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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 25.08.2017

AVIVA-Interview mit der Herausgeberin der Lili Gr├╝n Werke, der Literaturwissenschaftlerin und Publizistin Anke Heimberg
Yvonne de Andr├ęs

Die 1904 in Wien geborene j├╝dische Schriftstellerin Elisabeth "Lili" Gr├╝n ging Ende der 1920er Jahre nach Berlin. Sie widmete sich in ihren Werken humorvoll und selbstironisch dem Gro├čstadtleben. 1942 wurde Lili Gr├╝n durch das NS-Regime aus ihrem Exil in Wien deportiert und in der wei├črussischen Vernichtungsst├Ątte Maly Trostinec ermordet.



1933 erschien ihr Deb├╝troman "Herz ├╝ber Bord", in dem sie ihre Berlinerlebnisse verarbeitete. Lili Gr├╝n trat mit ihren Werken engagiert f├╝r ein emanzipiertes Frauenbild ein.
Im Mai 1942 wurde Lili Gr├╝n durch das NS-Regime nach Maly Trostinez in Wei├črussland deportiert und noch am Tag ihrer Ankunft ermordet. Der "Lili-Gr├╝n-Weg" bettet sich in ein Umfeld, in welchem bereits Pers├Ânlichkeiten wie Carola Neher, Maxie Wander und John Heartfield gedacht wird.

Zur Herausgeberin: Anke Heimberg, 1967 in Pforzheim geboren, Studium der Germanistik, Soziologie und Medienwissenschaften an den Universit├Ąten Marburg und Wien, lebt und arbeitet als freie Literaturwissenschaftlerin und Publizistin in Berlin.
Anke Heimberg hat die vergessene ├Âsterreichisch-j├╝dische Autorin Lili Gr├╝n und ihr Werk f├╝r den AvivA Verlag wiederentdeckt, neben den Werken Lili Gr├╝ns hat sie auch Romane der Exilschriftstellerin Victoria Wolff neu herausgegeben, so Das wei├če Abendkleid (2006) und den im Mai 2017 als Taschenbuch neu aufgelegten Sommer-Roman "Die Welt ist blau", derzeit arbeitet sie an einer Biographie zu Lili Gr├╝n.

AVIVA-Berlin: Wann und wo hast du Lili Gr├╝n wiederentdeckt?
Anke Heimberg: Ich bin regelm├Ą├čig auf Flohm├Ąrkten unterwegs, um nach Literatur von Autorinnen aus der Zeit der 1920er/1930er-Jahre zu suchen. Dabei stie├č ich eines Tages auf den Berliner Kabarett-Roman Herz ├╝ber Bord von Lili Gr├╝n
, den ich dann 2009 unter dem ver├Ąnderten Titel Alles ist Jazz beim Berliner AvivA Verlag neu herausgegeben habe. Ich las mich vor Ort sofort fest bzw. den Roman, nachdem ich ihn erworben hatte, zu Hause in einem Rutsch durch. Danach wollte ich wissen, wer Lili Gr├╝n ist, was sie sonst noch geschrieben hat. Der Name der Autorin sagte mir nichts. Doch die einschl├Ągigen bio-bibliographischen Literaturlexika gaben zu ihrem Namen und ihrem Werk wenig her, die Eintr├Ąge waren l├╝ckenhaft, teils widerspr├╝chlich.

AVIVA-Berlin: Was hat dich an Lili Gr├╝n fasziniert?
Anke Heimberg: Es war weniger die Person Lili Gr├╝n als vielmehr ihr literarisches Werk, das mich faszinierte.
Gr├╝ns erster Roman Alles ist Jazz begeisterte mich, neben seiner gerade heute wieder modernen Thematik ÔÇôKreative, die versuchen, im hippen Berlin irgendwie Fu├č zu fassen ÔÇô, vor allem wegen seines Sprachwitzes, den schlagfertigen Dialogen und dem neusachlichen, bisweilen schnoddrigen Tonfall. Da ich in den Lexika kaum Informationen zu Gr├╝n und ihrem Werk fand, machte ich mich selbst auf die Suche, d.h. ich begann in zeitgen├Âssischen Zeitungen und Zeitschriften systematisch nach Beitr├Ągen von ihr zu recherchieren. Und ich entdeckte Gedichte und Geschichten im typischen Lili Gr├╝n-Sound: frisch, frech, freim├╝tig und selbstironisch, die ich dann 2014 unter dem Titel M├Ądchenhimmel! erstmals in Buchform edieren konnte ÔÇô wiederum im AvivA Verlag.

AVIVA-Berlin: War es schwierig einen Verlag zu finden, der Lili Gr├╝ns B├╝cher neu verlegt?
Anke Heimberg: Ich habe Lili Gr├╝ns Kabarett-Roman verschiedenen Verlagen vorgeschlagen, die aber alle abwinkten. Au├čer Britta J├╝rgs vom AvivA Verlag hatte niemand den Mut, das Risiko einzugehen
, eine zu diesem Zeitpunkt v├Âllig vergessene und damit unbekannte Autorin und ihr Werk neu aufzulegen.




AVIVA-Berlin: Worin besteht deine Arbeit als Herausgeberin?
Anke Heimberg: Ich sehe meine Aufgabe vor allem darin, Texte von spannenden, aber heute weitgehend vergessenen Autorinnen aufzusp├╝ren, sie gewisserma├čen auszugraben, und dem Lesepublikum von heute bereit zu stellen. Indem ich eine Autorin und ihr Schreiben zum Beispiel mittels eines Nachworts portr├Ątiere und literaturgeschichtlich einordne, versuche ich dar├╝ber hinaus, Leserinnen und Leser dauerhaft f├╝r ihr Werk zu interessieren.

AVIVA-Berlin: Was hat Lili Gr├╝n Frauen heute zu erz├Ąhlen?
Anke Heimberg: Die Frauenfiguren, die Lili Gr├╝n in ihren Texten skizziert, sind junge, selbstbewusste Frauen, hin- und hergerissen zwischen Emanzipation, Selbstbestimmung und der Sehnsucht nach der gro├čen und wahren Liebe. Moderne Heldinnen im besten Sinne, deren Widerspr├╝che und Sehns├╝chte auch heutigen Frauen nicht unbekannt sein d├╝rften.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch!

Die feierliche Einweihung der Stra├če "Lili-Gr├╝n-Weg" fand statt am 30. August 2017.

Zur Autorin: Lili (Elisabeth) Gr├╝n wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Gr├╝n in Wien geboren. Sie wuchs als j├╝ngstes von vier Kindern des aus Ungarn stammenden Bartbindenmachers Hermann (├ürmin) Gr├╝n und seiner Wiener Frau Regine (Regina) im heutigen 15. Gemeindebezirk Rudolfsheim-F├╝nfhaus auf. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit K├╝nstlerInnen-FreundInnen ein literarisch-politisches Kabarett er├Âffnete. Sie schrieb Gedichte und Geschichten f├╝r das Berliner Zeitgeist-Magazin "Tempo" und das renommierte Prager Tagblatt. Zur├╝ck in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz ├╝ber Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Die Wiener Presse bejubelte Lili Gr├╝ns Deb├╝t. Nach einem l├Ąngeren Aufenthalt in Prag und Paris erschien 1935 der Theater-Roman "Loni in der Kleinstadt". Mit der nationalsozialistischen Okkupation ├ľsterreichs im M├Ąrz 1938 hatte Lili Gr├╝n als j├╝dische Schriftstellerin schlagartig keine M├Âglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und in der wei├črussischen Vernichtungsst├Ątte Maly Trostinec ermordet.
Seit 2007 erinnert in der Heinestra├če 4 im 2. Wiener Gemeindebezirk ein "Stein der Erinnerung" an das Schicksal von Lili Gr├╝n. Im Mai 2009 wurde ein neugestalteter Platz im Bereich Klanggasse/Castellezgasse, ebenfalls im 2. Wiener Gemeindebezirk, nach ihr benannt.
(Quelle: Verlagsinformation, Fembio, AVIVA-Berlin)

Die Lili Gr├╝n-B├╝cher. Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Lili Gr├╝n - Junge B├╝rokraft ├╝bernimmt auch andere Arbeit... Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg. Roman. AvivA Verlag, 1. Auflage 2016.
"Du glaubst auf eigene Fasson ungl├╝cklich zu werden statt nach der von anderen Leuten. Du glaubst, das ist gar nix. Das ist vielleicht schon alles, was man haben kann." Was zun├Ąchst illusionslos und pessimistisch klingt, ist ein ganz pragmatischer Ratschlag, den in Lili Gr├╝ns Roman "Junge B├╝rokraft ├╝bernimmt auch andere Arbeit..." die lebenskluge Mitzi ihrer Freundin Susi Urban gibt. (2016)

"M├Ądchenhimmel" von Lili Gr├╝n. Gedichte und Geschichten. Gesammelt, herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Anke Heimberg. AvivA Verlag, 1. und 2. Auflage 2014, 3. Auflage 2015.
Nach den Romanen "Alles ist Jazz" und "Zum Theater!" ver├Âffentlicht der AvivA-Verlag mit "M├Ądchenhimmel" eine Sammlung von Lili Gr├╝ns Gedichten und Geschichten. Die Lekt├╝re ihrer Romane und anderer Werke ist nicht von der schrecklichen Tatsache zu trennen, dass die in Wien geborene j├╝dische Schriftstellerin 1942 in einem wei├črussischen Vernichtungslager ermordet wurde. (2014)

"Zum Theater" von Lili Gr├╝n. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg. AvivA Verlag, 1. Auflage 2011
Der Roman um die junge, ambitionierte Schauspielerin Loni Holl erschien 1935 unter dem Titel "Loni in der Kleinstadt". Zuvor war das Werk als Vorabdruck im "Wiener Tag" erfolgreich und wurde in der zeitgen├Âssischen Kritik als "ebenso klug wie anmutig" gefeiert. (2011)

"Alles ist Jazz" von Lili Gr├╝n. Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg. Berlin: AvivA Verlag, 1. Auflage 2009, 2. Auflage 2015.
Der Roman erz├Ąhlt die Geschichte der Schauspielerin Elli, die in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten um 1930 ihr Gl├╝ck und Auskommen in Berlin sucht. "Alles ist Jazz" ist die Wiederentdeckung der Saison. (2009

Victoria Wolff - Das wei├če Abendkleid
Victoria Wolff entf├╝hrt in das Paris der 30er Jahre, in dem vier Frauen mit unterschiedlicher Herkunft und Lebensentw├╝rfen eine Ver├Ąnderung ihres Lebens erfahren, als sie sich ihren W├╝nschen stellen. (2008)

Victoria Wolff ÔÇô Die Welt ist blau. Ein Sommer-Roman aus Ascona. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
Der Roman der j├╝dischen Autorin ist nicht nur ein kurzweiliges Lesevergn├╝gen, sondern auch ein historisches Portrait ├╝ber Ascona, den "├Ąu├čersten Vorort Berlins" der zwanziger und drei├čiger Jahre. Der Roman erschien 1933 als Vorabdruck in der Neuen Z├╝rcher Zeitung und 1934 erstmals in Buchform. 2008 erschien das literarische Kleinod als gebundene Ausgabe im AvivA Verlag, der es nun als Taschenbuch herausgebracht hat.

Bio-bibliographische Angaben zu Lili Gr├╝n finden sich auch auf FemBio: www.fembio.org.
Mehr Informationen zum AvivA Verlag unter. www.aviva-verlag.de



Copyright Foto von Anke Heimberg: Lili Gr├╝n-Lesung "Kabarett, Jazz und Schreibmaschinen" in der "B├╝chergilde ÔÇô Buchhandlung am Wittenbergplatz", Berlin, 23. Mai 2017. Foto/Quelle "privat/AnkeHeimberg".

Interviews Beitrag vom 25.08.2017 Yvonne de Andr├ęs 





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