Afghanische Fußballerinnen kommen beim Girl Power Summer Camp in Wolfsburg zusammen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Sport



AVIVA-BERLIN.de im September 2026 - Beitrag vom 02.09.2026


Afghanische Fußballerinnen kommen beim Girl Power Summer Camp in Wolfsburg zusammen
Sylvia Rochow

Almuth Schult begleitet Trainingslager, das Wiedersehen, sportliche Vorbereitung und politischen Protest verbindet. FIFA öffnet Afghan Women United nach jahrelangem Zögern Weg zu offiziellen Länderspielen.




Vom 24. bis 29. August 2026 fand in Wolfsburg das zweite "Girl Power Summer Camp" für afghanische Fußballerinnen statt. Nur eine gute Woche vor Beginn des Trainingslagers hatte sich in ihrer Heimat die erneute Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 zum fünften Mal gejährt. Seitdem werden Frauen und Mädchen in Afghanistan wieder zunehmend aus Bildung, Arbeitsleben, Öffentlichkeit und Sport ausgeschlossen.

"Diese Woche im August ist die Woche, in der Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban zusammengebrochen ist und [in der] die aktive Teilnahme von Frauen und Mädchen am gesellschaftlichen Leben verboten wurde", sagte Khalida Popal, Mitbegründerin und erste Kapitänin der afghanischen Frauen-Nationalmannschaft, in einem Interview mit der dpa. Die heute 39-jährige Paschtunin floh 2011 nach Morddrohungen ins Exil und lebt inzwischen in Dänemark. Dort rief Popal 2014 mit Gleichgesinnten "Girl Power" ins Leben. Das von Geflüchteten getragene Netzwerk wurde zwei Jahre später unter ihrer Leitung als gemeinnütziger Verein registriert. Mit Sportangeboten, Bildungsprogrammen und Mentoring unterstützt die Organisation insbesondere geflüchtete Frauen und Mädchen. Teilnehmerinnen werden unter anderem zu Trainerinnen oder Projektleiterinnen ausgebildet. Nach eigenen Angaben kooperiert Girl Power mit Schulen, Sportvereinen, Unterkünften für Geflüchtete und Nichtregierungsorganisationen in mehreren europäischen und außereuropäischen Ländern.

2007 hatte eine von Khalida Popal angeführte Gruppe afghanischer Fußballerinnen gemeinsam mit dem Afghanischen Olympischen Komitee mit dem Aufbau eines Frauen-Nationalteams begonnen. Kaum bestritten die Afghaninnen im Dezember 2010 gegen Nepal ihr erstes offizielles Länderspiel im Rahmen der Südasienmeisterinnenschaft (SAFF Women´s Championship) in Bangladesch, geriet Pionierin Popal ins Visier extremistischer und frauenfeindlicher Gruppen. Fußballerinnen waren Anfeindungen, Drohungen sowie Gewalt ausgesetzt und wurden als Aktivistinnen gebrandmarkt.

Die Trainingswoche beim VfL Wolfsburg brachte afghanische Athletinnen zusammen, die nach ihrer Flucht inzwischen unter anderem in Portugal, Großbritannien, Deutschland sowie verschiedenen skandinavischen Ländern leben. "Wenn ich Fußball spiele, dann vergesse ich alles Schlimme", beschrieb die 20-jährige Nazanin Salimi, die zurzeit in der Verbandsliga Hessen für die DJK SSG Darmstadt aufläuft, die Bedeutung des Sports gegenüber dpa. Sie ergänzte: "Natürlich wollen wir auch zeigen, dass Frauen leben dürfen, wie sie wollen, und ebenso Fußball spielen dürfen."

Mittelfeldspielerin Fatema Urfani hob gegenüber der dpa die Bedeutung des Wiedersehens im Rahmen des Summer Camps hervor: "Früher waren wir wie eine Familie. Das sind wir immer noch, aber es ist einfach etwas schwierig, wenn wir so weit voneinander entfernt sind." Die 19-jährige Urfani floh 2021 nach Portugal und spielt heute in Lissabon für GD Estoril Praia.

In einem Bericht über das Trainingslager stellte der NDR Offensivakteurin Frishta Qasemi, die schon im Alter von nur 14 Jahren ins afghanische U17-Nationalteam berufen worden war, vor. Sie galt als großes Talent, doch die Machtübernahme der Taliban unterbrach ihre vielversprechend begonnene Karriere. Die Flügelspielerin gelangte wie auch Teamkollegin Urfani nach Portugal, wohin auch Qasemis Familie später folgen konnte. Heute steht die 21-Jährige in der portugiesischen dritten Liga unter Vertrag.

Zu den sportlichen Highlights des Summer Camps zählte eine Trainingseinheit mit der Welttorhüterin 2014 und ehemaligen DFB-Keeperin Almuth Schult. Die langjährige VfL-Spielerin verwies gegenüber der dpa auf die ungleichen Voraussetzungen, unter denen Frauen in Deutschland und Afghanistan Fußball spielen: "Ich bin so beeindruckt von sowohl Khalida (Anm.d.Red.: Popal) als auch von allen Mädels", betonte die Champions-League- und Olympiasiegerin. "Wir kämpfen hier in Deutschland darum, dass der Fußball der Frauen professionell wird. Sie kämpfen darum, dass sie überhaupt Sport machen dürfen." Schult hatte bereits die Summer-Camp-Premiere 2025 in St. Gallen am Rande der UEFA Women´s EURO in der Schweiz begleitet.

Das Wolfsburger Trainingslager erhielt durch eine Entscheidung, für die Khalida Popal, zahlreiche Athletinnen sowie Menschenrechtsorganisationen jahrelang gekämpft hatten, noch zusätzliche Bedeutung. Da nach den damaligen Regularien des Fußball-Weltverbands FIFA ausschließlich der jeweilige Mitgliedsverband eine Nationalmannschaft anmelden konnte, war es den geflüchteten Spielerinnen seit 2021 nicht möglich, Afghanistan offiziell zu vertreten. Im Mai 2025 billigte die FIFA zunächst eine Strategie zur Unterstützung des afghanischen Frauenfußballs und den Aufbau der von ihr finanzierten Auswahl im Exil lebender afghanischer Fußballerinnen "Afghan Women United". Nachdem sie zunächst lediglich Freundschaftsspiele bestreiten durfte, änderte der FIFA-Council Ende April 2026 schließlich seine Governance-Regeln. Der Weltverband kann seither in Abstimmung mit dem zuständigen Kontinentalverband in Ausnahmefällen selbst eine National- oder Repräsentativmannschaft registrieren. Bereits im Herbst 2026 steht voraussichtlich das erste offizielle Länderspiel für die Afghan Women United auf dem Programm.


Mehr Infos unter:

www.girlpowerorg.com

www.instagram.com/khalida_popal_girlpower

www.almuthschult.de

FIFA-Meldung vom 30. April 2026 zur Entscheidung des FIFA-Rats: www.inside.fifa.com

Kurzfilm "We Are Ayenda" über die Flucht Fatema Urfanis und weiterer afghanischer Jugend-Nationalspielerinnen (vom Messenger-Dienst WhatsApp produziert) auf YouTube www.youtube.com

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Copyright Text und Foto: Sylvia Rochow


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Beitrag vom 02.09.2026

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