder, als die der Hebamme. Wenn es keine Nachfrage nach au├čerklinischer Geburtshilfe, ob nun zu Hause oder im Geburtshaus g├Ąbe, w├╝rden Hebammen diesen Bereich nicht anbieten k├Ânnen oder m├╝ssen. Grunds├Ątzlich hat aber jede Frau das Recht darauf, zu entscheiden wo und wie sie ihr Kind auf die Welt bringen m├Âchte. Die Eltern, die sich f├╝r au├čerklinische Geburten entscheiden sind in der Regel gut informiert und w├Ąhlen diese Art der Geburtshilfe sehr bewusst.

Mir fallen spontan sehr viele Bereiche ein, in denen Risiken, die einzelne eingehen, in viel gr├Â├čerem Ma├če die Sozialsysteme belasten und die mit bei weitem nicht so wichtigen und grundlegenden Momenten der Selbstbestimmung zusammenh├Ąngen. Eine Geburt ist der Moment, in dem nicht "nur" ein Kind, sondern eine ganze Familie geboren wird. Wir wissen inzwischen, wie wichtig die Geschehnisse rund um diesen Moment f├╝r die Lebensentwicklung der "Hauptakteure", besonders der des Kindes, sind. Wenn hier ein guter Start gelingt, spart es dem Sozialsystem auf lange Sicht wiederum enorme Kosten, die sonst eventuell durch diverse Ma├čnahmen im Leben dieser Menschen entstehen w├╝rden.

AVIVA-Berlin: Inwieweit hat sich seit unserem letzten Gespr├Ąch im M├Ąrz 2012 die Lage der Hebammen in Deutschland verbessert oder verschlechtert? Hilft die verst├Ąrkte Pr├Ąsenz der Problematik in den Medien weiter?

Susanna Rinne-Wolf: In kleinen Bereichen hat sich etwas ver├Ąndert: Ein Schiedsstellenspruch zur Betriebskostenpauschale der hebammengeleiteten Einrichtungen war sehr positiv f├╝r uns ÔÇô aber das betrifft nur einen ganz kleinen Teil der Hebammenschaft. Immerhin war es den Hebammenverb├Ąnden m├Âglich, mit den Krankenkassen auszuhandeln, dass die gestiegene Haftpflichtpr├Ąmie ab dem 1. Juli 2012 in der Verg├╝tung ausgeglichen wird. Das hei├čt nicht, dass die Kolleginnen mehr Geld in der Tasche haben sondern nur, dass sie ab 1. Juli nicht noch weniger als vorher haben.

Die weiteren Geb├╝hrenverhandlungen sind so gestockt, dass die Entscheidung auch hier wieder in die Schiedsstelle geht ÔÇô wir sind sehr gespannt, wie das Ergebnis ausfallen wird. Damit ist allerdings nicht vor Herbst/Winter 2012 zu rechnen. Das mediale Interesse und die Berichterstattung ├╝ber unser Thema haben sicherlich geholfen, den Druck auf die Politik zu erh├Âhen und aufrecht zu halten. Sowohl Bundesgesundheitsminister Bahr als auch Bundeskanzlerin Merkel haben sich des Themas angenommen, wenn auch (noch) nicht mit den gew├╝nschten Konsequenzen.


Susanna Rinne-Wolf ┬ę Sharon Adler


Interview vom M├Ąrz 2012
(in gek├╝rzter Form erstmalig erschienen in "FrauenRat" 2/2012)



AVIVA-Berlin: Frau Rinne-Wolf, wie lange arbeiten Sie schon in Ihrem Beruf?

Susanna Rinne-Wolf: Ich bin seit zehn Jahren Hebamme, seit 2009 auch Familienhebamme in einem Projekt f├╝r Kinder in suchtbetroffenen Familien. Ansonsten bin ich die ganze Zeit freiberufliche Hebamme gewesen, zeitweise mit Geburtshilfe, ich habe immer noch einen Belegvertrag mit einem Krankenhaus hier in Berlin, musste den aber im Oktober 2010 auf Eis legen. Ich habe mit der Geburtshilfe aufgeh├Ârt, weil die Haftpflichtpr├Ąmie in dem Jahr so gestiegen ist, dass ich wirklich nur noch die Frauen, die ich vorher angenommen hatte, zu Ende betreut habe. Ansonsten pausiere ich erst einmal, weil ich mir diese Haftpflichtpr├Ąmie nicht leisten kann.

AVIVA-Berlin: Wie hoch ist diese Pr├Ąmie genau?

Susanna Rinne-Wolf: 1981 lag sie bei 30,61 Euro im Jahr, in den Jahren bis 2010 stieg sie dann auf 3.689 Euro und im Juli 2012 geht sie dann auf 4.242,35 Euro im Jahr. Es ist ganz klar, dass die au├čerklinische Geburtshilfe und die Beleggeburtshilfe massiv darunter leidet. Den Frauen f├Ąllt das Wahlrecht weg, ein ganz elementares Recht der Selbstbestimmung, zu entscheiden, wo und mit wem man sein Kind bekommt. Sogar hier in Berlin, der Hochburg der Hausgeburtshilfe, ist das de facto nicht mehr m├Âglich. Besonders die Belegkolleginnen leiden darunter. Sie begleiten die Beleggeburten, gehen mit den Frauen gemeinsam ins Krankenhaus und machen dort eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Es ist so, dass die Belegkolleginnen pro Geburt deutlich weniger verdienen, als die Hausgeburtshebammen und die Geburtshaushebammen. F├╝r elf Stunden Arbeit liegen die bei genau 237,85 Euro.

AVIVA-Berlin: Sind die Beleghebammen von den jeweiligen Krankenh├Ąusern angestellt?

Susanna Rinne-Wolf: Nein, sie haben Vertr├Ąge mit diesen Krankenh├Ąusern. Das hei├čt, wir haben einen Vertrag, dass wir mit unseren Frauen zu diesen Krankenh├Ąusern in den Kreissaal gehen und dort die Ausstattung nutzen d├╝rfen. Je nach Haus und je nach Vertrag ist es dann so, dass wir entweder verpflichtet sind, dem Arzt Bescheid zu sagen, oder eben auch nicht. Aber wir machen die ganze Betreuung. Das Krankenhaus kann die Geburt ├╝ber die Krankenkasse bis zu einem bestimmten Satz daf├╝r abrechnen, dass sie zwar kein Personal f├╝r die Geburt stellen, sondern nur die R├Ąumlichkeiten. Falls etwas schief laufen sollte, dann ist da nat├╝rlich ein Hintergrundteam. Die Kollegin, die da ansonsten wirklich die Arbeit macht, das sind acht Stunden Betreuung w├Ąhrend der Wehen, bis das Kind dann kommt, plus drei Stunden Nachbetreuung, daf├╝r bekommt sie dann diese 237,85 Euro. Brutto. Davon muss sie dann diese Haftpflichtpr├Ąmie bestreiten. Man kann sich ja ausrechnen, wie viele Geburten sie betreuen m├╝sste, allein um ihre Haftpflichtversicherung zu bezahlen.

Es ist in Deutschland per Gesetz so geregelt, dass eine Hebamme nur mit g├╝ltiger Haftpflichtversicherung f├╝r den Bereich, in dem sie arbeitet, auch t├Ątig sein darf, das ist auch gut so. Das ist ein riesiger Stolperstein. Wir haben da auch sehr gek├Ąmpft, unsere E-Petition von 2010 war die erfolgreichste Petition, die es jemals gab! Wir haben innerhalb k├╝rzester Zeit alle Mitzeichner gehabt, mehr als jede andere Petition. Es war ganz klar, dass es von der Bev├Âlkerung auch wirklich sehr gew├╝nscht ist, dass eine wohnortnahe Versorgung mit Hebammen geleistet werden kann und dass dies einen gro├čen Stellenwert hat. Das ist eine gro├če Anerkennung f├╝r unseren Berufsstand, und trotzdem hat sich nichts ger├╝hrt. Das Einzige, was dann passiert ist, und auch das nur nach etlichen Nachfragen und ordentlichem Druck unsererseits, war, dass ├╝ber ein Jahr sp├Ąter ein Gutachten ├╝ber die Einkommenssituation freiberuflicher Hebammen und ├╝ber den Versorgungsstand der Frauen mit Hebammen in Deutschland in Auftrag gegeben wurde. Der zweite Teil steht noch aus, offenbar gibt es da keine Bestrebungen. Der Einkommensstand wurde ermittelt, zwar mit einem uns├Ąglichen Fragebogen, aber mit einer Beteiligung, die ausreicht, um es auswerten zu k├Ânnen. Wir sind sehr gespannt, was mit den Ergebnissen dann passiert, denn wir haben unsere internen Hochrechnungen schon seit Jahren, wir haben sehr genau geschaut, wie viel man brutto verdient und was muss man davon abgeben, wie viele Stunden arbeitet man daf├╝r? Nat├╝rlich auch, wie viel man dann netto unter dem Strich hat. Da sind wir auf etwa 7,50 Euro pro Stunde gekommen, f├╝r einem Beruf, in dem man Verantwortung f├╝r mindestens zwei Menschenleben hat (Anm. der Red.: Diese Berechnungen wurden seitdem in der IGES-Studie best├Ątigt). Die Studie, die vom Bundesministerium f├╝r Gesundheit in Auftrag gegeben wurde, liefert dann endlich eine offizielle Zahl, gerade, da wir ab Juli 2012 von diesen 7,50 Euro noch mal fast 1.000 Euro mehr im Jahr bestreiten m├╝ssen.

Wir hoffen, dass sich dann da etwas tut, denn so kann es nicht weitergehen. Wir hatten bereits Vorschl├Ąge vorgelegt, wie das Ganze ├╝ber einen steuerfinanzierten Fonds abgewickelt werden k├Ânnte, die Kolleginnen, die jetzt aufh├Âren mussten, h├Ątten dadurch sagen k├Ânnen "Ich biete meine Arbeit weiter an und die Haftpflichtpr├Ąmie wird aus diesem Fonds finanziert". Wir sind auf komplett taube Ohren gesto├čen.

AVIVA-Berlin: Dabei w├Ąre die Unterst├╝tzung aus der Bev├Âlkerung ja da.

Susanna Rinne-Wolf: Ja, absolut. Das w├Ąre wirklich nicht das Problem, wir sind zwar eine Berufsgruppe, mit der man nur ├╝ber einen sehr kleinen Abschnitt in seinem Leben zu tun hat, aber nichtsdestotrotz ist es einer von dem wirklich jeder sagt, dass es wichtig ist. Es ist wichtig, dass man eine gute Begleitung und Betreuung hat, dass man jemanden hat, der einem dann zur Seite steht. Bis auf die paar Leute, die immer noch sagen "Wie, Hebamme? Das gibt┬┤s noch? Wir haben doch ├ärzte!" Da pochen wir dann immer auf die Hinzuziehungspflicht, in Deutschland ist es schlie├člich gesetzlich geregelt, dass keine Geburt ohne Hebamme l├Ąuft. Die ├ärzte d├╝rfen das gar nicht, au├čer im Notfall, die sind nur f├╝r die Pathologie zust├Ąndig.

AVIVA-Berlin: Welche Art Ausbildung muss frau absolvieren, um sich Hebamme nennen zu d├╝rfen?

Susanna Rinne-Wolf: Es gibt unterschiedliche M├Âglichkeiten. Wir streben eine hundertprozentige Akademisierung an. Im Moment ist es noch so, dass die meisten Kolleginnen eine dreij├Ąhrige Berufsausbildung machen. Die Abschlusspr├╝fung besteht aus einem m├╝ndlichen, einem schriftlichen und praktischen Teil. Sie muss au├čerdem noch eine bestimmte Anzahl von Betreuungen in den unterschiedlichen Bereichen nachweisen, bevor sie dann die Berufsbezeichnung "Hebamme" f├╝hren darf. Es gibt aber auch mittlerweile die M├Âglichkeit, prim├Ąrqualifizierende und duale Studieng├Ąnge zu belegen, wo man dann einen Bachelor-Abschluss macht und danach die Option hat, einen Master-Abschluss draufzusetzen. Inzwischen sind die ersten Professorinnen f├╝r Hebammen an den Hochschulen. Das entspricht auch sicherlich der Richtung, in die es gehen muss, weil es einfach ein sehr verantwortungsvoller Beruf ist. Wenn man es realistisch betrachtet haben die Kolleginnen, die in den letzten Jahren in die Ausbildung gegangen sind, sowieso alle die Hochschulreife gehabt. Wir sind der einzige medizinale Fachberuf, der nicht nach ├Ąrztlicher Anweisung, sondern selbst├Ąndig arbeitet. Schwangerschaft und Geburt ist unser Fachgebiet, nicht das der Gyn├Ąkologen. Der Beruf erfreut sich nach wie vor einer so gro├čen Beliebtheit, dass wir nie Rekrutierungsprobleme hatten.

AVIVA-Berlin: Es sei denn, die Frauen k├Ânnen dann von ihrer Arbeit nicht mehr lebenÔÇŽ

Susanna Rinne-Wolf: Das ist es, wobei, auch die Kolleginnen, die jetzt in die Ausbildung gehen, machen das sehenden Auges. Die wissen, dass die Chancen hinterher echt miserabel sind, dass sie schlecht verdienen, dass sie unmenschliche Arbeitszeiten haben werden, das ist denen klar, und trotzdem wollen sie es machen! Ich glaube, das ist einer unserer gro├čen Stolpersteine, denn wir alle lieben unseren Beruf so sehr, dass der Umkehrschluss ist "Na, mit denen kann man┬┤s ja machen" Wir wehren uns allerdings gut dagegen, der Deutsche Hebammenverband hat einen Preis f├╝r die beste Interessenvertretung eines Berufsverbandes f├╝r seine Mitglieder bekommen.

AVIVA-Berlin: Ist der Beruf "Familienhebamme" eine Weiterbildung der Hebamme?

Susanna Rinne-Wolf: Das ist eine Zusatzqualifikation. Es ist von Bundesland zu Bundesland etwas anders, die meisten orientieren sich aber an den Empfehlungen des Deutschen Hebammenverbandes. Es m├╝ssen mindestens 200 Stunden Fortbildung gemacht werden, es qualifiziert zus├Ątzlich f├╝r die Betreuung von Familien mit einer besonderen Problematik, zum Beispiel minderj├Ąhrige M├╝tter oder drogenabh├Ąngige Eltern, k├Ârperlich oder geistig behinderte Eltern. Wir fungieren quasi als sehr niedrigschwelliges aufsuchendes Angebot im ersten Lebensjahr des Kindes, wir d├╝rfen auch l├Ąnger bleiben. Frauen, die es mangels Informationen aus ihren eigenen M├Âglichkeiten heraus nicht schaffen, das Gesundheits- und Vorsorgesystem so f├╝r sich und ihre Kinder zu nutzen, wie es ihnen eigentlich zusteht. Wir haben es auch mit Frauen zu tun, die h├Ąusliche Gewalt erleben, ich kann von denen nicht erwarten, dass sie ihre Rechte auf dem Schirm haben und sie dann, neben dem Baby, auch umsetzen. Die brauchen ganz klar jemanden, der sich ein bisschen auskennt. Und wenn es nur ist, zu sagen "Komm, wir gehen jetzt gemeinsam zur Vorsorgeuntersuchung", damit sie ├╝berhaupt dort ankommen.

AVIVA-Berlin: K├Ânnten Sie beschreiben, wie Ihr typischer Arbeitstag aussieht?

Susanna Rinne-Wolf: Fr├╝her, als ich nur freiberuflich gearbeitet habe, hat mein Tag so ausgesehen, dass ich morgens um halb acht mit meinen Kindern das Haus verlassen habe, sie zur Schule gebracht habe und so gegen acht Uhr beim ersten Hausbesuch war. Dann machte ich bis etwa vier Uhr im Stundentakt Hausbesuche, sammelte die Kinder wieder ein, brachte sie nach Hause, machte danach noch ein bis zwei Hausbesuche, kochte zu Hause, half bei Hausaufgaben, ging ins Bett und hoffte, dass das Telefon nicht mitten in der Nacht klingelt, weil eine Frau Wehen hat. Ich bin alleinerziehend, und das geht alles nat├╝rlich nur, wenn die Kinder bereits etwas ├Ąlter sind.

AVIVA-Berlin: Was lieben Sie an Ihrem Beruf am meisten?

Susanna Rinne-Wolf: Was ist das Beste...? Ich finde es jedes Mal wieder ein ganz enormes Privileg, dass ich dabei sein darf, wenn ein kleiner Mensch in seiner Familie ankommt. Ich meine nicht nur die Geburt, sondern die Zeit danach, zu sehen, wie dieses gesamte System, das vorher da war, komplett aufweicht, um Platz f├╝r dieses neue kleine Menschlein zu machen, wie sich dann alles neu zusammen sortiert und neu findet. Sie kommen ja auch wirklich schon mit so viel Pers├Ânlichkeit auf die Welt und haben so viel Eigenes, was sie mitbringen, dass man erst einmal gucken muss, wer bist denn du eigentlich, wie bist du drauf, bist du eher auf Krawall geb├╝rstet oder ganz entspannt? Ich habe immer den Eindruck, die werden uns geschickt, um uns all die Sachen beizubringen, die wir noch nicht k├Ânnen.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r Ihre Zeit!

Susanna Rinne-Wolf: Sehr gerne!


Weitere Informationen finden Sie unter:

Versorgungs- und Verg├╝tungssituation in der au├čerklinischen Hebammenhilfe. Ergebnisbericht f├╝r das Bundesministerium f├╝r Gesundheit (IGES Institut, 19. M├Ąrz 2012)

Presseinformation des Deutschen Hebammenverbands vom 1. Juli 2012:
Hebammen aus der Region sind richtig sauer - Verg├╝tungsverhandlungen zwischen Kassen und Hebammenverb├Ąnden scheitern vorerst

Berliner Hebammenverband e.V.

www.facebook.com/HebammenfuerDeutschland

www.hebammenfuerdeutschland.de

Deutscher Frauenrat

Hebammenausbilder ├╝ber Kostendebatte: "Das ist ein Luxus obendrauf" (TAZ, erschienen 11. Juli 2012)

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Aufruf: Endspurt - Ihre Stimme f├╝r die Hebammen

Annette Kerckhoff - Heilende Frauen. Ärztinnen, Apothekerinnen, Krankenschwestern, Hebammen und Pionierinnen der Naturheilkunde

Public Affairs Beitrag vom 10.08.2012 Britta Meyer 





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