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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.02.2003

Der literarische Blow Job des Jahres
Kirsten Böttcher

Das sexuelle Leben der Catherine M.
Catherine Millet packte aus - und er√∂ffnete eine alte Diskussion √ľber weibliche Sexualit√§t und Genregrenzen im neuen Stil



Den literarischen Blow Job des Jahres 2000, wie es französische Kritiker bezeichneten, lieferte ausgerechnet die Herausgeberin von art press, Catherine Millet.
Die angesehene Sachverst√§ndige f√ľr zeitgen√∂ssische Kunst und Yves Klein -Expertin verursachte einen handfesten Skandal durch ihren autobiographisch anmutenden Roman La vie sexuelle de Catherine M.und initiierte eine Neuauflage der Diskussion dar√ľber, wie die Grenzen zwischen Pornografie und erotischer Literatur zu definieren seien .
Der Roman selbst ist als eine lose Folge von Bildern, Szenen und Sequenzen strukturiert, die alle mehr oder weniger explizite Erl√§uterungen √ľber den sexuellen Werdegang der Protagonistin enthalten.

Das Besondere an den vier Kapiteln - durch die √úberschriften "Die Zahl", "Der Raum", "Der geschlossene Raum" sowie "Details" recht abstrakt wirkend - ist der Stil der minuti√∂sen und pr√§zisen Schilderungen und Reflexionen √ľber alles, was mit Sexualit√§t verbunden ist.

"Ich war eine Tr√§umerin mit einem Talent, Geschichten zu erfinden. Ein Gro√üteil meines erotischen Lebens spielte sich so ab, angeregt durch die Reibung meiner Vulva zwischen Daumen und Zeigefinger. Der wirkliche Beischlaf stillte ein gr√∂√üeres Bed√ľrfnis: sich einen Weg ohne Unebenheiten in der Welt zu bahnen".Also Sex als die gro√üe Suche? Die Erfahrungen und Gedanken der Catherine Millet, die Seite f√ľr Seite ihre ausschweifenden Orgien, sexuellen Phantasien, ihr Verh√§ltnis zu Nacktheit, Genitalien oder Stellungen schier endlos aneinander reiht, wirken merkw√ľrdig entfernt, aber gleichzeitig pers√∂nlich, scheinbar offenherzig und uneitel. Ihre Anspielungen auf bestimmte K√ľnstler und der Beruf der Autorin legen den Vergleich nahe: der Stil erinnert an einen objektivierenden Blick auf ein Kunstwerk, das man aus der N√§he absch√§tzend mustert, √ľber dessen Kontext man nachdenkt und versucht, sich √ľber dessen Bedeutung eine Meinung zu bilden. Nur ist das Kunstwerk in diesem Fall die "eigene", weibliche Sexualit√§t im √§u√üerst praktischen Sinne verstanden - ein Thema, dem man (Mann) traditionell gern einen eher mystischen Charakter zuschrieb, wie auch dem weiblichen K√∂rper. An dieser Stelle gelingt Catherine Millet ihr Skandal Nummer 1: die br√ľsken Schilderungen der Ich - Erz√§hlerin √ľber ihren Umgang mit all ihren K√∂rper√∂ffnungen, ihre k√ľhle Einsch√§tzung, was sie gut kann - eben den blow job beispielsweise - , wie sie behandelt werden m√∂chte und wie es in Wirklichkeit aussah, alles wird klar vor der Leserschaft ausgebreitet, wof√ľr es in der Literaturgeschichte wohl kein weiteres, weibliches Beispiel gibt.

A propos Leserschaft: das Buch, schon in 20 Sprachen √ľbersetzt, fand das ganze Jahr 2001 √ľber rei√üenden Absatz und galt als Anlass f√ľr verschiedenste Diskussionsforen. Schon Buchtitel und -Autorin selbst sorgten f√ľr genug Interessenten, da Millet in K√ľnstlerkreisen √ľber einen hervorragenden Ruf verf√ľgt und niemand mit einem Sexroman aus ihrer Feder rechnen konnte:
Skandal Nummer 2.
"Sorglosigkeit und Unbesonnenheit tragen unter anderem auch zu meiner Konstanz und Entschlossenheit beim Geschlechtsverkehr bei, sie stehen in Beziehung zur Aufl√∂sung meines ganzen Wesens(...): Sei es, dass mein Gewissen sich in dieser Entschlossenheit aufl√∂st, sodass ich den Vorgang nicht mehr mit kritischer Distanz betrachten kann, sei es, dass sich der K√∂rper einfach seinen Mechanismen hingibt- das Bewusstsein entschl√ľpft und verliert seine Beziehung zum sexuellen Akt". Warum, fragt sich die k√ľnstlerische Zunft, verfasst eine Intellektuelle, die noch nicht mal √§u√üerlich dem Vamp - Klischee √§hnelt, eine Mischung aus Roman und Autobiographie, in der sie sich ganz un - bourgeoise zu ihrer Vorliebe zu Gruppen- und /oder Analsex bekennt?
S√§mtliche namhafte franz√∂sische Literaturp√§pste gaben sich die Ehre in ihren Spekulationen und Wertungen, wobei auch manche kommentierten, dass sie das Buch noch nicht mal anfassen wollten. Eine Meinungsfront beklagte, dass man in diesem Werk nicht die Spur einer zivilisationskritischen oder feministischen Perspektive erkennen k√∂nne, in diese Gruppe geh√∂rt auch Jean Baudrillard. Der bekannte Schriftsteller √§u√üerte sich in einem Interview mit der Zeitschrift MAX eher mitleidig √ľber Madame Millet, die "das Stadium der h√∂chstm√∂glichen sexuellen Automatisation" erreicht habe.
Durch absolute Nacktheit habe man laut Baudrillard noch lange nicht Zugang zur absolut nackten Wahrheit, sei es die Wahrheit √ľber Sex oder die Krux der Welt. Hat die Autorin vielleicht bewusst ein F√§hrtenspiel eingebaut? Durch die vielen Anspielungen auf die Psychoanalyse k√∂nnte man auf den Gedanken kommen, Madame Millet l√§sst sozusagen die Hosen runter, um alle Kritiker in eine Freudsche Versuchung zu st√ľrzen, n√§mlich die Seele einer Intellektuellen auseinander zu nehmen. Genau genommen ist das komplette Buch eine Verf√ľhrung zur Auseinandersetzung, zur Reflektion √ľber die eigene Sexualit√§t, womit die Autorin ihr klar formuliertes Ziel erreicht h√§tte: einen Dialog speziell mit anderen Frauen √ľber Sex herzustellen. Die zumeist weiblichen Fans des Buchs feiern Millet als Amazone der Befreiung der Frauen von dem m√§nnlichen Blick, denn ihre Perspektive habe die feministische Theorie seit 1968 bereichert.

Fazit: die intellektuelle Verlockung des professionellen Leseklientels zu Kritik und Auseinandersetzung mit einer postmodernen Form der erotischen Literatur ist gelungen, doch f√ľr die Autorin scheint es pers√∂nlich viel bedeutsamer zu sein, eine andere Variante des Feminismus als neuen Diskussionspunkt anzubieten, der nach einem Jahr offenbar noch nichts von seiner Aktualit√§t verloren hat: also nix mit Porno!



Catherine Millet:Das sexuelle Leben der Catherine M.
8,90 Euro
ISBN/EAN 3-442-45543-X

Lesen Sie hierzu auch das Interview mit Catherine Millet.

Buecher Beitrag vom 14.02.2003 AVIVA-Redaktion 





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