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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 27.05.2014

├ľffentlicher B├╝rgergarten der Erinnerung an die j├╝dische Familie Barasch - Aufruf an alle Berlinerinnen und Berliner
Barbara Gstaltmayr

Ein "├ľffentlicher B├╝rgergarten der Erinnerung" in der Wissmannstra├če 11 oder warum der ├Ąlteste angelegte Garten in Grunewald nicht zerst├Ârt werden darf. Initiative und Beitrag von Barbara Gstaltmayr



Am 8. Mai 1945 ankert ein portugiesischer Frachter mit 20 Passagieren im Hafen von Philadelphia (USA). Die meisten Menschen an Bord sind Fl├╝chtlinge aus allen Teilen Europas. Unter ihnen befindet sich auch der 26 j├Ąhrige Werner Barasch. Nach sieben Jahren Umherirrens durch Italien, Frankreich und Spanien, wo er etliche Male aus Internierungs- und Konzentrationslagern entfloh, gelangt er endlich zu seiner Mutter Irene Barasch-Haas und seiner Schwester Else.

Werner Barasch war bereits 1934 von seinem Vater, dem j├╝dischen Kaufmann Artur Barasch, nach Italien geschickt worden. Dort sollte er, so schreibt er in "Entronnen", seiner autobiographischen Skizze ├╝ber die Jahre der Verfolgung, seine Schulausbildung beenden und ein Studium aufnehmen.1938 besteht er die Pr├╝fung am K├Âniglichen Gymnasium im Rom. Artur Barasch kann zur Feier nicht kommen, denn j├╝dische Reisende werden besonders verfolgt. Werners Mutter jedoch, gerade aus Amerika zur├╝ckgekehrt, wo Werners Schwester Else ein Stipendium bekommen hatte, reist an. Inmitten der ├ťberlegungen, ob Werner in Italien bleiben oder besser zu Verwandten in die Schweiz gehen soll, trifft die Nachricht ein: die Mutter kann nicht nach Berlin zur├╝ck.

Artur Barasch hatte vor dem Ersten Weltkrieg das Warenhaussystem in Deutschland eingef├╝hrt. 1921 war er mit seiner Familie von Breslau nach Berlin-Grunewald gezogen und hatte dort das Grundst├╝ck Wissmannstra├če 11 mit Villa, Gartenhaus und Garten gekauft. Um seiner Familie den dauerhaften Verbleib au├čerhalb Deutschlands zu erm├Âglichen, muss er Geld aufbringen. Am 5. Mai 1939 erwirbt der Bauunternehmer Franz Grossmann f├╝r 70.000 RM die Wissmannstra├če 11. Nach Abzug einer Hypothek erh├Ąlt Barasch 30.000 RM. Davon muss er sofort zahlen: Reichsfluchtsteuer und Judenverm├Âgensabgabe. 4735 RM sind der sp├Ąrliche Rest.
Zwischen 1941 und 1942 wird sein Verm├Âgen sukzessive beschlagnahmt. Mit dem Vorwurf eines Devisenvergehens konfrontiert, wird er 1941 zu sechs Monaten Haft in Pl├Âtzensee verurteilt. Wenig sp├Ąter wird er in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Am 6. April 1942 wirft sich Artur Barasch dort in den elektrischen Stacheldrahtzaun.

Irene Barasch-Haas und ihre Kinder Werner und Else bleiben nach dem Krieg in Kalifornien. Am 1. Juni 1950 stellt Irene Barasch-Haas beim Treuh├Ąnder der Amerikanisch-Britisch-Franz├Âsischen Milit├Ąrregierung den Antrag auf R├╝ckerstattung der Wissmannstra├če 11. Diese hatte das Grundst├╝ck als Zwangsverkauf mit der Begr├╝ndung "ungerechtfertigter Entziehung durch erzwungenen Vertrag" unter ihre Kontrolle genommen. Sein derzeitiger Besitzer Franz Grossmann versucht der R├╝ckerstattung zu entgehen. Der Verkauf habe zur Aufrechterhaltung des luxuri├Âsen Lebensstils Baraschs gedient, der Verkaufspreis h├Ątte den damals ├╝blichen Preisen entsprochen.

Das Gericht gibt dazu ein Gutachten in Auftrag. Die von der Familie beauftragte Firma Investa sch├Ątzt Garten, Villa und Gartenhaus auf 100.000 RM. Das Gericht folgt dieser Ansicht nicht. Am 11. November 1952 verzichtet Irene Barasch-Haas auf die R├╝ckerstattung und l├Ąsst sich auf einen Vergleich ein. Grossmann wird zur Nachzahlung von 8.000 DM verpflichtet. Der Fall Wissmannstra├če 11 in Berlin-Grunewald ist f├╝r die Familie Barasch erledigt.

Die letzte Nachkriegs-Eigent├╝merin des Grundst├╝cks ist Margarete Heinze-Grossmann. 2007 muss sie Villa und Gartenhaus verkaufen. Der Erl├Âs dient der Sicherung ihrer letzten zwei Lebensjahre in einem Seniorenheim. Bei ungekl├Ąrter Erbschaftslage wird das 1.500 qm gro├če Gartengrundst├╝ck vom Amtsgerichts Berlin am 1. April 2014 f├╝r 1.550.000 Euro an den Berliner Immobilienmakler und Bauherrn Ralf Schmitz verkauft, der auf dem Grundst├╝ck eine Luxusvilla erbauen m├Âchte.
Am 6. Januar 2014 telefoniere ich zum ersten Mal mit Toni Ross, der Enkelin von Artur Barasch. Ich berichte ihr von meiner Initiative zur Rettung des Gartens ihrer Familie durch die Umwandlung in einen "├Âffentlichen B├╝rgergarten der Erinnerung". Am anderen Ende der Leitung zuerst gro├čes Erstaunen: "Sie kennen die Geschichte meiner Familie? Woher, seit wann?" Dann Freude: "Was f├╝r eine phantastische Idee, den Garten zu retten!" Ich erz├Ąhle ihr: "Der Garten ist der wahrscheinlich ├Ąlteste angelegte Garten im Grunewald, entstanden 1891/92. ├ťber 130 Jahre alte B├Ąume stehen hier."




Mit dem Anliegen, die Familie Barasch zu ehren, so erf├Ąhrt sie von mir, war ich im Dezember zu Ralf Schmitz Immobilien gegangen. Mir wurde eine Gedenktafel an der neuen Villa in Aussicht gestellt, die auf die Familie verweist. Doch das erschien mir keine befriedigende L├Âsung. Seither k├Ąmpfe ich um die Rettung des Gartens. Bei einem zweiten Besuch berichte ich Ralf Schmitz Immobilien von meiner Vision des B├╝rgergartens. Dort signalisiert mir ein Mitarbeiter: W├╝rde ich einen zahlungskr├Ąftigen Unterst├╝tzer finden, der die Kaufsumme f├╝r den Garten aufbringt, k├Ânnte ich die Idee des B├╝rgergartens realisieren.

Am 14. M├Ąrz 2014 fand die erste Gedenkfeier statt. Sie enthielt alle Bestandteile der Vision des B├╝rgergartens. Eine Woche zuvor habe ich mit Nachbarn und dreizehn Jugendlichen den Garten aufger├Ąumt. Dabei erz├Ąhlte ich den jungen Leuten vom j├╝dischen Leben in Berlin vor dem 2. Weltkrieg, vom Leid der Familie Barasch durch Vertreibung, Flucht, Not, Konzentrationslager und Tod, von der Rettung, wie sie Werner Barasch in seinem Buch beschreibt und ├╝ber die Gespr├Ąche mit Toni Ross. Gemeinsames Arbeiten im Garten, gepaart mit politischer Bildung f├╝r Demokratie und gegen rechtes Gedankengut, das ist elementarer Teil der Idee.

Einen solchen "├ľffentlichen B├╝rgergarten der Erinnerung" gibt es in Berlin nicht. Einen Garten, in dem sich Berliner B├╝rger und B├╝rgerinnen aktiv an der Pflege und Bewahrung beteiligen k├Ânnen, in dem sich Jugendliche k├╝nstlerisch mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander setzen, dem Erinnern widmen und in dem wieder Kinder spielen wie einst Else und Werner.

Noch stehen die B├Ąume, noch kann der Garten gerettet werden. Was es daf├╝r braucht? Berliner B├╝rgerinnen und B├╝rger, Pers├Ânlichkeiten aus Politik und Gesellschaft, die mit Gestaltungswillen und ÔÇôfreude der Idee zum Leben verhelfen. Noch ist Zeit. Doch sie eilt.

Weitere Informationen: www.buergergartenwissmannstrasse.wordpress.com


Quellen: Gespr├Ąche mit Toni Ross, "Entronnen" von Werner Barasch, Verlag Haag + HERCHEN (Hanau) Landesarchiv Berlin.
Copyright Foto: Familie Barasch




Public Affairs Beitrag vom 27.05.2014 AVIVA-Redaktion 





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