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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 22.02.2011

Natasha Walter - Living Dolls. Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen
Kristina Auer

Die britische Feministin Natasha Walter sieht keinen Grund zum Optimismus: Sie ist der Meinung, der Sexismus befinde sich in unserer Gesellschaft wieder auf dem Vormarsch. Auf ihrer Lesung in der...



... Berliner Urania am 16. Februar 2011 sprach sie √ľber die Thesen, die sie in ihrem neuen Buch vertritt.

"Ich dachte, der Streit um die Gleichheit zwischen Männern und Frauen wäre schon längst gewonnen", erzählte Natasha Walter vor einem interessierten Publikum.
Dieser Meinung war sie auch, als sie im Jahr 1998 ihr erstes Buch "The New Feminism" ver√∂ffentlichte, in dem sie argumentierte, dass die Ansichten der Feministinnen nun von der Mehrzahl der Bev√∂lkerung geteilt w√ľrden und die Frauenbewegung sich endlich neuen Aufgaben widmen k√∂nne.

Doch als vor zehn Jahren Walters Tochter Clara zur Welt kam, prallte der jungen Mutter, die selbst eine feministische Erziehung genossen hatte, in den M√§dchenabteilungen der Spielwarenl√§den eine knallpinke Welt entgegen, die unter anderem ein "rosa Nagelstudio, [...] einen rosa Boutique-Stand mit Ohrringen und Halsketten sowie Puppen [...] mit allem m√∂glichen Zubeh√∂r, unter anderem mit einem rosa Manik√ľre-Schlafzimmer und einem rosa Empfangssalon" anbot.
Walter musste sich eingestehen, dass sie sich geirrt hatte: Die Spielräume von Weiblichkeit hatten sich nicht durch die Errungenschaften der Frauenbewegung stetig erweitert. Stattdessen erhielt Walter immer mehr den Eindruck, dass die Objektivierung und Festlegung von Weiblichkeit auf traditionelle Stereotype heute wesentlich stärker praktiziert wird als noch in ihrer Kindheit.

Auf ihrer Lesung r√§umte Natasha Walters ein, dass ein Teil der Verantwortung f√ľr diesen kulturellen R√ľckschritt den Feministinnen zufalle. "Weil wir dachten, dass die wichtigsten Auseinandersetzungen schon gewonnen waren, haben wir uns von kulturellen Aspekten der Gleichberechtigung abgewandt und uns haupts√§chlich um wirtschaftliche und finanzielle Aspekte gek√ľmmert", erl√§uterte sie. "Wir Feministinnen haben f√ľr lange Zeit aufgeh√∂rt, die einseitige und objektivierende Darstellung von Frauen zu kritisieren."

Der neue Sexismus

"Ich stellte mir die Frage, was mit dem Feminismus schief gegangen war", erklärte Walter.
Um herauszufinden, wie sich Weiblichkeitsstereotype auf die Pers√∂nlichkeitsentwicklung von jungen M√§dchen auswirken, f√ľhrte sie unz√§hlige Interviews, teilweise mit Frauen, die in der Sexindustrie t√§tig waren, sowie Eltern, VertreterInnen der Erotikbranche und WissenschaftlerInnen. Dabei kam sie im Wesentlichen zwei m√§chtigen Strukturen auf die Spur, mit denen sich der R√ľckschritt im Kampf um Gleichberechtigung in Verbindung bringen l√§sst: Einerseits dem Aufkommen einer hypersexualisierten Kultur und andererseits einem neuen Trend hin zum biologischen Determinismus.

Walter macht deutlich, was sie mit einer hypersexualisierten Kultur meint, indem sie s√§mtliche medialen Darstellungen von Frauen untersucht, von Puppen √ľber Models hin zu Schauspielerinnen. Die Analyse solcher Bilder von Weiblichkeit ist wichtig, da junge M√§dchen sich an ihnen orientieren und sie zu ihren Vorbildern machen. Walter kommt zu dem Schluss, dass so gut wie alle vorhandenen Darstellungen von Weiblichkeit auf eine extrem verengte Form des Frauseins abzielen: N√§mlich der des rein k√∂rperlich und sexuell attraktiven M√§dchens. Obgleich dieses Ergebnis viele LeserInnen vielleicht nicht verbl√ľffen mag, so offenbart es doch eine h√∂chst perverse Kultur, zieht man in Betracht, dass hier Puppen f√ľr Kleinkinder untersucht wurden. Genauso wichtig wie die Analyse dieser Abbildungen ist aber auch Walters Erkenntnis, dass alternative Darstellungen von Weiblichkeit schlichtweg nicht vorhanden sind.

Daneben macht Natasha Walter auf eine verbl√ľffende Marketing-Strategie der Spielzeugindustrie aufmerksam: Durch die Verbindung beispielsweise eines Prinzessinnenfilmes mit dem Vertrieb s√§mtlicher dazugeh√∂riger Accessoires inklusive Kleider und Spiegel wird auf eine m√∂glichst vollkommene Verschmelzung des Kleinkindes mit der Puppe hingezielt.
Diese Vermarktung erzeugt in Verbindung mit den einseitigen Darstellungen von Weiblichkeit einen Druck zur k√∂rperlichen "Vervollst√§ndigung", der bereits seit fr√ľhester Kindheit an M√§dchen herangetragen wird und sich von dort aus durch das ganze Leben hindurchzieht.

Ebenso wie Angela McRobbie in ihrer Ver√∂ffentlichung "Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes" kritisiert auch Natasha Walter, dass dieser Druck zu einer extrem femininen Erscheinung von vielen Bef√ľrworterInnen der Hypersex-Kultur unter dem Verweis darauf verschleiert wird, dieses Auftreten sei von den Frauen frei gew√§hlt. Hier wird eine Struktur deutlich, die McRobbie mit dem Begriff des "Postfeminismus" beschrieben hat: Neo-konservative Tendenzen, die Frauen in eine traditionelle Rolle als sexuelles Objekt zur√ľck zu verweisen versuchen, werden mit dem Argument gerechtfertigt, die Gleichberechtigung sei l√§ngst erreicht und der Feminismus √ľberfl√ľssig geworden.

Der neue Determinismus

Der zweite Teil von "Living Dolls" dreht sich um das umfassende gesellschaftliche Bed√ľrfnis, Geschlechterunterschiede mit biologischen, scheinbar unver√§nderlichen, Unterschieden zu erkl√§ren und zu untermauern. Dies zeige sich besonders deutlich, so Walter, einerseits am Tenor zahlreicher Beziehungs-Ratgeber und andererseits an einer einseitigen Berichterstattung von Seiten der Presse: Wissenschaftliche Studien, m√∂gen diese noch so absurd sein, die g√§ngige Geschlechterstereotype als biologisch vorbestimmt nachgewiesen zu haben glauben, werden begeistert aufgenommen und sofort kritiklos publiziert. Studien hingegen, die zu dem Ergebnis kommen, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Bezug auf unterschiedliche F√§higkeiten und Eigenschaften nicht bestehen oder zumindest nicht als von der Natur festgelegt gesehen werden k√∂nnen, werden ihrer Meinung nach nicht erw√§hnt.

Aus diesem Grund hat Walter eine Vielzahl solcher Studien genauestens analysiert. Schonungslos und scharfsinnig hat sie dabei im Austausch mit verschiedensten WissenschaftlerInnen die M√§ngel vieler Studien herausgearbeitet, die in den letzten Jahren von BuchautorInnen und JournalistInnen als Beweise einer angeborenen Geschlechterdifferenz angef√ľhrt wurden. Es wird klar, dass die Ergebnisse der Wissenschaft keineswegs so eindeutig sind, wie sie in den Medien dargestellt werden. Walter gelingt es so, mit uralten Geschlechtermythen hinsichtlich von Sprache, Mathematik, Gehirnen und Hormonen, die sich hartn√§ckig in den K√∂pfen festgesetzt haben, aufzur√§umen.

AVIVA-Tipp: "Living Dolls" ist ein unglaublich ermutigendes und bestärkendes Buch, das die Macht besitzt, vielen die Augen zu öffnen. Es bietet außerdem wichtige Argumentationsmöglichkeiten gegen den vielerorts geteilten Glauben an unveränderliche Geschlechterunterschiede. Natasha Walter fasst einflussreiche Strukturen und Tendenzen präzise ins Auge und liefert ein realistisches und zeitgemäßes Bild des Sexismus in unserer Gesellschaft.

Zur Autorin: Natasha Walter ist eine j√ľdisch-britische Publizistin. Sie wurde 1967 in London geboren und studierte in Cambridge und Harvard Anglistik. Als feministische Journalistin arbeitet sie f√ľr Vogue, The Observer, The Independent, The Guardian sowie f√ľr die BBC und lebt mit ihrem Mann, einer Tochter und einem Sohn in London. Weitere Infos finden Sie unter:
natashawalter.com

(Quelle: Kr√ľger Verlag)

Natasha Walter
Living Dolls. Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen

Kr√ľger Verlag (erschienen am 11. Februar 2011)
Gebundene Ausgabe, 330 Seiten
ISBN: 978-3810523778
19,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Angela McRobbie - Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes

Buecher Beitrag vom 22.02.2011 Kristina Auer 





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