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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 05.03.2010

Neue Liste von Todesopfern rechtsextremer und rassistischer Gewalt im MÀrz 2010 veröffentlicht
Nadja Grintzewitsch

Seit der deutschen Wiedervereinigung sind nach Angaben der Amadeu Antonio Stiftung 149 Menschen bei körperlichen Attacken, gezielten BrandanschlÀgen oder infolge schwerer Misshandlungen gestorben.



Seit ihrer GrĂŒndung 1998 ist es das Hauptanliegen der Amadeu Antonio Stiftung, den demokratischen Grundgedanken zu stĂ€rken und die Opfer rassistischer oder rechtsextremer Übergriffe nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. HierfĂŒr unterstĂŒtzt sie mit finanziellen Mitteln Initiativen und Kampagnen gegen Extremismus und AuslĂ€nderInnenfeindlichkeit. Im April 2003 startete in Kooperation mit dem Stern die Internet-Plattform www.mut-gegen-rechte-gewalt.de, auf der aktuelle Informationen zum Thema Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus angeboten werden.

Der Namensgeber der Stiftung, Amadeu Antonio Kiowa, wurde am 25. November 1990 im brandenburgischen Eberswalde von 50 Rechtsextremen angegriffen und ins Koma geprĂŒgelt. Elf Tage spĂ€ter starb der 28-jĂ€hrige Afrikaner in einem Krankenhaus an den Folgen seiner Verletzungen. Der Fall sorgte bundesweit fĂŒr Empörung. Auf der neu veröffentlichten Liste steht Kiowa gleich an zweiter Stelle, er gilt als eines der ersten Opfer rechter Gewalt nach der Wende.

Es ist zu befĂŒrchten, dass die Anzahl der TodesfĂ€lle durch eine hohe Dunkelziffer noch weitaus grĂ¶ĂŸer ist. Viele AnschlĂ€ge wurden des Nachts und in Abwesenheit von ZeugInnen verĂŒbt. Auch wĂŒrden in den offiziellen Statistiken der Bundesregierung viele Opfer nicht genannt: "Es mĂŒssen auch die Taten hinzugezĂ€hlt werden, denen rassistische Motive zu Grunde liegen, ohne dass TĂ€terinnen oder TĂ€ter auf den ersten Blick als Rechtsextreme zu erkennen wĂ€ren", erklĂ€rt Timo Reinfrank, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Amadeu Antonio Stiftung. "Denn auch sie sind Opfer menschenfeindlicher Gewalt und wir wollen nicht, dass sie vergessen werden." Daher werde die Liste stĂ€ndig weiter ergĂ€nzt.

Die Schicksale der ermordeten Menschen wurden so genau wie möglich recherchiert. Sie wurden gehetzt, gequĂ€lt und umgebracht, weil ihre MörderInnen sie als "minderwertig" erachteten. Viele TathergĂ€nge wurden in den Medien publik, wie im Falle des 28-jĂ€hrigen Farid Guendoul alias Omar ben Noui, der auf der Flucht vor elf Rechtsextremen durch eine GlastĂŒr sprang und verblutete. Die meisten Morde blieben jedoch unbekannt.
AuffĂ€llig ist: 65 der 149 tödlichen AnschlĂ€ge wurden unmittelbar nach der Wende oder in den darauf folgenden fĂŒnf Jahren verĂŒbt. Als Opfer suchten sich die oftmals jugendlichen TĂ€terInnen bevorzugt Menschen aus, die einen sozial schwĂ€cheren Status besaßen, als wohnungs- oder arbeitssuchend galten. So auch Emil Wendtland aus Neuruppin, welcher am 1. Juli 1992 von drei Skinheads zusammengeschlagen und anschließend erstochen worden war. Zuvor hatten sich seine Mörder gezielt zum gemeinsamen "Penner klatschen" verabredet. Emil Wendtland wurde 50 Jahre alt.

Neben AsylbewerberInnen und MigrantInnen waren es vor allem Homosexuelle, Angehörige der linken Szene, Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, Juden und Sinti, die aus menschenfeindlichen Motiven heraus ermordet wurden. Doch auch MĂ€nner und Frauen, die in bedrohlichen Situationen Zivilcourage zeigten, gerieten ins Visier der TĂ€terInnen. Als Neonazis am 11. Oktober 1992 ein Lokal im sĂ€chsischen Geierswalde ĂŒberfielen, versuchte die Aushilfskellnerin Waltraud Scheffler zu vermitteln. Daraufhin wurde sie mit einer Holzlatte so heftig am Kopf getroffen, dass sie elf Tage spĂ€ter ihren Verletzungen erlag.

"149 rechtsextreme und rassistische TodesfĂ€lle fĂŒhren uns das ganze Ausmaß der rechtsextremen Bedrohung in Deutschland vor Augen. Die TodesfĂ€lle sind der traurige Höhepunkt rechtsextremer Gewalt, die in vielen deutschen StĂ€dten alltĂ€glich ist." resĂŒmiert Reinfrank.
In vielen FĂ€llen legten sich die MörderInnen völlig abstruse BegrĂŒndungen fĂŒr ihre Taten zurecht, wohl um die wahren Gesinnungen zu vertuschen. Am 9. August 2002 wurde der 19-jĂ€hrige Lehrling Ahmet Sarlak auf einem Volksfest im saarlĂ€ndischen Sulzbach von einem Rechtsextremisten mit fĂŒnf Messerstichen in Bauch und Brust getroffen. Er starb einen Tag spĂ€ter an seinen schweren Verletzungen. Als Motiv gab der TĂ€ter an, Sarlak hĂ€tte ihn mit seiner weggeschnippten Zigarettenkippe getroffen.

Die vollstÀndige Liste finden Sie unter: www.mut-gegen-rechte-gewalt.de

Die Amadeu Antonio Stiftung im Netz: www.amadeu-antonio-stiftung.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Holger Kulick und Toralf Staud - Das Buch gegen Nazis

Bessere BekÀmpfung des Antisemitismus gefordert (2009)

Antisemitismus in Deutschland (2008)

Public Affairs Beitrag vom 05.03.2010 AVIVA-Redaktion 





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