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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 01.11.2011

Katharina Hacker - Eine Dorfgeschichte. Verlosung
Sonja Baude

Poetische Erinnerungsfragmente f├╝gen sich zu zarten Bildern, die die Welt eines kleinen Dorfes im Odenwald einfangen und zugleich ein St├╝ck AVIVA verlost 3 B├╝cher



... bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte erz├Ąhlen.

Katharina Hacker, die 2006 mit dem Roman "Habenichtse" den deutschen Buchpreis erhielt, hat nun eine sehr pers├Ânliche Kindheitsgeschichte geschrieben. Auch wenn es am Ende hei├čt, "was in diesem Buch geschieht, ist erfunden", legt der vorliegende Roman die Vermutung nah, dass die Autorin die Episoden aus ihren Erinnerungen an die eigenen Eltern und Gro├čeltern und an das Leben im Dorf speist. Es sind Erinnerungsfragmente einer westdeutschen Kindheit in den 1970er Jahren im Odenwald. Die Perspektive ist die der Ich-Erz├Ąhlerin, als Kind und als erwachsene Frau, und zuweilen auch eine Wir-Perspektive, die die Wahrnehmung der beiden Br├╝der einschlie├čt. Warum die Geschichte erfunden sein mag, liegt wohl vor allem an der Gewissheit der Erz├Ąhlerin, dass sich in tats├Ąchliche Erinnerungen immer auch erdachte mischen, "die einen verwirren k├Ânnen und die wie unheimliche Lebewesen im Kopf lebendig bleiben, lebendiger als viele zweifellos echte Erinnerungen."

Dabei geht es in diesen erinnerten Begebenheiten nie um gro├če Ereignisse, sondern um ein auf den ersten Blick ganz unspektakul├Ąr allt├Ągliches Leben auf dem Dorf, wo die Kinder ihre Ferien und Wochenenden verbringen. An endlos scheinenden Sommertagen ziehen die Geschwister allein durch die W├Ąlder, ├╝ber die Wiesen und verbringen ganze Nachmittage in Scheunen, immer so als g├Ąbe es nur den Moment und die ganze Welt darin.

Obwohl in der R├╝ckschau der Erz├Ąhlerin eine mehrk├Âpfige Familie im Mittelpunkt des Geschehens steht, handelt es sich nicht um eine umfassende Familiengeschichte. Und genau das macht das schmale B├╝chlein so interessant: Katharina Hacker l├Ąsst eine Kinderwelt entstehen, aus der die Erwachsenen wahrgenommen werden, sie lotet die Distanz der Welten aus, nie sentimental oder abgekl├Ąrt, sondern immer im Moment des Erlebens. Dabei spielen gerade die ungew├Âhnlichen und vermeintlich am Rande des Dorfes angesiedelten Figuren eine bedeutsame Rolle f├╝r das Erinnern: der vom Krieg versehrte blinde Korbflechter und Organist, der die Kinder ├Ąngstigt und zugleich fasziniert, der ├╝bergewichtige und schwerm├╝tige J├Ąger, der das M├Ądchen mit auf die Pirsch nimmt und sich selbst sp├Ąter das Leben, der hinkende und verunstaltete Bauernsohn vom Nachbarhof, vor dem sich die Kinder f├╝rchten und dessen Hilfe die Erz├Ąhlerin dann Jahre sp├Ąter als Erwachsene in Anspruch nehmen wird.

Vor allem aber sind die Gro├čeltern, neben denen die eigenen Eltern zu verblassen scheinen, die eigentlichen Antreiber der Erinnerungsgeschichte. Da ist die z├Ąrtlich liebende Gro├čmutter und die Unberechenbarkeit des Gro├čvaters, f├╝r dessen Wesen auch die erwachsene Erz├Ąhlerin keine Erkl├Ąrungen sucht, ihn nicht psychologisch ergr├╝nden mag, so dass die Ahnung unser Ein-sehen sch├Ąrft. So wird auch das Kiegsschicksal der Gro├čeltern wie nebenbei ins kollektive Ged├Ąchtnis ├╝berf├╝hrt, indem die Kinder "oft Fl├╝chtlingszug spielen". Hacker muss nichts weiter erkl├Ąren und genau darin liegt ihre eigene Pr├Ązision, indem sie verstehbar macht, wie die Vergangenheit sich immer wieder einmischt in die Gegenwart, auch wenn sie nicht in Worte gefasst wird. Dies ist auch Teil der Freiheit, in der sich die Kinder in den Sommern auf dem Land bewegen. Einer Freiheit fern von verkl├Ąrter Idylle und voll von Geheimnissen, die auch immer wieder den Tod in sich tragen und die Kinder das F├╝rchten lehren. Vielleicht sind es gerade all diese nicht aufgedeckten Geheimnisse der scharf skizzierten Lebensmomente ihrer Figuren, mit denen die Autorin dieses Dorfleben und mit ihm ein St├╝ck bundesrepublikanische Geschichte so nah bringt. Es sind Geheimnisse, die auch von Katharina Hacker nicht aufgedeckt werden wollen.

Hacker schreibt in der R├╝ckschau und auf zweierlei Art, indem sie den Abstand variiert. So sind die Distanz- und Reflexionsgrade auch formal sichtbar, eine zweite Stimme f├╝gt sich immer wieder kursiv am Rande des Buches, typografisch verschoben, ein. Es bleibt auch hier ein Geheimnis, worin genau die Verschiebung besteht, aber die andere Form zeigt den LeserInnen verschiedene Schichten des Wahrnehmens und Erinnerns an, ohne auf Eindeutigkeit zu beharren. "Es war ein K├Ânig in Thule" ist eines der Lieder, das die Protagonistin als M├Ądchen auf der Blockfl├Âte spielen kann. Bei Goethe hei├čt es weiter: "Gar treu bis an das Grab". Auch wenn die Ich-Erz├Ąhlerin als Erwachsene mit ihren beiden T├Âchtern zur├╝ckkehrt in das Dorf, auf den Friedhof und an das Grab der l├Ąngst gestorbenen Gro├čmutter, ist der Eindruck sehr stark, dass das Erinnern, auch wenn es Dunkles birgt, ein steter Trost ist gegen die Einsamkeit.

AVIVA-Tipp: Katharina Hacker reiht in ihrer poetischen Dorfgeschichte helle und d├╝stere Erinnerungsbilder einer Kindheit im Odenwald aneinander, gleicht sie ab mit der Draufsicht ihrer erwachsenen Erz├Ąhlerin und reflektiert damit, meisterlich leicht, Formen des Erinnerns.

Zur Autorin: Katharina Hacker wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren und lebt seit 1996 als freie Autorin in Berlin. Sie studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Freiburg und Jerusalem. 1997 deb├╝tierte sie mit "Tel Aviv. Eine Stadterz├Ąhlung", es folgten der Erz├Ąhlungsband "Morpheus oder Der Schnabelschuh" und die Romane "Der Bademeister" und "Eine Art Liebe". Anschlie├čend erschienen von ihr der Roman "Die Habenichtse", f├╝r den sie 2006 den Deutschen Buchpreis erhielt, der Gedichtband "├ťberlandleitung" sowie die Romane "Alix, Anton und die anderen" und "Die Erdbeeren von Antons Mutter". 2006 erhielt sie f├╝r ihren Roman "Habenichtse" den Deutschen Buchpreis, 2010 wurde sie mit dem Stefan-Andres-Preis ausgezeichnet.
Weitere Infos unter: www.katharinahacker.de


AVIVA-Berlin verlost 3 B├╝cher. Bitte nennen Sie uns den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension zu "Alix, Anton und die Anderen" von Katharina Hacker und senden uns bis zum 10.12.2011 eine Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


Katharina Hacker
Eine Dorfgeschichte

Fischer Verlag, erschienen Oktober 2011
Gebunden, 125 Seiten
ISBN 978-3-10-030066-9
17,95 Euro


Weiterlesen Auf AVIVA-Berlin:

"Alix, Anton und die Anderen" von Katharina Hacker

Gewinnspiele Beitrag vom 01.11.2011 Sonja Baude 





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