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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 21.02.2008

Am Ende kommen Touristen...
Annegret Oehme

Ein ungew√∂hnlicher Film von Robert Thalheim √ľber das gew√∂hnliche Dilemma der Menschen im Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus. AVIVA-Berlin verlost 3 DVDs



Das Licht im Kino geht aus. Man hört das Rattern eines Zuges.

Nein, die ersten Assoziationen sind falsch. Aber nicht ungewollt. Die erste Filmszene zeigt, wie ein gewöhnlicher Personenzug in den Bahnhof von Oswiecim einfährt. Unter den Aussteigenden findet sich ein blonder, junger Mann, in Pulli und Jeans, der sich suchend umblickt. Sven.

Eigentlich wollte Sven seinen Zivildienst in Amsterdam machen, aber die einzige freie Stelle bot eine Begegnungsst√§tte in Polen, genauer: in Oswiecim. In der Stadt, deren deutscher Name Auschwitz eng mit den Verbrechen der NS-Diktatur verkn√ľpft ist, soll er sich um den eigenwilligen KZ-√úberlebenden Krzeminski k√ľmmern und bei der Betreuung von Jugendgruppen helfen. Schnell wird ihm klar, dass die Arbeit gar nicht so einfach ist. In einem Ort, der von seiner traurigen Geschichte bestimmt wird, ist nichts einfach oder normal.

Mit dem Eintauchen in diese Geschichte beginnt f√ľr Sven die Suche nach seinem eigenen Weg und einer eigenen Meinung.
Dabei hilft ihm auch die junge polnische Fremdenf√ľhrerin Ania. Dass es f√ľr sie ganz normal ist, an einem solch "geschichtstr√§chtigen Ort" zu wohnen, will Sven zun√§chst nicht glauben. Und tats√§chlich: wenn sich auch alle mit der Situation arrangiert zu haben scheinen, wollen doch die meisten weg. Au√üer Krzeminski. Er glaubt, noch eine Aufgabe zu haben und erz√§hlt weiter von den ersch√ľtternden Erfahrungen in der NS-Zeit. Aber nicht immer mit dem "gew√ľnschten Erfolg", wie der Kommentar einer Zuh√∂rerin zeigt: "Ich hatte das Gef√ľhl, dass sein Vortrag an Wirkung verloren hat".

Und immer wieder h√∂rt Sven den Satz "Ich finde das gut, was Sie hier machen." Ja, was macht er denn da? Er wechselt Gl√ľhlampen oder greift einem √ľbereifrigen P√§dagogen unter die Arme. Dieser l√§sst Schulklassen mit Edding auf farbige K√§rtchen schreiben, was sie denn so gef√ľhlt haben, bei der F√ľhrung √ľbers Gel√§nde. Au√üerdem belehrt er alle, dass sie sich an einem "sensiblen Ort" bef√§nden. Was ist denn ein "sensibler Ort"? Einer, an dem gegen√ľber von Wacht√ľrmen ein Gem√ľseh√§ndler seine Ware feil bietet? Nein? In Auschwitz ist das so. Trotz Sensibilit√§t... Immer wieder l√§sst der Regisseur die Bilder wirken, um diese scheinbare Unvereinbarkeit auszudr√ľcken. Irgendwie scheint das Leben in Oswiecim 1945 stehen geblieben zu sein und doch geht es weiter.
Der ganze Film steckt voller Widerspr√ľche und Plattit√ľden.
Kritisch werden die Absichten aufgedeckt, mit denen mancherorts "Gedenken" geschieht. Wenn im Film der deutsche Chemiekonzern einen Gedenkstein errichtet, dann der positiven Publicity wegen und nicht, um an die Opfer zu erinnern.
Am Ende ist Sven das alles zu viel und er will aufgeben. Doch allmählich merkt er, worum es wirklich geht...

Das Filmteam erlebte schon bei den Vorbereitungen, wie schwierig die Situation vor Ort ist. Die Drehgenehmigung wurde mit dem Hinweis "Wir sitzen hier auf einem Pulverfass" verweigert. Das Drehen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers wurde auch Steven Spielberg nicht erlaubt.

Zum Regisseur: F√ľr den Berliner Filmhochschulabsolventen Robert Thalheim war das Thema des Films kein unbekanntes. Er selbst hat seinen Zivildienst in einer Begegnungsst√§tte in Auschwitz geleistet und diese merkw√ľrdige Form des Tourismus selbst immer wieder erlebt. Auch die Figur des Krzeminski entstammt der Realit√§t. Zu Thalheims Zeit gab es im Ort noch drei Auschwitz√ľberlebende, die geblieben sind, um auch den folgenden Generationen von den dort ver√ľbten Verbrechen zu berichten.

Mit Alexander Fehling ist die Hauptrolle wunderbar besetzt. Robert Thalheim w√ľnschte sich gezielt ein noch unbekanntes Gesicht, das nicht schon mit bestimmten Filmen assoziiert wird. Die Rolle des Sven, den Fehling sehr realistisch und v√∂llig unk√ľnstlich darstellt, nimmt man ihm ohne Zweifel ab. Der junge Schauspieler ist derzeit in Peter Steins "Wallenstein" Marathon in Berlin zu sehen.

AVIVA-Tipp: Dieser Film, der als deutscher Beitrag auf dem Festival in Cannes zu sehen war, setzt sich gezielt mit der Realit√§t des "Holocausttourismus" auseinander. Er will keine Kritik an den Gedenkst√§tten sein, sondern m√∂chte die Motive und Erwartungen der BesucherInnen hinterfragen. Auf den Punkt bringt dies besonders eine Szene, in der Krzeminski sagt, man solle den Leuten "Schindlers Liste" zeigen, denn der Film w√ľrde mehr Eindruck machen als sein Vortrag. Pr√§dikat: p√§dagogischer als manche Geschichtsstunde.


AVIVA-Berlin verlost 3x die DVD "Am Ende kommen Touristen". Bitte nennen Sie uns den Titel des Erstlingswerkes von Regisseur Robert Thalheim und senden Sie uns bis zum 18.03.2008 eine eMail an folgende Adresse: gewinnspiel@aviva-berlin.de


Am Ende kommen Touristen
Deutschland 2007
Regie und Drehbuch: Robert Thalheim
DarstellerInnen: Alexander Fehling, Ryszard Ronczewski, Barbara Wysocka, Piotr Rogucki
85 Minuten
DVD-Infos:
22. Februar 2008 auf DVD im Handel
(Warner Home Video Germany)
Bildformat: 16:9 Tonformat/Sprache: Dolby Digital 5.1 - Deutsch
Untertitel f√ľr H√∂rgesch√§digte: Deutsch Altersfreigabe: O. a.
DVD-Specials: Audiokommentar von Regisseur Robert Thalheim, Featurette: Reisetagebuch Jerusalem (Nov./Dez. 2007), Kurzfilm: Dachau bei M√ľnchen

Weitere Informationen zum Film unter: www.amendekommentouristen.de

Gewinnspiele Beitrag vom 21.02.2008 AVIVA-Redaktion 





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