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AVIVA-BERLIN.de im Februar 2021 - Beitrag vom 01.10.2007


Uhu frisst Fuchs: Schulbuchtest der Stiftung Warentest fällt ernüchternd aus
Anna Opel

Stichproben in Biologie- und Geschichtsbüchern ergab nicht tolerable Fehlerquote und Schwächen in der Didaktik. Stiftung schlägt Vereinheitlichung der Lehrpläne vor.




Aufmacher des Oktoberheftes von "Test", dem Magazin der Stiftung Warentest, ist der bundesweit allererste Schulbuchtest. Durch Hinweise von LehrerInnen war die Redaktion auf mangelhafte Lernmaterialien aufmerksam geworden und widmete dem Thema eine ihrer allseits beliebten unabhängigen Studien.

Bundeslandspezifische Lehrinhalte setzen Verlage unter Druck

Um zu verstehen, warum es so viele unterschiedliche Schulbücher für ein- und dasselbe Fach, ein- und dieselbe Jahrgangsstufe gibt, muss man sich vergegenwärtigen, dass Schulbücher wie Bildungsinhalte im Zuständigkeitsbereich der Länder liegen. Das hat den Effekt, dass die großen und kleineren Verlage für jedes Bundesland unterschiedliche Ausgaben ihrer Lehrbücher produzieren. Die einzelnen Versionen richten sich nach den inhaltlichen Schwerpunkten, die die jeweiligen Lehrpläne vorsehen. Hier gibt es teilweise erhebliche Abweichungen unter anderem in der Frage, was wann unterrichtet werden soll. Die Schulbücher sind quasi das Anschauungsmaterial, an dem sich diese Differenzen ablesen lassen. In der Regel unter den Fittichen von FachredakteurInnen geschrieben, werden sie von hierfür eingerichteten Kommissionen der Länder geprüft, bevor sie für den Unterricht zugelassen werden.
Für die Verlage bedeutet die Länderhoheit in Sachen Bildung eine enorm breite Auffächerung der Produktpalette. Es müssen relativ viele Ausgaben mit relativ niedriger Auflage und unter hohem Zeitdruck produziert werden. Wie sich jetzt herausgestellt hat, mit negativen Auswirkungen auf Inhalte und didaktische Qualität der Schulbücher. Für Schulkinder, die während ihrer Schulzeit umziehen müssen, ziehen diese Differenzen außerdem oft einige Schwierigkeiten nach sich. Es müssen nicht nur neue Schulbücher angeschafft werden, die SchülerInnen müssen sich eben auch an die anders aufgebauten Lernsystematiken anpassen. Auf dieses Problem wies Chefredakteur Huberts Primus im Zusammenhang mit der vom Markt geforderten Flexibilität der Arbeitskräfte ausdrücklich hin. Das entscheidende Argument, dass sich in Sachen Schulbuch etwas ändern muss, ist aber die oft mangelhafte Qualität, die bei der Untersuchung ans Licht kam.

Stichproben in Geschichte und Biologie

Für die Studie konzentrierten sich die MitarbeiterInnen von Stiftung Warentest auf die Bundesländer Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Baden-Württemberg wurde ausgewählt, weil es als fortschrittlich in der Entwicklung von Bildungsstandards gilt.
In der Stichprobe wurden zehn Biologiebücher für die Altersstufe 7.-10. Klasse sowie sieben Geschichtsbücher für die 10. Klasse untersucht. Exemplarisch nahm man sich einzelne Lehrinhalte vor: für Biologie waren das die Ausführungen über die Zelle, die Fotosynthese und die Verdauung. Im Fach Geschichte konzentrierten sich die RedakteurInnen auf die Entwicklung der EU und die Alltagsgeschichte der DDR.
Die Darstellungen wurden nach den Kriterien Fehlerquote sowie nach fachlicher und didaktischer Eignung bewertet. Mit teilweise ernüchternden Ergebnissen. Neben geringfügigeren Fehlern, die nicht weiter in die Bewertung einflossen, wurden bei einigen Schulbüchern gravierende Fehler, also sachlich falsche Darstellungen auf jeder fünften Seite gefunden. Einer der Fehler, die das Stiftungsteam exemplarisch wiedergab, war die Abbildung einer Nahrungspyramide, an deren Spitze der Uhu thronte, darunter der Fuchs. Uhu frisst Fuchs? Um diesen – und viele andere – Fehler zu entdecken, muss man keine Biologin sein.
Viele Bücher wiesen auch didaktische Mängel auf, unübersichtliche Inhaltsverzeichnisse, einen allzu akademischen Stil, Seitenlayout ohne Bildmaterial und grafische Darstellungen, zu denen die erklärenden Beschriftungen fehlten.

Stiftung Warentest empfiehlt Angleichung der Inhalte

Ein entscheidendes Merkmal aller Studien der Stiftung Warentest liegt in der Tatsache, dass das Team im Anschluss an die Qualitätskontrolle nach dem Ursprung der Problematik eines Produktes fragt, sofern es eine solche entdecken konnte. Im Fall Schulbuch liegt der Hund aus Sicht der Redaktion klar in der Vielzahl der Angebote begraben, die die Verlage für die verschiedenen Bundesländer produzieren müssen. Die FachredakteurInnen müssen alle fünf Jahre, so lange ist eine Ausgabe in der Regel aktuell, für jede Stufe Fachbücher in 16 Ausführungen auf den Markt bringen. Unter diesem Druck kommt die Sorgfalt bei der Redaktion des einzelnen Buches beinahe zwangsläufig zu kurz.
Eine Minimierung des Aufwands insgesamt und damit die Chance auf Qualitätssteigerung des einzelnen Schulbuchs wäre denkbar, so Hubertus Primus und Dr. Holger Brackemann, Abteilungsleiter der Produkttests, könnten die Länder ihre Lehrpläne angleichen.

Es bleibt zu hoffen, dass die gleichbleibend angenehm nüchterne Arbeit der Stiftung Warentest mit dieser Studie einen Stein ins Rollen bringt, der bildungspolitisch wirksam wird.

Eine auf eigene Faust in den ausliegenden Biologiebüchern unternommene Qualitätskontrolle im Bereich Sexualkunde hat übrigens ergeben, dass das Thema gleichgeschlechtliche Liebe in allen Büchern zwischen den Kapiteln Liebe/Sexualität und HIV einen festen und guten Platz hat. Immerhin.

Das Oktoberheft von Stiftung Warentest mit diesem und weiteren Themen ist ab sofort zum Preis von 4,20 Euro an Kiosken und in Zeitschriftenläden erhältlich. Weitere Informationen unter: www.test.de


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Beitrag vom 01.10.2007

AVIVA-Redaktion