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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 28.05.2003


Berliner Frauengeschichte(n) an Landwehrkanal und Spree
Ilka Fleischer

E-Interview mit Cornelia Carstens, der Mit-Herausgeberin zweier ungewöhnlicher Stadtführer(innen)...




Cornelia Carstens ist Mit-Herausgeberin der ungewöhnlichen Stadtführer(innen) "Frauen an der Spree - Ein Spaziergang durch die Geschichte" und "Den Frauen nach - Ein Spaziergang am Landwehrkanal". In Zusammenarbeit mit der Berliner Geschichtswerkstatt hat sie gemeinsam mit anderen Historikerinnen unterschiedlichsten Frauen-Gruppen, -Orten und -Persönlichkeiten nachgespürt, die Berlin rund um Spree und Landwehrkanal mitgeprägt haben bzw. nach wie vor mitgestalten.


Sie waren bislang an zwei Cityguides beteiligt, die nicht nur Berliner Gewässer, sondern auch das Leben und Wirken von Frauen in den Mittelpunkt stellen. Wie kam es zu dieser originellen Mischung?
Schon während meines Studiums in den 1980er Jahren habe ich begonnen, bei der Berliner Geschichtswerkstatt e.V. im Bereich "Historische Stadtrundfahrten mit dem Schiff" mitzuarbeiten. Als engagierter Feministin fiel mir natürlich bald auf, dass die während der Rundfahrten auf dem Landwehrkanal erzählten Geschichten sehr wenig über Frauen mitteilten. Das lag vor allem daran, dass Frauengeschichten an diesen Orten nicht bekannt waren. So begann ich zusammen mit Kolleginnen, die Uferwege abzulaufen und nach Frauengeschichten zu suchen, alte Adressbücher zu wälzen, Zeitungen aus vergangenen Jahrzehnten zu durchforsten. Wir trugen immer mehr Frauenspuren zusammen, so dass wir schon bald eigene Schiffsfahrten zur Frauengeschichte anbieten konnten. Mit großer Resonanz.

Wir fuhren in den 80er Jahren nur in West-Berlin, d.h. hauptsächlich auf dem Landwehrkanal und z.T. auf der Spree, aber nicht durch die alte Stadtmitte. Das kam erst nach dem Mauerfall. 1990 - unsere erste Saison mit einer richtigen Rundfahrt. Und wir begannen Frauengeschichten auch an der Spree zu sammeln.
Bald darauf entstand die Idee, daraus Frauenstadtrundgänge zu bilden, aufzuschreiben und als Buch herauszugeben.

Beide "Spaziergänge" führen die Leserin in eine Vielzahl unterschiedlichster Frauenbiographien ein - von legendär bis "unspektakulär", von Dienstmädchen bis Frauenrechtlerin, von Arnim bis Zetkin. Nach welchen Kriterien haben Sie die Auswahl getroffen?
Wir haben alles zusammengetragen, was wir entlang der Wasserstraßen bis dahin gefunden hatten. Das einzige Kriterium war die Nähe zum Wasser. Unsere Leserinnen sollten an den Uferwegen entlang spazieren können und die Abstecher in eine Seitenstraße höchstens 10 Minuten betragen. Wir haben versucht, auffällige, besondere Orte einzubeziehen, auch wenn wir zunächst keine Frauen dort fanden. Wir stellten uns die Frage: Was hat sich hier abgespielt, wenn wir die Geschichte aus der Frauenperspektive betrachten?
Z.B. steht das Patentamt sehr auffällig am Landwehrkanal . Da mussten wir natürlich nach Erfinderinnen suchen, die hier ihre Patente angemeldet haben. So kamen wir z.B. auf Melitta Bentz, die Erfinderin des Kaffeefilters. Wir sind durch diese Perspektive auch auf viele Frauen aufmerksam geworden, die sonst nicht wahrgenommen werden, wenn wir von Menschengruppen wie Angestellten sprechen, z.B. die Frauen bei der Eisenbahn, bei der Post etc.
Insofern ist es ein Querschnitt durch viele Jahrhunderte, die aktuellen Frauenorte und -projekte sind gleichfalls enthalten. Die Frauengeschichten sind nicht chronologisch, sondern topografisch orientiert. Nach Veröffentlichung der Bücher haben wir noch viel mehr Material gefunden - so dass wir fast ein neues Buch schreiben könnten.

Im Rahmen des taz-Kongresses vor zwei Jahren und für den jüngsten Feministischen Juristinnentag haben Sie Stadtführungen zur Spurensuche von Frauengeschichte(n) durchgeführt. Welches Feedback hat Sie danach erreicht?
Es gab sehr viel Interesse und die Frage nach weiteren Führungen. Aber aus beruflichen Gründen mache ich diese Rundfahrten und Rundgänge nicht mehr regelmäßig. Außerdem gibt es einige Kolleginnen, wie z.B. bei "Frauentouren", die Vergleichbares ebenso gut machen - nur nicht unbedingt mit dieser Orientierung an den Gewässern und dem Bezug zur Schifffahrt.
Eher ausnahmsweise und in feministischen Zusammenhängen packt mich doch wieder die Lust, auf Frauenspuren durch die Stadt zu wandern. Interessant und erstaunlich ist für mich immer wieder, dass das Wissen gerade über die alte Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts offenbar mehr und mehr abnimmt. Junge Feministinnen schauen mich bei den Rundgängen manchmal so an, als hätten sie die Namen Helene Lange und Gertrud Bäumer noch nie gehört. Meine Neigung ist, die Frauen auf den Rundgängen nicht zu langweilen, ihnen Neues zu bieten oder das Bekannte in neuen Zusammenhängen zu präsentieren, deshalb setze ich frauengeschichtliches Grundwissen meist voraus. Manchmal muss ich dann meine Irritation über die Fragezeichen in den Gesichtern ganz schnell umwandeln in einen kleinen Exkurs.

Sowohl "Frauen an der Spree" als auch "Den Frauen nach" lässt sich als schlichte Lektüre wie als Tourbegleitung nutzen. Worin bestehen nach Ihrer Ansicht die zentralen Unterschiede zwischen der literarischen und der realen Stadterkundung?
Ich würde die Bücher nicht zum Nur-Lesen empfehlen. Da bleibt Vieles leblos, ohne Anschauung, viel zu kurz. Entweder nimmt Eine das Buch und liest die kurzen Kapitel direkt vor Ort oder sie liest vorher und geht dann gezielt an die Orte, die sie sich anschauen möchte. Wenn ich nie eine Schleuse gesehen habe, kann ich mir das Leben der Schleusenfrau nach dem kurzen Text, der in unserem Buch enthalten ist, weniger gut vorstellen. Anders aber, wenn ich mich auf die Schleusenbrücke stelle und zuschaue, was da passiert. Andersherum verstehe ich durch bloßes Schauen vielleicht zu wenig, dann bietet das Buch eine hilfreiche Ergänzung .
Zum Nur-Lesen würde ich eine (Auto-)Biografie nehmen oder einen Historischen Roman, weil da die Anschauung ersetzt wird durch beschreibendes ausführliches Darstellen.

Zur Zeit arbeiten Sie als Dozentin und Lehrgangsleiterin am FrauenComputerZentrumBerlin (FCZB). Organisieren Sie daneben noch Stadtrundfahrten? Und planen Sie weitere Buch-Projekte mit ähnlichem Focus?
Ich hatte das eigentlich geplant, aber der Vorbereitungsaufwand für Stadtrundgänge und -fahrten ist unverhältnismäßig hoch, wenn frau nicht immer am Ball bleibt. So befasse ich mich mit derartigen Projekten nur noch zu besonderen Anlässen und wenn ich schon wieder vergessen habe, dass es eigentlich sehr viel Arbeit bedeutet. Auch ist die Dozentinnentätigkeit der einer Stadtführerin nicht unähnlich. Immer etwas Neues entdecken, was für die Teilnehmenden interessant sein könnte, sich Gedanken machen über die Aufbereitung, das Begleitmaterial, die Zeitplanung.
Und: Meine Arbeit am FCZB füllt meine konzeptionellen, denkenden, organisatorischen und kommunikativen Kapazitäten völlig aus, so dass ich zur Entspannung lieber Stadtrundgänge mitmache statt sie selbst zu konzipieren.

Buchprojekte zur Berliner Stadtgeschichte plane ich deshalb momentan nicht. Aber ganz kann ich die Beschäftigung mit historischen Frauen nicht lassen. Es wird etwas internationaler: Eine international angelegte Buchreihe mit Büchern, die historische und lebende Vorbilder unter einem bestimmten Namen vereinen. Natürlich mit feministischem Anspruch - sonst wären sie ja keine Vorbilder !
Beispiel: Eines der ersten Bücher wird "Maria" heißen, da dieser Name nicht nur durch alle Zeiten, sondern in vielen, vielen Ländern gebräuchlich ist und sehr viele Varianten hervorgebracht hat. In dem Buch wird nicht nur die Bedeutung und Verbreitung des Namens erklärt, sondern es werden ca. 20 Porträts von berühmten und/oder vorbildlichen "Marien" vorgestellt, die der Namensträgerin helfen, sie ermutigen, sie erheitern und erfreuen sollen. Ein typisches Geschenkbuch, aber durchaus anspruchsvoll. Ein Buch für alle wunderbaren Frauen namens Maria, Marlene, Miriam, Mercedes, Maja, Marja, Marieke, Mareike, Majella, Mary, Mimi, Mariola, Marula, Meike, Mania, Mia, Marilyn, Mareen, Moira uns so weiter - die Liste der Maria-Varianten ist recht lang.

Ich bin eine ausgesprochene Teamarbeiterin, deshalb mache ich es zusammen mit einer Kollegin, Susan Letham, die im englischen Sprachraum zu Hause ist. Wir möchten die Bücher in Deutsch, Englisch und Spanisch herausbringen und suchen gerade einen Verlag, der dieses Projekt mit uns umsetzen möchte.

...dafür wünschen wir Ihnen viel Erfolg!





Cornelia Carstens et al.: Den Frauen nach
Ein Spaziergang am Landwehrkanal

be.bra Verlag 2000
128 Seiten. Pb. , 39 Abbildungen
ISBN: 3-930863-69-3
EUR 9.90200984990475" target=_blank">


Cornelia Carstens et al.: Frauen an der Spree
Ein Spaziergang durch die Geschichte

be.bra Verlag 1999
128 Seiten. Pb., 48 Abbildungen
ISBN: 3-930863-49-9
EUR 9.90200297084875" target=_blank">






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Beitrag vom 28.05.2003

AVIVA-Redaktion 






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