Interview mit Miss.Tic ÔÇô deutsche Version - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Interviews
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

etage7
AVIVA-Berlin > Interviews AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 30.06.2011

Interview mit Miss.Tic ÔÇô deutsche Version
A.Vartanian, K. Tencic

Auf den Ausl├Ąufern der Pariser Mauern von Montmartre bis Menilmontant st├Â├čt frau seit einem Vierteljahrhundert auf unabh├Ąngige und sexy Frauen, begleitet von Aphorismen und faszinierenden Wortspielen



Das sind die Viertel, wo Miss.Tic, die bekannteste Street Art K├╝nstlerin Frankreichs, bereits zum Stadtbild geh├Ârt. Obgleich "die sch├Âne Rebellin" Gerichtsverfahren hinter sich hat, wandert sie nun, begleitet von breitem Erfolg, von einer schicken Galerie zur n├Ąchsten, ohne aber etwas von ihrem Verve, ihrer Scharfz├╝ngigkeit und der sch├Ânen Bissigkeit der Poesie der Begierden auf der Strecke zu lassen.

AVIVA-Berlin hat sie in ihrem Atelier besucht, wo sie gerade ihre Ausstellung f├╝r das Institut Fran├žais in Berlin vorbereitet hat.


AVIVA-Berlin: K├Ânnen Sie uns etwas ├╝ber den Ursprung Ihres seit 1985 existierenden K├╝nstlernamen Miss.Tic sagen?
MISS.Tic: Das ist eine Anspielung auf Gundel Gaukeley [im Franz├Âischen Miss Tick, Anm.d.Red.], eine kleine durchgeknallte Hexe, die um jeden Preis versucht, ihrem Onkel Dagobert seine Geldgier auszutreiben und ihm etwas zu stibitzen, jedoch ohne Erfolg. F├╝r mich war es aber auch wichtig, der ├ľffentlichkeit zu signalisieren, dass es eine Frau ist, die sich da in dieser vollkommen maskulinen Welt der Street Art zu Wort meldet, eine Frau, die der Autor all dieser Graffitis ist, die man da auf den Mauern von Paris aufblitzen sah.

AVIVA-Berlin: Anfangs erschufen Sie Ihre Graffitis in der verdeckten Illegalit├Ąt der Nacht, ohne Genehmigung der Eigent├╝mer der Mauern oder der Geb├Ąude, auf denen Sie sie postierten. Sie wurden verhaftet, unter Gewahrsam gestellt, hatten Gerichtsprozesse ... nach diesen schlechten Erfahrungen mit der Justiz haben Sie beschlossen, nur unter Erlaubnis zu arbeiten. Sie erhielten aber auch Auftr├Ąge von Marken wie Louis Vuitton, UCAR oder Longchamp f├╝r Werbekampagnen. Au├čerdem haben Sie das Plakat f├╝r den Film "La femme coup├ęe en deux (dt: Die zweigeteilte Frau") von Claude Chabrol entworfen und stellen heutzutage regelm├Ą├čig in Galerien aus. Welche Ver├Ąnderungen haben Ihre Arbeiten durch den ├ťbergang von dieser einen in die andere Welt erfahren?
MISS.TIC: Diese Werbeauftr├Ąge hatte ich schon viel fr├╝her erhalten, also vor der 1997 erhobenen Anklage eines Geb├Ąudeeigent├╝mers. Das, was sich ver├Ąndert hat, ist die Arbeit in den Stra├čen. Ich habe damals angefangen, Erlaubnisse einzuholen, habe ├Âffentliche Auftr├Ąge der Stadtverwaltung erhalten und war dadurch nicht mehr gezwungen, nachts zu arbeiten. Dadurch ist es sehr viel einfacher f├╝r mich geworden. Vorher mussten manche Arbeiten unvollendet bleiben, ich konnte gest├Ârt oder verhaftet werden, die Leute konnten auf mich losgehen, selbst wenn ich immer in Begleitung von jemandem war, der die Schablonen halten musste. Es war wirklich schwierig f├╝r mich, bis zwei oder drei Uhr nachts zu warten um raus, arbeiten zu gehen, manchmal fehlte mir wirklich die Energie dazu. Ich habe nie versucht, mich gegen ein repressives System zu richten, oder gegen Institutionen, auch nicht gegen das System der Galerien. Ganz im Gegenteil ÔÇô ich wusste, dass ich meine Ateliersarbeiten an Fachm├Ąnner/frauen richte, indem ich sie auf die Stra├če bringe.

AVIVA-Berlin: Die Rechtswidrigkeit bef├Ârderte keine spezielle Richtung in Ihren Aussagen, Ihren Schriften, Ihren Bildern?
MISS.TIC: In meiner visuellen und ├Ąsthetischen Sichtweise hat sich nichts ver├Ąndert. Ich mache absolut das Gleiche. Alles wird schon vorher gefertigt, im Atelier. Wenn ich die Arbeiten dann in den Stra├čen anbringe, ist das Werk bereits vollendet: das Publikum kann nicht sehen, ob es gestattet wurde oder nicht.

┬ę Aur├ęlia Vartanian, Des faims de non recevoir, dans l┬┤atelier de Miss.Tic


AVIVA-Berlin: Haben Sie eine Ahnung, woher Ihr Talent f├╝r die w├╝rzigen Spr├╝che und Ihre Lust an der Provokation stammt?
MISS.TIC: Die Schrift und das Zeichnen wurden mir bereits in die Wiege gelegt. Von da an ist es nat├╝rlich harte Arbeit. Ich wollte T├Ąnzerin werden, aber ich hatte einen Unfall und konnte somit keine T├Ąnzerin sein, also habe ich mich dem Theater gewidmet. Entweder habe ich Theater gemacht oder geschrieben. Mein Traum war es, ein k├╝nstlerisches Medium zu haben, K├╝nstlerin zu sein und meinen Talenten zu folgen. Bez├╝glich der Provokation denke ich, dass es die Rolle der K├╝nstlerInnen ist, die Gegenwart zu hinterfragen. Aber ich bin keine Aktivistin, ich glaube nicht, dass die Poesie die Welt ver├Ąndern kann. Ich verteidige nichts au├čer "die Energien des Lebens". Die Leute erreichen ein Bewusstsein dank kleiner Dinge die aufeinander folgen.

AVIVA-Berlin: In Ihrer Serie Miss.Tic attak ist die dargestellte Frau eine Kriegerin, bis auf die Z├Ąhne bewaffnet. Die ├╝blichen Waffen (schicke Dessous, erotische Posen, verf├╝hrerische Blicke, "Fallen" f├╝r die m├Ąnnlichen Begierden) wurden hier ersetzt durch eine Ausr├╝stung, die einer Pistole, einen Dolch, einen S├Ąbel oder die nackte Hand der Kriegskunst, bis hin zu einer Zeitbombe. Ist die sinnliche Frau der Archetyp einer klassischen Weiblichkeit, w├Ąhrend die bewaffnete Frau somit ein Archetyp der M├Ąnnlichkeit w├Ąre?
MISS.TIC: Mann oder Frau ÔÇô wir haben absolut die gleiche Gewaltt├Ątigkeit in uns. Der Zustand der Gewalt ist keine Frage des Geschlechts. Ich habe mich f├╝r die bewaffneten Frauen interessiert, f├╝r die Iconographie der Kriegerinnen in amerikanischen Comics, und ich wollte sie in meiner Arbeit wiederaufnehmen. Aber ich bin keine Theoretikerin, ich habe keine psychoanalytischen Beweise vorzuf├╝hren, ich habe dar├╝ber nichts zu sagen, wenn es nicht gar an ihnen ist, zu zeigen, was ich mache.

┬ę Aur├ęlia Vartanian, Femme de l┬┤├¬tre en compagnie de Gainsbourg, dans l┬┤atelier de Miss.Tic


AVIVA-Berlin: Einerseits sind in Ihren Schablonenbildern Ihre Texte, Ihre Phrasen, oft fragend, erleuchtend, frech. Andererseits diese Frauenfiguren: bewaffnete Frauen, Frauen, die mit ihrem Charme spielen... Vereinzelt auch M├Ąnner, Katzen, P├Ąrchen, mittlerweile immer h├Ąufiger. Wie geht die Kombination und erneute Vereinigung zwischen Text und Bild in Ihrer Arbeit vonstatten?
MISS.TIC: Zuerst schreibe ich, dann fabriziere ich die Bilder, dann stelle ich die Schablonen nach deren Assoziationen zusammen. Am Anfang wusste ich nicht, wie ich meine Texte illustrieren sollte, ich habe Autoportr├Ąts verwendet, die mich aber sehr schnell langweilten. Also habe ich beschlossen, mich von den Bildern der Frauen in den Magazinen, Modemagazinen, inspirieren zu lassen, um meinen Diskurs zu unterstreichen. Das sind schon existierende Bilder, die ich zweckentfremde. Und dann verwende ich mich auch selbst wieder, ich setzte mich abermals in einen anderen Kontext. Die Bedeutung der Graffitis wandelt sich je nach dem welchen Text man mit welcher Figur oder Pose zusammenbringt.

AVIVA-Berlin: Ist Ihre anf├Ąngliche Entscheidung, Graffitikunst zu praktizieren, an ein starkes Verlangen gebunden, sich direkt mit dem Publikum auseinanderzusetzen, ohne zu warten und ohne den "Kampfparcours" der Galerien zu bestreiten?
MISS.TIC: Die Pariser Bewegung der Street Art hat da angefangen und ich habe die anderen K├╝nstlerInnen in den Stra├čen arbeiten sehen. Ich selbst habe Stra├čentheater gemacht. Das Verh├Ąltnis mit der ├ľffentlichkeit hat mir sehr gefallen und ich habe mich mit dieser Vorgehensweise der StreetArtists identifiziert, das Arbeiten unter freiem Himmel und f├╝r jedermann/frau.

AVIVA-Berlin: Geistern in Paris f├╝r Sie ├╝berall Ihre realisierten, verschwundenen oder verbliebenen Grafftits herum?
MISS.TIC: Einmal angebracht, verlassen meine Schablonenbilder etwas, sie haben ihr eigenes Leben. Manchmal habe ich sie vergessen, und andere wiederum sind immer noch dort, und ich bin ├╝berrascht sie wiederzusehen.

AVIVA-Berlin: Wissen Sie, wie viele Graffitis Sie realisiert haben?
MISS.TIC: Nein, ganz und gar nicht.

AVIVA-Berlin: Eine beindruckende Anzahl?
MISS.TIC: Das glaube ich doch! Ich habe bisher noch keinen Erinnerungskatalog erstellt ... das kommt irgendwann!

AVIVA-Berlin: Eine Miss.Tic auf einer abbl├Ątternden Wand, das in ein paar Monaten oder Jahren verschwindet, und ein eingerahmtes Miss.Tic, das an einer Galeriewand h├Ąngt: Welchen Wert bemessen Sie diesen beiden Formen? Werden Ihre Graffitis von den Leuten als "kostenloser Akt" wahrgenommen?
MISS.TIC: Die in den Stra├čen sind nicht beanspruchbar: somit ist keine Preisspekulation, sondern nur die Repr├Ąsentation durch die Photographie m├Âglich. Ich glaube, im Endeffekt sehen die Menschen sie als kostenlose Kunst an. Die Werke aus dem Atelier hingegen sind verk├Ąuflich, und mit der Zeit gewinnen sie an Wert. Auf der Ebene der Kreation, der Intention, bleiben sie hingegen von gleichem Wert f├╝r mich.

AVIVA-Berlin: Die Transparenz, die Lesbarkeit, ist sie f├╝r Sie ein Gebot? Wie erleben Sie den Fakt des Verstanden-Werdens in einer anderen Sprache, aber auch der potentiellen Un├╝bersetzbarkeit?
MISS.TIC: Nicht alles ist ├╝bersetzbar. Manche Dinge sind einfach f├╝r die franz├Âsische Sprache gemacht. Ich versuche nicht, mich f├╝r alle verst├Ąndlich zu machen, weder in einer anderen, noch in meiner eigenen Sprache. Es ist normal, dass die Leute nicht alles verstehen. Ich lasse den Leuten ihre Vorstellungskraft, ihre Interpretationskunst, und ihre M├Âglichkeit zu Kommentaren ... das, was sie verstehen, von dem was ich sagen wollte, vereint sich somit. Wenn der/die AutorIn sein/ihr Buch geschrieben hat, machen die Leute dann damit auch was sie wollen. Das ist die Macht der Lekt├╝re.

┬ę Aur├ęlia Vartanian, signature de l┬┤artiste, dans l┬┤atelier de Miss.Tic


AVIVA-Berlin: F├╝hlen Sie sich mit Ihren Schriften der Slamszene verbunden?
MISS.TIC: Bereits in den 70er Jahren in Saint-Germain des Pr├ęs waren die Cabartes schon in Mode, wo der Gesang von Gitarren begleitet wurde, oder man Texte las. Seit etwa zehn Jahren spricht man nun von Slam, aber f├╝r mich hat es das schon immer gegeben! Und in der Tat h├Âre ich somit auch immer das, was ich da schreibe. Mit meinem letzterschienenen kleinen B├╝chlein, in dem ich l├Ąngere Texte vorstelle, bestreite ich Lesungen auf B├╝chermessen. F├╝r mich ist das Lesen der Texte eine Praxis, die sehr viel ├Ąlter ist als der Slam, das sind wirklich die 70er Jahre.

AVIVA-Berlin: Der Begriff der Positionierung ist sehr fundamental in Ihrer Arbeit. K├Ârperpositionen, wie begehrlich, lebendig oder k├Ąmpferisch, politische Positionierung, wie apolitisch, poetisch oder k├╝nstlerisch. Finden Sie diese K├Ârperposen ausschlie├člich in den Magazinen oder beobachten Sie sie auch manchmal in Ihrer Umwelt?
MISS.TIC: Ich mache nie irgendwelche Skizzen wenn ich mit Leuten zusammen bin, ich notiere nie etwas, Sie werden mich nie sehen, wie ich einen Gedankenblitz habe und ein Heft raushole! F├╝r mich ist das Arbeitsleben und die Zeit um zu leben vollkommen getrennt voneinander. ├ťberg├Ąnge existieren, aber sie sind unbewusst. Ich mag es, Fotos zu machen, aber ich hole niemals meinen Fotoapparat raus wenn ich mit Freunden zusammen bin, oder auf Reisen. Oder eben wenn ich mich zu einer Reise entschlie├če, in der ich Fotos mache. In diesem Falle habe ich das Gef├╝hl, mich vollkommen vom Leben abzuschneiden.

AVIVA-Berlin: Was sind Ihre Tr├Ąume als K├╝nstlerin?
MISS.TIC: Ich habe meinen K├╝nstlertraum verwirklicht. Ich habe meinen Platz im Leben gefunden. Ich bin wirklich gl├╝cklich. Ich lebe von dem was ich liebe, in einem Land, in dem es noch m├Âglich ist, sich frei auszudr├╝cken. Hoffentlich bleibt das auch so.

AVIVA-Berlin: Wenn Sie zur Pr├Ąsidentin gew├Ąhlt w├╝rden...? [W├Ąhrend jeder Pr├Ąsidentschaftswahl postiert Miss.Tic in den Stra├čen von Paris ihre humoristischen Bilder mit dem Slogan "Miss.Tic Pr├Ąsidentin", Anm.d.Rd.]
MISS.TIC: Man bewahre mich davor! Das ist ein Posten, den ich f├╝r nichts in der Welt wollen w├╝rde!

AVIVA-Berlin: Gibt es, international gesehen, mythische Orte, an denen Sie sich gern ├Ąu├čern w├╝rden, wie etwa auf der Berliner Mauer?
MISS.TIC: Nein, weil jede/r das schon macht. Alle K├╝nstlerInnen haben schon die Chinesische Mauer oder die von Gaza angepinselt. Ich finde es au├čerdem ├╝berhaupt nicht ethisch vertretbar, seine Bilder dort auf der Mauer von Gaza anzukleben, nur damit man ├╝ber einen spricht. Ich verweigere es, aus der Misere anderer und dem Krieg anderer eine Quelle f├╝r meinen Kommerz zu machen. Ich verachte dieses Gutmenschentum.

AVIVA-Berlin: Ist Ihr Werk lacanisch?
MISS.TIC: Ich mag es sehr ├╝ber die Psychoanalyse zu lesen, ohne sie selbst zu praktizieren. Lacan am├╝siert mich, er ist ein Genie, er ist der Artaud des Denkens. Ich liebe es ihn zu lesen. Ansonsten sind es die Surrealisten/innen, die mich inspirierten und vor allem Henri Michaux.

┬ę Aur├ęlia Vartanian, Je ne brise pas que les coeurs, sous entendu "je brise aussi les couilles" ajoute Miss.Tic



AVIVA-Berlin: K├Ânnen Sie uns zum Abschluss spontan drei Ihrer Grafitti-Spr├╝che zitieren?
MISS.TIC: Also: Je ferai jolie sur les trottoirs de l┬┤histoire de l┬┤art. Aber ich mag auch diesen hier: Je ne brise pas que les c┼ôurs. Und der dritte w├Ąre... art du d├ęsir ardu d├ęsir!

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview und viel Gl├╝ck f├╝r Ihre Ausstellung im Institut Fran├žais in Berlin!

Miss.Tic im Netz: www.missticinparis.com

BOMB IT Miss.Tic. Ausstellung vom 30. Juni bis 18. September 2011 im Institut Fran├žais Berlin

Lesen Sie die franz├Âsische Version dieses Interviews auf AVIVA-Berlin

Interviews Beitrag vom 30.06.2011 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken