Kommentar zu skandal√∂sem Gerichtsurteil in Italien - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Public Affairs
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

Finanzkontor
AVIVA-Berlin > Public Affairs AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Politik + Wirtschaft
   Diskriminierung
   Veranstaltungen in Berlin
   Kultur
   J√ľdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.02.2006

Kommentar zu skandalösem Gerichtsurteil in Italien
Constanze Geißler

Richter des Obersten Gerichtshofes in Rom haben in einem Vergewaltigungsprozess dem T√§ter mit fadenscheinigen und die Menschenw√ľrde verachtenden Begr√ľndungen mildernde Umst√§nde zugesprochen.



Am 17. Februar 2006 wurden in der deutschen Presse Stimmen laut zu dem Urteil eines italienischen Gerichtsprozesses, der äußerst nachdenklich stimmt:
Einem Mann, der wegen sexuellen Missbrauchs seiner 14-j√§hrigen Stieftochter zu 3 Jahren und 4 Monaten Gef√§ngnis verurteilt worden war, sprach das Kassationsgericht in Rom mildernde Umst√§nde zu, "da das M√§dchen vor der Tat bereits sexuellen Verkehr hatte". Damit wurde ein Verfahren wiederaufgenommen, das 2001 das Gericht im sardinischen Cagliari f√ľhrte.
Ihre Persönlichkeit sei "von der sexuellen Erfahrung her weiter entwickelt als man es normalerweise von einem Mädchen in diesem Alter erwarten kann", so die Erklärung der Richter. Ein 40-jähriger Italiener hatte sein 14-jähriges Opfer unter Gewaltandrohung zum Oralsex gezwungen.

Auch wenn einzelne, am Prozess nicht beteiligte JuristInnen des Obersten Gerichtshofes in Italien, sich bereits von dem festgesetzten Urteilsspruch distanziert haben, bleiben dennoch zwei Fragen offen:

  • Warum sollen die sexuellen Erfahrungen eines M√§dchens oder einer Frau "Einfluss" auf ihre Vergewaltigung haben k√∂nnen?

  • Was berechtigt die Richter dazu, die Schlussfolgerung abzuleiten, eine solche Verbrechenstat sei dann weniger verwerflich?


  • Es scheint, Italien sei in eine Art orthodoxen Katholizismus zur√ľckgefallen.
    Das Kassationsgericht entlie√ü einen Urteilsspruch, worin sich der Stereotyp Frau als "s√ľndige Verf√ľhrungsmacht" wiederfindet, dem die M√§nnern (hilflos) ausgeliefert sind. Als habe das "fr√ľhreife" M√§dchen ihren Stiefvater geradewegs darauf gebracht, es zu vergewaltigen. Als k√∂nne sich ein √§lterer Mann gegen die erotischen Reize eines junges M√§dchens nicht zur Wehr setzen.
    Dagegen muss es den Frauen selbst √ľberlassen bleiben, wie sie mit ihrem K√∂rper umgehen.
    Die Entscheidung des Gerichtes sei wie ein "Schlag in die Magengrube", sagte Maria Gabriella Carnieri, Vorsitzende der Vereinigung "Rosa Telefon". Die Ministerin f√ľr Chancengleichheit, Stefania Prestigiacomo, nannte das Urteil "unverst√§ndlich". Auch zahlreiche andere PolitikerInnen kritisierten die Entscheidung der Richter als "skandal√∂s".

    Wenn die f√ľnf zu ihrem Urteilsspruch gekommene Richter am Obersten Gerichtshof in Italien, der fast ausschlie√ülich von M√§nnern gef√ľhrt wird, der Annahme sind, f√ľr ein M√§dchen mit bereits sexuellen Erfahrungen sei eine Vergewaltigung weniger traumatisch, dann waren (und sind) sie nicht nur von Chauvinismus und Unsensibilit√§t h√∂chsten Grades geleitet worden, sondern trafen auch ein psychologisch sehr unfundiertes Urteil. Denn es ist allgemein bekannt, dass sich Vergewaltigungsopfer oftmals selbst die Schuld an einer Vergewaltigung geben und aus Scham √ľber das tiefschneidende Erlebnis nicht zur Polizei gehen und den Fall zur Anzeige bringen.
    Eine Verurteilung des Vergewaltigers wäre so von vornherein ausgeschlossen. Mit dem dauerhaft, seelisch verletzenden Verbrechen muss die Frau allein zurecht kommen.

    Nach dem vernichtenden Urteil der italienischen Richter sind die Chancen nun noch geringer, dass sich junge M√§dchen und Frauen an die √Ėffentlichkeit wenden, da eine rechtskr√§ftige Meinung sich auch auf die Gesellschaft √ľbertr√§gt.
    Schuldgef√ľhle werden eher im Opfer als im T√§ter evoziert und √ľbernehmen so f√ľr den T√§ter eine entlastende Funktion.
    Allerdings: Die Verantwortung f√ľr eine Vergewaltigung tr√§gt immer der T√§ter, niemals das Opfer - egal wie eng die verwandtschaftliche oder freundschaftliche Beziehung auch sein mag!

    Hoffentlich gelingt der angek√ľndigte Protest von PolitikerInnen, Organisationen und Rechtsanw√§ltInnen gegen das Gerichtsurteil und die Wiederherstellung einer gerechten √∂ffentlichen Meinung. Auch wenn europaweit die Reaktionen auf das Strafma√ü eindeutig waren - hier wurde von den italienischen Richtern ausreichend Raum geschaffen, Frauen zu diffamieren und als Lustobjekte auszustellen. Be√§ngstigend ist: Der Oberste Gerichtshof setzte mit dem Urteil die Hemmschwelle f√ľr Vergewaltigungen massiv herab, das Verbrechen scheint gesellschaftlich legitimiert zu sein.

    Auszug Presserundschau zum Thema:

    Tagesschau
    http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5251618_REF1,00.html


    Spiegel-Online
    http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,401592,00.html

    TAZ
    http://www.taz.de/pt/2006/02/20/a0106.1/text


    Public Affairs Beitrag vom 27.02.2006 AVIVA-Redaktion 





      © AVIVA-Berlin 2018 
    zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken