Elisabeth R. Hager ÔÇô Kometen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Found
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA-Berlin > Found AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.03.2012

Dieser Text wurde hinterlegt:



Elisabeth R. Hager ÔÇô Kometen
Claire Horst

Um eine Reise geht es in diesem Deb├╝troman, und auch wenn es eine Reise zu sich selber ist, spielen deshalb Orte eine ganz zentrale Rolle. In Marzahn setzt die Handlung ein, und genauso hei├čt auch...



... der Prolog.

Dass Bubi Bergerer, Ex-Tirolerin und heutige Kreuzbergerin, hier mit schwerem Sch├Ądel und neben einem sinnloses Zeug quatschenden Mann aufwacht, ist nur der Gipfelpunkt. Neben Hans wird ihr klar, dass sie keine Ahnung hat, wohin ihr Leben sie gerade treibt. Diese innere Unklarheit wirft sie v├Âllig aus der Bahn: M├╝hsam schleppt sie sich auf die menschenleere Allee der Kosmonauten, wo sie sich mitten auf die Stra├če legt: "Bubi war sechsundzwanzig. Ein ├╝beralterter Teenager, einfach liegen geblieben nach der Abschlussfeier."

Ihre Freundinnen sind es, die Bubi aus dieser Situation retten und im VW-Bus nach Hause bringen. Elisabeth R. Hager gelingt es in knappen S├Ątzen, Pers├Ânlichkeiten und Beziehungen ├╝berzeugend zu beschreiben ÔÇô die junge Frau aus S├╝dafrika, verliebt in eine Frau und mit ihren konservativen Werten k├Ąmpfend, den Partner und alleinerziehenden Vater, der einmal engster Freund war und pl├Âtzlich nur noch vertraut, aber nicht mehr begehrenswert erscheint, die MitbewohnerInnen, die einmal ein Zuhause waren, nun aber nur noch einengen und nerven.

Bislang war Kreuzberg Bubis zentraler Fixpunkt, hier hat sie sich bisher zu Hause gef├╝hlt: "Sie wohnten zusammen in der Muskauer Stra├če in einer Kohleofen-Wohnung im vierten Stock. Sie parkten den Bus am Heinrichplatz und gingen das letzte St├╝ck zu Fu├č. Aus dem Elefanten und dem Bateau Ivre drang auch jetzt noch das Gepl├Ąrr und Gel├Ąchter der leftovers vom Vorabend." Doch obwohl Bubi durchzechte N├Ąchte im Tante Horst liebt, will sie pl├Âtzlich nur noch weg. Ihr berufliches Dasein zwischen vermeintlicher Freiheit und Selbstausbeutung ist ├╝berhaupt nicht mehr attraktiv. Noch einen einzigen Tag Ratgeber ├╝ber Schwangerschaft und Krebserkrankungen zu schreiben, scheint wie die H├Âlle auf Erden. Hans, der mit merkw├╝rdigen Drogen handelnde Kerl aus Marzahn, gibt den Ausschlag f├╝r ihre Entscheidung.

Vor ihm und vor sich selber ergreift Bubi die Flucht. Ihr Fluchthelfer ist Can, ein LKW-Fahrer, den sie ├╝ber die Mitfahrzentrale findet. Zur├╝ck in die Enge der Berge, zur├╝ck zu Mama und Papa, denen sie doch gl├╝cklich entkommen war. Im Gespr├Ąch mit Can reflektiert Bubi ihre Vergangenheit in verschiedenen Berliner Politgruppen und ihre Frustration dar├╝ber, doch immer wieder in der Selbstbeschau zu enden. Dabei unterl├Ąuft Hager ironisch g├Ąngige Stereotype, wenn eine Tankstellenwartin die Diskussion ├╝ber politisches Engagement, vermeintliches Gutmenschentum und Resignation unterbricht: "┬┤Fakt ist doch vielmehr┬┤, mischte sich pl├Âtzlich die Frau im Overall mit unerwartet seidener Stimme ins Gespr├Ąch, ┬┤Altruismus ist eine Erfindung der herrschenden im Sozialbereich t├Ątigen Kaste zur Zementierung ihrer moralischen ├ťberlegenheit. Jede noch so fragw├╝rdige Sozialarbeiterin verkl├Ąrt ihre Berufslaufbahn doch heutzutage zur Heiligenlegende! (...)┬┤ Wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen klatschte sie dabei den Putzlappen auf das Metallgest├Ąnge. Bubi und Can sahen sich erschrocken an."

Mit ├Ąhnlicher Ironie geht Hager auch an die Gegen├╝berstellung von vermeintlich anonymer Gro├čstadt und vertrautem Zuhause heran. "Dahoam" hei├čt das Kapitel, in dem sie in ihrem Heimatort anlangt, das vorangestellte Motto stammt ausgerechnet von Elfriede Jelinek, einer ausgewiesen kritischen Betrachterin ├ľsterreichs: "So scheidet der Boden jene, die fremd, ahnungslos sich ihm n├Ąhern, von jenen, die seine Gesetze kennen, den Einheimischen." Idyllisch und trotz aller Vertrautheit fremd ist dieses Tirol, dem Bubi sich nach langer Zeit wieder n├Ąhert: "Sie folgte dem Stra├čenverlauf, vorbei an der Villa des B├╝rgermeisters und den Einfamilienh├Ąusern, die sch├Ân geschminkt und gut verschlossen vor sich hin schwiegen. Sanft rotierten in den eingez├Ąunten Vorg├Ąrten die Windr├Ąder. In den Nadelb├Ąumen am Stra├čenrand sangen die Amseln." Hier in den Tiroler Bergen konfrontiert Bubi ihre Mutter mit einer Nachricht, die sie selbst noch nicht richtig verarbeiten kann, erh├Ąlt im Gegenzug erschreckende Informationen ├╝ber sich selbst und stellt sich in einer einsamen Bergh├╝tte einer gro├čen Entscheidung.

AVIVA-Tipp: In einem wahnwitzigen Tempo und mit gro├čer sprachlicher Treffsicherheit jagt die junge Autorin ihre Protagonistin durch diesen Pop-Roadtrip-Drogen-Coming of Age-Roman. Auf den ersten Blick ein Poproman, verhandelt "Kometen" die gro├čen Fragen des Lebens: Wo will ich hin? Was sind meine Werte? Und wer bin ich ├╝berhaupt?, und vermeidet dabei mit Witz und Selbstironie jegliches Moralisieren. Nicht nur f├╝r KreuzbergerInnen!

Zur Autorin: Elisabeth R. Hager geb. 1981 in St. Johann in Tirol, lebt in Berlin. Sie ist Regieassistentin in der H├Ârfunkredaktion des Deutschlandradios, Privatlehrerin, Komparsin, Kalligrafin und Kellnerin. Sie bloggt (www.moeglichkeit-formen.blogspot.com) und veranstaltet viertelj├Ąhrlich die experimentelle, intermediale Lese-Performance- & Musikreihe AVANTGARDEN OF EDEN! (www.avantgarden-of-eden.blogspot.com). "Kometen" ist ihr erster Roman.

Elisabeth R. Hager
Kometen

Milena Verlag, erschienen im M├Ąrz 2012
ca. 240 Seiten. Hardcover
19,90 Euro
ISBN 978-3-85286-220-0


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Barbi Markovic - Ausgehen

Tanja D├╝ckers - Hausers Zimmer

Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 04.03.2012 Claire Horst 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home