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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 21.10.2008

Interview mit Nana Neul
S. Pommerenke / M. M├╝ller

AVIVA-Berlin f├╝hrte anl├Ąsslich des Kinostarts von "Mein Freund aus Faro" am 30. Oktober 2008 mit der Regisseurin Nana Neul ein Interview, die damit ihr Spielfilmdebut pr├Ąsentiert. Darin geht es um...



...das Hinterfragen von Geschlechtergrenzen, das aber immer mit einem Augenzwinkern geschieht und dennoch die vermeintlich normierte Gesellschaft in Frage stellt.

Lesen Sie auch die Besprechung zum Film und das Interview mit der Hauptdarstellerin Anjorka Strechel auf AVIVA-Berlin.

AVIVA-Berlin: "Mein Freund aus Faro" ist Ihr Deb├╝t als Langfilm, wof├╝r Sie direkt mit dem Drehbuchpreis des Max Oph├╝ls Festival ausgezeichnet wurden. Hat Sie die Auszeichnung ├╝berrascht, oder rechneten Sie wom├Âglich damit?
Nana Neul: Ich habe mir eine Auszeichnung gew├╝nscht, gerechnet habe ich nicht damit. Aber ich war dann sehr froh, den Drehbuchpreis f├╝r ein verfilmtes Drehbuch zu erhalten, da dieser Preis wie kein anderer meine ganz pers├Ânliche Arbeit auszeichnet: Die Geschichte und deren k├╝nstlerische Umsetzung. Das Drehbuch funktioniert also nicht nur als Buch, sondern auch als Film.

AVIVA-Berlin: War es schwierig f├╝r Sie, die Rolle der Mel zu besetzen bzw. hatten Sie bereits vorher eine Schauspielerin vor Augen? Wodurch sind Sie letztendlich auf Anjorka Strechel gekommen?
Nana Neul: Ich hatte beim Schreiben der Geschichte keine Schauspielerin vor Augen. Daf├╝r aber eine sehr genaue Vorstellung, was die Darstellerin alles mitbringen muss. Da mir immer klar war, dass der Film ohne die richtige Hauptdarstellerin nicht funktioniert, fingen Susanne Ritter (Ritter-Casting) und ich schon sehr fr├╝h mit dem Casting an. Susanne war es auch, die Anjorka zu unserem allerersten Casting einlud. Obwohl mich Anjorkas Auftritt und ihre Nat├╝rlichkeit sofort sehr beeindruckten, fragte ich mich erstmal, wie wir aus dieser blond gelockten, blau├Ąugigen jungen Frau einen portugiesischen J├╝ngling machen sollten. Aber mit gef├Ąrbten Haaren und dunklen Kontaktlinsen wurde dann bald aus Mel, der Portugiese Miguel...

AVIVA-Berlin: In einem Interview mit dem WDR sagen Sie, dass eine Schauspielerin anfangs ein Problem mit ihrer Rolle hatte. Wo lag das Problem? Sie hatte doch sicherlich vorab das Drehbuch gelesen.
Nana Neul: Die Darstellerin der Jenny (Lucie Hollmann) hatte kein Problem mit ihrer Rolle, sondern Respekt vor der Herausforderung mit ihren nur 13 Jahren, die Rolle eines M├Ądchens zu spielen, das ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit einem Jungen erlebt, der sich sp├Ąter als junge Frau entpuppt. Aber Lucie ist sehr professionell und sie fand schnell einen Weg, mit dem "Problem" umzugehen: F├╝r sie war Mel immer Miguel. Jenny verliebt sich in einen Jungen, und Lucie spielte genau das.

AVIVA-Berlin: "Mein Freund aus Faro" spielt im M├╝nsterland. Wie kamen Sie ausgerechnet auf diese Landschaft?
Nana Neul: Ich wollte einen Ort, an dem man ohne Auto aufgeschmissen ist. An Greven reizte mich die zus├Ątzliche N├Ąhe zum Flughafen M├╝nster/Osnabr├╝ck. Und ich mag die langen geraden Strassen, die roten Backsteinh├Âfe. Au├čerdem ist mit die Gegend mit ihren Mais- und Kornfeldern sehr vertraut. Ich selbst stamme aus Bielefeld.

AVIVA-Berlin: Warum haben Sie sich f├╝r einen so gro├čen Altersunterschied zwischen Jenny und Melanie entschieden?
Nana Neul: F├╝r mich gibt es keinen f├╝hlbaren Altersunterschied zwischen Mel und Jenny. Von ihrem Erfahrungshorizont her sind sie gleichaltrig. Mel wie Jenny erleben ihre erste gro├če Liebe miteinander und keine von beiden verf├╝gt ├╝ber mehr Erfahrungen als die andere. Deshalb f├╝hlt sich Mel auch so sicher mit Jenny, die nichts von ihr erwartet, was Mel ihr nicht geben kann. Ihre Liebe ist zart und unschuldig wie bei "normalen" Teenagern.

AVIVA-Berlin: Der Film beginnt mit einem um 180 Grad gedrehten Flugzeug. Nehmen Sie damit den Tenor des Filmes vorweg, n├Ąmlich dass die Welt anders ist, als wir denken?
Nana Neul: F├╝r mich ist das umgekehrte Flugzeug Sinnbild des Films: Wir sehen ein Flugzeug, das auf uns zu fliegt, und irgendetwas stimmt nicht an dem Bild. Dass es auf dem Kopf steht, erkennen wir erst, als es schon ganz nah ist. Dann ├╝berfliegt es uns mit voller Wucht, l├Ąsst uns seine ganze Kraft erahnen, und dann ist es schon vorbei. Und der Film f├Ąngt an.

AVIVA-Berlin: Ihr Film wurde bereits im Januar dieses Jahres fertiggestellt, im Oktober erscheint er nun endlich in den Kinos. Diese Zeitverz├Âgerung ist ganz normal im Filmbusiness, aber wie h├Ąlt man als Regisseurin diese Monate aus, in denen man nicht wei├č, wie die Produktion beim Publikum ankommt?
Nana Neul: Da unser Film schon auf mehreren Filmfestivals lief, entwickelt man ein Gef├╝hl daf├╝r, wie der Film beim Publikum ankommt. Aber nat├╝rlich ist das Festivalpublikum ein anderes, als das Kinopublikum und ich bin jetzt sehr aufgeregt und gespannt wie der Film ankommt. Ich hoffe, die Menschen, die den Film m├Âgen, erz├Ąhlen ihren Freunden davon, und die erz├Ąhlen wieder ihren Freunden davon usw.

AVIVA-Berlin: Als Mel auf ihren neuen Arbeitskollegen Nuno trifft, ist sie vom ersten Moment an durch ihn verwirrt. Woher kommt diese spontane Gef├╝hlsverwirrung bei ihr, denn die Art der Beziehung hat nichts erotisches an sich und erschlie├čt sich der ZuschauerIn erst im Verlauf des Films.
Nana Neul: Nuno war mal eine fiktive Figur, die nur in Mels Gedankenwelt existierte. F├╝r mich ist Nuno immer noch ein Teil von Mel, der ihr am Anfang der Geschichte fehlt. Er symbolisiert ihre m├Ąnnliche, ihre abenteuerlustige Seite. Nuno weckt in Mel eine Sehnsucht nach Freiheit, nach Selbstbestimmtheit und seine Identit├Ąt bietet ihr die M├Âglichkeit, sich neu zu erfinden: f├╝r Jenny.

AVIVA-Berlin: "Mein Freund aus Faro" ist mehr als eine lesbische Coming-out-Geschichte, denn es geht um das Hinterfragen der vermeintlichen Normativit├Ąt von Geschlechtergrenzen und die aktuelle Genderdiskussion. Inwiefern haben Sie sich f├╝r den Film mit den Theorien Judith Butlers besch├Ąftigt, und was reizt Sie daran?
Nana Neul: "Geschlecht ist nicht was wir sind, sondern was wir tun", sagt Judith Butler. Diese Theorie habe ich zum Leitmotiv meines Films gemacht.
Mich besch├Ąftigt schon lange die Frage: was ist weiblich?, was ist m├Ąnnlich?, kann man auch leben, ohne sich in irgendwelche Schubladen einsortieren zu lassen? Warum wollen wir immer wissen, ob unser Gegen├╝ber eine Frau oder ein Mann ist? Warum verunsichert es uns, nicht zu wissen, welches Geschlecht jemand hat? Und wie funktioniert Liebe? Wenn ich jemanden liebe, dann w├╝nsche ich mir, dass er so ist wie ich mir das ertr├Ąume. Ist er aber anders, dann bin ich entt├Ąuscht. Jenny m├Âchte, dass Mel ein Portugiese ist. Sie w├╝nscht sich einen Jungen, der wie ein M├Ądchen ist, einen Jungen, mit dem sie reden kann, der ihr zuh├Ârt. Mel ist alles was Jenny sich w├╝nscht. Nur eben kein Junge.

AVIVA-Berlin: Viele Details des Filmes und der Figuren sind stark von einem Retrodesign durchdrungen, der das m├Ąrchenhafte oder fiktionale hervorhebt, und viele Klischees sind stark ├╝berzeichnet. Kann die Geschichte des Filmes nur so funktionieren, oder haben Sie sich damit lediglich einen k├╝nstlerischen Freiraum geschaffen?
Nana Neul: Jennys und Mels Liebe ist eine Utopie. Sie ist ein sch├Âner Traum, der irgendwann enden muss. Im ganzen Film geht es um Realit├Ąt und Fiktion. Mel erfindet f├╝r sich eine fiktive Realit├Ąt als Miguel, lebt ein Leben, das es so nicht gibt, nicht geben kann. Und Klischees geh├Âren f├╝r mich zum Leben. Denn jedes Klischee enth├Ąlt eine kleine Wahrheit. Hitchcock hat es nat├╝rlich am treffendsten formuliert: Man darf mit dem Klischee spielen, nur nicht dort enden.

Die Regisseurin Nana Neul wurde 1974 in Werther geboren und studierte an der Kunsthochschule f├╝r Medien in K├Âln im Bereich Film/Fernsehen. Sie erhielt ein Stipendium des Europ├Ąischen Filminstituts (EIKK) f├╝r das Making-Of von Dario Argentos Film "I Can`t Sleep" in Turin und arbeitet seit 2001 als freie Autorin/Regisseurin. F├╝r "Mein Freund aus Faro" erhielt sie dieses Jahr den Max Oph├╝ls Preis.

Interviews Beitrag vom 21.10.2008 AVIVA-Redaktion 





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