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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 01.03.2011

Tanja D├╝ckers - Hausers Zimmer
Claire Horst

Westberlin im Jahr 1982. Julika Z├╝rn lebt mit ihren Eltern und dem ├Ąlteren Bruder Falk in einer riesigen Altbauwohnung. Neben mehreren K├╝nstlerInnen lebt hier auch ein "Prolet": der ...



... Motorradrocker Hauser.

Mit der Beobachtung von Hauser verbringt die 14j├Ąhrige Julika ganze N├Ąchte. Per Fernglas sieht sie ihm beim An- und Ausziehen, beim Sex mit wechselnden Partnerinnen oder einfach beim Schlafen zu. Das orange Viereck seines Fensters ist ihr Orientierungspunkt, daran, ob es erleuchtet ist oder nicht, misst sich ihre Tagesstimmung. Und obwohl Julika sich durchaus f├╝r ihre Umgebung, f├╝r die kleine und die gro├če Politik interessiert, verblasst das alles neben den Bewegungen, die sie in dem Viereck sehen kann.

"F├╝r einen Moment... schien mir unser Haus, der Hof, meine Familie, meine ganze Umgebung vollkommen irreal. Alles war Kulisse, alles konnte morgen vorbei sein - bis auf die Ratten, die Tauben, die Ruine der Ged├Ąchtniskirche und das jetzt im beginnenden Schneeregen flimmernde Lichtviereck auf der anderen Seite des Hofs. Ich stand am Fenster, h├Ârte auf das Glucksen und sah in den schwarzen Himmel, der von unten her erleuchtet wurde, als h├Ątte er orangefarbene Wurzeln geschlagen. Dann holte ich mein Hauser-Heft heraus und malte neben das schwarze ein orangefarbenes Quadrat."

Seltsam reglos erscheint die Atmosph├Ąre in diesem Berlin, friedlich und sehr langweilig. Es ist ein stilles Leben auf einer abgeschiedenen Insel, keine Spur von der Weltstadt, als die Berlin sich heute so gern verkauft. Vielleicht ist dieser Eindruck auch ein wenig der ├╝bergro├čen Harmonie geschuldet, in der Julika mit ihren Eltern und ihrem Bruder lebt. K├╝nstlerInnen und SammlerInnen, sind die Eltern durchaus anstrengende Personen. Und trotzdem nehmen sich hier alle gegenseitig ernst, wird alles ausdiskutiert, interessieren sich die Jugendlichen f├╝r Weltpolitik und haben die Erwachsenen Zeit, sie ihnen zu erkl├Ąren.

Eine behagliche und irgendwie bequeme Stimmung l├Âst der Roman aus. Eine leise Melancholie ist zu sp├╝ren, eine Trauer dar├╝ber, dass dieses Berlin der Mauer, der Abbruchh├Ąuser und der Anti-Pershing-Demonstrationen nicht mehr existiert. Diesen Ton trifft D├╝ckers sehr genau. Seltsam wirkt nur die Erz├Ąhlperspektive. D├╝ckers` Figuren befinden sich nicht wirklich in der Zeit, von der hier erz├Ąhlt wird. Wie die Autorin selbst scheinen sie best├Ąndig aus der Zukunft, vielleicht aus dem Jahr 2011 heraus zu reflektieren, wie das denn nun war in diesem Jahr 1982. "Ob man wohl in drei├čig Jahren noch von diesem Coppik sprechen wird?", fragen sie sich dann, und wenn Julika ihr Berlin beschreibt, scheint sie es f├╝r die Nachwelt zu tun: "Piratensender Powerplay mit Mike Kr├╝ger h├Ątte ich mir sparen k├Ânnen, daf├╝r mochte ich das abendliche Schlendern auf dem Ku┬┤damm. Tags├╝ber wurde er beherrscht von den thatcherartigen Ku┬┤dammladys... Und es gab jede Menge Kinos, gute Kinos, gro├če und kleine, altmodische und neu gestylte: im Europa Center das Capitol, gegen├╝ber Wertheim das Gloria, nahe beim Caf├ę Kranzler die Filmb├╝hne Wien..."

Julika betrachtet Berlin, schlie├čt Freundschaften, wartet, dass das Leben beginnt.
Im Widerstreit mit ihren Eltern, die sich als Linke verstehen, aber Hauser verachten, in der Auseinandersetzung mit ihrem kiffenden Bruder wird sie langsam erwachsen. Und sonst geschieht eigentlich nichts. Von diesem Nichts erz├Ąhlt Tanja D├╝ckers mit einer Hingabe, die das verblichene Westberlin wieder auferstehen l├Ąsst.

AVIVA-Tipp: Es geh├Ârt schon Mut dazu, die Gegend um den Ku`damm in den Mittelpunkt eines Berlinromans zu stellen. Altmodisch-beh├Ąbig, wie dieser Teil Berlins wirkt, entspricht er dem von D├╝ckers heraufbeschworenen Achtziger-Jahre-Zeitgeist genau. Vielleicht ist es nicht so wichtig, dass die Figuren manchmal zu Verk├Ârperungen heutiger Gedankenstr├Âme werden. Denn im Mittelpunkt des Romans steht sowieso die Stadt. Und schreiben, das kann D├╝ckers. An dem Roman hat sie zehn Jahre gearbeitet, und dass sie Worte sehr genau setzt, ist ihrer wunderbaren Sprache anzumerken.

Zur Autorin: Tanja D├╝ckers , Jahrgang 1968, ist Germanistin, Kunsthistorikerin, Autorin von Gedichten, Essays, Romanen und Erz├Ąhlungen und Kolumnistin der Frankfurter Rundschau, der Zeit und des Magazins B├╝cher. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Preise und wurde 2006 vom Deutschen Historischen Museum zu den zehn wichtigsten SchriftstellerInnen unter 40 und den 100 kreativsten K├Âpfen Deutschlands gew├Ąhlt. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin. (Verlagsinformationen)

Die Autorin im Netz: www.tanjadueckers.de

Tanja D├╝ckers
Hausers Zimmer

Sch├Âffling Verlag, erschienen Februar 2011
496 Seiten. Gebunden
Euro 24,95
ISBN: 978-3-89561-010-3
www.schoeffling.de

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Buecher Beitrag vom 01.03.2011 Claire Horst 





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