Frauen und MĂ€nner in Krieg und Frieden - wie entwickelten sich die Rollenzuweisungen in den vergangenen 100 Jahren? - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Public Affairs
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

Finanzkontor
AVIVA-Berlin > Public Affairs AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Politik + Wirtschaft
   Diskriminierung
   Veranstaltungen in Berlin
   Kultur
   JĂŒdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.05.2003

Frauen und MĂ€nner in Krieg und Frieden - wie entwickelten sich die Rollenzuweisungen in den vergangenen 100 Jahren?
Gerlinde Behrendt

Krieg und MilitÀr erlebten in den letzten Jahren einen Boom in Deutschland - als Forschungsgegenstand. Eine Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung fragte nach der Genderperspektive des Pazifismus



Die Fernsehbilder aus dem Irak-Krieg gaben der Zuschauerin zu denken: an der Front waren weitgehend MĂ€nner zu sehen, beschĂ€ftigt mit der "sauberen" KriegfĂŒhrung - Leidensbilder waren weitgehend ausklammert - Frauen und Kinder sah man im Krankenhaus oder beim Schlangestehen nach Lebensmitteln oder Medikamenten. Aber ist das wirklich die RealitĂ€t im Krieg? Oder sitzen wir einmal mehr der interessegeleiteten Propaganda der Kriegsparteien auf? Sind Frauen nur Geiseln und Opfer und mĂŒssen von MĂ€nnern wahlweise befreit oder beschĂŒtzt werden? Journalistinnen und Wissenschaftlerinnen wollen diese Rollenverteilung so nicht mehr akzeptieren. Opfer ist im Krieg immer die Zivilbevölkerung (KollateralschĂ€den!) - nicht alle MĂ€nner sind Soldaten und umgekehrt sind auch Frauen als Soldatinnen an Kriegshandlungen direkt beteiligt. Doch diese schwer auszurĂ€umenden Klischees haben eine lange Tradition.

Frauenforschung und die deutsche Angst, nicht ernst genommen zu werden

Ist "gender" ĂŒberhaupt eine Kategorie der Friedens- und Konfliktforschung? Im Vergleich zur internationalen Forschung gab es in Deutschland lange Zeit große Bedenken. Galt es doch, die Existenzberechtigung von Friedensforschung erst einmal nachzuweisen, die Angst, durch "Frauenthemen" nicht ernst genommen zu werden, war hierzulande immer stark ausgeprĂ€gt. Hanne-Margret Birckenbach vom Schleswig Holstein Institute for Peace Research fĂŒhrte eindrĂŒcklich aus, mit welchen Hemmnissen und Selbstblockaden Frauen zu kĂ€mpfen hatten. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die UnterreprĂ€sentation von Frauen und von genderanalytischen Themen ein Defizit bei der Friedensforschung ist. Es besteht bereits Nachfrage nach speziell dafĂŒr ausgebildeten Frauen in internationalen Organisationen. Frau Birckenbach schreibt eine lange Wunschliste fĂŒr die Forscherinnen: Die Entwicklung von Methoden zur Kombination von Gender Analyse mit der Konfliktanalyse steht an vorderster Stelle.

Thomas KĂŒhne, einer der ersten "MĂ€nnerforscher", rĂ€umte ein, dass die historische Friedensforschung kaum Forschungsergebnisse zum Gender-Aspekt vorzuweisen hat. Er benannte Analyse-Aufgaben: vor allem, den Prozess der Abwertung des Krieges in Deutschland international vergleichend zu untersuchen. Mittlerweile ist hier die normative Orientierung am Frieden so stark ausgeprĂ€gt, dass es zu einem dichotomischen Weltbild gefĂŒhrt hat: Frieden ist das Gute, Krieg das Böse. Diese Unterscheidung ist undifferenziert und spĂ€testens dann hinfĂ€llig, wenn frauenspezifische Menschenrechtsverletzungen - wie im ehemaligen Jugoslawien - als hinreichender Grund fĂŒr eine militĂ€rische Intervention akzeptiert werden.

Pazifistinnen in der Weimarer Republik: Sachlicher Frieden - emotionaler Krieg

Dass in Deutschland die Geschichte des Pazifismus mit Geschlechtsrollenbildern eng verknĂŒpft war, illustrierte Jennifer Davy von der Technischen UniversitĂ€t Berlin an einem Diskurs zwischen Carl von Ossietzky und Bertha von Suttner. Der "WeltbĂŒhnen"-Herausgeber Ossietzky kritisierte 1924 Suttners Roman "Die Waffen nieder!" aus dem Jahre 1913 als "sentimentalitĂ€tsgeladen", weil sie angesichts von Kriegsfotos ihre ErschĂŒtterung artikulierte. In der traditionellen bĂŒrgerlichen Rollenvorstellung dieser Zeit wurde eine frauenspezifische AffinitĂ€t zum Frieden unterstellt: MĂŒtter wissen menschliches Leben besser zu schĂ€tzen, daher brauche man mĂŒtterliche Funktionen bei der Erhaltung des Staates - MĂ€nner hingegen hatten wehrhaft und kriegsbereit zu sein. Völkisch-national gesinnte Theoretiker - bis nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland unter MĂ€nnern der "mainstream" - warnten ihre Geschlechtsgenossen daher vor fortschreitender EntmĂ€nnlichung. Umgekehrt bewirke der Pazifismus bei den Frauen, dass sie sich wie Mannweiber benehmen.
Bertha von Suttner nahm in der Debatte von Anfang an eine klare Stellung ein: es dĂŒrfe keine Tabuisierung bei der Schilderung der Auswirkungen des Krieges geben. Nicht Frieden sei unvernĂŒnftig, der Krieg ist es. Ossietzkys Diskurs zeigt die Suche nach neuer MĂ€nnlichkeit in Abgrenzung von weiblicher EmotionalitĂ€t. Was konnte er den zeitgenössischen MĂ€nnern zumuten? Vom Standpunkt der Genderdiskussion aus gesehen ist der Beitrag von Ossietzky nur vor dem Hintergrund des damaligen herrschenden Diskurses zu verstehen, der von einem völkisch-nationalen MĂ€nnerbild geprĂ€gt war.

EierwĂŒrfe vor dem Amerikahaus: Aus "lieben MĂ€dchen" wurden Verfassungsfeindinnen

Die Soziologin und Journalistin Ute KÀtzel leitete die Diskussion zur 68er Friedens- und Protestbewegung ein.Sie bezeichnete die Massenmedien als ein neues PhÀnomen bei der Entstehung der studentischen und jugendlichen Protestkultur: In Wochenmagazinen veröffentlichte brutale Bilder aus dem Vietnamkrieg trugen bei zur Entstehung einer Anti-Kriegs-Bewegung, die sich spÀter zu einem militanten Anti-Amerikanismus entwickelte. Man entdeckte die Medienwirksamkeit dieser Demonstrationen, 5 Eier auf das Amerikahaus waren interessanter als alle politischen ErklÀrungen des Protests.

Aber wie pazifistisch war die "68er-Bewegung" wirklich? Herbert Marcuse hatte die Opposition aller Studenten gegen den Vietnam-Krieg als "moralische Pflicht" erklĂ€rt. Tatsache ist auch, dass junge MĂ€nner nach Berlin zogen, um nicht Soldat zu werden. Friedlich war aber dieser Protest von Anfang an nicht, es gab hartes Eingreifen der Polizei. Die Elterngeneration hatte nach dem 2. Weltkrieg und spĂ€testens nach dem Bau der Berliner Mauer ein positives Amerikabild entwickelt und war bereit, den Vietnamkrieg zu unterstĂŒtzen. Eine wichtige Rolle spielten auch Erfahrungen der jungen Generation mit der nicht aufgearbeiteten Vergangenheit der Eltern. Die Erziehung war autoritĂ€r und von der Nazizeit geprĂ€gt. Die VĂ€ter forderten Respekt von Kindern und Frauen. Als Folge wurden nun alle AutoritĂ€ten in Frage gestellt - einschließlich der LegitimitĂ€t des Staates. Zur Gewalt entwickelte sich eine pragmatische Einstellung. Gewalt gegen Sachen - ja, Gewalt gegen Menschen - nein, aber gegen Polizisten - ja.

Frauen waren in der Protest-Bewegung zwar auch benachteiligt, hatten aber hier mehr Einfluss als in der offiziellen Politik. Sie beteiligten sich - aus Überzeugung und mit viel Engagement - an gewalttĂ€tigen Aktionen. Aus "lieben MĂ€dchen" wurden unversehens Verfassungsfeindinnen. Frauen der 68er Bewegung berichten heute, dass Militanz Teil der persönlichen Befreiung war. Identifikationsfiguren des Protests waren jedoch immer MĂ€nner. Dutschke erklĂ€rte öffentlich: die Frauenproblematik sei kein grundlegender gesellschaftlicher Konflikt. SpĂ€ter wurde daraus: der Hauptwiderspruch sei in der Klassengesellschaft zu suchen, die Frauenemanzipation sei ein Nebenwiderspruch.

Plötzlich wollten alle Opfer sein

Brenda Davis von der Rutgers University, New Jersey,
stellte dar, wie sich aus dem 68er Protest in den 70er und 80er Jahren eine Friedensbewegung gegen den Nato-NachrĂŒstungsbeschluss und eine parallele Frauenbewegung entwickelte. Ein heftiger Streit entspann sich - hauptsĂ€chlich zwischen der Organisation "Frauen fĂŒr den Frieden" und Alice Schwarzers feministischer Frauenzeitschrift "Emma" - als Schwarzer forderte, Frauen mĂŒssten gleiche Rechte und Pflichten in der Bundeswehr haben. Schwarzer verwies auf die beruflichen Möglichkeiten fĂŒr Frauen und die Notwendigkeit, sich an institutioneller Gewalt zu beteiligen, um nicht als die ewigen Opfer zu verharren. Die Friedensfrauen postulierten demgegenĂŒber, dass Frieden wichtiger sei als Gleichheit. Interessant war auch, dass die Opferrolle allmĂ€hlich den weiblichen Charakterzug verlor: Die mĂ€nnlichen Gegner der Nato NachrĂŒstung legten den grĂ¶ĂŸten Wert auf die Selbststilisierung als potentielle Opfer eines Atomkriegs.

Ein anderer Aspekt der wechselseitigen Beeinflussung der Frauen- und Friedensbewegung dieser Zeit war die öffentliche Diskussion von power-gender-relationships, von Gewaltproblemen in privaten Beziehungen. Von der Frauenbewegung wurde die Parole von der "Verweigerung des Alltagskriegs" erfunden. Dieser öffentliche Diskurs ĂŒber eine modernere "zivilisierte" Beziehungskultur hat sich nachhaltiger als viele andere Strategien auf das Selbstbild heutiger MĂ€nner in Deutschland ausgewirkt.

Gender Diskurs - Perspektive zur Befriedung von Gewaltkulturen?

Frieden bleibt auch heute noch eine Aufgabe. In den Medien erregen Kriege oder zwischenstaatliche Gewaltkonflikte immer mehr Aufmerksamkeit als BĂŒrgerkriege oder innerstaatliche Auseinandersetzungen. So gab es z.B. wĂ€hrend des Irak-Kriegs 44 andere innerstaatliche Kriege, bei denen es 7 Millionen Tote gegeben hat. Beim Zusammenbruch staatlicher Strukturen geht das Gewaltmonopol meistens an selbsternannte "Warlords" ĂŒber. Die LebensrealitĂ€t in solchen Situationen stellt sich fĂŒr Frauen und MĂ€nner sehr unterschiedlich dar. Ein weiterer Problembereich sind Nachkriegregelungen, die hĂ€ufig ohne die Sichtweisen von Frauen ausgehandelt werden. MĂ€nner, die Kriege planen, planen hinterher auch den Frieden. Diese MilitĂ€rlogik muss durchbrochen werden. Wie zur Zeit im ehemaligen Jugoslawien mĂŒssen Probleme militarisierter mĂ€nnlicher Gewaltkulturen öffentlich diskutiert werden. Posttraumatische Erlebnisse in Nachkriegszeiten werden meistens in der PrivatsphĂ€re ausgetragen, gegen Frauen gerichtete Gewalt gerĂ€t zunehmend in Gefahr, nicht mehr wahrgenommen zu werden. Frauen spielen aber auch hier aktive Rollen, indem sie, z.B. durch Erziehung, mĂ€nnliche Gewaltmuster unterstĂŒtzen.

In Hilfsorganisationen sind "Gender Issues" ebenso Thema, das Personal muss genderpolitisch geschult werden, um fĂŒr spezifische Problemlagen von Frauen sensibilisiert zu werden. MĂ€nner wie auch Frauen in internationalen Organisationen haben in den ehemaligen Kriegsgebieten Vorbildfunktion und reprĂ€sentieren die Dominanzkultur. So können MĂ€nner durch unbedachtes Verhalten die Neuenstehung von Prostitution fördern, wie z.T. im ehemaligen Jugoslawien geschehen. Eingreiftruppen mĂŒssen ausdrĂŒcklich den Auftrag erhalten, Sexualverbrechen zu verhindern, falls sie selbst darin verwickelt sind, gehören auch Blauhelmsoldaten vor ein Kriegsverbrechertribunal.

Martina Fischer vom Berghof Forschungszentrum fĂŒr Konstruktive KonfliktbewĂ€ltigung, Berlin, befasst sich mit der Evaluierung von Maßnahmen der Friedensförderung. Sie erklĂ€rte auf der Fachtagung, dass es einen fundamentalen Unterschied macht, ob Frauen beteiligt werden oder nicht. Sie forderte ein "Gender Impact Assessment": Nachkriegsordnungen mĂŒssen sowohl unter örtlichen Gemeinschaften als auch auf zentraler Ebene ausgehandelt werden, es muss vermieden werden, dass an Menschenrechtsverletzungen Beteiligte in Entscheidungspositionen kommen. In allen Ebenen mĂŒssen Frauen beteiligt sein, ExistenzgrĂŒndungsprogramme mĂŒssen speziell auch fĂŒr alleinerziehende Frauen ausgelegt werden. Vor allem die physische Sicherheit von Frauen muss gewĂ€hrleistet werden. Vorteile, die Frauen im Krieg erhalten haben z.B. bessere berufliche Positionen, dĂŒrfen ihnen nach dem Krieg nicht wieder genommen werden. Ziel solcher peace-building Kampagnen ist die Geschlechterdemokratie, wobei in vielen religiös geprĂ€gten LĂ€ndern die kulturelle LegitimitĂ€t von FrauenunterdrĂŒckung hinterfragt werden soll, gleichzeitig aber nach dem "do-no-harm" Ansatz keine neuen Konflikte durch Überforderung geschaffen werden dĂŒrfen.

Fazit: Im Bereich der historischen Untersuchung des Pazifismus ebenso wie bei der wissenschaftlichen Analyse und Begleitung aktueller Konfliktlagen erweist sich, dass die Bearbeitung vieler frauenspezifischer Themen immer noch aussteht Es gibt in internationalen Organisationen bereits Bedarf an qualifizierten Frauen, doch in Deutschland muss - im Vergleich zum internationalen Ausbildungs- und Forschungsstand - erst noch aufgeholt werden.

Also: Wichtige Zukunftsaufgaben fĂŒr interessierte Frauen in der Konflikt- und Friedensforschung!

Public Affairs Beitrag vom 16.05.2003 Gerlinde Behrendt 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken