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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 12.06.2008

Rupa Marya im Interview
Tatjana Zilg

Die S√§ngerin, Songwriterin und √Ąrztin, die in den USA, Indien und Frankreich aufwuchs, lebt und arbeitet heute in San Francisco. AVIVA-Berlin traf sie nach ihrem Konzert bei der Popeurope ...



... in Berlin zu einem Gespr√§ch √ľber ihre Kindheit in Indien, die Problematik der Hochsicherheitsgrenze zwischen den USA und Mexiko, den Einsatz verschiedener Sprachen beim Songschreiben und wie es ihr gelingt, zwei anspruchsvolle Berufe nebeneinander auszu√ľben.

AVIVA-Berlin: Gestern hast Du beim Popeurope Festival in der Arena gespielt. Es war ein sehr schönes Konzert. Die Stimmung im Publikum war sehr lebhaft. Fast alle haben viel getanzt, was in Berlin nicht immer so ist.
Rupa Marya: Ja, es war unglaublich, es war toll. Ich werde das Konzert als eines meiner Lieblingskonzerte in Erinnerung behalten. Der Veranstaltungsort ist sehr sch√∂n, der Tag war einfach magisch, den ganzen Tag schien die Sonne und die Leute sind drau√üen im Badeschiff geschwommen. Ich war √ľberrascht, wie schnell das Publikum sich von der Musik mitrei√üen lie√ü. Zuvor haben wir in der Schweiz gespielt, die Leute dort waren viel reservierter. Ich habe noch nie in Deutschland gespielt und angenommen, das Publikum hier w√ľrde auch so reserviert reagieren.

AVIVA-Berlin: Wie kann man sich ein Konzert von Dir in San Francisco vorstellen?
Rupa Marya: Die Leute in San Francisco sind sehr expressiv. Das Publikum, das Gefallen an unserer Musik finden, ist sehr durchmischt. Es kommen viele sehr junge Leute, aber auch viele √§ltere. Au√üergew√∂hnlich ist, dass in der Stadt sehr viele ZirkusdarstellerInnen leben. Diese kommen oft privat zu unseren Konzerten und zeigen ihre K√ľnste im Publikumsraum bis sie irgendwann spontan auf die B√ľhne springen und sich an der Show beteiligen. Das wird dann oft sehr wild und lebendig.

AVIVA-Berlin: Berlin wird oft als multikulturelle Stadt bezeichnet. Hattest Du Zeit, Dich etwas umzusehen? Wie ist Dein Eindruck von Berlin? Wie erlebst Du die Stadt im Vergleich mit San Francisco?
Rupa Marya: Es gibt sicher √Ąhnlichkeiten zu San Francisco. Ich habe mir etwas Zeit genommen, um mich umzuschauen. Gestern war ich auf dem Flohmarkt am Mauerpark. Ich mochte die Atmosph√§re dort sehr. Es waren viele K√ľnstlerInnen da, es gab witzige und sch√∂ne Sachen zum Verkauf. Als ich √ľber den Flohmarkt lief, empfand ich die Stimmung ein wenig wie in San Francisco. Ich w√ľnschte, ich k√∂nnte mehr Zeit in Berlin verbringen, vielleicht ein paar Wochen. Dann k√∂nnte ich andere K√ľnstlerInnen treffen und mich mit ihnen austauschen. Berlin f√ľhlt sich im Moment sehr gut an. Man kann sp√ľren, wie die jungen Leute auf die spezielle Situation reagieren, sie befinden sich in einem Schwebezustand zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die besondere Vergangenheit ist nicht ganz verschwunden, sie ist noch sp√ľrbar. Dieses Gef√ľhl pr√§gt die Stadt, es ist sehr intensiv, aufregend und wundersch√∂n.

AVIVA-Berlin: Gestern auf dem Konzert hast Du davon erz√§hlt, wie die USA die Grenzpolitik gegen√ľber Mexiko versch√§rft, einige Deiner Songs besch√§ftigen sich mit dieser Problematik.
Rupa Marya: Im Moment ist die Situation so, dass die US-Regierung an der Grenze eine Mauer baut, die am Meer beginnt und weit ins Land hineinreicht. Es gab schon zuvor eine Mauer, aber jetzt bauen sie eine Hochsicherheits-Mauer. Das bedeutet, dass der √úbergang bei Tijuana in der N√§he des Meeres illegalen MigrantInnen unm√∂glich gemacht wird. Die Menschen weichen weiter ins Inland, Richtung Arizona, aus, wozu sie die W√ľste durchqueren m√ľssen. Das bezahlen viele mit dem Tod. Die Zahl derjenigen, die im oft an Hunger und Durst Grenzgebiet sterben, ist im letzten Jahr immens angestiegen. Diese Mauer ist ein gro√ües Problem, denn sie h√§lt die Menschen nicht vom Versuch ab, die Grenze zu √ľberschreiten. Aus Verzweiflung probieren sie andere Wege aus, was sie h√§ufig das Leben kostet.

AVIVA-Berlin: Engagierst Du Dich auch als √Ąrztin f√ľr die MigrantInnen?
Rupa Marya: Ja, im Moment bin ich in ein Projekt involviert, bei dem ich die MigrantInnen dar√ľber aufkl√§re, welche Rechte sie haben.
Als √Ąrztin habe ich erlebt, wie illegale MigrantInnen sich erst sehr sp√§t an mich wenden. Eine 53j√§hrige Frau, die einen Tumor in der Brust ertastet hatte, ging acht Monate lang nicht zur √Ąrztin, weil sie Angst hatte, dass sie den Beh√∂rden als illegale Migrantin gemeldet wird. Als sie mich konsultierte, war der Krebs schon in einem weit fortgeschrittenen Stadium. Er hatte sich im ganzen K√∂rper verteilt. Sie kam ins Krankenhaus, aber nur, um dort zu sterben. Ich halte es f√ľr unakzeptabel, dass so etwas in San Francisco passiert. Dass eine Frau in einer Stadt, die f√ľr ihre warmherzige, weltoffene Atmosph√§re ber√ľhmt ist, mit einer solchen Angst leben muss.
Es gab in den letzten Monaten Razzien durch die Einwanderer- und Zollbeh√∂rde (ICE), bei denen 60 illegale MigrantInnen entdeckt wurden. Dadurch wird die Angst verst√§rkt. Ich m√∂chte mit meinem Engagement bewirken, dass die Leute sich sicher genug f√ľhlen, um die medizinischen Dienste in Anspruch zu nehmen. Die illegalen MigrantInnen leisten viel schwere Arbeit in San Francisco und es w√§re extrem unmenschlich, sie von der √§rztlichen Hilfe auszuschlie√üen.

AVIVA-Berlin: Wie wichtig ist es Dir, mit Deinen Songs eine politische Botschaft zu vermitteln?
Rupa Marya: Es geh√∂rt auf jeden Fall dazu. Aber es geht mir keinesfalls nur um politische Inhalte. Alles in meinen Leben inspiriert mich zu meinen Songs. Ich habe viele PatientInnen getroffen, die von der Migrationsproblematik betroffen waren und deshalb hat mich das sehr beeinflusst. Mit der Band fahre ich einige Male im Jahr f√ľr ein paar Tage an die Grenze. Wir sprechen mit den Menschen dort und geben Konzerte f√ľr ausgewiesene MigrantInnen. Ich habe auch einige Monate in Oaxaca in Mexiko gelebt.
Aber da sind noch so viele andere Dinge: Sich Verlieben ist inspirierend, Sich √ľber die Grenzen hinweg zu Verlieben ist genauso inspirierend.

AVIVA-Berlin: Warum hast Du Dich entschieden, einen Großteil Deiner Songs in Französisch zu schreiben? Wenn sie Englisch wären, könnten sie mehr Leute verstehen...
Rupa Marya: Das Wesen eines Songs besteht f√ľr mich in meiner urspr√ľnglichen Idee: In dem, was ich ausdr√ľcken m√∂chte. Danach entscheide ich, in welcher Sprache ich den Text schreibe. Es fing mit einer k√ľnstlerischen √úbung an, bei der es darum ging, Melodie und Rhythmus einer Sprache zu ersp√ľren. Wenn ich die Reaktionen des Publikums bei den Konzerten beobachte, habe ich das Gef√ľhl, dass die Menschen unabh√§ngig von der verwendeten Sprache verstehen, wor√ľber ich singe. Dass sie die Aussage eines Songs auch √ľber andere Sinne als die sprachliche Ebene wahrnehmen k√∂nnen. In den Vereinigten Staaten von Amerika, wo die Angst vor dem Fremden immer gr√∂√üer wird, ist es genau aus diesem Grund wichtig, in anderen Sprachen zu singen. Die Leute werden dadurch mit dem Fremden konfrontiert. Wenn sie an der Musik Spa√ü gewinnen, wird auch die Neugier f√ľr das Fremde geweckt. Wenn viele Elemente miteinander vermischt werden, kann die Erfahrung gemacht werden, wie wundersch√∂n das sein kann. Und dass es nicht notwendig ist, Trennungen vorzunehmen, Grenzen zwischen Menschen zu setzen. Welche Magie entstehen kann, wenn sich unterschiedliche Einfl√ľsse begegnen.

AVIVA-Berlin: Wie ist Dein Verhältnis zu Indien heute? Besuchst Du öfters Deine Familie und FreundInnen dort?
Rupa Marya: Das letzte Mal war ich 2005 dort. Meine Eltern haben eine Misch-Ehe: Mein Vater ist Hindu, meine Mutter Sikh. Wir kommen aus dem Bezirk Punjab, wo die beiden religi√∂sen Gruppen verfeindet waren und sich gegenseitig umbrachten. Deshalb konnten meine Eltern dort f√ľr l√§ngere Zeit nicht hinreisen. Aber in 2005 besuchten meine Mutter und ich einen Monat lang ihr Heimatgebiet. Es war sehr sch√∂n. Seitdem hatte ich leider keine Zeit mehr, aber ich m√∂chte auf jeden Fall wieder nach Indien reisen.

AVIVA-Berlin: Wie erlebst Du die Rolle der Frau in Indien? In den westlichen L√§ndern sind viele Faktoren bekannt, die das Bild entstehen lassen, dass Frauen dort in vielen Punkten unterdr√ľckt werden. Manchmal ist diese Sichtweise nat√ľrlich auch von Klischeevorstellungen beeinflusst.
Rupa Marya: Ja, ich denke, das westliche Bild von der Frauenrolle in Indien wird oft in zu einfachen Kategorien gedacht. Es ist etwas schwierig, mich dazu zu äußern, denn ich bin selbst vorrangig in westlichen Ländern aufgewachsen.
Frauen in Indien werden in bestimmten Bereichen verehrt. Im Haushalt nehmen sie meist eine eher dominante Rolle ein w√§hrend sie in den Au√üenbereichen weniger Rechte haben. Innerhalb der Haushalte sind die Strukturen eher matriarchalisch angelegt. Da ist die Gesellschaft durchaus widerspr√ľchlich. Durch den wirtschaftlichen Wandel gab es in Indien in den letzten Jahrzehnten einige Ver√§nderungen, die es der jungen Generation erm√∂glichen, Wege au√üerhalb des traditionellen Rollenverst√§ndnisses auszuprobieren. Die Anzahl junger Frauen, die eine sehr gute Ausbildung haben, in ihrer eigenen Wohnung leben, nicht an eine Heirat denken und Verh√ľtung nutzen, steigt. Lange Zeit war es nicht denkbar, dass Frauen vor der Heirat allein f√ľr sich leben. Als ich zuletzt in Indien war, war ich sehr √ľberrascht von der neuen Situation, denn als ich dort als Kind lebte, war es ganz anders. Die Haltung der M√§nner hinkt da etwas nach, sie sehen diese Entwicklung skeptisch. Die Frauen setzen sich aber immer st√§rker durch und treiben die Ver√§nderung voran. Das ist sehr aufregend zu beobachten.

AVIVA-Berlin: Wie hast Du die kulturellen Wechsel als Kind erlebt? War es schwierig f√ľr Dich, in den unterschiedlichen Umgebungen zurechtzukommen?
Rupa Marya: Nun, ich wurde in Kalifornien geboren und es war sehr schwierig f√ľr mich, als kleines M√§dchen von dort nach Indien geschickt zu werden. Aber ich bin in einer sehr au√üergew√∂hnlichen Familie aufgewachsen, meine Gro√ümutter in Indien war eine sehr offene, direkte Frau. Sie strahlte eine sehr starke, feminine Energie aus, die mich als Kind umgab und beeinflusste. Wenn wir auf den Markt gingen, kam es zum Beispiel vor, dass M√§nner einen schubsten und in die Taschen greifen wollten. √úblicherweise sagt bei solchen Vorf√§llen niemand etwas. Meine Gro√ümutter blieb aber stehen, schaute den Verursacher direkt an und sagte mit kr√§ftiger, lauter Stimme: "Du! Wie kannst du es wagen?" Als Kind sah ich das nat√ľrlich mit gemischten Gef√ľhlen. Keine andere Frau benahm sich so, und deshalb war es mir peinlich. Aber bald sah ich auch, wie wichtig ihr Verhalten war, eine Revolution im Kleinen. Und dann wurde aus mir ein sehr offenes, direktes M√§dchen. Es war f√ľr mich kaum auszuhalten, dass die Br√§uche in Indien es von Frauen verlangen, in sozialen Kontexten zu schweigen: Zum Beispiel, wenn in der Familie meines Vaters viele M√§nner in einem Raum zusammenkamen. Ich war nie bereit, die Unterscheidung zwischen M√§dchen- und Jungen-Rolle zu akzeptieren. Ich redete dann einfach in die Unterhaltung hinein und deshalb bekam ich als kleines M√§dchen oft √Ąrger mit den anderen Familienmitgliedern.

AVIVA-Berlin: Sp√§ter, als Du wieder in San Francisco lebtest, hast Du Dich f√ľr die Aus√ľbung von zwei anspruchsvollen Berufen gleichzeitig entschieden. Du arbeitest als √Ąrztin und Deine Karriere als S√§ngerin l√§uft auch sehr gut. Wie gelingt es Dir, beide T√§tigkeitsfelder unter einem Hut zu bringen?
Rupa Marya: Es ist nicht ganz so schwierig, denn ich habe die M√∂glichkeit, sechs Monate lang im Krankenhaus zu arbeiten und sechs Monate etwas anderes zu tun. Ich bin Professorin f√ľr Medizin. Die meisten meiner KollegInnen arbeiten innerhalb eines Jahres vier Monate im Krankenhaus und widmen sich dann acht Monate lang der Forschung. F√ľr mich wurde die L√∂sung gefunden, sechs Monate lang im Krankenhaus t√§tig zu sein und mich dann als "Forschung" offiziell meiner Musik zu widmen mit allem, was dazugeh√∂rt: Songs schreiben, Studioaufnahmen, Konzerte geben, Pressearbeit, Eindr√ľcke an der Grenze sammeln. Mein Arbeitgeber verh√§lt sich da gl√ľcklicherweise sehr unterst√ľtzend. Zudem ist meine Arbeit als S√§ngerin auch wichtig, um die Schwellenangst der Leute vor der Medizin abzubauen. Ich selbst nehme die Musik und meine Arbeit als √Ąrztin als sehr erg√§nzend wahr. Das eine beeinflusst das andere und gibt mir die Energie, weiterzumachen in beiden Bereichen.

AVIVA-Berlin: Der Titel Deines aktuellen Albums ist "extraordinary rendition" "extraordinary rendition": Deine Musik ist eine einzigartige Mischung aus unterschiedlichen Genres. Wie w√ľrdest Du selbst Deinen Stil beschreiben?
Rupa Marya: Ich w√ľrde ihn als Mischung unterschiedlicher Folk-Richtungen beschreiben, inspiriert von der Musik, die man √ľberall auf der Welt auf der Stra√üe finden kann. Es ist eine Musik f√ľr alle Menschen, die Leute aus den verschiedensten Kulturen verstehen k√∂nnen. Manchmal wird mir erz√§hlt, welche Einfl√ľsse jemand aus meiner Musik herausgeh√∂rt h√§tte, dass da ein wenig Klezmer drinnen w√§re, und dieses oder jenes Genre. Aber so entwerfe ich meine Lieder nicht. Ich denke, dass die Architektur, die den Songs zugrunde liegt, sich mit der Art, wie sie dann von der Band gespielt werden ‚Äď und da wirken sich auch all die verschiedenen kulturellen Hintergr√ľnde der Bandmitglieder aus ‚Äď sich zu dem verbindet, was den Ausdruck und die St√§rke der Songs ausmacht.

AVIVA-Berlin: Wie sehen Deine Pl√§ne f√ľr die Zukunft aus?
Rupa Marya: Wenn wir die Europa-Tournee abgeschlossen haben, steht gleich wieder eine Tour in Amerika an. Danach habe ich hoffentlich einige Zeit frei. Ab August werde ich wieder f√ľr sechs Monate im Krankenhaus arbeiten. Anschlie√üend werde ich mit der Arbeit an der n√§chsten CD anfangen. Daneben gehe ich meiner T√§tigkeit in dem Health Care Project in San Francisco nach.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f√ľr das Interview!

Weitere Informationen zu Rupa Marya finden Sie unter: www.rupamarya.com

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Interviews Beitrag vom 12.06.2008 AVIVA-Redaktion 





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