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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 07.01.2008

Marianne Brentzel - Mir kann doch nichts geschehen... - Verlosung
Yvonne de Andrés

In der zweiten Ann√§herung an das Leben der Nesth√§kchen-Autorin Else Ury steht ihre Verwurzelung in der j√ľdischen Tradition und... AVIVA-Berlin verlost 3 B√ľcher



...in der deutschen Kultur im Vordergrund.

Marianne Brentzel hat anl√§sslich des 130. Geburtstages von Else Ury am 1. November 2007 - 15 Jahre nach ihrer hoch gelobten ersten Ver√∂ffentlichung √ľber Else Urys Leben "Nesth√§kchen kommt ins KZ. Das Leben der Else Ury, 1877-1943" ‚Äď ihr Leben und Werk unter dem Aspekt ihrer Herkunft in der j√ľdischen Tradition neu betrachtet.

Unter den nur schlecht erinnerten Spuren j√ľdischen Lebens in Berlin gibt es auch solche, die gar nicht als solche erkannt werden, obwohl sie existieren. Die Schriftstellerin Else Ury wohnte in der Kantstra√üe 30. Sie war eine der bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Den wenigsten ihrer LeserInnen bis heute ist bekannt, dass sie J√ľdin war.
In Brentzels Buch "Mir kann doch nichts geschehen" sind neue Forschungsergebnisse zu Leben und Werk von Else Ury eingeflossen: "Vor allem aber werden sie die j√ľdischen Spuren in Else Urys Leben deutlicher wahrnehmen. Es geht mir um die enge Verwurzelung Else Urys im Judentum und die Erkenntnis, dass sie nicht nur eine assimilierte und der deutschen Kultur eng verbundene Frau war, sondern dass sie mit ihren B√ľchern selbst einen bedeutenden Beitrag zur Assimilation geleistet hat." Diese neue Besch√§ftigung ist Marianne Brentzel meisterlich gelungen.

In der Gedenkst√§tte der Wannsee-Konferenz, wo die Koordination des V√∂lkermords an den europ√§ischen Juden beschlossen wurde, ist heute ‚Äď auf einer dort ausgestellten Fotografie - ein kleiner schwarzer Koffer zu sehen. Handschriftlich, mit wei√üer Farbe, steht darauf "Transport No. - Else Sara Ury, Berlin ‚Äď Solinger Str. 10", ihre letzte Anschrift in Berlin 1943, bevor der Transport sie nach Auschwitz deportierte.

Else Ury wird 1877 als drittes von vier Kindern in Berlin in eine liberale wohlhabende Familie geboren. Sie wohnte im heutigen Bezirk "Mitte", in der Heiliggeistra√üe, ganz in der N√§he der ersten Berliner Synagoge in der Heidereuthergasse. R√§umlich angrenzend befand sich das Scheunenviertel, das vor allem von armen Juden aus Osteuropa bewohnt wurde. Zu diesen bestanden keine Kontakte. In ihrer gro√üen Familie wuchs sie beh√ľtet auf. Else besucht zehn Jahre lang die K√∂nigliche Luisenschule. Brentzel beschreibt, wie soziale und politische Themen ausgelassen wurden: "Auch erf√§hrt Else Ury weder in der Schule noch zu Hause von Streiks und Sozialdemokratie. In der Schule der Wohlhabenden wird wenig von Armut gesprochen. Von Umst√ľrzlern schon gar nicht. Allerdings wissen die M√§dchen der Mittel- und Oberschicht von Not." Mit der zehnten Klasse endet die Schulausbildung f√ľr Else Ury.

Mit den Eltern und Geschwistern zog sie 1905 in den Berliner Westen, in die Kantstra√üe 30. Hier ist f√ľr sie und viele andere Juden Religion Privatsache.
Sie erlernte keinen Beruf und wohnte bei ihren Eltern. Else Ury begann, kleine Geschichten f√ľr die Sonntagsbeilage der Vossischen Zeitung unter einem heute unbekannten Pseudonym zu schreiben. Anders als viele ihrer Zeitgenossen schildert sie in ihren Ver√∂ffentlichungen kaum das deutsch-j√ľdische Milieu. Die Geschichte "Im Tr√∂delkeller" (1908), die im Buch " Mir kann doch nichts geschehen" abgedruckt ist, bildet hier eine Ausnahme. F√ľr den Wettbewerb der Loge Bnei Bri√ü reichte Ury das M√§rchen von einer Mesusa ein, die erz√§hlt, wie eine j√ľdische Familie sich zunehmend im deutschen B√ľrgertum akkulturalisiert.

Im ersten Weltkrieg f√ľhlt frau deutsch. Vaterlandsliebe und ein konservativ gepr√§gtes Weltbild klammern die politischen Entwicklungen aus. Lange blieb das j√ľdische Bildungsjudentum blind f√ľr die sich abzeichnende Entwicklung. Nicht anders erging es Else Ury, die eine sehr popul√§re und erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautorin wurde. Ihre "Nesth√§kchen-Romane" oder die Serie "Professors Zwillinge" erreichten hohe Anerkennung und wurden Lieblingsb√ľcher mehrerer M√§dchengenerationen.
Annemarie Braun, Protagonistin ihrer zehnb√§ndigen Kinderbuchserie Nesth√§kchen, machte sie sehr popul√§r. Insgesamt verfasste Else Ury 38 B√ľcher und zahlreiche Erz√§hlungen. Dass Ury in typisch j√ľdischer Tradition steht, macht die Autorin Marianne Brentzel daran fest, dass die "Familie in all ihren Geschichten gro√üe Bedeutung zukommt. Famili√§rer Zusammenhalt, gemeinsame Mahlzeiten, Geburtstage und Verwandtentreffen sind H√∂hepunkte im Leben der Heldinnen."

Nach dem Hurrapatriotismus setzt 1918 die Ern√ľchterung ein. Die Biografin schreibt: "Else Ury war vor allem eine Deutsche. Das war ihre Identit√§t bis weit in die Drei√ügerjahre hinein. Ihre Zukunftshoffnungen waren, genau wie bei Millionen anderer Menschen, dass die Nationalsozialisten mit Hitler als Reichskanzler Arbeitslosigkeit und Massenelend beseitigen w√ľrden. Dass der Rassenwahn der Nazis sie bald zur verfemten J√ľdin machen w√ľrde, ahnte sie nicht, konnte sie nicht glauben." Else Ury schreibt und schreibt und schreibt. Ab 1918 ist sie Bestseller-Autorin.

Kursiv gesetzt finden sich im Buch ausf√ľhrliche Erl√§uterungen und Erkl√§rungen zu Traditionen im Judentum wie z.B. der Besuch in der Synagoge, zu Jom Kippur und weitere j√ľdischen Feiertage und Riten.
Dar√ľber hinaus werden die Schritte der Entrechtung der Juden minuti√∂s dargestellt. So weist der Text einen zweiten Erz√§hlstrang auf. Diese Exkurse sind gut geeignet, die jeweiligen Situationen zu beschreiben und sie erm√∂glichen eine Ann√§herung an Ury auch f√ľr diejenigen Leserinnen, die sich in den Lebenssituationen der assimiliert lebenden Juden der Weimarer Republik nicht auskennen.

1935 wird Else Ury aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Am 12. Januar 1943 wird die 65 j√§hrige vom Bahnhof Grunewald nach Auschwitz deportiert. Sie wird dort als arbeitsunf√§hig eingestuft und noch am selben Tag ermordet. In der Erinnerung der meisten ihrer deutschen LeserInnen ist sie niemals j√ľdisch gewesen und auch nie vergast worden. Sie ist einfach verschwunden. Marianne Brentzel macht sichtbar, dass das ganz anders war.

Zur Autorin: Marianne Brentzel 1943 in Erpen geboren. Studium der Politischen Wissenschaften am Otto-Suhr-Institut in Berlin mit Abschluss Diplom, sp√§ter Zweitstudium P√§dagogik und erstes Lehrerexamen. Brentzel nimmt aktiv an der Studentenbewegung teil und organisierte sich sp√§ter bei der maoistischen KPD, und arbeitete von 1973 bis 1980 zur Aufl√∂sung der Organisation in deren Landesleitung in NRW. Seit 1973 lebt sie in Dortmund, arbeitet in der Jugend- und Erwachsenenbildung und als freie Autorin. Im dortigen Verein f√ľr Literatur organisiert und moderiert sie den Dortmunder B√ľcherstreit. Ihre bekanntesten Ver√∂ffentlichungen: "Nesth√§kchen kommt ins KZ. Das Leben der Else Ury, 1877-1943" (1992), "Anna O. - Bertha Pappenheim" (2002). Weitere Informationen unter: www.mariannebrentzel.de

AVIVA-Tipp: Eine sehr gelungene Biografie √ľber Else Ury. In dieser neuen Ver√∂ffentlichung stellt Brentzel Else Ury in den Kontext des assimiliert lebenden Berliner Judentums. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zum Erkennen nicht wahrgenommener j√ľdischer Spuren in der deutschen Geschichte und damit sehr empfehlenswert.


AVIVA-Berlin verlost 3 B√ľcher. Bitte nennen Sie uns das Jahr, in dem Else Ury aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen wurde und senden bis zum 25.01.2008 eine mail an folgende Adresse: gewinnspiele@aviva-berlin.de



Marianne Brentzel
Mir kann doch nichts geschehen

Das Leben der "Nesthäkchenautorin" Else Ury.
Edition Ebersbach, erschienen November 2007
10 Abbildungen, gebunden, 183 Seiten
ISBN: 9783938740545
19,90 Euro
Mir kann doch nichts geschehen . . . können Sie online und versandkostenfrei bei merio.de bestellen.

Gewinnspiele Beitrag vom 07.01.2008 Yvonne de Andr√©s 





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