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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 22.07.2004

Panorama- oder Tunnelblick
Dr. Angelika Brinkmann

In Human Accomplishment: The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences versucht sich Charles Murray in einem Panoramablick auf Leistungen mit Ewigkeitswert...



Herausragende Leistungen von Individuen lassen sich messen. Das versucht jedenfalls der amerikanische Sozialwissenschaftler Charles Murray in seinem Buch: Human Accomplishment: The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 B.C. To 1950 darzustellen. Er analysiert Leistungen mit "Ewigkeitswert" in den Bereichen Kunst und Wissenschaft. Sein Buch ist eine systematische Auflistung – er nennt es einen Panoramablick – so unterschiedlicher Figuren wie Aristoteles, Mozart und Einstein.

Murray verfolgt dabei keinen qualifizierenden, sondern einen quantifizierenden Ansatz (Regressionsanalyse), wie er in Interviews und Veranstaltungen in Deutschland u.a. im Aspen Institut Berlin erläuterte. So extrahierte er Einträge aus Enzyklopädien, Anthologien, allgemeinen geschichtlichen und biographischen Nachschlagewerken und zählte diese schlicht aus, wozu es keiner Kenntnisse der jeweiligen Sprache bedurfte. Eine Einzelperson, die in mehr als 50% der Einträge in den Werken Einträge aufweist, bekommt die Bezeichnung "bedeutende Person". Das ergibt ca. 4000 Personen, darunter sind 88 Frauen, das sind gut zwei Prozent.

Diese Vorgehensweise führt zu Schieflagen, wiewohl vom Autor in einem Beitrag für die "ZEIT" wortreich bestritten, denn sie benachteiligt Kulturen, die andere Übermittlungsformen hatten (wie z.B. Afrika), aber auch Frauen, da diese in früheren Enzyklopädien nur wenig zur Kenntnis genommen wurden. Als Erklärung, warum die höchste Anzahl von Exzellenz besonders unter Männern im Westen und dort vor allem in Europa zwischen 1400 und 1950 zu finden ist, sollte Reichtum nicht unerwähnt bleiben und der Zugang zu bestimmten Informationen, wie er eben nur in wenigen Städten möglich war. Es mag richtig sein, dass die überwiegend männlichen Verfasser der von ihm verwendeten Nachschlagewerke die Beiträge von Frauen und die anderer Kontinente nicht komplett ausblenden. Trotzdem sind auch sie vermutlich nicht ganz frei von den Einflüssen des gesellschaftlichen Status Quo sowie auch von subjektiven Erwägungen und selbstreferentiellem Verhalten: Männer beziehen sich bevorzugt auf die Leistungen anderer Männer. Daher stellt sich schon bezüglich der Auswahlkriterien die Frage: Wer findet hier warum Erwähnung? Für wen war was bei der Auswahl wichtig?

Bei Murrays Bewertung war eine Höchstzahl von 100 Punkten möglich. Als Ergebnis dieser Vorgehensweise ist die Frau mit der höchsten Punktzahl von 86 die Japanerin A. Murasaki Shikibu mit ihrem vor tausend Jahren geschriebenen Roman "Die Geschichte vom Prinzen Genji". In der westlichen Literatur gilt noch Virginia Woolf als "hochrangig". Des Weiteren vertritt er die These, dass auch noch in hundert Jahren, Jane Austens "Stolz und Vorurteil" in jeder Flughafenbuchhandlung zu finden sein wird.

Bezüglich der Gegenwartskunst, d.h. jener, die nach 1950 entstanden ist und daher keinen Eingang in sein Buch fand, vertritt Murray einen sehr kategorischen Anspruch. Als Mangel an weiterer "Exzellenz" besonders im Bereich der Künste, macht er den/die KünstlerIn selbst als Problem aus. Als AnhängerIn eines "nihilistischen" Modernebegriffs, strebe diese/r nicht länger danach, "das Schöne zu erkennnen" und weise so das Wahre und Gute als grundlegendes Kriterium seines Schaffens zurück. Heutzutage würden wir überwiegend "wundervolle Unterhaltung" produzieren, von der nicht genügend Substanz ausgehe, um auf Dauer zu überzeugen. Vor diesem Hintergrund wagt der Autor dann die These, dass die Anzahl der Romane, Lieder und Bilder des 20. Jahrhunderts, die in 200 Jahren noch Bedeutung haben werden, eher gegen Null tendieren wird, aber belegen lässt sich dies natürlich noch nicht. Nur schade, dass wir eine quantitative Verifizierung dieser These nicht mehr erleben werden.

Technische Entwicklungen, die für Wissenschaft und Kunst von Bedeutung sind kommen daher zu kurz: Das Internet für beide Bereiche und für die Kunst der Film und moderne Musikrichtungen. 1400 bis 1950 ist ein Zeitraum mit wenig Konkurrenz und anderer Zeitökonomie, es gab andere Voraussetzungen, damit jemand zum Klassiker avancieren konnte. Aber bereits in früheren Jahrhunderten mussten Informationen über den Künstler/die Künstlerin von geneigten Personen verbreitet werden, einige gelangten erst nach ihrem Tod zu Ruhm. Im digitalen Zeitalter gibt es schnellere Informationsmöglichkeiten und dadurch auch eine andere "globale" Kulturbegegnung.
Ich denke, dass Murray mit seiner konservativ-idealistischen Sichtweise auf die Kunst und der Überbetonung der "klassischen Künste" bei den meisten Menschen eher Kopfschütteln hervorrufen wird. Die Gegenwart erfordert offenbar einen anderen Begriff von Kunst. Im Zeitalter von SMS und "Multitasking" ist vermutlich auch ein multi-sensuales Kunsterlebnis vorstellbar. Wieso soll es nicht möglich sein, eine kleine Nachtmusik und die Beatles gleichzeitig zu schätzen? Wer sagt denn, das in 200 Jahren nicht nur Bachs Brandenburgische Konzerte gehört werden, sondern auch "Satisfaction", Madonnas "Material Girl" und Edith Piafs "Je ne regrette rien"?

Auch der Begriff "Star Wars" und George Lucas als sein Erfinder, wird sicherlich Bestand haben als ein zeitloser Klassiker und Meilenstein der Filmkunst, Vielleicht nicht so sehr aus inhaltlicher Sicht sondern wegen seine Einflusses sowohl auf die Filmtechnik als auch das moderne Filmmarketing. Nicht unerwähnt bleiben darf auch der "Cross over" Effekt auf die Politik, d.h. das unbeabsichtigte Überschreiten der Grenzen der Filmkunst hin zur Sicherheits-,Rüstungspolitik der USA der 80er Jahre wo ein Präsident eine Verteidigungsstragie als "SDI" ankündigt , die dann sofort mit dem Spitznamen "Star Wars" belegt wurde. Diesen Effekt dürfte nicht einmal die grandiose Literaturverfilmung des "Herrn der Ringe" haben.

Als Ergebnis bleibt nur festzustellen, dass Murrays "Regressionsanalyse" als Ermittlung von "Exzellenz" in den genannten Bereichen nur wenig geeignet ist, herausragende Leistungen von Frauen herauszuarbeiten. Das Panoramabild gleicht daher eher einem Puzzle, bei dem wir nicht genau wissen, nur erahnen können, welche Teile eigentlich fehlen.



Charles Murray
Human Accomplishment: The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 B.C. to 1950
HarperCollins Publishers 2003, 27,27 ¤

Public Affairs Beitrag vom 22.07.2004 AVIVA-Redaktion 





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