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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2021 - Beitrag vom 28.12.2004


Die üblichen Verdächtigen. Aus dem Centrum des Chaos
Gerlinde Behrendt

Bericht vom 21. Chaos Communication Congress des CCC in Berlin




Gespräch mit den "Haecksen" im Chaos Computer Club: mit Freiräumen mehr Spaß an der Informatik

Unser erster Treffpunkt im CongressCentrum am Alexanderplatz ist der "Haecksenraum". Die Haecksen bilden einen eigenständigen "Erfa" (Erfahrungs) - Kreis für Frauen und Mädchen im CCC. Ihre Geschichte geht zurück auf das Jahr 1988. Rena Tangens und Barbara Thoens waren die einzigen Frauen auf einem Hacker Kongress, und fanden es lästig, als "exotische Minderheit" bestaunt zu werden. Sie gründeten die Haecksen mit dem Ziel, mehr Frauen für den CCC zu gewinnen. Das ist auch bis zu einem gewissen Punkt gelungen, es gibt mittlerweile immerhin 10% Frauen. Das reicht natürlich noch nicht, in der Öffentlichkeit wird der CCC immer noch als Männerclub wahrgenommen. Doch das soll sich ändern! Nachdem es um die Haecksen eine Weile ruhiger geworden ist, geht es nun weiter. Der Verein besteht zur Zeit aus ca. 50 Frauen. Im Haecksenraum erklären Corinna Habets ("Pallas") und Katharina Becker , warum es manchmal wichtig ist, wenn Frauen in der IT einfach Freiräume zum Erfahrungsausstausch und zur Selbstmotivation erhalten. Zeitweise "women only" , erläutern die beiden das Konzept. Der "Haecksenraum" ist die Anlaufstelle für weibliche Kongressbesucher. Sie haben ein eigenständiges Programm, organisiert mit unabhängig vom CCC eingeladenen Referentinnen. Zu den Veranstaltungen der "Haecksen" sind dann auch männliche Gäste zugelassen.

Leider gibt es nur wenige weibliche Vorbilder in der IT-Branche, die Professoren der Fachrichtung sind ausschließlich männlichen Geschlechts. Corinna Habets hat sich entschieden, Informatik zu studieren. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, Mädchen Mut zur Informatik zur machen, vor allem soll auch der Spaß an der Sache vermittelt werden . Meistens herrscht im Bereich der neuen Technologien die Erwartungshaltung, dass die Jungen alles besser können. Ich frage die beiden, ob sie das Konzept des zeitweise getrennten Mathematik- und Naturkundeunterricht für sinnvoll halten. Katharina sagt, dass man das in bestimmten Situationen braucht, ohne deswegen gleich die Koedukation in Frage zu stellen. Im Sportunterricht funktioniert es auch nach diesem Muster. Es gibt so etwas wie eine Eigendynamik des gleichgeschlechtlichen Diskurses. Warum sollte man das nicht ausnutzen? Mädchen machen eben andere Erfahrungen, darüber sollen sie sich ohne Konkurrenzdruck verständigen können. Die Haecksen haben diese Freiräume schätzen gelernt und möchten nun auch nicht mehr darauf verzichten. Der Leistungsvergleich mit den Jungen/Männern ist deswegen nicht ausgeschlossen: das was "frau" gelernt hat, soll natürlich im "realitycheck" erprobt werden.
Frauen müssen zuerst immer eine Erwartungshaltung durchkreuzen : Männer haben scheinbar mehr Talent. Dabei ist es oft nur so, dass die Fehlertoleranz gegenüber Mädchen niedriger ist. Da wird schnell mal gesagt: lass nur, ich mach das schon, ich kann das besser. Jungs lässt man häufiger "einfach machen" und irgendwann machen sie es tatsächlich. Mädchen neigen dazu, schneller aufzugeben, wenn sie nicht ermutigt werden. Corinna meint dazu, dass sie in ihrem Fach ohne Ermutigung und Selbstbestätigung auskommen muss, wenn sie sich selbst keine verschafft. Dann sagt sie sich, dass in manchen asiatischen Ländern Informatikerin ein Frauenberuf ist, das spornt an!


Google is watching you!

Der CCC hat es sich seit seiner Gründung vor 20 Jahren zur Aufgabe gemacht, vor den Folgen der neuen Technologien zu warnen. Ein beunruhigendes Thema, nicht nur für Verschwörungstheoretiker, ist der Datenschutz im Internet. Frédéric Philipp Thiele und Hendrik Speck über Datensammlungen im Internet: Google is watching you. Die Firma ist in der Lage, mit ihren gratis angebotenen Diensten umfassende BenutzerInnenprofile zu erstellen. Die populäre Google-Suchmaschine kann Daten über SurferInnen zurückverfolgen. Die neue Google Desktop-Suche ermöglicht es, dass die von Google indizierten Daten vom heimischen PC - auch von Fremden - übers Internet abgerufen werden können. Für Gmail gibt man persönliche Daten preis. Über Googles Anzeigen ("Google-Ads") werden neben den ausführlichen Firmen Informationen auch Daten von den SurferInnen gesammelt, die die Seiten mit den Anzeigen aufgerufen haben. Durch das Zurückverfolgen von Suchanfragen bei Google kann rekonstruiert werden, ob ein/e User/in z.B. Musikdaten sammelt.
Der Referent beschreibt als Beispiel eine schwangere Frau. Schwangerschaft kann sehr leicht herausgefunden werden, weil die Frau nach bestimmten Informationen oder Produkten sucht. Vollends problematisch wird das Szenario dann, wenn man sich klar macht, dass Google nicht die einzige Firma ist, die Datensammlungen pflegt, Amazon steht ihnen in nichts nach. Die meisten Suchmaschinen, E-mail Dienste und Webshops kommen aus den USA und unterliegen dem dortigen Patriot´s Act. D.h. die Firmen sind verpflichtet, auf Verlangen die gesammelten Daten an die Untersuchungsbehörden auszuliefern. Schon bevor amerikanische Behörden unsere Flugdaten bekommen, werden auf amerikanischen Rechnern Daten über EuropäerInnen gesammelt!

Pixels want to blink!

Ein umfassendes Kulturprogramm gehört beim CCC dazu! Die Technik soll schließlich Spaß machen und in den künstlerischen Projekten werden die kreativen Kräfte erst richtig entfaltet. Ein beliebtes Projekt ist die BlinkenArea, 2001 wurde von ihnen das Haus des Lehrers mit blinkenden Fenstern ausgestattet. Neu vorgestellt wurde unter anderem Papier Pixel: eine mit Lichterketten nachgebaute manuell steuerbare Lochkarte. Auch für den alltäglichen Einsatz hat das BlinkenPersonal Objekte erfunden: z.B. Littlelights, mit Liebesbrieffunktion. Auch sehr sinnvoll: in Planung ist eine Zigarettenschachtel mit blinkenden LEDs - sie lindert Entzugserscheinungen.
Website der Haecksen: http://www.haecksen.org/index.html
BlinkenArea: http://wiki.blinkenarea.org/bin/view/Blinkenarea/WebHome
Zur Website der üblichen Verdächtigen: http://www.ccc.de/congress/2004/


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Beitrag vom 28.12.2004

Gerlinde Behrendt