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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 15.05.2009

Susanne Alge - Premiere f├╝r Han Li - Verlosung
Claire Horst

Roswitha f├╝hlt sich in ihrem beengenden und spie├čigen Elternhaus, als k├Ąme sie von einem anderen Planeten. Schon als Kind ekelt sie sich... AVIVA verlost 3 B├╝cher



... vor dem Gedanken, einmal im Bauch ihrer Mutter gesteckt zu haben, die f├╝r sie den Inbegriff verklemmter Selbstgerechtigkeit darstellt.

Auch ihre Schwester hasst sie abgrundtief: "Ich ging ins Zimmer, das ich mit dem heulenden Monster teilte und schrieb drei Seiten in meinem Tagebuch mit dem Wort ┬┤Schweine┬┤ voll. Anschlie├čend zwickte ich die verdammte Heulsuse so fest in den Oberarm, dass sie aufschrie." Roswithas Wut konzentriert sich jedoch haupts├Ąchlich auf ihre Mutter, denn "man musste sie nicht hassen, um allein aus ihrem ├äu├čeren die richtigen Schl├╝sse zu ziehen." Bei der Scheidung der Eltern sagt sie trotzdem gegen den Vater und f├╝r die Mutter aus.

In diesem Zwiespalt verbringt Rosi ihre gesamte Jugend. Zwar bedeutet das Leben mit der Mutter f├╝r sie einen st├Ąndigen Widerstreit mit den eigenen Bed├╝rfnissen. Statt Abitur zu machen, muss sie auf die Hauptschule gehen und eine verabscheute B├╝rolehre absolvieren. FreundInnen bringt sie nicht mit nach Hause, weil sie sich f├╝r ihren beengten und ungebildeten Hintergrund sch├Ąmt. Und doch f├Ąllt es ihr schwer, sich aus der Verstrickung mit der Mutter zu l├Âsen. Denn Chancen dazu bieten sich ihr immer wieder.

In der Familie ihrer Freundin Jette lernt Roswitha zum ersten Mal so etwas wie Lebensfreude kennen: Jettes Mutter ist S├Ąngerin, l├Ąsst sich duzen, nimmt die M├Ądchen auf Demonstrationen mit und schimpft auf den Vietnamkrieg. Im Gegensatz zu Roswitha darf Jette auf das Gymnasium. In der Auseinandersetzung mit den Freiheiten, die die Welt der Freundin ausmacht, durchlebt Roswitha eine merkw├╝rdige Verwandlung. Stand am Anfang des Romans ein erfrischend widerspenstiges Kind, das sich gegen die ungerechte Behandlung in der Familie auflehnte und die spie├čigen Moralvorstellungen der Mutter verteufelte, wird sie nun ihrer Mutter immer ├Ąhnlicher.

Obwohl sie durch ihre Freundin Antonia sogar einen Job bekommt, der darin besteht, in einer Anwaltskanzlei herumzusitzen und ein Theaterst├╝ck zu schreiben, tut sie sich unendlich leid. Antonia wirft ihr vor, "dass ich in ihr immer ein schlechtes Gewissen hinterlie├č und das Gef├╝hl, mir ihre Zuneigung zu wenig zu zeigen. Dabei verstricke ich mich nur in meiner eigenen Geschichte, ohne den anderen zu sehen und mir den Kopf dar├╝ber zu zerbrechen, was um mich herum wirklich vorgehe. Das sei genau der Egoismus, den ich meiner Mutter vorwerfe, und deswegen sei sie der einzige Mensch, mit dem ich ganz und gar zurechtkomme."

"Premiere f├╝r Han Li" ist einerseits ein Roman ├╝ber die Macht famili├Ąrer Muster und ├╝ber den Hunger nach intellektueller Freiheit, ├╝ber das Erwachsenwerden in der erstickenden Enge der Sechzigerjahre. Andererseits, und darauf bezieht sich der zun├Ąchst r├Ątselhafte Titel, handelt er von dem Bed├╝rfnis, etwas zu ver├Ąndern, vom Widerstand gegen Ungerechtigkeiten. Den Namen Han Li haben Roswitha und Jette sich f├╝r das kleine vietnamesische M├Ądchen ausgedacht, deren Foto um die Welt ging: Schreiend und brennend rennt sie ├╝ber die Stra├če und wird zum Symbol f├╝r die Unmenschlichkeit des Krieges.

Susanne Alge stellt ihrem Buch eine Widmung an die FotografInnen voran, "die uns die Augen f├╝r die Schrecken und Opfer der Kriege ├Âffnen." Das Bed├╝rfnis, die Menschen auf das Leid Han Lis aufmerksam zu machen und die ├ľffentlichkeit aufzur├╝tteln, macht Rosi zur Autorin. F├╝r die fiktive Han Li schreibt sie ein Theaterst├╝ck, mit dem sie sich zugleich ihren Platz in der Welt erschreibt. Vor diesem Platz schreckt sie allerdings immer wieder zur├╝ck und st├Â├čt damit ihre FreundInnen vor den Kopf.

AVIVA-Tipp: Susanne Alge, die bereits mehrere renommierte Literaturpreise erhalten hat, zeichnet sich durch einen humorvollen und scharfz├╝ngigen Schreibstil aus. Ihre Roswitha beobachtet die Fehler der Anderen und die eigenen sehr genau ÔÇô an ihrem Beispiel entwirft Alge ein kritisches Portrait der Bundesrepublik der Sechzigerjahre. Trotz bissigem Humor hinterl├Ąsst der Roman vor allem Nachdenklichkeit. Ein allzu seichtes Happy End g├Ânnt Alge ihrer Protagonistin nicht - am Schluss steht der Satz "Das [die Erf├╝llung ihrer privaten Tr├Ąume] hatte ich nicht geschafft, aber das Versprechen, etwas f├╝r Han Li zu tun, wenn ich stark genug w├Ąre, hatte ich gehalten."

Zur Autorin: Susanne Alge, geboren 1958, Studium der Germanistik und Romanistik an der Universit├Ąt Salzburg. Seit 1992 freischaffende Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin, lebt in Berlin. Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin (1990), Theodor-K├Ârner-F├Ârderungspreis (1991), Stipendiatin auf Schloss Wiepersdorf (2002). Zahlreiche Ver├Âffentlichungen, unter anderem: Die Brupbacherin (1995), Gro├čmutter und Lebensweisheiten und ich (2000).


AVIVA-Berlin verlost 3 B├╝cher!. Von welchem Fotografen stammt das ber├╝hmte Foto des brennenden vietnamesischen M├Ądchens, das Rosi "Han Li" tauft? Schicken Sie bis zum 08.06.2009 eine Email an folgende Adresse: gewinnspiele@aviva-berlin.de



Susanne Alge
Premiere f├╝r Han Li

Limbus 2009 (Reihe Zeitgenossen)
ISBN 978-3-902534-24-8
Gebunden mit Schutzumschlag, 296 Seiten
19,20 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Unter Tage" Von Marlotte Neumann.

"Kalter Hund" von Karin Reschke.

Gewinnspiele Beitrag vom 15.05.2009 Claire Horst 





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