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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 22.02.2004

Ziele nachhaltiger Entwicklung aus Genderperspektive
Gerlinde Behrendt

Expertinnen aus den Bereichen Verkehr, Stadtentwicklung und Umweltschutz diskutierten am 18. 2. in Berlin √ľber die Durchsetzung von Frauenthemen in den bisher m√§nnerdominierten Ressorts



Ein Ziel der Bundesregierung ist es, die k√ľnftige Entwicklung des Landes unter dem Leitmotiv der Nachhaltigkeit zu gestalten. Mobilit√§t, Stadtenwicklung, soziale Systeme sollen so weiterentwickelt werden, dass sie ressourcenerhaltend und somit zukunftsf√§hig sind. Die Nachhaltigkeitsziele werden z.Zt. evaluiert und sollen um neue Themen erweitert werden. Das Thema Geschlechtergerechtigkeit spielte bisher nur eine untergeordnete Rolle. Aus diesem Grund stellte eine Expertinnenrunde unter Leitung der Moderatorin Ulrike R√∂hr von genanet, der Leitstelle Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit, Forderungen f√ľr die Bundesregierung vor. Die Fragen: N√ľtzt oder schadet nachhaltige Entwicklung den Frauen? Haben Frauen √ľberhaupt geschlechtsspezifische Interessen in den verschiedenen Planungsbereichen? Ergeben sich durch die Aktivit√§ten von Frauen in Beruf, Haushalt und Freizeit andere Anforderungen z.B. an nachhaltige Stadtplanung? Die Fachtagung von genanet sollte dazu beitragen, den Stand der bisher erarbeiteten Positionen zusammenzutragen und die Probleme in den jeweiligen Bereichen zu diskutieren.

Uta Bauer, B√ľro f√ľr integrierte Planung, Berlin, erl√§uterte aus Planerinnensicht die Nachhaltigkleitsproblematik am Beispiel "Fl√§chenverbrauch". In Deutschland wird pro Kopf und Jahr zunehmend Grund und Boden f√ľr unterschiedliche Zwecke gebraucht bei gleichzeitig fallendem Bev√∂lkerungswachstum. Die Fl√§chen werden genutzt z.B. f√ľr die Produktion und f√ľr die Landwirtschaft. Hauptwachstumsfaktor war in den letzten Jahren aber der Fl√§chenverbrauch durch den privaten Hausbau. Ideal w√§re es, m√∂glichst viel freien Raum zu erhalten. So ist ein Kritikpunkt "nachhaltiger" StadtplanerInnen auch die "Suburbanisierung", die Zersiedelung der Stadtrandgebiete durch den fl√§chenintensiven Bau von Einfamilienh√§usern. Die kompakte, nutzungsgemischte Stadt, die "Stadt der kurzen Wege" ist auch seit langem eine Forderung feministischer Planerinnen. Allerdings m√ľsse bei einer Verknappung der Ressourcen, insbesondere in St√§dten mit Wachstumsdynamik, auf soziale Verdr√§ngungseffekte geachtet werden. Diese betreffen in der Mehrzahl Frauen, weil sie durchschnittlich weniger Einkommen als M√§nner haben. Umgekehrt m√ľsse in "schrumpfenden" St√§dten darauf geachtet werden, dass die verbleibenden BewohnerInnen nicht ihren Fl√§chenbedarf ausweiten.

Aber nutzt das "Einfamilienhaus auf der gr√ľnen Wiese" nicht den Familien - also auch den Frauen? Ja und nein. Frauen sind einerseits Leidtragende einer schlecht ausgebauten st√§dtischen Infrastruktur und deshalb h√§ufig die Haupttriebkr√§fte bei dem Wegzug in¬īs Umland. Auf der anderen Seite wird beobachtet, wie gerade in Berlin eine Bewegung zur√ľck in die Innenst√§dte zu verzeichnen ist. Die R√ľckkehrerInnen sind vor allem Frauen, weil sie von den l√§ngeren Anfahrtswegen und von der Isolation in ihrer d√∂rflichen Umgebung am st√§rksten betroffen sind.

√úber R√§ume zu verf√ľgen bedeutet, Einfluss, Handlungsoptionen und Lebensqualit√§t zu haben. Es gibt kaum gesicherte Daten, noch weniger genderspezifische Untersuchungen dar√ľber, wie Fl√§chen und R√§ume unter M√§nnern und Frauen aufgeteilt sind. Die Auswahlkriterien √ľber die Nutzung st√§dtischer Fl√§chen werden jedoch vorrangig von M√§nnern in Politik, Verwaltungen und Wirtschaft getroffen. Die unterst√ľzten vorrangig das von den Bausparkassen propagierte klassische hierachische Familienmodell mit Eigenheim im Gr√ľnen: so werden bisher Eigenheimbesitzer und Pendler (MIV - motorisierter Individualverkehr) mit fiskalischen Mitteln - durch Steuereleichterungen - unterst√ľtzt, w√§hrend alleinerziehende Frauen mit Kindern, alleinstehende Frauen mit geringen Einkommen, die in der Stadt zur Miete wohnen und den Bus (√ĖPNV - √∂ffentlicher Personennahverkehr) benutzten, bei Steuererleichterungen und in der Wohneigentumsf√∂rderung leer ausgehen.

Forderungen der Planerinnen bestehen hinsichtlich des Forschungsbedarfs: notwendig ist eine genderspezifische Datenerhebung, es m√ľssen Gender-Impact- Analysen im Hinblick auf Geschlecht, Alter, Einkommen f√ľr alle Reformvorhaben erstellt werden. F√ľr das Ziel der Fl√§chenreduzierung z.B. sind kostenneutrale Ma√ünahmen wie zielgruppenspezifisches und nachfrageorientiertes Bestandsmanagement zu erw√§gen: regionale Umzugsb√∂rsen, Umzugshilfen f√ľr √§ltere Menschen, Unterst√ľtzung von Nachbarschaftsinitiativen. Um letztlich eine gerechte Ressourcenverteilung zu erm√∂glichen, wird angemessene Repr√§sentanz der Geschlechter in allen Entscheidungsgremien notwendig sein.

√Ąhnliche Defizite benannten die Expertinnen aus den Bereichen Verkehr und Umweltpolitik. Die Vertreterin aus dem f√ľr Erneuerbare Energien zust√§ndigen Referat im Umweltministerium, Nicole Wilke, versprach der Expertinnenrunde, dass in ihrem Ressort k√ľnftig Datenerhebungen genderspezifisch vorgenommen werden sollen.

Auf die Forderung nach mehr Zugang von Frauen zu den politischen Entscheidungsgremien konnten sich schlie√ülich alle beteiligten Fachfrauen der veschiedenen Ressorts einigen. Dr. Angelika Zahrnt, Vorsitzende des Bundes f√ľr Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), und Mitglied im Rat f√ľr Nachhaltige Entwicklung wies auf H√ľrden hin, die immer noch √ľberwunden werden m√ľssen: "Auch bei den nachtr√§glichen Berufungen in den Nachhaltigkeitsrat sind wieder vor allem M√§nner ernannt worden. Und es ist in diesem Land nicht so, dass man deswegen schlechte Presse bef√ľrchten muss."

Die Positionspapiere im einzelnen sind im Internet abrufbar: http://www.genanet.de

Public Affairs Beitrag vom 22.02.2004 Gerlinde Behrendt 





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