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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 25.03.2004

Was kostet ein Schnitzel wirklich
Anne Winkel

"Foodwatch-Report √ľber falsche Preise, wahre Kosten und die Sinnlosigkeit von moralischen Appellen an die Verbraucher". Vergleichsstudie von konventionellen und √∂kologischen Produktionsbedingungen



"Die Preise an der Fleischtheke am Supermarkt l√ľgen, weil verzerrte Wettbewerbsbedingungen f√ľr konventionelle und √∂kologische Produkte vorherrschen" , so zieht "foodwatch e. V." Bilanz aus der Studie "Was kostet ein Schnitzel wirklich?" - erstellt vom "Institut f√ľr √∂kologische Wirtschaftsforschung" (I√ĖW).

Laut "I√ĖW" und "foodwatch" weise ihre Untersuchung zwei wesentliche M√§ngel auf dem Weg des (√Ėko)Schweins zu den VerbraucherInnen nach: unterschiedliche Grundlagen zum Einen in der Produktion und zum Anderen innerhalb des Vertriebs. Im Vergleich zu einem Kilo herk√∂mmlichem Schnitzel habe √Ėkofleisch einen Mehrpreis von bis zu 90%, denn w√§hrend VerbraucherInnen f√ľr ein Kilo konventionelles Schweinefleisch im Schnitt 7 Euro zahlen, sind es beim Biofleisch rund 13 Euro.

Basierend auf den Ergebnissen der "Was kostet ein Schnitzel wirklich?"-Studie hat Foodwatch drei wesentliche Forderungen an die Politik:

    1. Die Anwendung des Verursacherprinzips: "Wer Schaden macht, muss auch daf√ľr zahlen", so foodwatch-Gesch√§ftsf√ľhrer Bohde, z. B. durch Pestizidabgaben
    2. Die Senkung der Vertriebskosten f√ľr √Ėkofleisch
    3. Werbung als Wertgebung und Kennzeichnung f√ľr Qualit√§tsfleisch (und damit verbunden: die Abschaffung der CMA)
Grundlage dieser Forderungen sind folgende Aspekte von Herstellung und Verkauf des Fleischs:

Produktionsbedingungen (Forderung: Verursacherprinzip) :
Bei der Herstellung von √∂kologischem Fleisch fallen die Kosten f√ľr Futter, Ferkel, Mastdauer, Haltung Personal, die bei √Ėkobauern h√∂her aus (z. B. wegen der l√§ngeren Mastdauer, tiergerechten Haltung, weniger maschineller Abfertigung). Diese Mehrkostenm√ľssen die LandwirtInnen selbst decken. Umweltkosten dagegen, die bei herk√∂mmlichen Bauern erheblich gr√∂√üer sind, werden von SteuerzahlerInnen getragen (z. B. Treibhauseffekt, Wasserverschmutzung mit Phosphaten, Nitraten und Pflanzenschutzmitteln). Rechnet man diese Kosten in den Verkaufspreis eines Schnitzels mit ein, so m√ľsste das Fleisch um ein Drittel teurer werden.

Vertriebsbedingungen (Forderung: Senkung der Kosten) :
Des Weiteren sei das √Ėkoschnitzel so teuer, weil den Biobetrieben "keine effektiven Vertriebswege" zur Verf√ľgung stehen. "√Ėkofleisch ist ein Nischenprodukt innerhalb des hochgradig rationalisierten Systems heutiger Schweinefleischproduktion". Daraus resultieren die hohen Kosten f√ľr den Vertrieb (Kleinmengenzuschl√§ge f√ľr gesonderten Transport, Schlachtung, Zerlegung und Verteilung in den L√§den). Auch der Umstand, dass nur die H√§lfte eines √Ėkoschweins als Bioware vermarktet werden kann, tr√§gt zum Mehrpreis bei.

W√ľrden die Unterschiede in Produktion und Vertrieb ausgeglichen, k√∂nnte der Preisunterschied von besagten 90% auf 14% gemindert werden, einer Differenz, die von qualit√§tsorientierten VerbraucherInnen gerne in Kauf genommen w√ľrde.

Werbung und Etikettierung (Forderung: Wertgebung):
Ein weiteres Problem sieht "foodwatch e. V." in der Werbung. Fleischprodukte werden ohne Qualit√§tsmerkmale angepriesen. Die halbstaatliche "Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft" (CMA) werbe laut foodwatch mit unsinnigen Slogans - nach dem Muster "Fleisch macht lustig". (Spot und Plakatkampagne unter www.cma.de). K√§uferInnen bleibe so nur der Preisvergleich zur Kaufentscheidung. Unter den Werbeaspekt f√§llt auch die fehlende Etikettierung der Fleischwaren. KundInnen erhalten keine brauchbaren Informationen zu Herkunft, Tierhaltung, F√ľtterung, Tiertransport. Denn "wenn Fleisch Fleisch ist, ist der Preis entscheidend", konstatiert "foodwatch"-Gesch√§ftsf√ľhrer Bohde. Es finde eine "bewusste Verdummung der Verbraucher" statt.

"Die Agrarwende ist ja ein ehrenwertes Ziel, aber sie findet nicht statt", klagt Bohde weiter, denn die Politik setze an der falschen Stelle an. Renate K√ľnasts Appelle an die Verbraucher (Stichwort: "Schn√§ppchendebatte") und die Forderung einer Erziehung der Kinder zu bewusster Ern√§hrung sei zwar gut gemeint, greife aber nicht und k√∂nne keinesfalls zur 2001 geplanten Steigerung des Anteils von √Ėkolandbau von damals 3% auf 20% innerhalb von 10 Jahren f√ľhren. Die ungleichen Wettbewerbsbedingungen (Produktion, Vertrieb) f√ľhren zum Preisunterschied auf unterschiedlicher Basis. Unqualifizierte Werbung unterstreicht die fehlende Nachfrage, statt sie zu f√∂rdern.

Dass ein fairer Wettbewerb zwischen √∂kologischen und konventionellen Produkten m√∂glich ist, zeige das Beispiel der Supermarktkette "Edeka Nord", auf das "foodwatch" wiederholt verweist. Bei Edeka Nord k√∂nnen K√§uferInnen Biofleisch neben herk√∂mmlichen Fleisch zu moderaten Preisaufschl√§gen erwerben. "Der Thekenpreis f√ľr ein Kilo √Ėko-Schweineschnitzel betr√§gt bei Edeka Nord 8,50 Euro/kg. Die Preisdifferenz zum konventionellen Fleisch bel√§uft sich damit auf nur 1,50 Euro oder 22 Prozent" . Grund hierf√ľr lege in der F√ľhrung der Filialen durch selbstst√§ndige Kaufleute, die keinen strengen Vorgaben von Konzernzentralen folgen m√ľssen.

Geht man von der Annahme aus, dass die "foodwatch-Forderungen" umgesetzt werden: W√ľrde sich dann die Angleichung zwischen √Ėko- und konventionellen Produktpreisen nicht auch im wesentlichen auf die Erh√∂hung der konventionellen Fleischpreise st√ľtzen? Kann sich ein sozial schw√§cherer B√ľrger, dann noch Fleisch leisten? F√ľr normal und besserverdienende VerbraucherInnen, die bereit sind, f√ľr Bioprodukte etwas mehr zu zahlen ergeben sich bei der Minimierung der Preisdifferenz unbestreitbar Vorteile. Sie sind bereit f√ľr vermeintlich bessere Qualit√§t auch etwas mehr zu zahlen. Doch schlechter Verdienende haben keinen finanziellen Freiraum f√ľr diese Entscheidung.

Auch das etwas verzweifelte Pochen auf das Positivbeispiel von Edeka Nord, ist im Falle einer Durchsetzung des Verursacherprinzips mit anderen Augen zu betrachten. Der Kernpunkt des erfolgreichen Absatzes von Biofleisch an der Edeka-Theke beruht auf dem Kernpunkt Vertrieb. Wenn erhebliche Umweltkosten auf konventionelle Betriebe zukommen, wird dann dieses Fleisch bei Edeka teurer werden als das ökologische Schweineschnitzel? Sicher wäre der zwangsläufige Schritt einer ökonomisch ausgerichteten Supermarktkette die Erhöhung des Bioschnitzelpreises. Zwar sehen Vertreter von foodwatch die Gefahren der Macht von Supermarktketten, jedoch nur im allgemeinen Druck auf die Bauern.

Hinzu kommt der EU- und internationale Handel. Wenn die Preise f√ľr konventionelles deutsches Fleisch steigen, wird wahrscheinlich mehr aus anderen L√§ndern importiert werden, die keine Umweltkosten zu Lasten der Landwirte legen und so weiterhin billige und dennoch gleichwertige Lebensmittel bieten.
Gefahr der Macht von Supermarktketten

Richtig bemerkt Matthias Wolfschmidt, dass es sich bei Agrarreformen um einen langen Prozess handelt. Angesprochen wird auch das Problem der Arten. Die gehaltenen Schweinerassen unterscheiden sich zwischen √∂kologischem und herk√∂mmlichen Betrieb kaum bis gar nicht. Die Geschmacksunterschiede sind einfach noch nicht gro√ü genug. Wenn "foodwatch"-Gesch√§ftsf√ľhrer Bohde aber f√ľr eine Qualit√§tswerbung pl√§diert, so ist sicher nicht nur Tierhaltung, Futter, usw. entscheidend, sondern vor allem der Geschmack. Ist kein Geschmacksunterschied erkennbar, so werden die wenigstens VerbracherInnen einsehen, zum (wenn auch nur noch 14 %) teureren Produkt zu greifen. Die Stiftung Warentest hat in einer Befragung von 11/2003 herausgefunden, dass der Geschmack von Schweinefleisch willk√ľrlich variiert. Mal ist das Bioprodukt besser, mal das konventionell produzierte Schweiner√ľckensteak. "Der Preis ist kein verl√§ssliches Ma√ü f√ľr Qualit√§t. Gutes Fleisch kann teuer, aber auch billig sein" (siehe www.stiftung-warentest.de)

Die von Bohde ge√§u√üerte Kritik an der CMA Werbung ist nicht nachvollziehbar. Dass Werbung zum Verkauf f√ľhren soll ist das leitende Prinzip. Medienwirkungsforschungen zeigen, dass emotionale Werbung weit erfolgreicher ist als Werbung, die den Intellekt anspricht. Auch der gezogene Vergleich zu Mercedes (Bohde behauptet Mercedes w√ľrde sich auch nicht durch "Mercedes Fahren macht lustig" verkaufen) erscheint unsinnig, denn gerade solche, die positiven Emotionen ansprechenden Werbungen sind verkaufsf√∂rdernd.

Des Weiteren stellt sich die Frage, inwiefern die I√ĖW-Studie repr√§sentativ ist. Laut Aussage von Foodwatch wurden modellhaft vier "virtuelle" Betriebe definiert, "deren Eigenschaften (Haltungsform, Bestandgr√∂√üe, F√ľtterung, eingesetzte Technik usw.) repr√§sentativ sind f√ľr die Mehrzahl der in Deutschland konventionell bzw. √∂kologisch gem√§steten Schweine. Datenquellen waren amtliche Statistiken und zahlreiche Aussagen von Expertinnen und Experten f√ľr die Schweinehaltung." Die "synthetischen Modell-Betriebe" sollen den Mittelwert der Produktions- und Umweltbedingungen von √∂kologischen und konventionellen Betrieben in Deutschland bilden. "In der Realit√§t wird es kaum einen Hof geben, der genau so aussieht, wie ein Modellbetrieb der Studie. Viele Betriebe werden bessere, viele aber auch schlechtere Umwelteigenschaften haben."

Zur Studie:
Die Untersuchung "Was kostet ein Schnitzel wirklich?" wurde vom August 2003 bis Mitte M√§rz 2004 durchgef√ľhrt. Die Erhebungen beruhen auf standardisierten √Ėkobilanzierungen, um Vertretern aus politischen Reihen schon im Vorfeld einen Ansatzpunkt f√ľr Kritik zu nehmen. Die Kosten der Studie belaufen sich auf 30 000 Euro, die laut Vertreter des I√ĖW, Matthias Wolfschmidt, bei weitem nicht den Arbeitsaufwand decke. Bereitgestellt wurde die Summe von der "Stiftung f√ľr Bildung und Behindertenf√∂rderung GmbH" (SBB).
Die Daten wurden an je zwei konventionellen und ökologischen Modellbetrieben erhoben. Festgehalten wurden die Wirkung auf die Umwelt, externe Kosten, rechtliche Rahmenbedingungen, Absatzwege und Preis.
Um die Repräsentativität der Studie zu gewährleisten wurden Datenergänzungen mit Hilfe von Expertenschätzungen vorgenommen.

Stellt sich die Frage, warum ausgerechnet das Schweineschnitzel ausgew√§hlt wurde. Das Schnitzel soll prototypisch die Unterschiede von Herstellungsbedingungen f√ľr √∂kologische und konventionelle Produkte widerspiegeln. Die Auswahl von Schweinefleisch legen schon die Zahlen von Produktion und Verzehr nahe. In Deutschland wurden 2003 4,2 Mio. Tonnen Schweinefleisch produziert. Das entspricht einem Marktanteil (f√ľr Fleisch) von 66%. Es folgt Rindfleisch mit einem Anteil von 19 % (1,2 Mio. Tonnen)
Verzerrt wurden im letzten Jahr je Bundesb√ľrgerIn 60,8 kg Fleisch und hiervon alleine 40,4 kg Schweinefleisch (66%).

Zum Verein:
"Foodwatch" wurde vor eineinhalb Jahren von Thilo Bode in Berlin gegr√ľndet. Die Organisation "vertritt Verbraucherinteressen im Bereich Ern√§hrung". Aktiven VerbraucherInnen wird eine Plattform geboten, deren Projekte vom Grundsatz "Demokratie auf den Teller" geleitet werden. Der politisch unabh√§ngige Verein finanziert sich durch Mitgliedsbeitr√§ge, Einzelspenden und Zuwendungen von Stiftungen.



Mehr Informationen zu "foodwatch e. V" unter:
www.foodwatch.de
zum "Institut f√ľr √∂kologische Wirtschaftsforschung":
www.ioew.de
und zur "Stiftung f√ľr Bildung und Behindertenf√∂rderung GmbH":
www.sbb-stiftung.de

Public Affairs Beitrag vom 25.03.2004 AVIVA-Redaktion 





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