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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.04.2006

Die Platzanweiserin - Susanne Fischer
Sarah Ross

Die Autorin erzĂ€hlt in ihrem neuen Roman die Geschichte der Platzanweiserin Christina, fĂŒr die HĂ€user weitaus lebendiger sind als Menschen. AVIVA-Berlin verlost 1 Buch



FĂŒr die 32-jĂ€hrige Christina Genthe haben HĂ€user eine Seele. Die Protagonistin in Susanne Fischers neuem Roman "Die Platzanweiserin" ist sogar davon ĂŒberzeugt, dass HĂ€user ein eigenstĂ€ndiges Leben fĂŒhren - mit allen dazugehörigen Empfindungen und Emotionen. Ein Leben, das scheinbar um einiges ereignisreicher ist als das ihrer stillen Beobachterin Christina. Denn sie hat sich weitgehend aus dem aktiven Leben zurĂŒckgezogen. Menschliche NĂ€he kann sie ohnehin kaum ertragen und ebenso wenig konnte sie sich lĂ€ngerfristig mit all den verschiedenen Jobs anfreunden, die sie schon ausprobiert hat. Einzig und allein ihre Arbeit als Platzanweiserin im Kino hĂ€tte ihr ĂŒber kurz oder lang ErfĂŒllung bringen können, wenn da nicht ihr Freund Frank gewesen wĂ€re, dem der Job seiner Freundin peinlich war. Also hat sie den Job - und schließlich auch den Freund - aufgegeben, um nun alleine in den Tag hinein zu leben, den Nachbarsjungen Max zu hĂŒten und wĂ€hrenddessen eine ganz eigentĂŒmliche Zuneigung zu alten HĂ€usern zu entwickeln.
Doch eines Tages wird sie von dem Bruder einer alten Freundin aus ihrer Lethargie - ihrer selbst gewÀhlten Einsamkeit - herausgezogen.

Die einzige BeschĂ€ftigung, der Christina mit steter RegelmĂ€ĂŸigkeit nachgeht, ist, HĂ€user anschauen. Wann immer in Hamburg ein zum Verkauf stehendes Haus zur Besichtigung frei gegeben ist, ist sie gemeinsam mit dem vernachlĂ€ssigten Nachbarskind Max vor Ort. Stundenlang streifen die beiden durch die Stadt und schauen sich "arme, kleine, geflickte Vierzimmerkartons" an, wie Christina die HĂ€user liebevoll nennt, und in denen einst fremde Menschen gelebt haben.
Und da jedes Haus fĂŒr sie per se viel lebendiger ist als ein Mensch, vermag Christina es, jedem einzelnen seine geheimsten Geschichten abzulauschen.
Sie macht sich Gedanken darĂŒber, ob ein Haus glĂŒcklich oder traurig ist, ob es seine BewohnerInnen leiden kann und stellt sich vor, wie die Menschen ganz achtlos die einzelnen HĂ€ute ihrer Wohnungen herunterreißen und neue darĂŒber kleben: "Man könnte sich die HĂ€user schließlich auch glĂŒcklich denken, endlich werden sie den sĂ€uerlichen Geruch der Alten los, ihre faden Gewohnheiten, ihre trockene Haut, die sich an den Mauern reibt und schuppt seit hundert Jahren." Und obwohl Christina immerzu im Bann dieser verwohnten GebĂ€ude steht, die ihr Geschichten erzĂ€hlen und eine Lebendigkeit verheißen, die sie sich selbst nicht zugesteht, sind dies keine Orte, mit denen sie wirklich etwas zu tun haben will.

Lange Zeit konnte Christina erfolgreich vor den Menschen flĂŒchten und sich der GleichgĂŒltigkeit gegenĂŒber ihrem eigenen Leben und dem der anderen hingeben. Bis sie eines Tages dem Bruder einer frĂŒheren Schulfreundin begegnet.
Plötzlich erinnert sie sich an ihre Schulzeit in den 1970er Jahren, an ihr linksliberales Elternhaus und ihre Freundinnen Tamara, mit ihrer unverkennbaren Sympathie fĂŒr die RAF, und Rita, die brave Schwester ihres Jugendschwarms Thomas.
Gerade durch ihn wird sie mit lĂ€ngst vergessen geglaubten Geschichten konfrontiert, und muss nun einsehen, dass sie dem Leben nun nicht mehr so ohne weiteres aus dem Weg gehen kann. Sie erfĂ€hrt, dass Tamara alleinerziehende Mutter von vier Kindern ist, mit denen sie unter erbĂ€rmlichsten VerhĂ€ltnissen leben muss, und dass Rita schon vor vielen Jahren ohne jede Spur verschwand. Besonders der Verlust seiner Schwester lĂ€sst Thomas nicht mehr los, und so sucht er Nacht fĂŒr Nacht die Straßen nach ihr ab.

Christina lĂ€sst sich im negativen wie auch im positiven Sinne von Thomas mitreißen, schafft es letztendlich aber doch, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und der Zukunft offen gegenĂŒberzutreten. Sie freundet sich sogar mit dem Gedanken an, einmal selbst Bewohnerin eines der HĂ€user zu werden, in denen sie immer nur ein außergewöhnlicher Gast gewesen ist.

AVIVA-Tipp: Dass Susanne Fischer eindeutig zu den AutorInnen gehört, die den Sinn und den Blick fĂŒr Skurriles haben, hat sie mit ihrem neuen Roman "Die Platzanweiserin" unter Beweis gestellt. Die Autorin erzĂ€hlt eine befremdliche Geschichte von einer jungen Frau, die sehr darum bemĂŒht ist, sich das Leben vom Hals zu halten, um nur noch den Geschichten lauschen zu können, die ihr die alten HĂ€user selbst erzĂ€hlen. Wie all die anderen Figuren in Fischers Roman ist auch Christina eine Außenseiterin, und zugleich eine derart groteske Figur, die auf eine ganz erschreckende Weise schon wieder normal zu sein scheint. Was diesen Roman so lesenswert macht, ist die einzigartige Mischung aus schwarzem Humor, RealitĂ€t, phantasievollen wie liebenswerten Bildern und Figuren, die Fischer mit ihrer unverwechselbaren Sprache zeichnet.

Zur Autorin:
Die Autorin und Hobbybassistin Susanne Fischer wurde 1960 in Hamburg geboren.
Sie schreibt regelmĂ€ĂŸig Kolumnen fĂŒr die taz, bekam 1998 den Förderpreis des Landes Niedersachsen und ist seit 2001 GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Arno Schmidt Stiftung. Zuletzt veröffentlichte sie "Unter Weibern" (Suhrkamp 2003).


AVIVA-Berlin verlost 1x "Die Platzanweiserin" aus dem Eichborn Verlag. Bitte nennen Sie uns einen weiteren Buchtitel der Autorin Susanne Fischer und senden Sie bis zum 06.05.2006 eine eMail an folgende Adresse: gewinnspiel@aviva-berlin.de


Susanne Fischer
Die Platzanweiserin

Eichborn Verlag, Februar 2006
ISBN 3-821-85755-2
191 Seiten, gebunden
17,90 Euro90008115&artiId=5178654"


Gewinnspiele Beitrag vom 10.04.2006 Sarah Ross 





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