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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 20.05.2010

Christina Haberlik - Regie Frauen
Marie Heidingsfelder

"...denn es wird kĂ€mpfen fĂŒr die Sache des Feindes, wer fĂŒr seine eigene Sache nicht gekĂ€mpft hat." Die Autorin prĂ€sentiert vier Generationen von Regisseurinnen und ihren Weg in die MĂ€nnerdomĂ€ne.



Der Wunsch nach Ruhm und Ehre scheint einen zuverlĂ€ssigen Weg zu kennen: Man kann "zum Film zu gehen". Doch in der RealitĂ€t gibt es sowohl im Film als auch im Theater nur zwei Möglichkeiten, reich und berĂŒhmt zu werden: Als SchauspielerIn oder als RegisseurIn. Besonders im Theater spricht man von der "Zentralgewalt" der SpielleiterInnen, deren Inszenierung unter das UrheberInnenrecht fallen und an deren Prestige sich die öffentliche Aufmerksamkeit misst.

In ihrem Buch und der gleichnamigen Ausstellung in MĂŒnchen (noch bis zum 29. August 2010) beschreibt die MĂŒnchner Autorin, Publizistin und Theaterwissenschaftlerin den schwierigen Weg, den Frauen im 20. Jahrhundert beschreiten mussten, um in dieser DomĂ€ne Fuß zu fassen.
Die mehr als 50 Portraits sind in vier Generationen eingeteilt, die sich vor allem ĂŒber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die feministische Motivation und den Umgang mit dem "Frau-sein" in der Inszenierung definieren. Christina Haberlik unterscheidet zwischen den "Pionierinnen", den "Durchsetzerinnen", den "Profiteurinnen" und den gefeierten "Regisseurinnen von (heute und) morgen".

Beeindruckend ist der Aufwand, den die Autorin in diese Chronik gesteckt hat: Wenn man bedenkt, dass fast alle der 50 Portraits auf persönlichen GesprĂ€chen beruhen und dass sie parallel die Ausstellung im Deutschen Theatermuseum kuratiert, dann spĂŒrt man ihre Motivation, dieses Projekt zu verfolgen. Die entstandenen Portraits geben einen sehr persönlichen Blick auf das Leben und Wirken der vorgestellten Regisseurinnen - Christina Haberlik mag die Frauen, mit denen sie spricht und lĂ€sst ihnen viel Raum fĂŒr lange Zitate, ohne dabei den roten Faden zu verlieren: "Wie steinig war der Weg? Wie bewusst ist bist du ihn als Frau gegangen? Und wie hĂ€ltst du es mit der Macht und AutoritĂ€t, die deiner Position inne ist?"

Frauen wie Brigitte Soubeyran, Anne Bogart, Katharina Thalbach, Doris Dörrie, Friederike Heller, Katharina Wagner oder Jette Steckel und viele weitere sprechen offen ĂŒber ihren Weg zur Regisseurin, ĂŒber Erfolge und Schwierigkeiten, ĂŒber Feminismus und ĂŒber die Frage, wie sie sich von mĂ€nnlichen Kollegen unterscheiden oder bewusst abgrenzen.

Auch in der Umsetzung ist "Regie Frauen" vor allem ein gut konstruiertes und schön gestalteter Katalog. Christina Haberlik fĂŒhrt ihre LeserInnen mit einem Vorwort, einem historischen Exkurs und einem Nachwort souverĂ€n durch die Thematik und gibt außerdem eine kurze EinfĂŒhrung in jede der vier Generationen. Wem Zeit und Lust fĂŒr alle 208 Seiten fehlt, kann aber auch viel Spaß am einfachen DurchblĂ€ttern haben: Fotos und hervorgehobene Zitate brechen den Text und öffnen ihn so immer wieder fĂŒr ein kurzes Einlesen.

"Regie Frauen" prÀsentiert sich als schönes, rundes Buch, dessen in sich Geschlossenheit allerdings auch eine Falle ist. So fÀllt unter den "Pionierinnen" die bedeutende Leontine Sagan ohne dass es auffÀllt, unter den Tisch.
DarĂŒber hinaus kann man ihr sehr moralisch geratenes Fazit, in dem sie vor einem "Backlash" in die Zeiten vor der Emanzipierung warnt, diskutieren - zumal sie gleichzeitig an die Regisseurinnen appelliert, Frauen zu bleiben und ihre Weiblichkeit der "Arbeitsmaschinen-MentalitĂ€t der MĂ€nner entgegen zu setzen.
Es bleibt die Frage, ob eine derart traditionelle Sicht auf weibliche Soft Skills und mĂ€nnliche MachtansprĂŒche der Gleichstellung in der Regie zutrĂ€glich ist.

AVIVA-Tipp: Trotz der Kritik ist "Regie Frauen" ein gelungener Katalog fĂŒr alle, die die Ausstellung in MĂŒnchen nicht besuchen können. Die Portraits der mehr als 50 interessanten, starken und selbststĂ€ndigen Frauen machen nicht nur Spaß beim BlĂ€ttern, Lesen und Fotos anschauen, vielmehr inspirieren sie auch. Das persönliche Statement der Autorin kann als positiver Diskussions-Anreiz aufgegriffen werden.

Zur Autorin: Christina Haberlik wurde in Lorch in Baden-WĂŒrttemberg geboren und hat in MĂŒnchen und Berlin Theaterwissenschaften und Publizistik studiert. In beiden StĂ€dten lebt und arbeitet sie als Autorin, Filmemacherin und Journalistin. Vor ihren "Regie Frauen" kuratierte sie bereits mehrere Ausstellungen im Deutschen Theatermuseum.

Christina Haberlik
Regie Frauen

Henschel Verlag, erschienen MĂ€rz 2010
Kartoniert/broschiert, 208 Seiten
ISBN-13: 978-3-89487-663-0
26,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die Biographie von Leontine Sagan

Das internationale Frauenfilmfestival 2010

Buecher Beitrag vom 20.05.2010 Marie Heidingsfelder 





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