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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 30.01.2018

FREIHEIT. Ein Film von Jan Speckenbach mit Johanna Wokalek. Kinostart: 8. Februar 2018
AVIVA-Redaktion

Nora geht zur T├╝r hinaus, verl├Ąsst ihren Mann Philip und die beiden Kinder ohne ein Wort der Erkl├Ąrung. Eine unb├Ąndige Kraft treibt sie an: Sie will wieder sp├╝ren, dass sie lebt. Nora hat das Gef├╝hl, durch ihren Alltag der Welt abhandengekommen zu sein. W├Ąhrend sie einen neuen Weg sucht, bleibt Philip zur├╝ck und muss Kinder, Arbeit und Alltag weiter am Laufen halten, in absoluter Ungewissheit, wann und ob seine Frau ├╝berhaupt noch einmal zur├╝ckkehren wird. Noras Suche nach Freiheit ist f├╝r ihn eine Herausforderung. AVIVA verlost 3x2 Freikarten



Was passiert mit Ibsens "Nora" nachdem sie ihr "Puppenheim" verlassen hat? Das ist eine der Frage, denen Jan Speckenbach mit seinem Film nachgegangen ist.
Johanna Wokalek ("Die P├Ąpstin", "Der Baader Meinhof Komplex", "Barfuss") und Hans-Jochen Wagner (Kommissarin Heller) spielen die Hauptrollen in diesem hintergr├╝ndigen Drama. "Freiheit" ist der zweite Spielfilm des Berliner Regisseurs nach seinem vielbeachteten Deb├╝t "Die Vermissten". Ein analytischer Spielfilm ├╝ber unsere Vorstellungen von Beziehung, Familie und Leben.

Die Bilder

Nora (Anfang 40) bewegt sich augenscheinlich in fremder Umgebung:
Sie l├Ąsst sich auf einen Flirt ein, entzieht sich wieder in eine andere Stadt, ├╝berschreitet die Sprachbarriere vom Deutschen zum Slowakischen. Wie fremd muss die Fremde sein, um die eigene Fremdheit zu ├╝berwinden?
Philip (Mitte 40) geht durch seinen Alltag: Er k├╝mmert sich um seine Kinder, ├╝bt seinen Beruf aus, hat eine Aff├Ąre mit Monika. Doch sein Leben ist nur eine Choreographie von Vereinbarungen, die seit dem Verschwinden seiner Frau Nora ihren Sinn eingeb├╝├čt haben.
Ein Abend in der Familie. Nora und Philip essen mit ihren zwei Kindern. Ein befreundetes Paar kommt zu Besuch. Die Kinder gehen ins Bett. Philip sieht fern. Nora will noch vor die T├╝r. Sie wird nicht zur├╝ckkehren.

In diesen drei Schritten erz├Ąhlt der Film seine Geschichte von einer umgesetzten Sehnsucht nach FREIHEIT und deckt dabei einige Konstruktionsfehler unserer Gesellschaft auf.

Teil eins. Noras Schritte in ein m├Âgliches neues Leben. Noch wissen wir nicht, woher sie kommt, welche Entscheidung sie gef├Ąllt hat oder dabei ist zu f├Ąllen. Wir sehen lediglich eine Frau, die ihre Vergangenheit hinter immer neuen kleinen L├╝gen kaschiert und sich ihren Weg ins Unbekannte bahnt, dabei mit Neugierde auf die Menschen zugeht, denen sie begegnet. Nach kurzem Aufenthalt in Wien f├Ąhrt Nora per Autostop weiter nach Bratislava. Dort macht sie Bekanntschaft mit der jungen Slowakin Etela und ihrem Mann Tam├ís, der als Koch in einer Kneipe arbeitet und Nora einen Job in einem Hotel vermittelt. Nora lernt ihre zwei kleinen S├Âhne kennen und begleitet Etela zu ihrer Arbeit als Sexperformerin. Beim Blick in den Spiegel dieser Familie wird Nora bewusst, dass sie immer noch durch ihre Erinnerungen mit ihrer Familie verbunden ist.

Teil zwei. In einer Fernsehsendung ├á la "Aktenzeichen XY ungel├Âst" ruft Philip die ZuschauerInnen zur Mithilfe bei der Suche nach seiner seit zwei Jahren verschwundenen Frau Nora auf. Im Gespr├Ąch mit einem Moderator bejaht Philip die Frage, ob er glaube, dass Nora noch lebt. Er verl├Ąsst das Studio in Begleitung von Monika (Mitte 30). Es folgt sein Leben als Anwalt, als welcher er sich mit einer rassistischen Straftat befassen muss, sein Alltag als alleinerziehender Vater und nicht zuletzt seine Liebesaff├Ąre mit Monika, die er seinen Kindern Lena (12) und Jonas (8) verheimlicht. Noras unerkl├Ąrtes Verschwinden schwebt ├╝ber seinem Leben wie ein Damoklesschwert. (Erst nach acht Jahren Wartezeit k├Ânnte Philip seine Frau f├╝r tot erkl├Ąren und Monika heiraten.) Als Lena ihren Vater mit Monika beim Sex ├╝berrascht, zerbricht das d├╝nne Gleichgewicht. Philip muss begreifen, dass die Vergangenheit ihm unweigerlich durch die Finger rinnt. K├Ąme Nora zur├╝ck, w├Ąre nichts wie vorher.

Teil drei schlie├člich springt zur├╝ck an den letzten gemeinsamen Abend vor Noras Weggehen. Wie Philip ist Nora als Anw├Ąltin t├Ątig und wegen eines Falles unter Druck, an dem sie mit ihrer Kollegin Monika arbeitet. Als Monika bei der Familie ein paar Unterlagen vorbeibringt, wird sie von ihrem Freund Damour├ę (Mitte 30) begleitet, einem afrikanischen Tennislehrer. Die Begegnung verl├Ąuft nicht ganz harmonisch, besonders Philip findet nicht den richtigen Ton mit dem Afrikaner. Wieder unter sich bringt Nora die Kinder ins Bett und versucht zu arbeiten. Schlie├člich will sie noch einmal an die Luft. Philip erkundigt sich, wo sie noch hin will? ÔÇô Irgendwohin, antwortet Nora.

Kulturelle Relevanz:
Nora geht.


Im Wettbewerb von Locarno und bei den Vorf├╝hrungen bei den Hofer Filmtagen konnte frau/man erleben, dass FREIHEIT faszinierendes und polarisierendes Kino ist, das von einer mitrei├čenden Johanna Wokalek und den fantastischen Kinobildern von Tilo Hauke getragen wird.

Nach keinem Film in Hof gab es eine so lange und intensive Diskussion.
Jede/r kann das Gef├╝hl der Hauptfigur verstehen, vom Alltag und dem Funktionieren-m├╝ssen zum Verschwinden gebracht zu werden. Und jede/r kennt den Wunschtraum einfach zu gehen. Aber auch jede/r kennt den Konflikt zwischen Freiheitsdrang und Verantwortungsgef├╝hl. Dass Nora tats├Ąchlich geht, und der Film f├╝r uns, die den Mut oder die Verzweiflung nicht aufbringen, das durchspielt, was das f├╝r Nora und aber auch f├╝r die Zur├╝ckgelassenen bedeutet, stellt einen gro├čen Neuigkeitswert dar.
An unz├Ąhligen Stellen unseres sogenannten normalen Lebens kann frau/man mit Hilfe dieses Films den Hebel ansetzen. Die analytische Qualit├Ąt, mit der Jan Speckenbach in seinem zweiten Film vorgeht, zeugt f├╝r gro├čes deutsches AutorInnen-Kino.

Auch die kulturgeschichtliche Ebene des Films unterstreicht das bemerkenswert.
Diese beginnt bei der Lesbarkeit der Hauptfigur als Gedankenspiel ├╝ber eine heutige Fortsetzung von Ibsens Drama "Nora ÔÇô Ein Puppenheim". Die Idee, aus dem 1879 erschienenen und 1880 zum ersten Mal auch in Deutschland aufgef├╝hrten Drama von Henrik Ibsen, dass eine Frau ihre Familie verl├Ąsst, provoziert fast 140 Jahre nach Entstehung immer noch. Und markiert auch heute noch einen Tabubruch.
Im Bild "Turmbau zu Babel" (Wiener Version) von Pieter Bruegel dem ├älteren, von 1563 k├╝ndigt sich das Scheitern eines gro├čen menschlichen Entwurfs bereits un├╝bersehbar an. Auf dieses Bild st├Â├čt Nora in Wien und es wird am Ende zum perspektivischen Fluchtpunkt ihrer Reise.
An diesem viel diskutierten Zwischenstopp des Films, schwimmt Nora mit gepacktem B├╝ndel als ganz wei├č gewordene Projektionsfl├Ąche, oder als erinnerungsloses wei├čes Blatt ├╝ber den Fluss.

Jan Speckenbachs Film ist kein feelgood movie, aber ein einmalig konsequentes Filmkunstwerk, eine Spiegelung der Gesellschaft, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Wie kann es sein, dass frau/man sich als vermeintlich erfolgreicher Mensch verloren geht? Es ist kein Geheimnis, dass klassische Familien-Modelle angesichts unserer heutigen Arbeitswelt nicht mehr funktionieren. Macht die Gesellschaft es uns zu schwer zu gehen, oder macht sie es uns zu schwer zu bleiben?

FREIHEIT
Deutschland, Slowakei 2017
World Premiere: 70. Festival del film Locarno
Section: Concorso Internazionale
Deutsche Premiere: 51. Hofer Filmtage
Kinostart: 8. Februar 2018
100 Minuten
Sprachen: Deutsch, Englisch, Slovakisch mit deutschen Untertiteln
Verleih: FilmKinoText
Besetzung
Nora: Johanna Wokalek
Philip: Hans-Jochen Wagner
Monika: Inga Birkenfeld
Etela: Andrea Szabová
Tamás: Ondrej Koval´
Lena (Noras Tochter): Rubina Labusch
Jonas (Noras Sohn): Georg Arms
Regie: Jan Speckenbach
Drehbuch: Jan Speckenbach, Andreas Deinert
Kamera: Tilo Hauke
Schnitt: Jan Speckenbach
Produktionsdesign: Juliane Friedrich
Ton: Marian Mentrup
ProduzentInnen: Sol Bondy, Jamila Wenske
KoproduzentInnen: Peter Badac, Jelena Goldbach
Produktion: One Two Films
Koproduktion: BFILM, ZAK Film Productions
Produktionsunterst├╝tzung: Medienboard Berlin-Brandenburg, Kuratorium junger deutscher Film, FFA, Slovak Audiovisual Fund, ZDF ÔÇô Das kleine Fernsehspiel

Mehr zum Film unter:
www.facebook.com/freiheitfilm und www.filmkinotext.de/freiheit


AVIVA-Berlin verlost 3x2 Freikarten. Bitte beschreiben Sie die letzte Szene aus dem Trailer und senden uns Ihre Antwort mit Angabe Ihrer Postadresse bis zum 17.02.2018 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de




Quelle: FilmKinoText

Gewinnspiele Beitrag vom 30.01.2018 AVIVA-Redaktion 





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