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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2021 - Beitrag vom 01.12.2004


Ohne Angst an den Computer
Gastautorin Ulrike Henning

Unter dem Motto "Blick zurück nach vorn" kombinierte das FrauenComputerZentrumBerlin (FCZB) Jubiläums- und Eröffnungsfeier an der Spree…





Spezielles Bildungsangebot für Frauen seit 20 Jahren erfolgreich

Berlin-Kreuzberg, Nähe Schlesisches Tor: Durch einen kleinen, etwas düsteren Hinterhof geht es in einem Fabrikgebäude mehrere Etagen die Treppen hinauf. Von den Unterrichtsräumen fällt der Blick über die Spree auf den sanierten Speicher, den der Musikgigant Universal kürzlich bezog. Links über die Oberbaumbrücke fährt die U-Bahn in einiger Entfernung fast im Minutentakt. Seit 13 Jahren lernen hier ausschließlich Frauen, mit Computern umzugehen. Das Frauencomputerzentrum Berlin (FCZB) selbst wurde in diesen Tagen 20 Jahre alt. Seine Mitarbeiterinnen können eine positive Bilanz ziehen: Insgesamt 26.000 Teilnehmerinnen absolvierten Fortbildungen, Workshops und Kurse unterschiedlicher Dauer.

Erfolgreich war und ist das Zentrum, weil es die unterschiedliche Alltagserfahrung von Frauen – auch im Beruf – in die zum großen Teil technisch orientierten Fortbildungen einbezieht. Das wirkt sich auf Materialien und Unterrichtsmethoden aus. Cornelia Carstens vom FZCB erläutert: "Frauen, die einen Alltag mit Kindern organisieren, sind gewohnt, bevor sie etwas tun, die Folgen zu bedenken. Bevor sie eine Taste auf dem Computer drücken, denken sie darüber nach, was das bewirken könnte. Frauen kommen auch frustriert zu uns, nachdem sie versuchten, sich von Männern oder ihren Kindern etwas beibringen zu lassen. Das ging ihnen erstens zu schnell und zweitens wollten sie wissen, was sie tun, sie wollen nicht einfach irgendetwas nachmachen."

Aktuell angeboten wird die Fortbildung Bürokommunikation für Frauen aus Büro- und Verwaltungsberufen, die ihre Kenntnisse auffrischen wollen. Nach vielen Monaten läuft damit endlich wieder eine durch die Bundesagentur für Arbeit geförderte Maßnahme, zugänglich den Inhaberinnen eines Bildungsgutscheines. Der Kurs ist modular aufgebaut und schließt mit dem Europäischen Computerführerschein (ECDL) ab. Frauen mit Vorkenntnissen können auch später einsteigen – das ist jeden Monat möglich. Oder sie absolvieren nur die ECDL-Prüfung.

Geändert haben sich nicht nur die Förderungsbedingungen der Bundesagentur für Arbeit. Cornelia Carstens verweist auch darauf, dass die Familienphasen heute kürzer sind als etwa vor 20 Jahren – und immer kürzer werden. "Das bedeutet, dass sehr viele Teilnehmerinnen kleine Kinder haben. Und es bringt organisatorische Probleme mit sich. Nach der Hälfte eines Kurses sagen viele: "Ich kann nicht mehr, zu Hause türmt sich die Wäsche ..." Kinder und Männer beschweren sich und wollen noch nicht mitmachen und helfen. Die Frauen sind mitten in der Familienphase und probieren mit der Fortbildung die Doppelbelastung – oft als Test für den Arbeitsmarkt." Andererseits sei die Benutzung von Computern schon viel selbstverständlicher geworden. "Vor 20 Jahren wurden Computer etwa wegen der Vernichtung von Arbeitsplätzen abgelehnt. Heute spielt sich die kritische Distanz woanders ab, im Bereich der Sicherheit oder bei der Frage vieler Mütter: Was kann ich tun, damit meine Kinder nicht Inhalte im Internet finden, die ich ihnen nicht zumuten möchte?"

Ab Januar läuft am FCZB erneut ein Klassiker – der 42. Durchgang der Fortbildung für Berufsrückkehrerinnen unter dem Titel "Keine Angst vor dem Computer". „Seit 20 Jahren ist diese Fortbildung nicht nur voll, sondern wir haben eine lange Warteliste", so Cornelia Carstens. "Das liegt daran, dass es fast keine Teilzeitfortbildungen für Frauen gibt." Der Kurs ist besonders interessant für Interessentinnen ohne Bildungsgutschein. Auf Grund der Förderung durch die Senatsverwaltung bezahlen sie maximal 100 Euro für 18 Wochen.

Daneben gibt es neu seit Juli 2004 das Selbstlernzentrum für alle, die sich fortbilden wollen. Projektleiterin des neuen Lernmodells ist Cornelia Carstens. Sie erklärt: "Hier kann jede nach ihren individuellen Bedürfnissen, nach ihrem ganz persönlichen Zeitbudget lernen. Nach der Anmeldung wird mit der Teilnehmerin ein Plan erarbeitet, der berücksichtigt, wie lange, wie schnell und wie kompakt sie lernen will." In der Lernberatung müssen viele Frauen gebremst werden: "Die meisten nehmen sich zuviel vor. Aber sie müssen auch üben, die neuen Kenntnisse anwenden – und auch mal eine Pause machen. Sonst ist der Lernfrust programmiert." Gerade für das erwünschte selbstständige Lernen ist die Selbstreflexion unverzichtbar, andererseits soll keine alleine gelassen werden. "Die Bildung von Lerngruppen und die Kommunikation werden in vieler Hinsicht gefördert - deshalb ist der Aufenthaltsraum relativ groß." Geöffnet ist das Selbstlernzentrum in der Regel von 9 bis 20.30 Uhr. Die Nutzung an Wochenenden soll noch getestet werden. Da es sich auch hier um ein aus europäischen Fonds gefördertes Projekt handelt sind die Preise eher symbolisch: Vier Stunden Nutzung kosten zwischen drei und fünf Euro, ein- oder mehrtägige Workshops zwischen 15 und 35 Euro.

Das Selbstlernzentrum ist eines der Projekte, mit dem sich Trainerinnen, Mitarbeiterinnen und Geschäftsführung des FCZB auf veränderte Bedingungen im Bereich der Frauenfortbildung einstellen. Und im Gegensatz zu vielen anderen, gerade öffentlich geförderten Frauenprojekten konnten sie ihre Aktivitäten in den vergangenen Jahren noch erweitern. Das gelang, weil Programme und Initiativen der EU-Kommission zur Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt als Chancen erkannt und genutzt wurden. Etliche Gender Mainstreaming-Projekte des Zentrums untersuchen und erhöhen die Chancen von Frauen im Bereich der Informationstechnologien. So wird ein EQUAL-Projekt strafgefangenen Frauen Medienkompetenzen vermitteln. Das Problem: Frauen sind, bezogen auf die Zahl aller Gefangenen, in der Minderheit, außerdem sind ihre Haftzeiten deutlich kürzer. Das bedeutet, dass sie in Bezug auf berufliche Fortbildung zu wenig berücksichtigt werden. Um hier nachhaltige Veränderungen zu sichern, wurden auch die Angestellten verschiedener Gefängnisse geschult, da sie die Gefangenen in den Selbstlernphasen betreuen. Genderkompetenz gibt das Frauencomputerzentrum auch in Form von Expertisen weiter, Mitarbeiterinnen erstellten Materialien für Lehrerinnen oder die Internet-Schulung von Mädchen.


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Beitrag vom 01.12.2004

AVIVA-Redaktion