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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 07.02.2010

Schockierende Reaktionen auf geplante Umbenennung des Gr├Âbenufers in May-Ayim-Ufer
Claire Horst

Bereits im Mai 2009 hat die Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg die Umbenennung der Stra├če beschlossen. Am 27. Februar 2010 soll der Beschluss umgesetzt werden. Denn...



... der Name der Stra├če geht auf Otto Friedrich von der Groeben zur├╝ck, einen deutschen Kolonialisten, der f├╝r den Tod zehntausender Menschen in Ghana mitverantwortlich ist. Der 1728 gestorbene Gr├Âben etablierte die brandenburgisch-preu├čische Festung "Gro├č-Friedrichsburg" im heutigen Ghana. Sie diente sp├Ąter als Basis f├╝r den europ├Ąischen Sklavenhandel.

Bis heute gibt es keine nennenswerte ├Âffentliche Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte und kaum ein Bewusstsein daf├╝r, dass es eine solche ├╝berhaupt gegeben hat. In Berlin ist das Gr├Âbenufer daher auch nicht die einzige Stra├če, die an die koloniale Vergangenheit Deutschlands bzw. Preu├čens erinnert: Etwa das afrikanische Viertel in Wedding, die Mohrenstra├če in Mitte und zahlreiche weitere Stra├čennamen zeigen, dass ein Umdenken noch nicht eingesetzt hat. Ebenso wie immer noch Stra├čennamen an Nationalsozialisten erinnern, sind auch Kolonialisten weiterhin im Stadtbild vertreten.

Dabei gibt es durchaus eine rechtliche Grundlage f├╝r die Forderung nach der Umbenennung: Laut Paragraph 5 des Berliner Stra├čengesetzes k├Ânnen Namen dann ersetzt werden, wenn "diese nach heutigem Demokratieverst├Ąndnis negativ belastet sind und die Beibehaltung nachhaltig dem Ansehen Berlins schaden w├╝rde."

Dass May Ayim anstelle des Kolonialisten Groeben einer Stra├če ihren Namen geben soll, ist in diesem Zusammenhang mehr als gerechtfertigt. Die 1960 geborene Lyrikerin und P├Ądagogin geh├Ârte zu den Gr├╝ndungsmitgliedern der Initiative Schwarzer Deutscher und gab 1986 das Buch "Farbe bekennen" ├╝ber die Geschichte afrodeutscher Frauen mit heraus. Darin enthalten war ihre Diplomarbeit zum Thema Rassismus. Die Arbeit war mit der Begr├╝ndung abgelehnt worden, in Deutschland gebe es keinen Rassismus, h├Âchstens Fremdenfeindlichkeit. Sp├Ąter arbeitete Ayim als Logop├Ądin und Lehrbeauftragte und war in der internationalen schwarzen Frauenbewegung engagiert. May Ayim nahm sich 1996 das Leben. Ein Grund f├╝r ihre Depressionen war neben ihrer Erkrankung an Multipler Sklerose die allt├Ągliche Erfahrung von Rassismus.

Nach langj├Ąhrigen Bem├╝hungen von antirassistischen Gruppen hatten SPD, Gr├╝ne und Linke in der Bezirksverordnetenversammlung im Mai 2009 die Umbenennung beschlossen. P├╝nktlich zur offiziellen Umbenennung melden sich nun Stimmen, die May Ayim pers├Ânlich diffamieren und die Auswirkungen des deutschen Kolonialismus herunterspielen. Wenn etwa der renommierte Historiker G├Âtz Aly in der Berliner Zeitung vom 2. Februar behauptet, die "deutsch-afrikanische" Schriftstellerin (die in Deutschland geboren und aufgewachsen war) habe "wenig ├╝berzeugend" gedichtet und "einiges Beachtenswertes ├╝ber Rassismus" geschrieben, ist das allein schon unertr├Ąglich herablassend. Groeben dagegen wird bei Aly zu einem "S├Âldner, Abenteurer und Forschungsreisenden", der eben mal "Afrika bereiste" und dabei so nebenher "zum Mitbegr├╝nder der 1683 errichteten brandenburgischen Minikolonie Gro├čfriedrichsburg" wurde. Eine Minikolonie also, warum dann die ganze Aufregung? Und dass Groeben sich f├╝r das "friedliche Zusammenleben von Polen und Deutschen" einsetzte, soll zus├Ątzlich zu seiner Verteidigung dienen - so schlimm kann er ja dann nicht gewesen sein.

Dass G├Âtz Aly gegen die Umwertung der Geschichte eintritt und daf├╝r pl├Ądiert, auch die negativen Spuren im Stadtbild zu belassen, sei ihm erlaubt. Vielleicht l├Ąsst sich ja tats├Ąchlich dar├╝ber streiten, ob eine Adolf-Hitler-Stra├če das Bewusstsein f├╝r historische Ereignisse wach halten w├╝rde. Dass er aber aus diesem Grund historische Fakten umdeutet und den Kolonialismus klein redet, ist ihm nicht zu verzeihen.

Leider ist Aly nicht der Einzige. Auch in der Faz vom 8. Januar 2010 findet sich ein Artikel, der in der Umbenennung nichts weiter finden kann als "ein St├╝ck linkes Biedermeier", passend zum Kreuzberger Biotop aus "Frauenbuchl├Ąden und Selbsthilfegruppen". Widerw├Ąrtig ist die Gelassenheit, mit der der gesamte Artikel dar├╝ber hinweggeht, um wen es sich bei Groeben ├╝berhaupt handelt. Ein paar Verr├╝ckte k├Ąmpften da f├╝r einen Stra├čennamen, das alles sei nur parteipolitisches Gekl├╝ngel, und weder die minderwertige Autorin Ayim noch der gar nicht so schlimme Groeben seien die Aufregung wert.

Wie hier von Mehrheitsdeutschen ├╝ber die mehrheitsdeutsche Vergangenheit gesprochen wird, ist erschreckend. Anscheinend wird schon eine derart winzige Ver├Ąnderung wie die Umbenennung einer 100 Meter langen Stra├če, in der h├Âchstens zehn H├Ąuser stehen, als bedrohlich empfunden. Warum diese Aggression gegen├╝ber einer politisch engagierten Dichterin, warum der Hass auf antirassistische K├Ąmpfe? Zu hoffen bleibt, dass Aktionen wie die Umbenennung zu einem langsamen Umdenken f├╝hren werden.

Auf der Seite www.m-strasse.de findet sich ein Dossier zu den Berliner Stra├čennamen mit kolonialistischer oder nationalsozialistischer Herkunft.

Weitere Infos unter:

Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland

blog.derbraunemob.info (mit Kommentarm├Âglichkeit)

Public Affairs Beitrag vom 07.02.2010 Claire Horst 





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