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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 11.03.2011

Hilal Sezgin - Landleben. Von einer, die raus zog
Britta Leudolph

F├╝r einige ein Traum, f├╝r andere eine unangenehme Vorstellung: ein Umzug von der Gro├čstadt aufs Land. Hilal Sezgin hat es gewagt und ist dabei sehr gl├╝cklich, aber auch schwer besch├Ąftigt.



Die L├╝neburger Heide, s├╝dlich von Hamburg und n├Ârdlich von Wolfsburg gelegen, ist eine zumeist wellenf├Ârmige Landschaft, die fr├╝her einmal durch weitr├Ąumige Heidefl├Ąche und tiefe Urw├Ąlder gekennzeichnet war, bevor der Mensch Hand an die Region legte. In der Regel passiert hier nicht viel, Hase, Fuchs und Heidschnucke treffen sich eher selten, um sich eine gute Nacht zu w├╝nschen. Die Gegend ist seit jeher d├╝nn besiedelt, der ├╝berwiegende Teil der Bev├Âlkerung lebt in Ortschaften mit unter 1.000 EinwohnerInnen.

F├╝r genau dieses menschenarme und tierreiche Fleckchen Erde entscheidet sich Hilal Sezgin, als sie beschlie├čt, der Millionenstadt Frankfurt den R├╝cken zu kehren um aufs Land zu ziehen. Es dauert eine Weile, bis sie das f├╝r sich perfekte Haus findet: "Ein Backsteinhaus mit einem gro├čen Giebelfenster an der Stirnseite, mit einem dekorativen alten gusseisernen Zaun davor, der allerdings nach wenigen Metern abrupt endete, und einer wei├čen Holzt├╝r. [ÔÇŽ] In den Neunzigerjahren wurde das jetzige Haus von Grund auf neu, aber unter Verwendung alter Steine und Balken errichtet. Die gro├čen, hellen R├Ąume waren wunderbar proportioniert und, wie mein k├╝nftiger Vermieter nun erz├Ąhlte, nach seinen Ideen angelegt worden. Allerdings, fuhr er fort, h├Ątten sie sich beim Bau sehr gut am├╝siert und zu dem Zwecke auch viel getrunken, weswegen das Haus auf einer Seite einen Meter breiter sei als auf der anderen."

Hier also zieht sie ein, mit ihren Katzen und gebrauchten M├Âbeln die sie im Internet ersteigert hat. Neben ihrem Haus grasen Schafe, die gern auch mal ihren Garten nach Leckereien durchst├Âbern. Schon nach kurzer Zeit f├╝hlt sich Hilal f├╝r ihre NachbarInnen, die Schafe, verantwortlich: "[ÔÇŽ] jetzt waren seit meinem Umzug keine zwei Monate vergangen, ich hatte Spritzengeben gelernt, die Schafe trippelten gesunden Fu├čes ├╝ber die Wiesen." Oft ist sie damit besch├Ąftigt, die Schafe aus dem Wald oder von der Stra├če zur├╝ck auf die Wiese zu treiben, sie medizinisch zu betreuen oder ihren Stall auszumisten. Bei diesen Gelegenheiten lernt sie ihre NachbarInnen besser kennen und stellt fest, dass die Beziehungen auf dem Lande wesentlich verbindlicher sind, als die in der Stadt, wo selbst Verabredungen zum Kaffee unter Vorbehalt getroffen werden. Sie muss zudem feststellen, dass das d├Ârfliche Leben einer wesentlich gr├Â├čeren Ausstattung bedarf: S├Ąureresistente Gummistiefel und allerlei Materialien, die der Instandhaltung des Gartens und des Hauses dienen.

Und dann ist da Hilal Sezgins fast grenzenlose Tierliebe. Seit ├╝ber 15 Jahren ist sie Vegetarierin und kann kein Tier leiden sehen. Als sie das erste Mal einen ├Âkologisch bewirtschafteten H├╝hnerstall betritt, wird ihr klar, dass es auch hier zu rettende Tiere gibt und sie z├Âgert nicht lange: auf ihrem Hof ist nat├╝rlich auch noch Platz f├╝r einen H├╝hnerstall: "In den n├Ąchsten Wochen stellte ich mir einen Gartenstuhl neben dem Auslauf, weil ich ihnen so gern beim Scharren und Picken und Trinken zuschaute, ich hoffte eigentlich, dass niemand bemerken w├╝rde, wozu dieser Stuhl diente, weil ich es selbst etwas albern fand, in meiner Freizeit H├╝hner zu beobachten. [ÔÇŽ] Den H├╝hnern beim Herumwuseln zuzuschauen hat etwas ├Ąhnliches Beruhigendes, wie im Urlaub aufs Meer zu schauen."

Zur Autorin: Hilal Sezgin wurde 1970 in Frankfurt/Main als Tochter zweier IslamwissenschaftlerInnen geboren. In ihrer Geburtsstadt studierte sie Philosophie mit den Schwerpunkten Moralphilosophie und politische Theorie sowie Soziologie und Germanistik. Als freie Autorin besch├Ąftigt sich Sezgin bevorzugt mit den Themen Feminismus, Islam und Islamophobie in Europa, Tierrechte und Tierethik. Sie schreibt unter anderem f├╝r die ZEIT, die Frankfurter Rundschau und die taz. 1999 deb├╝tierte sie mit dem Kriminalroman "Der Tod des Ma├čschneiders". Zuletzt erschien 2010 "Mihriban pfeift auf Gott". Sie lebt als freie Publizistin in der L├╝neburger Heide.

AVIVA-Tipp: Hilal Sezgin verbindet in ihrem Buch "Landleben" die Schilderungen ihres Auszugs aufs Land mit philosophischen ├ťberlegungen. Schon kurze Zeit nach ihrem Umzug in die L├╝neburger Heide wei├č sie schon sehr viel ├╝ber die Behandlung von Schafkrankheiten und ├╝ber das Aufp├Ąppeln von kranken H├╝hnern. Dabei st├Â├čt sie immer wieder an die Grenzen des Machbaren. Sie lernt aber auch die Vorz├╝ge einer l├Ąndlichen Gemeinschaft kennen, wo eine helfende Hand und guter Rat nie weit weg zu sein scheinen. Sezgins liebevolle Beschreibungen sind manchmal lustig, manchmal melancholisch, insgesamt eine wunderbare Liebeserkl├Ąrung an das Leben auf dem Lande. Ganz nebenbei und unaufdringlich lernt die Leserin viel ├╝ber die Grausamkeiten, die sich selbst in der ├Âkologischen Landwirtschaft finden, ├╝ber die M├╝hen der Tierhaltung und das Einmachen von Fr├╝chten.

Landleben. Von einer, die raus zog
Hilal Segzin

Dumont Verlag, erschienen Februar 2011
Hardcover, 269 Seiten
ISBN 978-3-8321-9623-3
19,90 Euro

Weitere Infos unter:
www.hilalsezgin.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Jonathan Safran Foer - Tiere essen

Eileen Chang - Das Reispflanzerlied

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Buecher Beitrag vom 11.03.2011 Britta Leudolph 





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