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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 13.10.2009

Mirjam Pressler - Gr├╝├če und K├╝sse an alle - Anne Franks Familiengeschichte in Briefen
Anna Opel

Mirjam Pressler, vielbesch├Ąftigte Autorin und ├ťbersetzerin aus dem Hebr├Ąischen, hat umfangreiche Briefwechsel aus der Familie des weltweit wohl ber├╝hmtesten Opfers des Holocaust herausgegeben



Wer kennt nicht das "Tagebuch der Anne Frank", das anr├╝hrende Zeugnis der letzten Monate eines von den Nazis verfolgten jungen M├Ądchens vor ihrer Ermordung? Das in der kleinen Amsterdamer Dachkammer f├╝r sich selbst geschriebene B├╝chlein wurde, vom Vater Otto Frank ver├Âffentlicht, zum wichtigen Dokument eines individuellen Schicksals, wie es millionenfach durchlitten wurde. Aufgrund der historischen Bedeutung dieses Tagebuchs ist die Geschichte der Person Anne Frank in vielen Publikationen umfangreich und ersch├Âpfend dokumentiert. Wozu, k├Ânnte man fragen, brauchen wir ein weiteres Buch, eine Familiengeschichte der Franks?

Der Fund eines umfangreichen Konvoluts an Dokumenten und Fotos im Basler Haus von Anne Franks Cousin Buddy Elias bildet das Fundament einer sowohl anr├╝hrenden, wie historisch aufschlussreichen Familienchronik, die bis ins 19. Jahrhundert und weiter zur├╝ckreicht.
Die Schriftstellerin und ├ťbersetzerin Mirjam Pressler hat, gemeinsam mit Gerti Elias, der Frau von Buddy Elias, dem letzten noch lebenden direkten Verwandten von Anne Frank, die Dokumente geordnet und nun ca.500 Briefe aus dieser Sammlung ediert.
Pressler kommt der Leserin entgegen, indem sie die einzelnen Briefe, Gedichte und Fotos einwebt in eine gro├če Erz├Ąhlung, die sich liest, wie ein historischer Roman.

Dass diese Familiengeschichte ausgerechnet die Geschichte von Anne Franks Vorfahren ist, wirkt sich m├Âglicherweise vor allem auf die ├Âffentliche Aufmerksamkeit aus, die diese interessante Publikation hoffentlich finden wird. Nat├╝rlich gewinnt man durch die Lekt├╝re Hintergrundwissen zur Person Anne Frank. Ihr Leben und ihr Schicksal wird, wenn man so will, in einen gr├Â├čeren historischen Kontext der deutsch-j├╝dischen Geschichte gestellt. Dabei geht es aber nicht darum, Neuheiten ├╝ber Anne Frank zu erfahren, das bisherige Bild ihres Lebens wom├Âglich zu korrigieren.

Was Mirjam Pressler zusammen mit Gerti Elias hier vorlegt, ist, und das ist vielleicht noch wichtiger als die Verbindung zur prominenten Person Anne Frank, ein Familienepos, das mit Sicherheit exemplarisch f├╝r viele j├╝dische Familien in Europa steht. Das Verdienst der Publikation liegt in der kleinteiligen, liebevollen Aufarbeitung einer j├╝disch-europ├Ąischen Familiengeschichte vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Es ist die Geschichte j├╝dischen Alltags in Deutschland, die in dieser Familie und in vielen anderen auch, zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaum noch von j├╝discher Tradition gepr├Ągt war. Man war, so liest es sch auch hier, durch und durch deutsch und identifizierte sich mit Deutschland als Heimatland. Bis man, wie schon so oft in der langen Geschichte der Juden in Deutschland, ein weiteres Mal und diesmal gr├╝ndlich, stigmatisiert, ausgegrenzt und verfolgt wurde.

"Gr├╝├če und K├╝sse an alle" ist auch die Geschichte eines regen famili├Ąren Informationsaustauschs, der gepr├Ągt war von gegenseitiger Sorge und Anteilnahme bei freudigen Ereignissen und in schweren Zeiten. M├Âglicherweise wurden in der Familie Frank-Elias diese Kontakte ├╝berdurchschnittlich intensiv gepflegt und wertgesch├Ątzt. Ein gl├╝cklicher Umstand, muss man sagen, dem die Nachwelt diese vielen aufschlussreichen Briefe zu verdanken hat.

Die Herausgeberinnen greifen in der Geschichte weit zur├╝ck. Das Buch beginnt mit der Kindheit von Alice Frank, geb. Stern (1865-1953), der Gro├čmutter von Anne Frank, deren Kindheitserinnerungen mit einflie├čen. Darunter auch die Erz├Ąhlungen von Alices┬┤ Gro├čvater, der in der Frankfurter Judengasse noch in ├Ąrmlichsten Verh├Ąltnissen aufgewachsen war. Und wie die Familie es innerhalb weniger Jahrzehnte zu erstaunlichem Wohlstand brachte. Alice beispielsweise, die in ihrem eigenen Haushalt mit den vier Kindern, zu denen auch Otto Frank, der Vater von Anne Frank geh├Ârte, keinen Handschlag selbst zu tun brauchte. Doch die Zeiten wurden bald wieder schwieriger. Der Rest ist die bekannte beginnende Verfolgung und Vertreibung, verschiedene Versuche, sich im Ausland in Sicherheit zu bringen.

Zur Autorin: Mirjam Pressler, geboren 1940 in Darmstadt, wuchs bei Pflegeeltern auf. Sie studierte in Frankfurt und M├╝nchen und lebt heute als freie Autorin und ├ťbersetzerin bei M├╝nchen. Mirjam Pressler ist die deutsche ├ťbersetzerin des "Tagebuchs der Anne Frank" und hat auch eine Biographie Anne Franks ver├Âffentlicht ("Ich sehne mich so. Die Lebensgeschichte der Anne Frank"). Sie hat mit gro├čem Erfolg insgesamt fast vierzig B├╝cher ver├Âffentlicht und ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden.
Gerti Elias, geboren 1933 in der Steiermark, wuchs in ├ľsterreich auf. Ausbildung zur Schauspielerin, Engagements an gro├čen B├╝hnen in Deutschland und der Schweiz, 1965 Heirat mit Buddy Elias, Ausstellungen als Malerin, 1986 ├ťbersiedlung nach Basel, wo sie das Antiquit├Ątengesch├Ąft von Leni Elias ├╝bernahm, Mitglied im Stiftungsrat des Anne-Frank-Fonds, Betreuung des Anne-Frank-Ethik-Lehrstuhls. (Verlagsinformationen)

AVIVA-Tipp: Wie man lebte, wie man Kontakt zueinander hielt, welchen Umgangston man pflegte, all diese interessanten Details einer Mentalit├Ątsgeschichte kann man Anne Franks Briefen und Presslers Texten entnehmen. Dass sich die Einzelteile zu einem packenden wie historisch genauen Gesamtbild f├╝gen, in dem auch die Gro├če Geschichte, da wo sie zum Verst├Ąndnis n├Âtig ist, immer wieder vorkommt, ist Mirjam Pressler und Gerti Elias zu verdanken. Sie haben eine gute, einf├╝hlsame Arbeit geleistet.

Mirjam Pressler
Unter Mitarbeit von Gerti Elias
Gr├╝├če und K├╝sse an alle

Hardcover mit zahlreichen Abbildungen, ca. 400 Seiten
S. Fischer Verlag, erschienen Oktober 2009
ISBN 978-3-10-022303-6
Ca. 22,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Wenn das Gl├╝ck kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen" von Mirjam Pressler.

"Golem stiller Bruder" von Mirjam Pressler.

"Rosengift" von Mirjam Pressler.

Malka Mai. H├Ârspiel nach einer wahren Geschichte von Mirjam Pressler.

Im Rahmen des Gedenkjahres 2005 stellte Ihnen AVIVA-Berlin zwei B├╝cher zu Anne Frank vor: "Liebe Anne. Ein Buch f├╝r Anne Frank" und "Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus".

Weitere Informationen:

Anne Frank WebGuide f├╝r Sch├╝lerInnen: www.annefrankguide.net

Informationen ├╝ber das Anne Frank Zentrum in Berlin:
Anne Frank Zentrum e. V.
Rosenthaler Stra├če 39
10178 Berlin-Mitte
www.annefrank.de

Buecher Beitrag vom 13.10.2009 AVIVA-Redaktion 





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