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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 09.06.2008

Auf j├╝dischem Parkett. Interview mit den Regisseurinnen Arielle Artsztein und Ester Slevogt
Katharina H├Âftmann

Die Dokumentation "Auf j├╝dischem Parkett" zeigt die sonst eher scheue j├╝dische Gemeinde Berlins aus einem besonderen Blickwinkel. Dabei lernen wir eine Gemeinschaft voller Freude und Zweifel kennen.



Helga Simon ist gesch├Ątzte 1,50 Meter klein, gef├╝hlte 1,40. Die ├Ąltere Dame l├Ąuft energischen Schrittes durch den Gemeindesaal. Bewaffnet mit ihrer Kamera und einer Leiter. Seit 1952 protokolliert sie Feste, Gedenkveranstaltungen und andere Begebenheiten der j├╝dischen Gemeinde in Berlin. Gerade versucht ein Sicherheitsmann sie davon abzuhalten an Klaus Wowereit und Joschka Fischer vorbei zu marschieren. Aber da kennte er die Fotografin schlecht: Sanft dr├╝ckt sie ihn beiseite und bahnt sich ihren Weg, quer vor der B├╝hne entlang, auf der das Unterhaltungsprogramm l├Ąngst angefangen hat.

Helga Simon ist nur eine der ProtagonistInnen, die wir im Film "Auf j├╝dischem Parkett" kennen lernen d├╝rfen. Neben ihr treffen wir unter Anderem den verkappten Operns├Ąnger und Entertainer Efraim Habermann oder Inge Robert, die Geschichten von den Anf├Ąngen der Gemeinde zu berichten wei├č.

Sie und viele mehr lassen uns f├╝r 86 Minuten an ihrem wahrlich nicht immer leichten Leben teilhaben und bringen uns dabei den Charakter der Gemeinde n├Ąher. Dass es dabei nicht immer bierernst und religi├Âs zugeht wird sp├Ątestens klar, als Platzhirsch Efraim neben dem W├Ąchter der "Koscherheit" der K├╝che sitzt und platt sagt: "Also ich bin ja nicht so verkoschert."

Bevor der Film "Auf j├╝dischem Parkett" beim Jewish Film Festival gezeigt wurde, passierte etwas f├╝r die j├╝dische Gemeinde in Berlin ein wenig Typisches: Jemand hatte ein Flugblatt verfasst, das sich auf die aktuellen Streitigkeiten um Rabbiner Chaim Rozwaski bezog und zur Vernunft mahnte. Eine Art Prolog f├╝r den Film, der die vielz├Ąhligen Konflikte der Gemeinde ebenfalls nicht aussparte.

Doch die Dokumentation zeigt viel mehr als Kleinkriege. Sie spachtelt das Make-Up einer der meist beobachtesten Institutionen dieser Art ab und zeigt uns die Geschichten dahinter. Von Menschen, die auf der Suche nach Identit├Ąt sind und dabei mit beeindruckender St├Ąrke voranschreiten. Sie zeigt uns aber auch, dass diese Gemeinschaft sehr eigenwillig ist und sich oft bewusst nach au├čen verschlie├čt.

So zieht sich eine spannende Diskussion durch den Film: Kann mein j├╝disches Kind eine(n) Nicht-Juden/J├╝din heiraten? Die Reaktionen im Film sind relativ eindeutig nach dem Motto: Wenn es sein muss ja, aber lieber nein. Die Protagonistin Inge Robert bringt das Streitthema auf den Punkt als sie sagt: "Ein Rabbi hat mir mal gesagt: Erst wenn Deine Enkelkinder auch j├╝disch sind, dann hast du alles richtig gemacht." Als im Anschluss des Filmes eine Frau in der dritten Reihe anmerkt, dass diese Sicht vielleicht etwas streng ist und Nicht-Juden auch konvertieren k├Ânnten, schauen ProtagonistInnen und anwesender Rabbiner Yitzhak Ehrenberg kommentarlos in die andere Richtung. Sich "Auf J├╝dischem Parkett" zu bewegen, ist eben nicht immer einfach...
AVIVA-Berlin traf die Regisseurinnen des Filmes: Arielle Artsztein und Ester Slevogt, die selbst Mitglieder der Gemeinde sind.

AVIVA-Berlin: Zuerst einmal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit f├╝r das Interview nehmen und Kompliment f├╝r Ihren wunderbaren Film, der die j├╝dischen Gemeinde aus einer neuen Perspektive zeigt. Was war f├╝r Sie der sch├Ânste Moment bei der Entstehung des Filmes?
Esther Slevogt: Das ist so ein langer Prozess, da ist es schwer den sch├Ânsten Moment zu benennen. Wir haben ├╝ber 1 Jahr gedreht und dann noch 8-9 Monate geschnitten, da gab es viele H├Âhen und Tiefen...
Arielle Artsztein: F├╝r mich war ein H├Âhepunkt, als wir Mary (ein russisches Gemeindemitglied, Anmerkung der Red.) kennen gelernt haben. Das war bei der Wahl des neuen Vorsitzenden und da dachte ich gleich: Die ist ja klasse.
Esther Slevogt: Die Idee des Films war, dass wir vorher nicht casten wollten, sondern einfach wie Angler filmen und fischen. So haben wir diese authentische Momentaufnahme fabriziert. Aber f├╝r mich war die Schlussszene am Sch├Ânsten, als alle zusammen die Purim Geschichte erz├Ąhlt haben und Mary diesen Satz sagt "Freiheit das ist was Besonderes." Und dann sieht man im Film die Kinder tanzen, da dachte ich mir, so wollte ich das.
Arielle Artsztein: Ich finde auch die Stelle unglaublich toll, als der kleine Junge vergisst, wie man die Feindschaft gegen Juden nennt.

AVIVA-Berlin: Nun waren ja viele der dargestellten Personen recht exzentrisch. War es manchmal schwer mit ihnen zu arbeiten?
Beide: N├Â.
Arielle Artsztein: Wir hatten ja eine so gro├če Menge an exzentrischen Pers├Ânlichkeiten, da war es richtig schade, sich am Ende zu entscheiden. Das war ein gro├čes Problem, wir mussten viele tolle Szenen rauswerfen.

AVIVA-Berlin: Bevor Sie den Film beginnen konnten, mussten Sie eine Genehmigung erhalten. Wie offen war die Gemeinde f├╝r Ihren Film?
Esther Slevogt: Naja, sie hatten schon Scheu, dass die Konflikte nach au├čen getragen werden. Viele wollten sich auch nicht als Juden zeigen, nicht gefilmt werden, da sie Angst vor ├ťbergriffen hatten. Und dann sind wir nat├╝rlich in die Gemeinde herein gegangen und in deren Intimit├Ąt eingebrochen.

AVIVA-Berlin: Vor dem Film ging ein Handzettel herum, der sich auf die momentanen Streitigkeiten um Rabbiner Rozwaski bezog. Die Konflikte in der Gemeinde spielten auch im Film eine Rolle. Sie haben viel Zeit in der Gemeinde verbracht - worauf f├╝hren Sie die Streitigkeiten zur├╝ck?
Esther Slevogt: Ach, das sind so Empfindlichkeiten. Das ist halt eine sehr heterogene Gemeinschaft. Zum Teil ist ihre einzige Gemeinsamkeit, dass sie alle j├╝disch sind.
Arielle Artsztein: Ich glaube auch, dass Berlin eine sehr spezielle Gemeinde hat. Zwar ist Berlin auch eine Gro├čstadt, aber in New York oder Paris funktioniert das ja ganz anders. Da gibt es viele verschiedene Gemeinden, nur f├╝r Frauen, f├╝r Schwule, f├╝r Orthodoxe. Hier in Berlin ist das zentraler und alle werden alle in einen Topf geworfen.
Esther Slevogt: Als die Gemeinde nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde, hat Heinz Galinski gesagt, hier soll es keine verschiedenen Parteien mehr geben, sondern nur noch Juden. Alle hatten eine Stimme, niemand sollte untergehen. Das waren ja damals auch viel weniger Leute, es war eine Schicksalsgemeinschaft. Das war nicht so wie heute, wo es so viele verschiedene Meinungen gibt. Wo der Eine sagt, ich f├╝hle mich als Jude und bin religi├Âs und der N├Ąchste sagt, ich f├╝hle mich als Jude, ohne religi├Âs zu sein...
Arielle Artsztein: In Israel sagt man, in einer Familie gibt es eine Art von Politik. Man hat zum Beispiel drei Kinder und zwei Eltern. Theoretisch sind das 6 verschiedene Parteien. Das ist auch so eine spezielle Mentalit├Ąt, das ist nicht nur in Berlin so.

AVIVA-Berlin: Also eine Art j├╝dische Mentalit├Ąt?
Esther Slevogt: Sagen wir so: Es gibt eine gut entwickelte Streitkultur. Und in Deutschland ist das noch ein wenig schwieriger, weil es hier so viele Ängste gibt.

AVIVA-Berlin: Glauben Sie dass man "endg├╝ltig" sagen kann, dass das j├╝dische Leben nach Berlin zur├╝ckgekehrt ist?
Esther Slevogt: Ja!
Arielle Artsztein: Ja. Es gibt jetzt auch sehr viele aktive Juden.
Esther Slevogt: Das haben auch die vielen Einwanderer geschafft, wie Mary zum Beispiel. Die verstecken ihre Kippa nicht, sie hauen zur├╝ck und gehen offensiver damit um.

AVIVA-Berlin: Es gibt Menschen die sagen, dass man den Antisemitismus nur besiegen kann, in dem man Leuten das j├╝dische LEBEN zeigt, geht Ihr Film in eine ├Ąhnliche Richtung?
Beide: Ja, auf jeden Fall.

Arielle Artsztein: Ich erinnere mich, dass mich bei der Filmf├Ârderung eine Dame frage, ob auch Frau M├╝ller aus Kleinmachnow etwas bei dem Film lernen k├Ânnte und wir sagten beide ja!
Esther Slevogt: Die Gemeinde war ja immer hinter so verschlossenen T├╝ren. Man hat nur die Oranienburger Stra├če gesehen und die war ja eher so "jewish Disneyland". Wir aber wollten das echte j├╝dische Leben in der Gemeinde zeigen.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview!

Weitere Infos zum 14. Jewish Film Festival auf AVIVA-Berlin.

Interviews Beitrag vom 09.06.2008 Katharina H├Âftmann 





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