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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 13.11.2014

Sarah Diehl - Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos gl├╝cklich. Eine Streitschrift. Verlosung
Claire Horst

Ihre B├╝cher erscheinen immer genau zum richtigen Zeitpunkt f├╝r mich. Kaum hatte ich die Pubert├Ąt hinter mir, gab Sarah Diehl die Anthologie...AVIVA verlost 2 B├╝cher



... "Br├╝ste kriegen" heraus, die sich mit weiblicher Pubert├Ąt besch├Ąftigte.

Wie f├╝r Sarah Diehl ist auch f├╝r mich die Pubert├Ąt inzwischen in die Ferne ger├╝ckt, und statt "Was willst du mal werden, wenn du gro├č bist", wird mir eher die Frage nach dem Kinderwunsch gestellt. Meine Frauen├Ąrztin, die mich fr├╝her bei jedem Besuch danach fragte, hat inzwischen aufgeh├Ârt. Immerhin. Mit 36 scheint aus ihrer Sicht meine Uhr abgelaufen.

Warum meist davon ausgegangen wird, dass Frauen einen Kinderwunsch haben, was das f├╝r Frauen ohne einen solchen bedeutet und welche Modelle jenseits der heterosexuellen Kleinfamilie m├Âglich sind, diesen Fragen n├Ąhert sich Diehl ├╝ber Gespr├Ąche mit Frauen verschiedenen Alters ÔÇô mit M├╝ttern und mit kinderlosen Frauen, mit lesbischen und heterosexuellen, mit ├Ąlteren und j├╝ngeren, mit Frauen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Wohnorten.

"Wie normal erscheint die eigene Kinderlosigkeit anderen Frauen? Wie beeinflusst sie ihr Selbstverst├Ąndnis, und welche positiven Vorbilder hat eine kinderlose Frau zur Verf├╝gung? Haben sie sich bewusst gegen ein Kind entschieden, oder war das f├╝r sie nie eine Option? Wie nutzen sie ihre Freir├Ąume? Wie reagiert das Umfeld auf die Kinderlosigkeit? Wie wichtig sind Autonomie und Unabh├Ąngigkeit f├╝r sie und spricht ein Kinderwunsch immer dagegen? Und wenn ja, warum ist das in unserer Gesellschaft so?"

Sarah Diehl zeigt auf, wie mit vermeintlich biologisch festgeschriebenen Regeln Politik gegen die Selbstbestimmung der Frauen gemacht wird: "Da Gesellschaft und Politik es bislang vers├Ąumt haben, ein zeitgem├Ą├čes Konzept von Mutterschaft zu entwickeln, um Frauen heute zum Kinderkriegen zu motivieren, wird der kinderlosen Frau permanent eingeredet, dass sie ihre Entscheidungen psychologisch qua ihrer Natur bereuen muss."

Biologistische werden dabei mit v├Âlkischen Argumenten verkn├╝pft, wie Diehl aufzeigt, wenn sie die Angst vor "├ťberfremdung" und die Abschottung Europas gegen Einwanderung mit der gleichzeitigen Panikmache um das "Aussterben der Deutschen" diskutiert.

Ihre Untersuchung beginnt sie mit einer Analyse des Begriffs der Kindheit. Sie zeichnet nach, wie das Kind als sch├╝tzenswertes Wesen, das Ideal von der kindlichen Unschuld und der zentralen Aufgabe der Frau als deren Beh├╝terin erst mit der Aufkl├Ąrung entstand. Dass das Konzept des "Bonding" zwischen Mutter und Kind, ohne das der Nachwuchs angeblich schweren Schaden nehmen w├╝rde, ebenso historisch bedingt ist wie die Behauptung, dass F├╝rsorge eine "weibliche" Kompetenz sei, stellt sie deutlich heraus ÔÇô und allein f├╝r die entlastende Wirkung dieser Darstellung sei ihr gedankt.

Die Autorin nimmt auch Aspekte in den Blick, die sonst in der Debatte unter den Tisch fallen. Zwar diskutiert auch sie die Ursachen f├╝r die Unvereinbarkeit von "Karriere" und Mutterschaft, stellt aber auch das Konzept der Karriere in Frage. Was, wenn eine Frau weder den Aufstieg auf der Karriereleiter, noch die Mutterschaft zum Ziel hat? Diese M├Âglichkeit taucht in all den Feuilletondiskussionen kaum auf. Und warum eigentlich werden M├Ąnner so selten in Haftung genommen? Diehl zieht eine Untersuchung des Deutschen Instituts f├╝r Wirtschaftsforschung heran, die verdeutlicht, wie ungerechtfertigt Frauen die Verantwortung zugeschoben wird:

"Tats├Ąchlich liegt der Anteil der M├Ąnner ohne Nachwuchs bei den Drei├čig- bis Vierunddrei├čigj├Ąhrigen um zwanzig Prozent h├Âher als bei den gleichaltrigen Frauen. Unter den Endvierzigern sind ein Viertel der M├Ąnner ohne Kinder, aber nur knapp sechzehn Prozent der Frauen, Dennoch wird die Verantwortung f├╝r die Fortpflanzung weiterhin ganz selbstverst├Ąndlich an die Frauen delegiert."

Dass nur acht Prozent der Alleinerziehenden M├Ąnner sind, sieht die Autorin als Beweis daf├╝r, "welchem Geschlecht in unserer Gesellschaft vermittelt wird, dass es sich leichter aus der Verantwortung ziehen kann."

Wie gut und wie ermutigend, dass Diehl auch Gespr├Ąchspartnerinnen gefunden hat, die alternative Modelle leben. Die als Co-M├╝tter, als Wahltanten oder in kollektiven Lebensgemeinschaften Kontakt zu Kindern haben oder auch nicht. Die zeigen, dass es andere M├Âglichkeiten gibt, gl├╝cklich zu werden als in der Erf├╝llung vermeintlich biologischer Voraussetzungen.

AVIVA-Tipp: Das Buch erweitert die einseitig gef├╝hrte Debatte um das bef├╝rchtete "Aussterben der Deutschen" um wichtige Aspekte. Dass es noch andere Gr├╝nde als die Angst um verpasste Karrierechancen geben k├Ânnte, wenn Frauen sich gegen ein Kind entscheiden, wird viel zu selten diskutiert. Im Vorwort erkl├Ąrt die Autorin, dass sie urspr├╝nglich auch M├Ąnner befragen wollte. Schnell habe sich aber herausgestellt, dass das Thema diese einfach nicht so sehr besch├Ąftige wie die Frauen. Viel seltener w├╝rden sie mit der Frage konfrontiert, warum sie denn kinderlos seien. Dass ihre Stimmen fehlen, ist ein bisschen schade. Denn, wie Diehl feststellt: "F├╝rsorglichkeit sollte nicht mit einer diffusen Vorstellung von Weiblichkeit verbunden werden, sondern ein Wert sein, mit dem sich alle identifizieren k├Ânnen. (...) Wir brauchen Solidarit├Ąt auf vielen Ebenen, nicht nur innerhalb von Familien. Wir brauchen eine offene, moderne Gesellschaft, die nicht einseitig f├Ârdert oder sanktioniert." Ein wichtiges und Mut machendes Buch ist "Die Uhr, die nicht tickt" allemal ÔÇô und bei aller Informationsf├╝lle fl├╝ssig und unterhaltsam zu lesen.

Zur Autorin: Sarah Diehl, geboren 1978, studierte Museologie, Afrikawissenschaften und Gender Studies. Sie arbeitet zum Thema "Reproduktive Rechte im internationalen Kontext", hat zwei Anthologien ver├Âffentlicht und einen preisgekr├Ânten Dokumentarfilm gedreht: "Abortion Democracy: Poland/South Africa". 2012 erschien ihr erster Roman "Eskimo Limon 9". Sarah Diehl lebt als Autorin, Publizistin und Filmemacherin in Berlin. (Verlagsinformationen)
Mehr Infos unter: twitter.com/SahraDiehl und www.abortion-democracy.de sowie www.facebook.com/DIEUHRDIENICHTTICKT


AVIVA-Berlin verlost 2 B├╝cher. Bitte beantworten Sie dazu folgende Frage: Was schreibt der Rezensent Fabian Wolff in seiner Rezension zu "Eskimo Limon 9" von Sarah Diehl im dritten Absatz? Bitte senden Sie uns Ihre Antwort mit Angabe Ihrer Postadresse bis zum 31.01.2015 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


Sarah Diehl
Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos gl├╝cklich. Eine Streitschrift

Arche Verlag, erschienen im November 2014
Broschur, 272 Seiten
ISBN: 978-3-7160-2720-2
14,99 Euro

Buchvorstellung in Berlin am 25. November um 20.30 Uhr
Verbrecherversammlung, Fahimi Bar im 1. OG
Skalitzer Str. 133

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sarah Diehl - Eskimo Limon 9





Gewinnspiele Beitrag vom 13.11.2014 Claire Horst 





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