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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 27.03.2014

Ulrike Heider - Vögeln ist schön
Claire Horst

Vögeln ist schön, dieses Graffito auf der Wand einer Schulturnhalle löste in den sechziger Jahren eine mittelschwere Kulturkrise aus. Und die Episode ist ein gutes Beispiel dafĂŒr, wie Ulrike...



...Heider auch weniger bekannte Teilbereiche der sexuellen Revolution in deren teils persönlich, teils historiografisch gehaltene NacherzÀhlung aufnimmt.

"Du wirst noch ein schönes Flittchen werden", mit dieser Aussage ihrer Mutter beginnt die Autorin einen Parcours durch die Jahrzehnte, in dem sie die eigene sexuelle Befreiung mit der Entwicklung verschiedener sozialer Bewegungen und vor allem der Literatur verbindet, von der die Protagonist_innen beeinflusst waren. Angefangen im Jahr 1967, die Autorin ist 20 Jahre alt und kĂ€mpft mit den gĂ€ngigen Moralvorstellungen und der eigenen Verklemmtheit, fĂŒhrt sie die Leserin vorbei an SexualaufklĂ€rerInnen wie Oswalt Kolle und Beate Uhse, lĂ€sst sie dem Filmemacher Rosa von Praunheim begegnen, sich ĂŒber Camille de Paglias antifeministische Texte wundern und verschiedenste Perspektiven auf SexualitĂ€t, GeschlechterverhĂ€ltnisse und Gesellschaftsreformen kennenlernen, darunter so unterschiedliche wie die von Simone de Beauvoir, George Bataille und Judith Butler.

Zwischen "Nutte" und "braver Ehefrau eines erfolgreichen Mannes" bestehen kaum Möglichkeiten fĂŒr eine junge Frau wie Heider, und der zeitgenössische Schlager von Peter Kraus bis Roy Black bietet auch nur die "glĂŒckliche Ehe" als Idealbild an. Im RĂŒckblick ist es fĂŒr Heider Gisela Elsner mit ihrem Roman "Das BerĂŒhrungsverbot", das die sexualfeindliche und von der NS-Zeit geprĂ€gte AtmosphĂ€re ihrer Jugend am besten charakterisiert. In den ersten Kapiteln ihres Buches zeigt Heider auf, welche personellen und strukturellen KontinuitĂ€ten damals noch bestanden. So weist sie beispielhaft auf den Pfarrer Heinz Hunger hin, der als ehemaliger GeschĂ€ftsfĂŒhrer des 1938 gegrĂŒndeten "Instituts zur Entfernung und Beseitigung jĂŒdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" zum "SexualpĂ€dagogen" mutiert war und maßgeblichen Einfluss auf die bundesdeutsche Gesetzgebung zum "Jugendschutz" hatte.

Chronologisch zeichnet die Autorin die LektĂŒren verschiedener Zeitabschnitte nach und lĂ€sst die Leserin mitvollziehen, wie sich der Blick auf SexualitĂ€t und Geschlechterrollen verĂ€nderte, auf welche Autor_innen sich beispielsweise unterschiedliche Strömungen der Frauen- und Schwulenbewegung bezogen und auf welche gesellschaftlichen VerĂ€nderungen damit reagiert wurde.

Ihre persönliche IdentitĂ€tsfindung fĂŒhrt sie unter anderem auf die Werke von Simone de Beauvoir zurĂŒck, wie auch ĂŒberhaupt der französische Existentialismus ein wohltuendes Gegenmodell zur Enge der Adenauerrepublik dargestellt habe. Ein weiterer zentraler Einfluss ist Herbert Marcuse, den sie als Autoren versteht, der nicht nur das Lustprinzip aufgewertet, sondern auch "den Leidenskult der zeitgenössischen Theologen und Philosophen" abgelehnt und damit den Weg fĂŒr eine positive Haltung auch zur SexualitĂ€t freigemacht habe.

Dass die von den Boulevardmedien so genannte und gern zum Verkauf ihrer Produkte genutzte "Sexwelle" in Deutschland einrollen konnte, dass Autoren wie Alfred Kinsey und Oswalt Kolle auch vom Mainstream rezipiert werden konnten, hĂ€lt Heider fĂŒr eine Folge des wirtschaftlichen Aufschwungs und der damit einhergehenden ökonomischen wie sozialpolitischen Öffnung Deutschlands.

Spannend ist ihre NacherzĂ€hlung nicht nur aufgrund der DetailfĂŒlle und des Einbezugs umfangreicher Theorien, sondern weil sie neben die sich wandelnden öffentlichen Diskurse jeweils ihre eigenen Erfahrungen stellt. Ihre Darstellung ist damit an keiner Stelle als rein wissenschaftlicher Abriss zu verstehen, sondern immer subjektiv gefĂ€rbt – und auch regional auf Frankfurt am Main fokussiert, wo die Autorin sich der linken Frauen- und StudentInnenbewegung zurechnete.

So erzĂ€hlt sie von der hessischen SchĂŒlerInnenbewegung, die sexuelle AufklĂ€rung an den Schulen forderte und damit einen bundesweiten Skandal hervorrief, von Wilhelm Reich und der Sexpol-Bewegung, aber auch von dem Befreiungsmoment, das fĂŒr sie persönlich der Kontakt mit Mitgliedern des SDS bedeutete, besonders deren Empfehlung, verschiedene SexualpartnerInnen auszuprobieren.

Heider wendet sich explizit gegen aktuelle konservative Diskurse, die in der sexuellen Befreiung eine Hauptursache fĂŒr den vermeintlichen Anstieg von MissbrauchsfĂ€llen und PĂ€dokriminalitĂ€t sehen wollen. Ihre LektĂŒre ist deutlich subjektiv. So erlebt sie die Schwulenbewegung der frĂŒhen 70er Jahre mit der positiven Umdeutung der "Tunte" als Befreiung, ebenso die Neue Frauenbewegung, stellt sich aber etwa Beauvoirs ablehnender Haltung zu Schwangerschaft und Mutterrolle entgegen. Vollends verstĂ€ndnislos steht sie dem spirituellen FlĂŒgel der Frauenbewegung gegenĂŒber, den sie mit seiner Zuwendung zum Hexenkult und Idealisierung des "Weiblichen" als essentialistisch und konservativ kennzeichnet.

Auch wenn Heider Mitte der 90er Jahre den Schritt hin zu neuen Theorien nicht mehr mitvollzieht und etwa mit Judith Butlers Theorie von der Gemachtheit auch des biologischen Geschlechts nicht viel anfangen kann, auch wenn Queer Theory und Transsexuellenbewegung ihr nicht einleuchten, und auch wenn sie aktuelle Bewegungen als lustfeindlich und restaurativ bezeichnet: Ihr Buch ist eine beeindruckend umfassende und belesene Darstellung der wechselnden Auseinandersetzungen um SexualitÀt und Gesellschaftspolitik.

Beeindruckend ist auch Heiders immer wieder betonter Anspruch, Verhandlungen um SexualitĂ€t als explizit politisch zu begreifen. Nicht zuletzt deshalb zeigt sie sich erschĂŒttert vom Erfolg literarischer Werke wie "Feuchtgebiete" und "Shades of Grey", die sie nicht nur als konservativen RĂŒckschritt in ĂŒberkommene Rollenbilder, sondern auch als marktförmige Produkte begreift.

AVIVA-Tipp: Wenn Heider sich gegen die Kommerzialisierung der SexualitĂ€t im Kapitalismus ausspricht, "denn dessen Gebote sind es, die die Beziehungen zwischen den Menschen zu Macht- und OhnmachtsverhĂ€ltnissen werden lassen", wenn sie fĂŒr einen "neuen Hedonismus" plĂ€diert, der sich weder auf eine "ursprĂŒnglich gute SexualitĂ€t als Heilsbringerin" beruft noch als "sexueller Inselkommunismus" erscheint, kann die Leserin sich der Autorin nur anschließen. Ihr Appell an eine RĂŒckberufung auf "frĂŒhsozialistische, anarchistische und linkskommunistische Bewegungen" des frĂŒhen 20. Jahrhunderts verrĂ€t, dass sie trotz allem UnverstĂ€ndnis fĂŒr aktuelle Gendertheorien die Hoffnung auf neue Impulse zur VerĂ€nderung nicht aufgegeben hat. Und ihr Buch macht Lust darauf, auch alte Theorien (wieder) zur Hand zu nehmen.


Zur Autorin: Ulrike Heider, 1947 in Frankfurt a.M. geboren, promovierte 1978. Von 1976 bis 1982 lehrte sie an verschiedenen Hochschulen in Hessen, seit 1982 arbeitet sie als freie Schriftstellerin und Journalistin. 1988 ĂŒbersiedelte sie nach New York, seit 2010 lebt sie außerdem in Berlin. Zu ihren Buchveröffentlichungen gehören "Keine Ruhe nach dem Sturm", "Sadomasochisten, Keusche und Romantiker", "Vom Mythos Neuer Sinnlichkeit" sowie "SchĂŒlerprotest in der Bundesrepublik Deutschland". (Verlagsinformationen)

Ulrike Heider
Vögeln ist schön. Die Sexrevolte von 1968 und was von ihr bleibt

288 Seiten
Rotbuch Verlag, erschienen im MĂ€rz 2014
Taschenbuch, 288 Seiten
ISBN 978-3-86789-196-7
14,95 Euro


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Buecher > Sachbuch Beitrag vom 27.03.2014 Claire Horst 





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