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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 01.02.2011

Esskulturen. Gutes Essen in Zeiten mobiler Zutaten - herausgegeben von Andrea Heistinger und Daniela Ingruber
Ute Vetter

Die traditionellen Kochk√ľnste der Menschheit sind gef√§hrdet. Fertig- und Tiefk√ľhlgerichte zerst√∂ren den Geschmackssinn und das Gemeinschaftliche Essen verlagert sich in Imbissbuden und...



... Fastfood-Ketten. Unbegrenzt scheinen die Möglichkeiten der Zubereitung des täglichen Essens. Unbegrenzt scheinen auch die Perspektiven, es zu erörtern. Der Band vereint 16 Beiträge, die auf einem Symposium im Dezember 2009 in Vorbereitung auf eine Ausstellung diskutiert wurden.

Frau k√∂nnte hinter dem Titel und dem appetitanregenden Cover ein Kochbuch vermuten. Hinweise f√ľr geheimnisvolle Gew√ľrzmischungen oder besondere Zutaten, die uns in ungeahnte himmlische Sph√§ren bef√∂rdern, fehlen jedoch g√§nzlich. Es handelt sich bei dem Buch um eine bunte Mischung von kleinen Artikeln und Aufs√§tzen zu den weitgefassten Begrifflichkeiten des Guten Essen, der Esskultur und der mobilen Zutat.

WissenschaftlerInnen, K√ľnstlerInnen und AktivistInnen aus verschiedensten Disziplinen trafen sich im September 2009, um ihre Gedanken, Erfahrungen und Assoziationen zu der geplanten Ausstellung 2011 in Ober√∂sterreich "Essen unterwegs. Eine Ausstellung √ľber Mobilit√§t und Wandel" zu diskutieren.

Die Artikel mit den √úberschriften wie "Food Design - √úber die Formgebung und Gestaltung von Esswaren", "Klima im M√ľll. Eine abf√§llige Betrachtung" oder "Gutes Essen - Eine Geldfrage? Gesunde Ern√§hrung aus der Perspektive der Leistbarkeit" spiegeln die Vielfalt der diskutierten Themen des Symposiums. Die Entfremdung von Natur und Gesellschaft durch die industrielle Nahrungsmittelproduktion r√ľckt ins Blickfeld, ebenso wie der Zusammenhang von Essen, Gesundheit und Luxus und Gedanken zur Formgebung des Essens. Ein kurzer kulturhistorisch-feministischer Streifzug zum Thema fehlt ebenfalls nicht. Die Beitr√§ge beleuchten facettenreich Perspektiven und Ideen zur und um die Produktionskultur des Essens.

Die Ober√∂sterreichischen Landesmuseen als Veranstalter des Symposiums und der Ausstellung 2011 in Linz hatten Interesse an der Ver√∂ffentlichung der Texte, um die Diskussion aus der Abgeschlossenheit der Fachwelt zu f√ľhren. Peter Assmann, als Direktor der Ober√∂sterreichischen Landesmuseen, formuliert im Geleit des Bandes sein Anliegen. Dort hei√üt es, den Hauptgegenstand der Beitr√§ge bildet die Sichtbarkeit der langen Wege, die unsere Nahrungsmittel hinter sich haben, sowie ihre Herkunft und der wirtschaftlich machtpolitische Blickwinkel auf das Essen. Die Idee des transdisziplin√§ren Zugangs und eine leicht zug√§ngliche Alltagssprache der Texte sollte dabei unbedingt gewahrt bleiben.

Die Herausgeberinnen: Andrea Heistinger und Daniela Ingruber, machten sich auf die Suche nach allerlei Aspekten zum Begriff der Esskultur. Thematisch bewegen sich die Beiträge der Publikation zwischen Überlieferung und aktuellen Formen des Essens. Die Beziehung von Essen und Globalisierung sollte dabei stark betont werden und auch das Konzept der Ausstellung mitbestimmen.

Die Einteilung des Bandes in die f√ľnf Abschnitte "Alle essen", "Bewusst Essen", "Essen in Armut", "Essen in der Kunst" und "Essen und Tradition" versucht das Spektrum aller Beitr√§ge zu fassen und auch hilfreich zu gliedern. Das ist jedoch nicht ganz gelungen, denn die Unterteilung wirkt ungl√ľcklich erzwungen. Die Zuordnung der Artikel erschlie√üt sich nicht ganz sinnvoll.

Im Ged√§chtnis bleibt nach der Lekt√ľre, dass die Nahrungsmittelindustrie frech und dreist in die privaten K√ľchen vordringt und ein unaufhaltsames Imperium ohne ernstzunehmenden Widerstand begr√ľndet. Weiter bleibt in Erinnerung, dass kostentr√§chtige M√ľllberge von Lebensmitteln zuk√ľnftig zu bew√§ltigen sind und dass sich die traditionelle K√ľche dadurch ver√§nderte, indem Frauen vom Herd weg in die Produktionsst√§tten drangen, um eigenes Geld zu verdienen.

Die Beitr√§ge machen deutlich, dass Kartoffelpuffer, Ratatouille, Sp√§tzle oder Spirelli komplexes Wissen der Menschheit in sich tragen und kulturelle Erfahrungen codieren. Die Informationen k√∂nnen bei Bedarf jedoch entschl√ľsselt werden.

Offen bleibt, welche Geheimnisse sich wohl l√ľften w√ľrden, wenn in einer theoretischen Abhandlung der Berliner Bockwurst die zarte Wienerin gegen√ľber gestellt werden w√ľrde oder dem K√∂nigsberger Klops die Boulette. Hinsichtlich der Form und der Konservierungsmittel scheint ein Nachdenken dar√ľber interessant und unterhaltsam. Die bittere Wahrheit bleibt jedoch, dass √∂kologisch nachhaltig und fair produzierte Lebensmittel ein gutes Ziel sind, das noch in weiter weiter Ferne zu liegen scheint.

Mit Beiträgen von:

Peter Assmann, Andrea Ebner-Pladerer, Dagmar Fr√ľhwald, dem Verein Grenzenlos Kochen, Andrea Heistinger, Daniela Ingruber, Martina Kaller-Dietrich, Christoph Kirchengast, dem K√ľnstlerInnenkollektiv Mahony, Elisabeth Meyer-Renschhausen, Christian Pladerer, Joschi Sedlak, Gabriele Sorgo, Barbara Stocker, Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter, Ursula Tr√ľbwasser und Maria Vogt.

Zu den Herausgeberinnen:

Andrea Heistinger
ist Agrarwissenschafterin. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten geh√∂ren Kulturpflanzenvielfalt und Lokales Wissen, Frauen in Landwirtschaft und Gartenbau. Sie nimmt Lehrauftr√§ge an der Uni Wien und der Universit√§t f√ľr Bodenkultur Wien wahr.
Andrea Heistinger im Netz: www.semina.at/heistinger

Daniela Ingruber ist Politikwissenschafterin und Kriegsforscherin. Sie gehört zum Lehrkörper des UNESCO-Chairs for Peacestudies an der Universität Innsbruck.
Daniela Ingruber im Netz: www.nomadin.at

AVIVA-Tipp: Das Verspeisen von Hirn, Herz und Hoden st√§rkt im Volksmund Weisheit, Gesundheit und Potenz. Der Band regt zur Verdauung von jahrhundertealten Informationen √ľber Esskultur an und bietet Ideen zur Diskussion rund um das Thema des mobilen Essens. Er gibt einen Vorgeschmack auf die Ausstellung im Linzer Schlossmuseum, die ab Mai 2011 dort kredenzt sein wird.

Andrea Heistinger und Daniela Ingruber (Hrsg.)
Esskulturen. Gutes Essen in Zeiten mobiler Zutaten

Mandelbaum Verlag Wien, erschienen am 15. Oktober 2010
www.mandelbaum.at
Gebunden, 310 Seiten
ISBN: 978385476-342-0
19,90 Euro

In Linz findet vom 09. Mai - 20. August 2011 die Ausstellung "Essen unterwegs. Eine Ausstellung √ľber Mobilit√§t und Wandel" statt.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Jonathan Safran Foer - Tiere essen

Good Food. Bad Food. Anleitung f√ľr eine bessere Landwirtschaft


Buecher Beitrag vom 01.02.2011 AVIVA-Redaktion 





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