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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 07.04.2002

Von bunten Tönen und lauten Farben. Die verrĂŒckte Welt der SynĂ€sthesie
Linda Tidwell

Rund 160 000 Deutsche erleben die Welt im Sinnesrausch. Sie empfinden Musik in bunten Farben oder riechen KlÀnge.



Dass dieses verrĂŒckte Sinnenspektakel RealitĂ€t sein kann, ist erst seit einiger Zeit bekannt. SynĂ€sthesie heißt dieses Durcheinander von Sinnes- und WahrnehmungseindrĂŒcken.

Carsten M. sitzt im halbdunklen Raum. Auf dem Kopf einen Helm mit MessfĂŒhlern, vor den Augen einen Monitor, der ihm abwechselnd Buchstaben, Zahlen und Muster zeigt. Im Versuchsraum der medizinischen Hochschule Hannover muss Carsten jedes Mal, wenn er ein Zeichen erkannt hat, auf einen Knopf drĂŒcken. Daraufhin speichert ein hochempfindlicher Apparat, ein sogenannter Elektronenzephalograph, was sich in Carstens Gehirn abspielt.

Durch ein Beobachtungsfenster beobachten Hinderk Emrich und Karen Trocha seine Hirnströme. Die beiden Neurologen versuchen herauszufinden, warum Carsten M. eine grĂŒne FlĂ€che mit Noppen sieht, wenn er ein Glas Milch trinkt oder alle Töne fĂŒr ihn eine bestimmte Farbe haben.
Schon als Kind in der Schule galt er als sonderbar. Dass er Töne und GerĂ€usche bildlich sehen kann, wurde als Spinnerei abgetan. Seine Eltern dachten, ihr Sohn hĂ€tte eine stark ausgeprĂ€gte Phantasie. Doch als Carsten M. anfing Dinge zu sehen, die ihrer Meinung nach nicht existierten, waren sie ĂŒberfordert. Sie schickten ihn zur Therapie. Dort wusste man nicht so recht, wie man ihm helfen sollte. So wurde die Therapie abgebrochen und Carsten M. sprach mit Niemanden mehr ĂŒber seine Wahrnehmungsempfindungen. Er selbst dachte lange Zeit, er sei verrĂŒckt. Heute weiß der 28-JĂ€hrige, dass seine Wahrnehmungsempfindungen keine Phantastereien sind, sondern dass er ein sogenannter SynĂ€sthetiker ist.

Diesen Menschen erscheint die Welt anders als den meisten von uns. Denn sie besitzen einen zusĂ€tzlichen Wahrnehmungsbereich. Dadurch erscheint ihnen die Welt bunter oder in verschiedensten GeschmĂ€ckern. Jeder SynĂ€sthetiker besitzt seine eigene Wahrnehmungswelt. Manche SynĂ€sthetiker fĂŒhlen Buchstaben, andere sehen Töne in Farben. Diese skurrilen Formen der Sinne sind jedoch nicht selten, vermuten Hinderk Emrich und Karen Trocha. Sie leiten an der Medizinischen Hochschule Hannover eine Studiengruppe fĂŒr SynĂ€sthesie. Nach ihrer Auffassung sind sich viele SynĂ€sthetiker ihrer Veranlagung nicht bewusst. Sie schĂ€tzen etwa fĂŒnf SynĂ€sthetiker auf 10 000 Menschen.

Carsten M. war lange Zeit davon ĂŒberzeugt, dass jeder die Welt so wahrnimmt wie er. Doch konnte kaum einer nachvollziehen, dass ihm sein Essen blau und samtig schmeckte. Niemand, den er kannte, hatte derartige Wahrnehmungen. Nicht selten wurde er als komischer Kauz oder Wichtigtuer bezeichnet. Als er merkte, dass viele ihn nicht verstanden, wurde ihm klar, dass irgend etwas nicht mit ihm stimmte. Er zog sich zurĂŒck und bekam Depressionen. Erst als er zufĂ€llig einen Bericht ĂŒber das PhĂ€nomen der SynĂ€sthesie las, begriff er, was nicht mit ihm stimmte und dass er nicht allein war.

Auch der russische Maler Wassilly Kandinsky hatte synÀsthetische Wahrnehmungserscheinungen. Er beschreibt in seinen Kindheitserinnerungen, dass sich der Himmel von Moskau abends wie eine tolle Tuba verfÀrbte. Und er summte jeweils den Farbton, bevor er ihn auf die Palette mischte.
Die Wissenschaft schenkte dem PhĂ€nomen in der Kunst zunĂ€chst keine Beachtung. Der amerikanische Neurologe Richard Cytowic entwickelte in den achtziger Jahren zunĂ€chst ein Testsystem, um herauszufinden, ob es sich bei SynĂ€sthesie nur um Einbildung handelte. Hierzu ließ er eine Versuchsperson radioaktives Xenongas einatmen. So konnte er den Weg des Gases durch die Blutbahnen verfolgen. Dabei stellte Cytowic einen drastischen RĂŒckgang des Stoffwechsels in der Gehirnregion fest, in der wir logisch und rational denken. Daraus schloss der Neurologe, dass SynĂ€sthesie eine Funktion in dem Teil des Gehirns ist, das fĂŒr GefĂŒhle und Erinnerungen zustĂ€ndig ist.

Carsten M hatte das GefĂŒhl, nie zur Ruhe zu kommen. Neben den gewöhnlichen SinneseindrĂŒcken wirkten auf ihn eine Flut von Wahrnehmungen ein. StĂ€ndig erschienen zu GerĂ€uschen Farbmuster vor seinem Auge. Carsten M. empfand diese EindrĂŒcke, die er nicht kontrollieren konnte, als Ă€ußerst störend. Er konsultierte zahlreiche Ärzte, die ihn vergeblich mit Beruhigungsmitteln behandelten. Resigniert startete er einen Selbstversuch mit LSD. Da LSD synĂ€sthetische Erfahrungen hervorrufen kann, erhoffte sich Carsten M. eine umgekehrte Wirkung. TatsĂ€chlich stellte sich ein ruhiges GefĂŒhl ein. Carsten M. hatte den Eindruck, dass sich ihm die wirkliche RealitĂ€t erstmals offenbarte. Mit dem Nachlassen der Wirkung kehrten jedoch die synĂ€sthetischen Wahrnehmungen wieder. Eine Therapie mit LSD oder LSD Ă€hnlichen Wirkstoffen wurde abgelehnt.

Da das PhĂ€nomen der SynĂ€sthesie lange Zeit unerforscht blieb, waren viele Ärzte bei BehandlungswĂŒnschen ratlos. Erst seit den neunziger Jahren, in denen die Gehirnforschung einen Aufschwung erlebte, wurde auch der SynĂ€sthesie mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Inzwischen wird die SynĂ€sthesie auch nicht mehr als Krankheit angesehen. Es wird vermutet, dass sie eine Erweiterung der WahrnehmungsfĂ€higkeit ist, die KreativitĂ€t fördert und außergewöhnliche GedĂ€chtnisleistungen ermöglicht.

Der britische Neurologe Simon Baron-Cohen glaubt, dass im Gehirn von SynĂ€sthetikern eine "ungewöhnliche Verdrahtung" existiert. Aktuelle Studien zeigen, dass bei SynĂ€sthetikern die Sehrinde im Gehirn aktiv ist, wenn sie etwas hören. Einiges spricht dafĂŒr, dass SynĂ€sthesie genetische Ursachen hat. Eine Untersuchung an der UniversitĂ€t Cambridge zeigte, dass die Mehrzahl der SynĂ€sthetiker nahe Verwandte hatte, bei denen das PhĂ€nomen ebenfalls auftrat. Cytowic vermutet, dass die SynĂ€sthesie bei den frĂŒhen Menschen weitverbreitet war, und die Entwicklung unseres Gehirns zur RationalitĂ€t diese FĂ€higkeit zurĂŒckgedrĂ€ngt habe.

Die meisten SynĂ€sthetiker mĂŒssen sich mit ihren zusĂ€tzlichen Sinneswahrnehmungen arrangieren. Manche sehen diese Art der Sinneswahrnehmung als eine Bereicherung ihres Lebens, da sie meinen, die Umwelt intensiver wahrzunehmen. Einigen SynĂ€sthetikern fĂ€llt das Lernen von Texten durch die dazugehörigen Farberscheinungen besonders leicht. Andere sind auffĂ€llig musikalisch oder kĂŒnstlerisch begabt.
Die Untersuchungen in Hannover sind abgeschlossen. Als Ursache fĂŒr das Durcheinander in der Wahrnehmungswelt von Carsten M. sieht Emrich die Vernetzung von Sinneszentren in der Hirnrinde, die GefĂŒhlseindrĂŒcke verschmelzen lĂ€sst. Normalerweise sind diese Zentren getrennt.

Carsten M. kann sich nur schwer damit abfinden, dass ihn seine Wahrnehmungen das ganzes Leben lang begleiten werden, versucht sich ebenfalls in der Kunst. Durch die Malerei versucht er die stÀndige Eindrucksflut, die auf ihn einwirkt, abzubauen. Mit Erfolg, meint Carsten M.
Er bedauert, dass bisher noch keine Behandlungsmethoden entwickelt worden sind. Denn hĂ€tte er die Möglichkeit sich durch eine Therapie dieser FĂ€higkeit zu entledigen, so wĂŒrde er keine Sekunde zögern.

Online-Tipp: http://www.sinnich.de/

Diese Seite vermittelt SynÀsthesie auf spielerische Art und Weise und
soll darueber hinaus zum "Sinnen" ĂŒber den Sinn der Sinne im eigenen
alltĂ€glichen Gebrauch verfĂŒhren.

Diplomarbeit von Steffi Lindner

Public Affairs Beitrag vom 07.04.2002 AVIVA-Redaktion 





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