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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 24.11.2004

Stolpersteine - ein unbequemes Projekt
Julia Richter

Seit Anfang der neunziger Jahre verlegt der K├╝nstler Gunter Demnig auf Gehwegen kleine Messingplatten, die an die deportierten Opfer der Nazis erinnern. Nicht ├╝berall in Deutschland erw├╝nscht



Der 1947 in Berlin geborene Bildhauer m├Âchte mit seinem Projekt Spuren und Namen von Verfolgten des Dritten Reiches bewahren. Bereits 1993 begann Gunter Demnig die Daten von ermordeten Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und politisch Verfolgten in Steine einzugravieren.

Zwischen 3.000-4.000 Gedenksteinen hat der K├╝nstler Gunter Demnig in Deutschland vor den H├Ąusern von Naziopfern verlegt, davon ├╝ber 500 in der Hauptstadt. Aus dieser Initiative sind Arbeitskreise an verschiedenen Berliner Schulen wie z. B. der Carl-von-Ossietzky-Oberschule hervorgegangen, die in Unterrichtsprojekten und in Freizeit-AGs die vom Berliner Landesarchiv zur Verf├╝gung gestellten Dokumente ├╝ber die von den Nazis verfolgten und ermordeten Menschen auswerten. Die Sch├╝lerInnen besuchen die ehemaligen Wohnorte der Opfer, sprechen mit den heutigen BewohnerInnen und machen -falls m├Âglich- Interviews mit NachbarInnen oder Bekannten der ehemaligen NachbarInnen. Gemeinsam entwickeln sie Vorschl├Ąge f├╝r neue Stolpersteine und helfen bei der Gestaltung der Gedenkfeiern, die bei der Verlegung.

In Hamburg sind fast 700 "Stolpersteine" verlegt worden. Unterst├╝tzt wird der Bildhauer bei seiner Arbeit von dem Hamburger Kunstsammler Peter Hess, der inzwischen seit mehreren Jahren gemeinsam mit Gunter Demnig in Hamburg und anderen Orten die Verlegung von "Stolpersteinen" vor den H├Ąusern ehemaliger j├╝discher BewohnerInnen organisiert. Ihr Engagement wurde belohnt, denn dieses Jahr erhielt die Initiative f├╝r Stolpersteine in Hamburg den Max-Brauer-Preis 2004 von der http://toepfer-fvs.de Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. Hamburg.

In K├Âln hat der K├╝nstler weit ├╝ber 1.000 dieser Messingplatten im Stra├čenpflaster versenkt, in M├╝nchen jedoch nicht eine einzige. Als Gunter Demnig seine Aktion auf die Bayrische Landeshauptstadt ausdehnen wollte, erteilte ihm der Oberb├╝rgermeister Christian Ude eine Absage. Auch anderswo st├Â├čt das Projekt auf Widerstand: Die am 21.10.2004 in der W├╝rttembergischen Str. 31/32 im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf in den Gehsteig eingelassenen Stolpersteine f├╝r Else und Alfred Werthahn wurden kurze Zeit darauf entwendet. (Information bei Wolfgang Knoll, Tel 6622888)

In Lindenthal f├╝hlte sich ein Hausbesitzer durch die kleinen Messingplatten vor seiner Haust├╝r in seinem "pers├Ânlichen Lebensbereich verletzt", wie der K├Âlner Stadt-Anzeiger berichtete. Der so angeblich Gesch├Ądigte wandte sich an den Beschwerdeausschuss der Stadt, da die kleinen Betonw├╝rfel mit einer Kantenl├Ąnge von ca. 10 cm zus├Ątzlich einen "Verm├Âgensschaden" bedeuteten, da auf den Hausbesitzer eine "ganz erhebliche Erschwernis im Fall des Verkaufs oder der Vermietung der Wohnung" zukommen w├╝rde.

├ähnlich war die Reaktion in Br├╝hl: Demnig darf sein Projekt zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus dort nur durchf├╝hren, wenn sich die Eigent├╝mer der betreffenden H├Ąuser einverstanden erkl├Ąren, obwohl die Steine in ├Âffentlichem Grund ruhen.

Wer angesichts solcher Widerst├Ąnde die Notwendigkeit sieht, gegen das Vergessen und Verdr├Ąngen der Vergangenheit vorzugehen und den K├╝nstler in seiner Aktion unterst├╝tzen m├Âchte, kann sich direkt an den Bildhauer wenden unter:

Gunter Demnig
Deutschland / Germany
50674 K├Âln / Cologne
+49 (0) 221 25 14 89
eMail: demnigkoeln@aol.com.

Das Projekt im Netz:
www.stolpersteine.com
info@stolpersteine.com

Stolpersteine werden ├╝ber Patenschaften finanziert, die f├╝r einen Namen 95 Euro inklusive aller Vor- und Verlegearbeiten kostet. Jede/r kann sich daran beteiligen: Sowohl Privatpersonen, als auch Vereine, Schulen, Schulklassen, St├Ądte, Stadtteile, Parteien, Stiftungen, Firmen etc. k├Ânnen Paten werden.
Mit dem Verlegen gehen die Steine als Schenkung in den Besitz der Stadt bzw. Gemeinde ├╝ber.

An einer Patenschaft in Hamburg Interessierte k├Ânnen Kontakt aufnehmen mit:
lou-lou@hamburg.de
oder bei Peter Hess Tel. 040 410 51 62

Mehr zum Thema:
2002 wurde hat das Moses-Mendelssohn-Zentrum ein Kolloquium zum Thema (J├╝dische) Topographien, Geschichtsmeile J├Ągerstra├če Berlin - ein Erinnerungsprojekt initiiert.
http://www.mmz-potsdam.de/1024/index.htm

B├╝chertipps:

Die Journalistin Kirsten Serup-Bilfeldt
beschreibt in ihrem Buch "Stolpersteine" die Lebensgeschichten von einigen K├ÂlnerInnen, an die Gunter Demnigs Messingplatten erinnern. Die Autorin setzt nicht mit dem nationalsozialistischen System der Vernichtung auseinander, sondern zeichnet die Lebenswege der im Dritten Reich Ermordeten nach, indem sie in Archiven und Nachl├Ąssen recherchierte sowie fr├╝here NachbarInnen, FreundInnen und Verwandte der Deportierten befragte. Dennoch gestaltete sich die Suche h├Ąufig schwierig: "Manchmal haben die Nationalsozialisten eben doch auf ganzer Linie gesiegt: Sie haben nicht nur die Menschen ermordet, sondern gleichzeitig die Erinnerung an sie ausgel├Âscht", ist das traurige Fazit der Journalistin.

Kirsten Serup-Bilfeldt
Stolpersteine. Vergessene Namen, verwehte Spuren. Wegweiser zu K├Âlner Schicksalen in der NS-Zeit

Kiepenheuer & Witsch, K├Âln erschienen im April 2003
ISBN 3-462-03535-5
Euro 8,90200592826575

Public Affairs Beitrag vom 24.11.2004 AVIVA-Redaktion 





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