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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 22.03.2013

María Sonia Cristoff - Unter Einfluss. Verlosung
Julia Lorenz

Der Zusammensto√ü zweier Fremder in der argentinischen Hauptstadt l√§sst Knochen, Brillengestelle, Selbstbilder und Lebensentw√ľrfe zerbrechen -...AVIVA verlost 2 B√ľcher



... und doch zwei Einzelgänger zueinander finden. Irgendwie.

Die Geschichte von Tonia und Cecilio beginnt mit einem Knall. Und das ganz real. Keine Liebe auf den ersten Blick, kein elektrisierender Augenkontakt, sondern ein g√§nzlich unromantischer Zusammenprall auf den Stra√üen von Buenos Aires f√ľhrt sie zusammen. Cecilios dicke Vintage-Brille geht zu Bruch, Tonia verarztet seine gebrochene Nase, beide verlassen den Ort des Geschehens - und kehren zueinander zur√ľck. Bei ihren gemeinsamen Spazierg√§ngen durch die Metropole sucht Cecilio nach Inspiration f√ľr sein k√ľnstlerisches Schaffen. Tonia hingegen, die hochintelligente Tochter einer Galeristin, betrachtet sie als kleine Fluchten aus ihrem gleichf√∂rmigen und mit beinahe zwangsneurotischer Pedanterie organisierten Alltag.

Was sich nach der Blaupause f√ľr den Beginn einer zarten Au√üenseiterInnen-Romanze anh√∂rt, bleibt in Wirklichkeit platonisch: Statt schattige Seitenstra√üen und Geheimwege zu erforschen, bevorzugen sie f√ľr ihre M√§rsche die gro√üen Alleen der Stadt und dekonstruieren dabei wechselseitig ihre Lebensentw√ľrfe. W√§rme und Zuneigung im landl√§ufigen Sinne suchen externe BeobachterInnen vergeblich. Nichtsdestotrotz begibt sich Tonia in eine unerkl√§rliche Abh√§ngigkeit von Cecilios Gesellschaft, verliert erst die Kontrolle √ľber ihr wohlgeordnetes Leben und schlie√ülich sich selbst - bis sie eines Tages spurlos verschwunden ist. Drei Notizhefte und ein Telegramm mit der Botschaft "Auszeit" sind die einzigen Lebenszeichen, die sie ihrer Mutter und der besten Freundin hinterl√§sst.

Es ist ein seltsames Buenos Aires, durch das sich Tonia und Cecilio bewegen: Bei aller Hitze, Lebendigkeit und Geschwindigkeit bleibt die Atmosph√§re unterk√ľhlt, die Charaktere distanziert. Mar√≠a Sonia Cristoff beobachtet genau und schafft intime Momente, respektiert jedoch die Grenzen ihrer komplexen ProtagonistInnen. Vor allem Tonia verschanzt sich zu offensiv in ihrem Mikrokosmos, um f√ľr den/die LeserIn zug√§nglich zu werden. Obgleich individuiert und weltfremd, richtet sie ihren zynischen Blick dennoch sehr klarsichtig auf die intellektuelle Gro√üstadtelite, mit der sie aufgewachsen ist - und die im Roman so bissig wie klug portraitiert wird: In der festen √úberzeugung, KosmopolitInnen zu sein, sind die Kunstschaffenden bei Mar√≠a Sonia Cristoff derart den eigenen Manien und Neurosen verhaftet, dass die Weltoffenheit als Farce entlarvt wird.

So offenbaren sich Eitelkeit und Oberfl√§chlichkeit, wenn bei der Konzipierung einer Vernissage nicht nur die Liebe zur Kunst, sondern vor allem die Selbstdarstellung der Anwesenden im Vordergrund steht: "Zun√§chst glaubten die anderen, es gehe ihr darum, wie die Werke selbst beleuchtet werden sollen, w√§hrend meine Mutter sich in Wirklichkeit wegen der schlaffen Lider und nicht immer ganz gegl√ľckten Operationen ihres Publikums Sorgen machte", erinnert sich Tonia in ihren Aufzeichnungen.

Maria Sonia Cristoff versammelt in ihrem Roman ein eigenwilliges Ensemble von StadtneurotikerInnen, die sich auf ihrer eigenen Umlaufbahn unerm√ľdlich selbst umkreisen - und somit nicht nur den Realit√§tsbezug verlieren, sondern auch ihre zwischenmenschlichen Beziehungen gef√§hrden. Bis es kracht.

AVIVA-Tipp: Viele Geschichten enden mit einem Paukenschlag, diese beginnt mit einem. Danach setzt die Autorin nicht auf Knalleffekte, sondern ganz auf ihr auf subtiles erz√§hlerisches Talent: Gekonnt spielt Cristoff mit Perspektiven und lotet die Grenzen zwischen psychischen Zw√§ngen und intellektuellen Posen aus. Wer unter welchem - oder wessen? - Einfluss steht, rekonstruiert sich im Verlauf des Romans, der nicht nur eine sensible Charakterstudie, sondern auch ein spitzz√ľngiger Seitenhieb auf die All√ľren des Kunstbetriebs ist.

Zur Autorin: Mar√≠a Sonia Cristoff wurde 1965 in Trelew/Patagonien geboren und lebt in Buenos Aires. Sie studierte Literatur in der argentinischen Hauptstadt und arbeitet dort seit den 1980er Jahren als freie Journalistin f√ľr diverse Zeitungen und literarische Magazine. 2010 erschien das Werk "Patagonische Gespenster. Reportagen vom Ende der Welt" in Deutschland, zwei Jahre sp√§ter ihr Kurzroman "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Neben ihrer T√§tigkeit als Autorin unterrichtet sie Patagonische Literatur und Kreatives Schreiben.


AVIVA-Berlin verlost 2 B√ľcher. Bitte senden Sie uns den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension zu Bettina Isabel Rocha - Buenos Aires, mi amor bis zum 31.05.2013 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


María Sonia Cristoff
Unter Einfluss

Originaltitel: Bajo Influencia, erschienen 2010 bei Edhasa, Buenos Aires
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Berenberg Verlag, Berlin, erschienen 6. März 2013
168 Seiten, Halbleinen, fadengeheftet
20,00 Euro
ISBN 978-3-937834-62-7
Weitere Infos unter:
www.berenberg-verlag.de

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Bettina Isabel Rocha - Buenos Aires, mi amor


Gewinnspiele Beitrag vom 22.03.2013 Julia Lorenz 





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