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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 13.01.2014

B├╝ndnis kritischer Kulturpraktiker_innen interveniert bei Fachtagung Mind the Gap - Zugangsbarrieren zu kulturellen Angeboten und Konzeptionen niedrigschwelliger Kulturvermittlung
Katarina Wagner

Gut situierte ┬┤hochgebildete┬┤ wei├če Menschen reden dar├╝ber, warum in der deutschen (Hoch-)Kulturlandschaft vor allem gut situierte ┬┤hochgebildete┬┤ wei├če Menschen zu sehen sind. Die ┬┤Betroffenen┬┤...



...und ExpertInnen aus der kritischen Kulturarbeit, wurden zwar nicht an das Podium gebeten, bahnten sich aber trotzdem den Weg in die Tagung, um auf strukturellen Rassismus, Sexismus, Klassismus und Ableismus hinzuweisen und respektvolle Repr├Ąsentation und Teilhabe zu fordern.

Wichtige Fragen, aber wer kann sie beantworten?

"Warum besuchen z.B. gerade junge Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund aus nicht westlichen Herkunftsl├Ąndern, Menschen mit Behinderung und viele Menschen mit geringen Eink├╝nften klassische Kultureinrichtungen besonders selten?
Welche Formen von Kulturvermittlung sind geeignet, ├Âffentlich gef├Ârderte Kulturinstitutionen zu partizipativen und Gemeinschaft stiftenden Orten f├╝r ein vielf├Ąltiges Publikum zu machen?"


Diese Fragen sollten am 9. und 10. Januar 2014 auf der Fachtagung, organisiert durch die Universit├Ąt Hildesheim und die Kulturloge Berlin, besprochen werden.Auf der ReferentInnenliste fanden sich jede Menge "Prof. Dr.", davon aber keine People of Color, keine KulturpraktikerInnen, keine Menschen, die mit wenig Einkommen leben und keine ExpertInnen mit Behinderung.
Das JugendtheaterB├╝ro Berlin war zuerst ins Publikum eingeladen, dann aber doch unter der Begr├╝ndung des Platzmangels wieder ausgeladen worden.

Auch schien sich die Konferenz eher darum zu drehen, welche Strategien die bisher Ausgeschlossenen als G├Ąste ins Theater, in die Oper oder in Museen locken k├Ânnten. Wie Hindernisse bei der Teilhabe an den Produktionen selbst abzubauen seien, stand erstmal nicht auf der Tagesordnung. Von strukturellem Rassismus, Sexismus, Klassismus und Ableismus war im Einladungstext nirgends zu lesen. Zudem war die Tagung an sich nicht barrierefrei: der Teilnahmebeitrag lag bei vierzig Euro, es wurde keinE Geb├ĄrdendolmetischerIn oder Sprach├╝bersetzung bereitgestellt und keine Kinderbetreuung angeboten.

"Sie haben mich zwar nicht eingeladen, aber ich bin trotzdem gekommenÔÇť ÔÇô Widerstand gegen die "wei├čen Mittelschichts-Ghettos"

Auf diese L├╝cken, beziehungsweise Verfehlungen, der Tagung wiesen die Mitglieder des B├╝ndnisses kritischer Kulturpraktiker_innen hin, als sie am Donnerstag die B├╝hne einnahmen und dabei auch gleich die selbstorganisierte Fachtagung ank├╝ndigten ÔÇô um danach geschlossen den Saal wieder zu verlassen.

Die spontane Einladung der Tagungsleitung, jetzt doch dazubleiben und in einen Dialog zu treten, wurde abgelehnt und stattdessen zur Pressekonferenz am Freitag auf den Stufen des Deutschen Theaters gebeten. Dort entrollte das B├╝ndnis eine etwa zwei Meter lange Liste mit Namen von WissenschaftlerInnen und ExpertInnen of Color und anderen PraktikerInnen, welche die Universit├Ąt Hildesheim und die Kulturloge Berlin h├Ątten einladen k├Ânnen und SprecherInnen erl├Ąuterten das Programm der geplanten eigenen Konferenz "Mind the Trap ÔÇô Vermittlungsstrategien zur ├ťberwindung von diskriminierenden Strukturen in deutschen Kulturinstitutionen".

In Workshops soll es um verschiedene Themen gehen:

Doing Representation: Rassismuskritische Ans├Ątze und Critical Whiteness in den visuellen und Bildenden K├╝nsten mit Natalie Bayer (Migrationsforscherin / Kuratorin) und Sandrine Micoss├ę-Aikins (Kunstwissenschaftlerin / Kuratorin / Aktivistin.
Un-doing Representation: Intervention und kritische Diskurse im Theater ÔÇô von B├╝hnenwatch ├╝ber G├Âthe Protokoll bis Von welchem Theater tr├Ąumen wir? mit Christian Diaz (Billeteur / Aktivist), Tuncay Acar (Kulturschaffender) und Atif Hussein (Regisseur / Szenograph / Autor).
Developing Representation: Theaterp├Ądagogik vs. Coaching mit ├ç├Ż├░├Żr ├ľzyurt (Theaterp├Ądagoge JugendtheaterB├╝ro Berlin / Musiker), Nils Erhard (P├Ądagoge JugendtheaterB├╝ro Berlin) und Bassam Ghazi (Theaterp├Ądagoge).
Claiming Representation: Wer darf sich wie auf der B├╝hne vertreten und ab wann ist es Kunst? mit Laura Werres (Theaterp├Ądagogin Theater RambaZamba), Ahmed Shah (k├╝nstlerischer Leiter des JugendtheaterB├╝ros Berlin) Emre Akal (Autor / Regisseur) und Azadeh Sharifi (Kulturwissenschaftlerin).
Strategies of Representation: Netzwerke und Plattformen ÔÇô von KulT├╝r Auf! ├ťber migrantenstadl zu Integrier-Bar mit Jugendlichen des JugendtheaterB├╝ros Berlin, Tunay ├ľnder (Soziologin / Bloggerin migrantenstadtl) und Peter Arun Pfaff (Journalist / Dokumentarfilmer Integrier-Bar).

Weiterhin Diskussionsbedarf: Rassismus im deutschen Kulturbetrieb

Die Veranstaltung, dessen Datum und Ort noch bekannt gegeben wird, richte sich nicht nur gegen die stattgefundene Tagung am Deutschen Theater, sondern m├Âchte kritische Fragen in Bezug auf den gesamtdeutschen Kulturbetrieb aufwerfen.

Repr├Ąsentation steht nicht umsonst im Fokus von Mind the Trap. Nicht nur fehlt die Vielfalt der deutschen Gesellschaft auf den B├╝hnen und den Regiepl├Ątzen der so genannten Hochkultur, dort werden auch immer noch St├╝cke mit rassistischen Inhalten unreflektiert und unkommentiert aufgef├╝hrt und auch die Praxis des Blackface ist trotz wiederholtem Protest lebendig geblieben.

Unter anderem das Schlosspark Theater, das Deutsche Theater und zuletzt auch die Fernsehshow "Wetten Dass..." l├Âsten mit Blackface ├Âffentliche Diskussionen und Aufschreie aus.

In allen F├Ąllen wurde der Rassismusvorwurf in den Medien nur unzureichend und zudem meist aus der Sicht von VertreterInnen der wei├čen deutschen Mehrheitsgesellschaft
besprochen und zu oft relativiert. Der Kolumnist Harald Martenstein bezeichnete in der ZEIT sogar die GegnerInnen des Blackfacing als getarnte RassistInnen und suggerierte herablassend, dass es schlimmer sei, als RassistIn bezeichnet, als von Rassismus verletzt zu werden.

Wenn sich wei├če Menschen anmalen um auf der B├╝hne Schwarze Personen darzustellen, dann steht das in der Tradition der US-amerikanischen Minstrel Shows aus dem 19. bis Anfang 20. Jahrhundert, in denen sich wei├če SchauspielerInnen schminkten um Schwarze M├Ąnner und Frauen auf zutiefst rassistische Weise zu karikieren. Auch wenn es von den Darstellenden "nicht negativ gemeint ist", l├Ąsst sich diese Verbindung nicht l├Âsen.
Die Praktik f├╝hrt zudem nicht nur zur weiteren Ausgrenzung und verletzender und verzerrender Miss-Repr├Ąsentation von People of Color und Schwarzen Menschen, sondern stellt Schwarzsein als Kost├╝m dar. Ein Kost├╝m, welches sich wei├če Personen tempor├Ąr aneignen und `in eine Rolle schl├╝pfen` k├Ânnen, wobei ihr eigenes Wei├čsein als der Standard angenommen wird und damit als gesellschaftliche Position mit all ihren Privilegien unsichtbar bleibt.

Diese rassistische und einseitig rassifizierende Logik, welche Schwarze und People of Color st├Ąndig als das "Andere" und die Wei├čsein als Ma├čstab und damit als "neutrale Position" festsetzt, f├╝hrt im akademischen Bereich dazu, dass st├Ąndig vermeintlich "objektive" ÔÇô ├╝bersetzt: wei├če ÔÇô WissenschaftlerInnen und ExpertInnen ├╝ber die "Anderen" forschen, deren eigene Perspektive und Arbeit als "zu subjektiv" vernachl├Ąssigt und ausgegrenzt wird.

Die deutsche Mehrheitsgesellschaft muss ihre Blindheit gegen├╝ber Marginalisierung ├╝berwinden und strukturelle Diskriminierung endlich abbauen

Die fehlende Reflexionsf├Ąhigkeit machte sich auch bei der Pressekonferenz am Freitag bemerkbar. Zwar gesellte sich die Tagungsleitung nicht zu den zirka f├╝nfzig Personen vor den Toren des Deutschen Theaters, einige TeilnehmerInnen wagten sich aber doch nach drau├čen in die windig-kalte Luft. Es fielen vorwurfsvolle Fragen, warum sich die Mitglieder des B├╝ndnisses denn dem Dialog am Vortag verschlossen h├Ątten, worauf die SprecherInnen st├Ąndig wiederholen mussten, dass sie sich nicht im Nachhinein von der Tagung vereinnahmen lie├čen, sondern endlich mit ihren Qualifikationen und ihren Kenntnissen an das Podium gerufen werden sollten. Es sei schlie├člich nicht die erste Veranstaltung dieser Art, zu der marginalisierte Menschen nicht eingeladen wurden und auch nicht die erste zu der solch ein Protest stattfand. Zuletzt wagte sich dann doch die Pressesprecherin der Kulturloge Berlin, Miriam Kremer, an das Mikrofon. Auf die Frage, warum denn hier keine People of Color Vortr├Ąge hielten, wirft sie zur├╝ck, was das denn mit der Hautfarbe zu tun h├Ątte.

An diesen Tagen ist leider wieder einmal sichtbar geworden, dass die Vielfalt in der deutschen Gesellschaft unter den Eliten nicht nur ausgegrenzt bleibt, sondern bestimmte Bev├Âlkerungsgruppen, beziehungsweise in verschiedene Kategorien gruppierte Menschen, (allen voran People of Color und Menschen mit Behinderungen*) oft schlichtweg keine Anerkennung als wichtige Gespr├ĄchspartnerInnen finden. Interventionen und Proteste bleiben dringend notwendig, damit auf solchen Tagungen, die in politische Entscheidungen und Geldervergabe einwirken, nicht am Problem vorbei und ├╝ber die K├Âpfe der Betroffenen hinweg konferiert wird.

Weitere Infos unter:

www.mindthetrapberlin.wordpress.com

Aufnahme der Pressekonferenz des B├╝ndnis Mind the Trap am 10.Januar vor dem Deutschen Theater

www.theater-rambazamba.org

www.integrier-bar.de

www.grenzen-los.eu/jugendtheaterbuero

www.dasmigrantenstadl.blogspot.de

www.buehnenwatch.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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Public Affairs Beitrag vom 13.01.2014 Katarina Wagner 





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