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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.06.2008

Interview mit Ruth Jacoby - schwedische Botschafterin in Berlin
Stefanie Denkert

AVIVA-Berlin sprach mit Ihrer Exzellenz Ruth Jacoby auf der World Women Work 2008 ├╝ber Gleichstellungspolitik in Schweden und Deutschland sowie ├╝ber ihre j├╝dischen Wurzeln in Berlin.



Ruth Jacoby (geb. 1949) ist seit September 2006 als schwedische Botschafterin in Berlin. Nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftsgeschichte, Philosophie und Geschichte an der Universit├Ąt Uppsala war sie beispielsweise als Ministerialdirektorin f├╝r Internationale Entwicklungszusammenarbeit des schwedischen Au├čenministeriums und als St├Ąndige Vertretung bei den Vereinten Nationen f├╝r Schweden in New York t├Ątig. Ihr Vater, Erich H. Jacoby, fl├╝chtete 1933 vor den Nazis aus Berlin und nahm 1956 die schwedische Staatsb├╝rgerschaft an. Er selbst kehrte nie wieder nach Deutschland zur├╝ck, schickte jedoch seine Tochter Ruth w├Ąhrend seiner T├Ątigkeit f├╝r die UNO in Rom auf die deutsche Schule, wo sie Deutsch sprechen lernte.
Ruth Jacoby ist verheiratet mit Bj├Ârn Meidal und hat zwei S├Âhne (geb. 1976 und 1979).

AVIVA-Berlin: Beim Global Gender Gap Report 2007 kam Schweden erneut auf den ersten Platz, d.h. dort ist die Gleichstellung der Geschlechter weltweit am weitesten fortgeschritten. Deutschland belegte lediglich den siebten Platz. Welche Ma├čnahmen und Gesetze gibt es in Schweden, die die Gleichstellung f├Ârdern? Was kann sich Deutschland ┬┤abschauen┬┤?
Ruth Jacoby: Das Wichtigste sind die Rahmenbedingungen, die im legalen Bereich geschaffen werden m├╝ssen. Gleichstellung muss gesetzlich gegeben sein, auch was Erbe, Scheidung, Verm├Âgen usw. angeht. In Schweden wird darauf geachtet, dass es keine Unterschiede aufgrund des Geschlechts gibt. Wir haben sogar einen Ombudsmann, beziehungsweise zur Zeit eine ┬┤Ombudsm├Ąnnin┬┤, an die sich jemand wenden kann, wenn er/sie sich von der Praxis oder vom Gesetz diskriminiert f├╝hlt. Und das funktioniert ziemlich gut. Theoretisch, also laut Gesetz, sind in Deutschland Mann und Frau auch gleichberechtigt, doch in der Praxis gibt es noch immer ein paar Probleme. Ich finde die Entwicklung der deutschen Familienpolitik geht in die richtige Richtung, denn endlich ├╝bernehmen beide Elternteile f├╝r ihre Kinder die Verantwortung.

AVIVA-Berlin: Das Elternzeitmodell, das Familienministerin Ursula von Leyen eingef├╝hrt hat, wurde von den Eltern relativ gut aufgenommen, d.h. wir haben keinen Geburtenr├╝ckgang mehr und 2007 haben ca. 10 % der V├Ąter Elternzeit genommen. Wie sieht das in Schweden aus?
Ruth Jacoby: In Schweden streben wir seit Ende der 1970er Jahre danach, dass nicht mehr die Mutter allein f├╝r die Erziehung verantwortlich ist. In Deutschland ist das Elternzeitmodell erst seit dem 1. Januar 2007 eingef├╝hrt, daf├╝r ist eine M├Ąnnerquote von 10% gut. In Schweden nehmen ca. 80 ÔÇô 90% der M├Ąnner ihre Elternzeit in Anspruch, aber sie nehmen nur ungef├Ąhr 20% der gesamten zur Verf├╝gung stehenden Elternzeit. Das ist leider nicht einmal die H├Ąlfte - und das nach fast 30 Jahren! Wir haben also noch viel zu tun, aber es gibt Fortschritte. Im ├Âffentlichen Dienst ist es undenkbar, dass ein Mann ein Kind bekommt und nicht 3 bis 5 Monate Elternzeit nimmt. Das ist mittlerweile ┬┤politisch korrekt┬┤ und wird auch gerne von den V├Ątern getan. Doch in der Privatwirtschaft nehmen weniger V├Ąter ihre Elternzeit, und zudem sind es eher die j├╝ngeren M├Ąnner, die das tun.

AVIVA-Berlin: Gibt es in Schweden auch ein ┬┤Ehegattensplitting┬┤?
Ruth Jacoby: ┬┤Ehegattensplitting┬┤ ist ein wichtiger Punkt, in dem sich Deutschland und Schweden unterscheiden. Seit ├╝ber 30 Jahren zahlt jeder Mensch in Schweden f├╝r sich seine Steuer. Die Einkommen werden auch dann nicht zusammengetan wenn zwei Menschen verheiratet sind. Und wenn Kinder vorhanden sind, bekommen die Eltern ein Kindergeld. In Deutschland muss eine Ehefrau sehr viel verdienen, damit es sich ├╝berhaupt lohnt, arbeiten zu gehen. Dann m├╝ssen die berufst├Ątigen Eltern wom├Âglich noch die Kita bezahlen, so dass die Ehefrau am einfachsten gleich Zuhause bleibt. In Schweden, dagegen, wird das ┬┤Zuhause bleiben mit Kindern┬┤ nicht steuerm├Ą├čig unterst├╝tzt und der Anreiz f├╝r Frauen zu arbeiten ist damit sehr gro├č. Es ist auch schwierig f├╝r eine Familie von einem Gehalt zu leben. Die Teilnahme schwedischer Frauen am Arbeitsmarkt deshalb ist bei 80%.

AVIVA-Berlin: Sie sind die erste Frau im h├Âchsten diplomatischen Amt f├╝r Schweden in Deutschland. Sind Sie jemals in dieser Stellung diskriminiert worden oder spielte es f├╝r Ihre Gegen├╝ber keine Rolle, dass Sie eine Frau sind?
Ruth Jacoby: Nein. Falls doch, dann habe ich es nicht gemerkt. (lacht)

AVIVA-Berlin: Sie selbst haben eine gro├čartige Karriere gemacht, sind verheiratet und haben zwei S├Âhne. Was f├╝r pers├Ânliche Tipps k├Ânnen Sie anderen Frauen geben, damit sie Familie und Beruf vereinbaren k├Ânnen? Was sollten Paare beachten, sprich: wie kann frau/man eine gleichberechtigte Liebesbeziehung f├╝hren?
Ruth Jacoby: Man muss sich nat├╝rlich den richtigen Mann suchen. (lacht) Ich glaube, es ist an der Zeit, dass sich die M├Ąnner anpassen und ├Ąndern. Unsere Jungens m├╝ssen auch Menschen werden und nicht nur M├Ąnner sein.

AVIVA-Berlin: Viele M├Ąnner sprechen gerne von Gleichberechtigung, aber wenn der Abwasch f├Ąllig ist, dann verfallen sie in alte RollenmusterÔÇŽ
Ruth Jacoby: Jede/r sollte das tun, was er/ sie am besten kann. Das mag manchmal auch alten Rollenklischees entsprechen, aber das ist OK, wenn beide versuchen alles zur H├Ąlfte zu teilen. Mein Mann kann nicht n├Ąhen und freut sich, wenn ich ihm einen Knopf ann├Ąhe. Er hat das nie gelernt. Daf├╝r macht er ganz wunderbar das Katzenklo sauber. Als wir uns kennen lernten konnte ich besser kochen, aber er hat dazu gelernt und den Bereich ├╝bernommen.

AVIVA-Berlin: W├╝rden Sie sich als Feministin bezeichnen?
Ruth Jacoby: Das ist nicht mein Spezialgebiet, aber ich habe immer Gleichberechtigung gelebt. Dabei habe ich das Frausein nicht aufgegeben, beispielsweise bei meiner Arbeit im ├Âffentlichen Dienst trage ich weibliche Kleidung und bin dort fr├╝her mit Z├Âpfen unterwegs gewesen. Ich bin einfach ich selbst!

AVIVA-Berlin: Ihr Vater, Erich H. Jacoby, ist geb├╝rtiger Berliner. Was bedeutet diese Stadt also ganz pers├Ânlich f├╝r Sie?
Ruth Jacoby: Es ist nat├╝rlich sehr, sehr spannend f├╝r mich hier zu sein. Ich war schon mal f├╝r einen kurzen Besuch hier, aber so richtig kenne ich Berlin erst, seit ich als Botschafterin hier wohne. Mein Vater hat das leider nicht mehr miterlebt, er starb vor 30 Jahren.

AVIVA-Berlin: Sie haben im Interview mit der J├╝dischen Zeitung (April 2007) ihren Vater als "bewusst Jude, aber v├Âllig assimiliert. ├ťberhaupt nicht orthodox, gar nicht religi├Âs" beschrieben. Wie leben Sie ihre j├╝dische Identit├Ąt? Haben Sie Kontakt zur j├╝dischen Gemeinde in Berlin?
Ruth Jacoby: Ja, ich habe Kontakt zur Gemeinde. Meine Mutter war ├╝brigens auch J├╝din, ich bin jedoch nicht religi├Âs erzogen worden und kann leider auch nicht hebr├Ąisch sprechen. Dennoch habe ich sehr wohl ein j├╝disches Bewusstsein. Da mein Mann nichtj├╝disch ist, haben wir einen Deal gemacht und unsere S├Âhne selbst entscheiden lassen, welcher Religion sie angeh├Âren m├Âchten. Mein j├╝ngerer Sohn hat in den Staaten sein Judentum entdeckt.

AVIVA-Berlin: In Berlin wollten Sie auch mehr ├╝ber Ihre Familie v├Ąterlicherseits herausfinden wollen. Ist Ihnen das gelungen?
Ruth Jacoby: Ich bin noch dabei, aber es bleibt leider wenig Zeit f├╝r die Ahnenforschung. Zuletzt habe ich herausgefunden, dass der Vater meiner Mutter 1908 sein Rabbiner-Examen in der Tucholskystra├če gemacht hat.

AVIVA-Berlin: Was m├Âchten Sie als Botschafterin f├╝r Schweden noch erreichen?
Ruth Jacoby: Oh, das ist eine schwierige Frage. Das Verh├Ąltnis zwischen unseren beiden L├Ąndern ist ausgezeichnet und es ist ja eine unm├Âgliche Aufgabe als einzelne Person Schweden in Deutschland zu repr├Ąsentieren. Es gibt so viel was Bedeutung hat: Musik, Theater, Wirtschaft und Unternehmen wie IKEA oder Hennes & MauritzÔÇŽ (lacht). Die spielen im deutschen Alltag ja eine viel gr├Â├čere Rolle als die Botschaft. Dennoch freue ich mich, wenn ich dazu beitragen kann, dass die Kontakte zwischen Schweden und Deutschland noch viel nat├╝rlicher, offener und intensiver laufen. Ich habe auch gerne an der ┬┤World Women Work 2008┬┤ teilgenommen, da Schweden auf dem Gebiet der Gleichstellung sehr gut ist und es macht Spa├č mit Deutschen dar├╝ber zu diskutieren und sich auszutauschen. Beide k├Ânnen noch gegenseitig voneinander lernen.

AVIVA-Berlin: Das ist doch ein sch├Ânes Schlusswort! Vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch und alles Gute f├╝r die Zukunft!

Weitere Infos:

Die Schwedische Botschaft: www.swedenabroad.com


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

6. WORLD WOMEN WORK - AVIVA-Berlin war Medienpartnerin

Interview mit der indischen Botschafterin Meera Shankar

Interview mit Pia Bohlen-Mayen von feminity

Interviews Beitrag vom 03.06.2008 AVIVA-Redaktion 





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