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AVIVA-BERLIN.de im November 2025 -
Beitrag vom 28.11.2025
Karin Prien: In der Bildung liegt einer der Schlüssel gegen Antisemitismus
Sharon Adler
Bundesministerin Prien sprach mit Sharon Adler über ihre jüdische Familiengeschichte und ihre Arbeit zur Sichtbarmachung jüdischer Themen sowie zur Bekämpfung von Antisemitismus und Antizionismus.
Jüdisches und Familienbiografisches
Sharon Adler: Ihre Urgroßmutter mütterlicherseits war Franziska Hartoch, verheiratete Wihl, die am 17. Februar 1880 in Düsseldorf geboren und am 6. April 1943 aus dem Exil in Amsterdam in das Vernichtungslager Sobibor in Polen verschleppt wurde. Wie präsent war sie und ihr Schicksal während der Shoah in der Familienerzählung?
Karin Prien: Meine Mutter ist 1940 geboren, meine Urgroßmutter wurde 1943 aus dem Haus ihres Sohnes "auf den Transport gebracht", wie man damals sagte. Das war ein traumatisierendes Erlebnis für meine Mutter, die sich immer daran erinnerte und oft erzählte, dass sie als damals dreijähriges Mädchen sagte: "Ihr könnt doch meine Oma nicht mitnehmen!" Franziska Hartoch wurde in Sobibor ermordet. Ich selbst war vielleicht sieben oder acht, und wir wohnten mittlerweile in Deutschland, als mir meine Mutter davon erzählte und mit mir den französischen Dokumentarfilm "Bei Nacht und Nebel" schaute. Das war schwierig für mich. Aber meine Mutter wollte mich vorbereiten auf "die Welt da draußen", wo aus ihrer Sicht noch viele Nazis unterwegs und die Reste des Antisemitismus noch immer präsent waren. Meine Urgroßmutter väterlicherseits hieß Franziska Kraus. Sie wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und 1943 in Auschwitz ermordet. Das jüdische Erbe der Shoah, aber immer auch die jüdische Kultur allgemein, hat meine Kindheit stark geprägt.
Sharon Adler: Was bedeutete Ihnen die Verlegung des Stolpersteins für Ihre Urgroßmutter Franziska Hartoch am 3. August 2021, die Sie gemeinsam mit Ihrer Mutter initiiert haben?
Karin Prien: Es war für meine Familie sehr wichtig, dass Franziska Hartoch durch die Nennung ihres Namens im öffentlichen Raum Gesicht und Würde zurückbekommen hat. Stolpersteinverlegungen habe ich als Ministerin in Schleswig-Holstein häufig für andere mitinitiiert und miterlebt. Irgendwann habe ich mich mit meiner Mutter darüber ausgetauscht. Und wir waren uns einig, dass wir das gemeinsam machen wollen. Es war ein sehr ergreifendes Erlebnis, auch für meine Kinder und die meines Bruders. Ich habe dabei erfahren, dass die eigene Identitätsfindung ein lebenslanger Prozess ist.
Sharon Adler: Sie haben Ihre jüdische Herkunft lange verschwiegen – Ihre Mutter sorgte sich, dass Sie deswegen diskriminiert werden könnten. Wann und warum haben Sie beschlossen, Ihre jüdische Familiengeschichte offen zu thematisieren und zu zeigen? Gab es einen "Trigger", einen Auslöser dafür, nach außen zu gehen?
Karin Prien: Es gab einen Schlüsselmoment: mein Besuch in Yad Vashem 2015. Damals war ich mit einer Delegation von Bildungspolitikern eine Woche lang in der Internationalen Schule für Holocaust-Studien. Dort traf ich Tswi Herschel, einen Holocaust-Überlebenden, und seine Tochter Natalie. Er ist so alt wie meine Mutter und kommt wie ich aus Amsterdam, Natalie ist so alt wie ich. In der Parallelität der Lebenswege ist mir bewusst geworden, wie ähnlich unsere Familiengeschichten sind: Wir sind beide ohne Tanten und Onkel, ohne Cousins und Cousinen aufgewachsen. Dazu kam, dass in den Jahren ab 2015 Antisemitismus wieder deutlicher spürbar wurde, und zwar aus allen Ecken. Einerseits über die AfD und den wachsenden Rechtsextremismus. Rechtsextremisten waren immer schon Antisemiten, die sich nun aber wieder trauten, das offen zu zeigen. Antisemitismus, ob von rechts, von links, religiös motiviert oder aus der Mitte der Gesellschaft – alle Formen verbindet ein Element: Israelfeindlichkeit. Während also Antisemitismus offensichtlich ein immer ernster werdendes Phänomen wurde, sah ich als Politikerin die Möglichkeit, dieses Thema sichtbarer zu machen und ein Verständnis für das jüdische Denken und Fühlen zu erzeugen.
Zudem bin ich Bildungspolitikerin, und in der Bildung liegt einer der Schlüssel gegen Antisemitismus.
Sharon Adler: Was war es für ein Gefühl, als Sie sich als jüdisch "geoutet" haben? Empfinden Sie es heute als eine Art von Verantwortung, die "erste jüdische Ministerin" zu sein?
Karin Prien: Ich wurde in der Folge oft gefragt: "Sind Sie eigentlich eine jüdische Ministerin?" Meine Antwort ist bis heute: "Ich bin jedenfalls auch eine jüdische Ministerin." Aber ich wollte mich nie darauf reduzieren lassen. Nach dem 7. Oktober 2023 hat sich die Stimmung in Deutschland noch einmal dramatisch zugespitzt. Mit Blick auf dieses Datum werbe ich zudem um Verständnis für die traumatisierende Wirkung dieses grauenhaften Massakers für die Menschen in Israel und Jüdinnen und Juden weltweit.
Der 7. Oktober 2023
Sharon Adler: Sie haben vor Kurzem in Berlin die Nova Music Festival Exhibition im ehemaligen Flughafen Tempelhof besucht. Was bewegt Sie, wenn Sie an den 7. Oktober 2023 denken, den Tag des Terrorangriffs der Hamas auf die Menschen in Israel?
Karin Prien: Mit einer Delegation der Kultusministerkonferenz war ich schon wenige Wochen nach dem entsetzlichen Terrorangriff in Israel. Dort habe ich die Spuren der brutalen, fast schon rauschhaften Mordlust der Terroristen gesehen. Die Opfer waren Menschen im Alter meiner Söhne. In einem Kibbuz gab es tausende von Einschlägen von Gewehrkugeln in kleinen Einzimmerwohnungen. Wir haben damals schon mit Zeugen gesprochen und erste Filmaufnahmen gesehen. Furchtbar!
Ich betone aber gleichzeitig, dass man sich aus humanitärer Sicht mit dem Schicksal der Menschen in Gaza mit viel Empathie beschäftigen muss. Die Ereignisse des 7. Oktobers in ihrer Monstrosität zu verurteilen, bedeutet nicht, dass man nicht auch Mitgefühl mit den Menschen in Gaza haben darf. Ganz im Gegenteil! Was mich bei meinem Besuch im Dezember 2023 in Israel auch sehr schockiert hat, war die Gewalt gegen Frauen, die Vergewaltigungen, die die Terroristen verübt haben, die unverhohlene Brüstung der Täter, die auf offener Weltbühne zur Schau gestellte Verachtung und Häme. Das hat eine Dimension, die ich vorher noch nie wahrgenommen habe. Das Ausmaß der sexuellen Gewalt haben internationale Frauenorganisationen viel zu wenig anerkannt. Die fehlende Empathie ist für mich schwer zu ertragen.
Die Arbeit als Bundesministerin für die Sichtbarmachung jüdischer Themen, gegen Antisemitismus und Antizionismus
Sharon Adler: Im September 2025 haben Sie gemeinsam mit Dani Dayan, dem Vorsitzenden von Yad Vashem, drei mögliche Standorte für ein Yad-Vashem-Bildungszentrum in Deutschland diskutiert. Können Sie bitte die Genese und nächsten Schritte skizzieren?
Karin Prien: Es wird seit einigen Jahren immer klarer, dass die Erinnerungskultur in Deutschland weiterentwickelt werden muss. Sie muss zu den jungen Menschen von heute passen, insbesondere zu der Altersgruppe zwischen sechs und dreißig Jahren, die aktuell die Schulen und Universitäten besuchen. Die Zeitzeugen, die eine wichtige Rolle in der Vermittlung spielen, sterben nach und nach, sie sind sehr bald nicht mehr unter uns.
Yad Vashem ist ja nicht nur eine Gedenkstätte, sondern auch eine Bildungs- und Forschungsstätte. In Deutschland arbeiten die Bundesländer seit vielen Jahren sehr eng mit Yad Vashem im Bereich der Holocaust-Erziehung und Weiterbildung von Lehrkräften zusammen.
Über den Standort einer deutschen Yad-Vashem-Bildungsstätte entscheidet Yad Vashem selbst. Eine interdisziplinär besetzte Delegation reist an die in Frage kommenden Orte in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen, führt Gespräche mit den Landesregierungen und eruiert, wo es passende wissenschaftliche oder Bildungsinstitutionen als Partner gibt. Ein solches Bildungszentrum soll eine Strahlkraft in ganz Deutschland haben, bis in die Nachbarländer hinein. Das soll durchaus ein europäischer Ort sein, gleichzeitig mit der besonderen Symbolkraft, dass der Ort in Deutschland ist.
Sharon Adler: Welchen Stellenwert nimmt Ihrer Meinung nach "Holocaust Education" in den Bildungseinrichtungen aktuell ein, und wie sollte sie Ihrer Meinung nach unterrichtet beziehungsweise im Unterricht konzeptualisiert werden?
Karin Prien: Es geht darum, 80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz junge Menschen zu erreichen, die keine Großeltern mehr haben, die als Täter oder Opfer Zeitzeugen des Geschehens waren. Unser Ziel ist es, Empathie zu wecken und ihnen zu vermitteln, was historische Verantwortung heute bedeutet. Deutschland trägt eine historische Verantwortung. Nicht "Schuld". Aber Verantwortung – damit so etwas nie wieder geschieht.
Es ist wichtig, den Weg der Entrechtung und Entmenschlichung zu vermitteln, um zu verstehen, dass der Holocaust nicht erst in Auschwitz in der Gaskammer begonnen hat, sondern spätestens mit den sogenannten Rassegesetzen und sogar noch weit davor. In einer Gesellschaft nämlich, in der über Jahrzehnte hinweg Antisemitismus gesellschaftsfähig war und geschürt wurde. Dass es zum Beispiel üblich war, dass jüdische Mitschülerinnen und Mitschüler irgendwann nicht mehr am Unterricht teilnehmen durften, schließlich abgeholt wurden, nie wiederkamen. Nur wenn man diese Entwicklung kennt, kann man daraus Schlüsse für die heutige Zeit ziehen.
Sharon Adler: Wie haben Sie selbst als Schülerin die Vermittlung von jüdischen Themen, von Nationalsozialismus, von Shoah im Unterricht, aber auch im persönlichen Umfeld, im Elternhaus, erlebt und erfahren?
Karin Prien: Ich selbst habe eher positive Erfahrungen gemacht, als ich in den 70er- und 80er-Jahren zur Schule gegangen bin. Der Nationalsozialismus fand als Unterrichtsthema sehr breit und angemessen Niederschlag. Ich hatte gute Lehrkräfte im Fach Geschichte und einen tollen Religionslehrer. Ich habe viele Werke von jüdischen und israelischen Autoren und viel über die Entstehung des Staates Israel gelesen, habe mich mit Exilliteratur, mit amerikanischer Literatur, mit jüdischer Literatur beschäftigt, darunter waren Romane wie "Exodus" von Leon Uris aber auch Literatur von Artur Koestler und anderen. Das waren Werke, die mich in meiner Jugend begleitet haben, das hat mich als junges Mädchen fasziniert und tut es bis heute. Und natürlich war das durch meine Familie und ihre Geschichte für mich sehr präsent. Meine Mutter war Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, und ich selbst habe am deutsch-israelischen Jugendaustausch teilgenommen.
Sharon Adler: Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation zum Bildungs- und Wissensstand im Kontext der Verbrechen der Shoah junger nichtjüdischer Schüler/-innen/Studierender?
Karin Prien: Junge Menschen kommunizieren heute anders und nehmen Dinge auch anders wahr. Die Geschichte der Shoah hat für uns Deutsche einen besonderen Stellenwert, und darum müssen wir in der Schule, aber auch an den Erinnerungsorten, an den Gedenkstätten, anders arbeiten. Der Besuch einer Gedenkstätte lebt von dem authentischen Ort. Selbst da, wo die eigentlichen Lager nicht mehr vorhanden sind, wo nur noch einzelne Baracken oder die Abgrenzungen stehen und wo im dazugehörigen Informations- und Bildungszentrum gezeigt wird, was da einmal war, hat so ein Besuch eine ganz besondere Wirkung.
Sharon Adler: Warum, denken Sie, stellen die meisten nichtjüdischen Jugendlichen keine Verbindung zu einer möglichen Beteiligung ihrer Vorfahren an den NS-Verbrechen her? Wie kann die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte im Kontext NS-Zeit vermittelt werden?
Karin Prien: Es gehört zur Geschichte der Bundesrepublik, dass dieses Land mit seiner besonderen Vergangenheit und Identität ohne den Nationalsozialismus und die Shoah nicht zu begreifen ist. Dazu gehört auch die mögliche Beteiligung an den Verbrechen, etwa die individuelle Enteignung oder das Aussprechen von Berufsverboten. Wir können die Geschichte übrigens auch so erzählen, dass junge Menschen heute stolz sein dürfen, dass aus den Trümmern – auch den moralischen – ein Land entstanden ist, das Verantwortung übernommen hat. Deutschland hat nach allem, was geschehen ist, eine enge Beziehung zu Israel aufgebaut. Viele Juden haben sich von Deutschland abgewandt, aber andere haben die Hand ausgestreckt – und gemeinsam ist es uns gelungen, dieses schwierige Verhältnis zu gestalten.
Wir dürfen auch stolz darauf sein, dass Deutschland unter anderem mit den Auschwitz-Prozessen den Versuch unternommen hat, Verantwortung zu übernehmen. Bis heute werden Menschen zur Rechenschaft gezogen, die Verantwortung getragen haben – auch wenn das in hohem Alter nicht einfach ist. Wir können die Geschichte so erzählen, dass sie zeigt, wie sehr Deutschland heute auf den Schutz von Minderheitenrechten achtet, und wie wir davon profitieren, in einem freien, demokratischen Land zu leben.
Sharon Adler: Was sind Ihre Anregungen, um die vielfältigen Beiträge von Jüdinnen und Juden in allen Bereichen der (Mehrheits-)Gesellschaft vor, während und nach der NS-Zeit sichtbar zu machen?
Karin Prien: Es ist wichtig, den jüdischen Widerstand sichtbar zu machen. Denn Juden, die sich gewehrt haben, sind in Deutschland im öffentlichen Diskurs nicht vorhanden. Juden sind da meist die Opfer der Shoah, sie sind entweder ermordet worden oder kommen als verhungerte, kaum noch erkennbare menschliche Wesen vor, die aus den Konzentrationslagern zunächst in die Lager für "Displaced Persons" kommen, um von dort nach Amerika oder nach Palästina, später Israel auszuwandern. Aber die starken jüdischen Männer und Frauen, die in den Ghettos als Partisanen Widerstand geleistet haben, sind viel zu selten als Vorbilder sichtbar.
Genauso wie die Frage, welchen Beitrag jüdische Menschen für die deutsche Geschichte und Kultur geleistet haben. Von Rahel Varnhagen über Felix Mendelssohn Bartholdy und Heinrich Heine bis zu Bertha Pappenheim. Oder Albert Einstein und die anderen großen jüdischen Physiker. Auch die Literatur in den 1930er-Jahren war jüdisch geprägt.
Dass man deutsche Kultur und deutsche Geschichte ohne das jüdische Element kaum erzählen kann, das müssen wir jungen Menschen noch stärker vermitteln. Wir sollten deshalb nicht nur über die Shoah sprechen oder über den Nahost-Konflikt, sondern wir müssen über das heutige und das historische lebendige, kulturell vielfältige jüdische Leben reden.
Vermittlung des Judentums zusätzlich zur Vermittlung der Themen Shoah und NS-Zeit in Bildungsmedien
Sharon Adler: Die Kultusministerkonferenz (KMK) und der Zentralrat der Juden in Deutschland haben am 9. Oktober 2025 ihr gemeinsames Online-Portal zu jüdischem Leben und Antisemitismusprävention neu gestartet. Was erhoffen Sie sich davon mit Blick auf die Implementierung der relevanten Themen "Judentum”, "Nationalsozialismus" und "Shoah" in den Curricula der Lehramtsstudiengänge? Wie beurteilen Sie die Nutzung in der Praxis?
Karin Prien: Der Zentralrat der Juden in Deutschland, die Kultusministerkonferenz und auch die Bund-Länder-Kommission der Antisemitismusbeauftragten arbeiten eng zusammen. Wir haben erreicht, dass die Empfehlungen für die Lehrerbildung im Bereich der Antisemitismuskompetenz in die Studienpläne der Universitäten eingearbeitet wurden.
Wir müssen da auch flexibel sein. Bereits kurz nach dem 7. Oktober habe ich als Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein den Schulen einen Brief geschrieben und gebeten, dass sie das Thema im Schulunterricht behandeln. In der Folge hat das Ministerium schnell Unterrichtsmaterial und Fortbildungsangebote auf einer digitalen Plattform zur Verfügung gestellt.
Sharon Adler: Wo sehen Sie Handlungsbedarf, Lücken und Herausforderungen in der Qualifizierung von Forschenden und Lehrenden im Kontext Prävention und Bekämpfung von Antisemitismus?
Karin Prien: In diesen Forschungsfeldern ist in den letzten Jahren erfreulicherweise eine Menge passiert. Wir müssen verstärkt mit diesen Forschungsergebnissen arbeiten und diese viel besser als vorher in die Schulen bringen. Gerade auch mit Blick darauf, dass wir eine Einwanderungsgesellschaft sind und viele Menschen nach Deutschland gekommen sind, die in ihrer Familiengeschichte keinen Bezug haben zur Zeit des Nationalsozialismus.
Sharon Adler: Die Bildungsministerkonferenz hat 2024 eine gemeinsame Erklärung und Empfehlungen zur sachgerechten und differenzierten Darstellung des Judentums in Bildungsmedien verabschiedet: Wie kann es aus Ihrer Sicht gelingen, einer "Exotisierung" jüdischer Schülerinnen und Schüler entgegenzuwirken und jüdische Lebensrealitäten von heute angemessen in Lehrmaterialien und im Unterricht sichtbar zu machen?
Karin Prien: Es geht darum, jüdische Lebenswelten nicht nur als historische Erzählung, sondern als lebendige und vielfältige Realität zu vermitteln. Lehrmaterialien müssen die Bandbreite jüdischer Identität und Kultur widerspiegeln und aktuelle Perspektiven einbeziehen. Ich wünsche mir auch eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinden vor Ort.
Sharon Adler: Welche Angebote müssten im ländlichen Raum etabliert werden, wo jüdische Einrichtungen kaum existent sind und damit kaum Raum für persönliche Begegnungen/Austausche ist oder für Besuche von Synagogen?
Karin Prien:Im ländlichen Raum können digitale Plattformen und mobile Bildungsangebote stärker ausgebaut werden, um jüdische Kultur und Geschichte zugänglich zu machen. Virtuelle Begegnungen, Online-Seminare und digitale Exkursionen sind hier wichtige Formate, um den Austausch und das Verständnis zu fördern.
Sharon Adler: Welche Rolle kann die Ausgestaltung des Digitalpakts 2.0. einnehmen mit Blick auf Prävention und Bekämpfung von Antisemitismus und die Partizipation von jüdischen Jugendlichen im ländlichen Raum?
Karin Prien: Der Digitalpakt 2.0 bietet eine gute Gelegenheit, digitale Bildungsangebote an Schulen zu stärken und damit auch Antisemitismus präventiv entgegenzuwirken. Es gibt ja bereits beeindruckende digitale Projekte, die genutzt werden können, wie die virtuelle Führung durch die Auschwitz-Gedenkstätte.
Daneben können Online-Plattformen, interaktive Lernformate und virtuelle Austauschprojekte gerade Jugendliche und damit natürlich auch jüdische junge Menschen in ländlichen Regionen besser erreichen und ihre Teilhabe fördern.
Sharon Adler: Zum Abschluss Ihrer dreitägigen Israel-Reise im Oktober 2025 haben Sie mit dem israelischen Außenminister Gideon Sa´ar in Jerusalem eine Gemeinsame Erklärung zum Deutsch-Israelischen Freiwilligendienst (DIFD) unterzeichnet. Können Sie uns bitte mehr darüber berichten, worin besteht die Erweiterung des Austauschprogramms, was ist geplant, worauf zielt die Gemeinsame Erklärung ab?
Karin Prien: Der Deutsch-Israelische Freiwilligendienst ist seit seiner Gründung 2015 ein wertvoller Beitrag zur Stärkung der Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Mit der gemeinsamen Erklärung bekräftigen wir einerseits die Entsendung von jungen Deutschen nach Israel und erweitern andererseits das Programm, um jungen Israelis die Möglichkeit zu bieten, sich in Deutschland freiwillig zu engagieren. Ziel ist es, den interkulturellen Austausch weiter zu fördern und das gegenseitige Verständnis zu vertiefen.
Sharon Adler: Bei Ihrer ersten Rede vor dem Bundestag am 15. Mai 2025 kündigten Sie eine "Bildungs- und Familienpolitik aus einem Guss" an. Inwieweit kann dieses Vorhaben auch in Ihre Arbeit für die Sichtbarmachung jüdischer Themen und gegen Antisemitismus und Antizionismus Eingang finden?
Karin Prien: Indem ich aktiv viele Gelegenheiten nutze, um jüdisches Leben sichtbar zu machen. Wenn ich beispielsweise Veranstaltungen besuche wie die Jewrovision, den Musik- und Tanzwettbewerb jüdischer Jugendzentren in Deutschland, trage ich diese bewusst in die Öffentlichkeit. Dabei wird eine Welt sichtbar, von der viele nicht einmal wissen, dass es sie überhaupt gibt – die aber die Realität eines lebendigen, vielfältigen jüdischen Lebens in Deutschland zeigt. Als Bundesbildungsministerin bin ich zudem auch für die non-formale, die außerschulische Bildung zuständig, für die Kinder- und Jugendhilfe zum Beispiel und für den Kinder- und Jugendplan oder für das Bundesprogramm "Demokratie Leben!", wo ich ebenfalls einen neuen Schwerpunkt auf die Bekämpfung von Antisemitismus setzen werde.
Zur Vita von Karin Prien >>www.bpb.de
Zitierweise:"Interview von Sharon Adler mit Karin Prien: "In der Bildung liegt einer der Schlüssel gegen Antisemitismus" "", Interview mit Bundesministerin Karin Prien, in: Deutschland Archiv, 10.11.2025, Deutschland Archiv, 26.5.2025, Link: www.bpb.de/562490 (ali)., Link: www.bpb.de/572642
Dieses Interview ist in der von Sharon Adler (AVIVA-Berlin, Stiftung Zurückgeben) mitherausgegebenen Reihe "Jüdinnen nach 1945. Erinnerungen, Brüche, Perspektiven" im Deutschland Archiv online der bpb erschienen.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autorinnen: Karin Prien, Sharon Adler für bpb.de
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Foto von Karin Prien: © Sharon Adler/PIXELMEER, 2025