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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.03.2011

Interview mit Silvia Bovenschen
Sonja Baude

AVIVA-Berlin sprach mit der Schriftstellerin ├╝ber Motive ihres neuen Romans "Wie geht es Georg Laub?", ├╝ber ihre Sehnsucht nach anderen Welten und die Lust am Schreiben.



Silvia Bovenschen ist Literaturwissenschaftlerin, Essayistin und seit wenigen Jahren auch Romanautorin. In der Akademie der K├╝nste Berlin wurde am 24. M├Ąrz 2011 ihr neuer Roman Wie geht es Georg Laub? der ├ľffentlichkeit vorgestellt.

AVIVA-Berlin: Am Anfang Ihres neuen Buches steht der Wunsch des Protagonisten Georg Laub, zu verschwinden aus seiner bisherigen Welt. Das Thema des Verschwindens haben Sie bereits in der Vergangenheit von verschiedenen Seiten beleuchtet.
Was fasziniert Sie an diesem Motiv, am Vorgang des Verschwindens?
Silvia Bovenschen: Nat├╝rlich ist die radikalste Form des Verschwindens das Sterben von Menschen ÔÇô das verst├Ârt uns alle am meisten. Aber es geht nicht nur darum. Letztlich sind wir immer sehr gl├╝cklich, wenn wir uns zwar nicht die Welt im Ganzen, aber doch wenigstens in kleineren Zusammenh├Ąngen gut erkl├Ąren k├Ânnen. Wenn aber etwas auf r├Ątselhafte Weise verschwindet, selbst wenn es sich nur um unbedeutende Kleinigkeiten handelt, dann setzt schon die erste Verst├Ârung ein. Da hatte ich etwas hingelegt, ich wei├č es sicher, genau da hatte es gelegen und genau da ist nichts mehr zu sehen. Eine b├Âse Leere.

AVIVA-Berlin: Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass Sie dieser Verst├Ârung, die mit dem Verschwinden einhergeht, ganz dezidiert etwas entgegensetzen, n├Ąmlich die genaue Beobachtung dessen, was vorhanden ist, auch des vermeintlich Beil├Ąufigen. Liegt in diesem allt├Ąglichen genauen Schauen und Anschauen eine Anfechtung gegen das Verschwinden?
Silvia Bovenschen: Das ist sicher eine berechtigte Frage, ob die Sucht, etwas immer genauer noch anzuschauen etwas damit zu tun hat, dass man der Hinf├Ąlligkeit und Sterblichkeit und Endlichkeit etwas entgegensetzen will, wahrscheinlich haben Sie recht. Gerade in bedrohlichen Situationen wird unser Geist h├Ąufig von Einzelheiten gefesselt. Wir k├Ânnen uns vielleicht zwanzig Jahre sp├Ąter gar nicht mehr vergegenw├Ąrtigen, was damals eigentlich so bedrohlich war, aber wir k├Ânnen uns an das Karo der Tischdecke erinnern.

AVIVA-Berlin: Im Zusammenhang mit dem Aspekt des Erinnerns f├Ąllt mir in Ihrem Roman die Figur der Tante Charlotte ein. Sie kommt haupts├Ąchlich in einem einzigen Brief vor, den sie an ihren Neffen Georg Laub geschrieben hat. Und dennoch hatte ich das Gef├╝hl, als sei sie die heimliche Protagonistin, indem ihr in besonderem Ma├če die Rolle der Erinnernden und damit einer Ratgeberin zukommt. Wie wichtig ist es, sich zu erinnern, die Vergangenheit in die Gegenwart zu integrieren?
Silvia Bovenschen: Wir k├Ânnen unser Ich nur herstellen ├╝ber die Erinnerung. Wir sind, in dem was wir f├╝r unser Ich halten, eine Erinnerungslegende, noch dazu ein rechtes L├╝gengespinst, wie mir scheint, weil wir uns wahrscheinlich vorsichtshalber nur an die Ereignisse erinnern, wo wir uns einigerma├čen angenehm sind. Oder wo wir ganz furchtbar waren, daran erinnern wir uns auch hin und wieder. Wir k├Ânnen uns nicht an alles erinnern, sonst m├╝ssten wir ewig leben. Also werden wir uns immer nur selektiv erinnern. Wenn sich aber unsere Erinnerungen l├Âschen, das passiert bei einer der grauenhaftesten Krankheiten, die es gibt, der Alzheimerkrankheit, dann l├Âscht sich auch das Ich, dann bleibt noch eine K├Ârperh├╝lle. Das ist ein entsetzlicher Gedanke. Insofern sind die Erinnerungen, wie fragw├╝rdig auch immer, doch auch das Wertvollste, was wir haben. Ich bin jetzt 65 und immer noch ganz ger├╝hrt, wenn ich jemandem begegne, der meine Eltern noch kannte und es ist mir, als k├Ânnte er mir mehr ├╝ber meine Eltern erz├Ąhlen als ich selber wei├č. Das ist zweifellos nicht der Fall, aber es ist mir trotzdem wichtig, diese Kontinuit├Ątsherstellung auch in die Vergangenheit. Nun kommt in unserem Fall, was den Roman betrifft, hinzu, dass Georg Laub sich ziemlich sch├Ąbig gegen├╝ber der doch sehr liebevollen Tante verhalten hat und in diesem Brief, das war zumindest von mir so gewollt, kommt noch ein ganz anderer Ton in den Roman: eine andere Sprache einer sehr alten Dame, auch schon etwas verwirrt, mit einer schon etwas halbjenseitigen Weltwahrnehmung.

AVIVA-Berlin: An einer Stelle des Briefes sagt Tante Charlotte: "Wo steht denn geschrieben, da├č man nur in einer einzigen Welt leben darf? Das ist auch nur so eine fixe Idee.ÔÇť Sie selbst haben fr├╝her vor allem Essays geschrieben, eine Mischform zwischen Abhandlung und Poesie. Erst in den letzten Jahren haben Sie begonnen, Romane zu schreiben. Wird im Alter der Wunsch gr├Â├čer, in anderen Welten zu leben?
Silvia Bovenschen: Ja, zumindest in meinem Fall ist das wohl so. Ich denke nat├╝rlich selber oft dar├╝ber nach, was mich eigentlich dazu treibt, auf meine alten Tage nochmal die Fronten zu wechseln. Ich glaube, ein Motiv, weshalb ich fiktional schreibe, ist die Sehnsucht danach, noch einmal in so eine parallele Welt einzutauchen, wie ich es konnte als Kind, als ich las. Als lesendes Kind war ich wirklich in diesen Geschehnissen drin: Ich war bei den Indianern, ich war bei den Piraten, ich war bei den Rittern. Ich war darin vollkommen versunken und wenn meine Mutter mich gerufen hat, musste ich mich erstmal rappeln, um mir wieder klarzumachen, wo ich eigentlich bin. Ich habe immer versucht, wieder so zu lesen. Das ist mir nat├╝rlich nie mehr wirklich gelungen. Aber jetzt beim Schreiben bin ich wieder in diesen, von mir jetzt selbst ausgedachten Welten gefangen. Wenn ich anfange zu schreiben, brauche ich haupts├Ąchlich ein Bild. Und dann findet das alles, alle Lekt├╝ren, alles, was mir da katastrophisch und weniger katastrophisch im Kopf rumwirbelt, irgendeinen Einlass in mein Schreiben und diesen Prozess finde ich hochinteressant. Anders als beim wissenschaftlichen Aufsatz oder auch noch beim Essay lande ich nicht im Rechthaben, sondern ich kann loslegen und es spielt alles m├Âgliche in irgendeiner Weise eine Rolle, die zeitgeschichtlichen Einfl├╝sse ebenso wie die private Situation. Zudem gibt es in meinen Prosatexten immer viele Stimmen, die f├╝r und gegen etwas sind. Ich kann mir selbst st├Ąndig den Teppich unter den F├╝├čen wieder wegziehen und das ist, ich muss es sagen, auch eine Lust.

AVIVA-Berlin: Eine ganz bestimmte Welt findet vielfach in dem Roman Erw├Ąhnung: die digitale. Georg Laub selbst hegt ein gro├čes Misstrauen gegen die "Netzwelt", von der er sich verfolgt f├╝hlt. Birgt die virtuelle Welt eine Gefahr f├╝r die reale, m├Âglicherweise die Gefahr des Verschwindens von Identit├Ąten?
Silvia Bovenschen: Ich bin nicht so skeptisch, wie mein Held. Ich sehe das mit gr├Â├čerer Gelassenheit. Es gibt sicherlich auch eine Wechselwirkung zwischen diesen Welten. Die sogenannte reale Welt ver├Ąndert sich unter der Einwirkung dieser Digitalisierung weiter und auch reale Ereignisse wirken sich, wie wir zur Zeit sehen, auf die Diskussionen im Netz aus. Wahrscheinlich w├Ąre auch die Revolution in der arabischen Welt in dieser Vehemenz nicht zustande gekommen, wenn es nicht die kurzgeschlossene Kommunikation vieler mit vielen gegeben h├Ątte. Also da stecken ungeheure Potenziale drin, aber nat├╝rlich auch Gef├Ąhrdungen. Da k├Ânnen auch, was ja mein Protagonist bef├╝rchtet, irgendwelche Hetzmeuten entstehen. Beides ist m├Âglich. Interessant, aber auch sehr aufregend. Jedoch so starr wie Georg Laub das sieht, darf man es nicht sehen. Gleichzeitig hab ich gut reden, ich kann mir sagen: f├╝r den Rest meiner Zeit mache ich das, was ich kann und kenne. Nur f├╝r die sehr viel J├╝ngeren und im Grunde ist dieser Roman ja auch den J├╝ngeren, die jetzt so zwischen vierzig und f├╝nfzig sind, gewidmet, ist das anders. Die haben ein gr├Â├čeres Problem. Die sind noch aufgewachsen in der alten B├╝cherkultur und sehen sich jetzt einer digitalen Revolution gegen├╝ber gestellt, einer Revolution, die vielleicht weit mehr noch in das Leben der Einzelnen einwirkt, als einst die industrielle Revolution es tat. Ich kann das im Einzelnen nicht ausmachen, wie sich das letztlich entscheidet und weiterentwickelt. Aber es k├Ânnte interessant werden. Es k├Ânnte ja auch sein, dass es im Netz Gegenbewegungen gibt, dass sich beispielsweise Literaturformen entwickeln, von denen wir im Moment noch gar nichts ahnen. Der Roman ist eine junge Gattung, im 18. Jahrhundert entstanden, der kann auch wieder verschwinden und daf├╝r kommt vielleicht gerade aus der Netzkommunikation etwas ganz Neues, was dann irgendwann auch wieder literaturf├Ąhig sein wird.

AVIVA-Berlin: Schreiben Sie schon an einem neuen Roman?
Silvia Bovenschen: Nein, ich habe ja jetzt ziemlich fanatisch in der letzten Zeit geschrieben. Nat├╝rlich habe ich dauernd Ideen f├╝r irgendwas und dann mache ich mir ein paar Notizen f├╝r dieses und jenes. Ob das dann irgendwann einmal etwas wird, ist dann immer dahingestellt.

AVIVA-Berlin: Ich f├Ąnde es ja spannend, wenn Sie mal ein Theaterst├╝ck schrieben.
Silvia Bovenschen: Ja, das w├╝rde ich auch furchtbar gern tun. Ich m├╝sste mir mal ├╝berlegen, wie das f├╝r mich gehen k├Ânnte. Ich habe als junges M├Ądchen wahnsinnig gerne Theaterst├╝cke gelesen, ich glaube, weil ich mir das, was mir da so ein Romancier aufn├Âtigt an Atmosph├Ąre, Raum und Kleidung lieber selber ausdenken wollte. Das ist vergleichbar mit der Entt├Ąuschung wenn man die Verfilmung eines sehr geliebten Romans sieht ÔÇô alles scheint falsch: man hatte sich den Typ blond und die Frau d├╝nn vorgestellt... Ja, vielleicht versuche ich das einmal mit dem Theaterst├╝ck.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch!

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Unsere Rezension zum Roman "Wie geht es Georg Laub?"




Interviews Beitrag vom 28.03.2011 Sonja Baude 





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