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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 11.09.2005

Selbstbestimmung der Frau vs. Reproduktionstechnologie?
Gerlinde Behrendt

Biopolitik war ein Thema bei dem internationalen Kongress FEMME GLOBALE - Geschlechterperspektiven im 21. Jahrhundert, vom 8.-10. September 2005, veranstaltet von der Heinrich-Böll-Stiftung



Biopolitik ist ein Thema an der Schwelle der √∂ffentlichen Wahrnehmung, aber die Diskussion dar√ľber hinkt um 10 Jahre hinter der Realit√§t der Frauen her. L√§ngst ist der weibliche K√∂rper, vor allem die Fortpflanzungsf√§higkeit, in den Fokus der biotechnologischen Forschung ger√ľckt.
Reproduktionstechnologien wie Pr√§implantationsdiagnostik (PID) und vorgeburtliches Screening versprechen heute die gr√∂√üte Sicherheit und Qualit√§tskontrolle √ľber den erwarteten Nachwuchs. Frauen stehen unter gro√üem Druck, "vermeidbaren Risiken" aus dem Weg zu gehen, und sich diesem umfangreichen Programm des gesundheitssystemischen "Selbstmanagements" zu unterziehen. Genetisch bedingte Abtreibung, Rahmenbedingungen der Stammzellgewinnung und andere neue Probleme, die sich aus diesem Forschungsfeld ergeben, mussten schon gesetzlich geregelt werden. Aber was bedeutet das f√ľr die Frauen? Sind sie wirklich an den Entscheidungen beteiligt? "Reproductive Freedom" und "Reproductive Choice" waren wichtige Forderungen auf der Pekinger Weltfrauenkonferenz vor 10 Jahren. Die Genforschung unter Gender-Gesichtspunkten und unter den Bedingungen der "Globalisierung" war eine Plenumsdiskussion mit internationalen Wissenschaftlerinnen auf der "Femme Global" der Heinrich-B√∂ll-Stiftung. Neben dem Wunsch nach Selbstbestimmung und Partizipation stellt sich die Frage nach den Anforderungen, die die Frauen selbst an die modernen Biotechnologien stellen wollen.

Vorgeburtliche Diagnose und Abtreibung

Rupsa Mallik aus Indien, Program Director am Center for Health and Gender Equity (CHANGE), South Asia, besch√§ftigt sich mit der geschlechterselektiven Abtreibung in Indien. Eine der Auswirkungen moderner Diagnoseverfahren in einer Gesellschaft mit patriarchalischen Traditionen: Es werden S√∂hne bevorzugt. Der indische Staat sieht diese Auslesepraxis als moralisch inakzeptabel an, verbietet daher die Eingriffe an √∂ffentlichen Krankenh√§usern, private Institute bieten sie jedoch an. Viele Aspekte √ľberlagern sich bei dieser Diskussion. So muss man z.B. auch ber√ľcksichtigen, dass Frauen h√§ufig S√∂hne bevorzugen, weil sie durch die Geburt eines m√§nnlichen Nachkommen ihre Stellung innerhalb der Famile verbessern k√∂nnen. Eine √Ąnderung wird sich nur langfristig erreichen lassen durch Aufkl√§rung und eine Aufwertung der gesellschaftlichen Stellung der Frau.http://www.genderhealth.org/

Genetisch motivierter Rassismus

Jurema Werneck von der brasilianischen Organisation Criola sieht die Auswirkungen moderner biotechnologischer Verfahren f√ľr die afrikanisch-st√§mmigen Frauen Brasiliens pessimistischer. Sie leitet die Wurzeln der heutigen Gen-Forschung von der mittlerweile 100-j√§hrigen Eugenik ab. Eugenik-Projekte gibt es seit etwa hundert Jahren, eines davon wurde z.B. von dem amerikanischen Cerealien-Hersteller Kellogg initiiert. Nach 1945 galt die Eugenik als diskreditiert. Durch die Genom-Erforschung seit 1968 r√ľckte das Ziel der "Verbesserung" der Gene wieder mit rasanter Geschwindigkeit in den Vordergrund. Heute beeinflusst die Frage der Qualit√§t der menschlichen Gene massiv unsere gesellschaftlichen Systeme: Versicherungen, Arbeitgeber, Medizin, das √∂ffenliche Gesundheitswesen, alle dr√§ngen auf Gentests und wollen Informationen √ľber individuelle Risiken aus den Genen "ablesen". Jurema bezeichnet die bisherige Genom-Forschung und den Umgang mit den Ergebnissen als rassistisch und an den Interessen der reichen wei√üen Oberschichten ausgerichtet. Sie prognostiziert, dass Frauen aus Entwicklungsl√§ndern als Lieferantinnen f√ľr Eier und Stammzellen, und als Mieteierst√∂cke f√ľr zahlungskr√§ftige wei√üe Frauen mi√übraucht werden, ebenso wie sie vor hundert Jahren als billige Ammen und Kinderm√§dchen ausgebeutet wurden.
http://www.criola.org.br/

Es steht in den Genen - nicht in den Sternen

Einen anderen Aspekt untersucht die Soziologin Barbara Duden aus Hannover. Welche Wirkung haben moderne biotechnologische Verfahren auf die Selbstwahrnehmnung von Frauen? Sie befragt zur Zeit in einem Projekt Frauen nach ihren Erfahrungen mit der Pr√§implantationsdiagnostik (PID) und berichtet aus der Praxis. Was verbindet z.B. eine Verk√§uferin mit dem Begriff "Gene"? Etwas, das mit ihrem pers√∂nlichen Risiko, in Zukunft zu erkranken zu tun hat, vermutet die Patientin. Sie selbst kann das Risiko nicht absch√§tzen und muss sich daher auf das Urteil des Experten verlassen. Die befragten Frauen sprechen von ihren Genen als w√§ren sie von ihnen getrennt. Barbara Duden l√§sst sich zu einem ganz unwissenschaftlichen Wutausbruch hinrei√üen: Meine Gene haben etwas mit mir zu tun, das bin doch ich selbst! Der Glaube an die Gene f√ľhrt zu Fatalismus: "Das ist genetisch vobestimmt". Bei dem "genetischen Screening" werden ExpertInnen zu SchicksalsvorhersagerInnen - wie mittelalterliche Astrologen!

Frau Duden versteht sich als feministische Forscherin. Sie hat den Eindruck, dass Frauen, die sich f√ľr PID entscheiden, unzureichend und mit zu vielen fachsprachlichen Begriffen aufgekl√§rt werden. Sie bezieht klar Stellung gegen die "biotechnologische Vergesellschaftung des weiblichen K√∂rpers". In den siebziger Jahren hat sie sich gegen die Medikalisierung von biologischen Prozessen engagiert. Jetzt ist sie gegen eine k√ľnstliche Optimierung des menschlichen K√∂rpers als "plastisches Objekt". PID ist ein technologisches √úberwachungsverfahren, bei dem Frauen schnell die Kontrolle verlieren, und keine eigenen Entscheidungen mehr treffen, es funktioniert wie eine Gehirnw√§sche. Schwangeren Frauen empfiehlt sie, sich ihr Selbstbestimmungsrecht √ľber den eigenen K√∂rper nicht durch sprachlich gewandte Gesundheitsb√ľrokratInnen abnehmen zu lassen.
Viele Fragen konnten nur angeschnitten und keineswegs gel√∂st werden. Die Diskussion √ľber Biopolitik hat eben erst begonnen.

http://www.glow-boell.de/de/rubrik_2/5_979.htm

Public Affairs > Politik + Wirtschaft Beitrag vom 11.09.2005 Gerlinde Behrendt 





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